Reportage: Angst und Paranoia auf der Krim

Die russischen Soldaten sind wortkarg, aber vorerst – also in der ersten Woche der Invasion – korrekt.

… und die Regierung in Moskau behauptet weiterhin, es handle sich um lokale Selbstverteidigungsgruppen.

Russen und Tataren, ­Kosaken und Ukrainer, Schlägertrupps und Fallschirmjäger: Nach der Abspaltung von der Ukraine belauert auf der Halbinsel Krim jeder jeden. Berechtigte Angst und gezielt geschürte ­Paranoia gehen eine ­gefährliche Mischung ein.

Text und Fotos: Martin Staudinger

Sie haben alles zusammengetragen, was sie finden konnten, um sich zu verteidigen: also Holzprügel und ein paar Walkie-Talkies. Sonst nichts? „Unsere Fäuste“, grinst Edem, der Anführer. „Und unseren Mut.“ Hinter dem Feuerschein brennender Autoreifen verliert sich die ungepflasterte Zufahrtsstraße in der Dunkelheit: Wenn jemand kommt, dann aus dieser Richtung.

Vier Nächte halten die Tataren der Siedlung Vasiyet in Stroganovka nahe der Krim-Hauptstadt Simferopol nun schon Wache. Sie wechseln sich in Drei-Stunden-Schichten ab. In einem Verschlag wird Tee gekocht, man spielt Karten, über den Bildschirm eines tragbaren Fernsehgerätes flimmern Nachrichten. Draußen lehnen sich zwei Dutzend Männer auf ihre Knüppel.
Was die Menschen hier fürchten? „Provokationen“, sagt Edem, der als Vorsitzender des örtlichen Medschlis – einer Art Gemeinderat – von Vasiyet auch die Selbstverteidigungsgruppe kommandiert. Einen Versuch habe es bereits gegeben: Neun Autos mit Bewaffneten seien am Eingang zur Siedlung aufgetaucht, hätten angesichts der Übermacht aber wieder kehrtgemacht.

Wenn das Feuer zusammensinkt, wirft jemand einen Pneu in die Flammen. Dann stieben Funken in den Nachthimmel.

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Woche eins nach der Besetzung der Krim durch russische Truppen. Während in den Regierungszentralen der Großmächte und den Konferenzsälen der internationalen Organisationen hektische Beratungen laufen, um die „größte Krise im Europa des 21. Jahrhunderts“ (der britische Außenminister William Hague) in den Griff zu bekommen, herrscht im geografischen Epizentrum dieser Krise eine Mischung aus begründeter Angst und gezielt geschürter Paranoia.

Jeder belauert jeden, und alle fürchten sich: die russische Bevölkerungsmehrheit vor ukrainischen Rechtsextremisten, die gerüchteweise auf die Krim unterwegs sind, um hier zu kämpfen; die Minderheiten der Ukrainer und Tataren wiederum vor gewaltbereiten Russen.

Nur: Während auf der Halbinsel bislang noch kein einziger bewaffneter Nationalist aus der Ukraine gesichtet wurde, wimmelt es hier geradezu von radikalen Unterstützern der russischen Sache.

Da sind zunächst die sogenannten Titushki: Schlägerbanden von Kampfsportlern, Kleinkriminellen, Arbeitslosen und Alkoholikern, in der lokalen Bevölkerung rekrutiert oder als „Touristen“ aus Russland eingereist. Sie stehen gegen einen kolportierten Tageslohn von 200 Hrywnja (umgerechnet 15 Euro) als bezahlter Mob parat, der für die Drecksarbeit vorgeschickt werden kann – zum Beispiel um, wie vergangenen Mittwoch, den UN-Sondergesandten Robert Serry gewaltsam daran zu hindern, sich ein Bild von der Lage zu machen.

Dann gibt es russische Selbstverteidigungsmilizen, von denen unklar ist, unter welchem Kommando sie stehen: Sie patrouillieren in Räuberzivil auf den Straßen und führen Kontrollen durch. Aus dem russischen Kuban – der heutigen Region Krasnodar, die von der Krim durch eine kaum fünf Kilometer breite Meerenge getrennt ist – sind Kosaken angerückt: Nationalisten, die mit dem Gehabe unduldsamer Rossknechte ungefragt als Ordnungshüter auftreten. Dass sogar Mitglieder der russischen Biker-Gang „Nachtwölfe“, deren Anführer als persönlicher Freund von Wladimir Putin gilt, mitmischen, darf bei all dem als bizarres Detail am Rande gelten.
Vergleichsweise vertrauenerweckend wirken in diesem unguten Gewusel ironischerweise die „grünen Männchen“: So nennen manche Bürger von Simferopol nach dem ersten Schrecken jene militärisch ausgerüsteten Uniformierten ohne Abzeichen, die am vorvergangenen Samstag auf der Krim aufgetaucht sind. Nur noch Wladimir Putin hat die Dreistigkeit, zu behaupten, dass es keine russischen Fallschirmjäger seien. Sie blockieren seit Tagen die Kasernen und Kommandozentralen der ukrainischen Streitkräfte auf der Krim und die wenigen Straßenverbindungen auf das Festland – höflich, aber bestimmt, wortkarg und mit vermummten Gesichtern.

Noch haben sie keinen gezielten Schuss abgegeben. Aber es besteht kein Zweifel daran, dass sie das ohne Zögern tun werden, wenn der Befehl dazu kommen sollte.
Es wäre unrichtig, die Krim als großes Pulverfass zu bezeichnen: Näher kommt der Sache schon das Bild von mehreren Pulverfässern, die nach Belieben zur Explosion gebracht werden können. Und wer die Zündschnüre in der Hand hat, ist relativ klar.

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„Wo wir sind, ist Russland“, steht auf dem Schild, das neben dem Bild einer Ikone und der Fahne der russischen Schwarzmeerflotte die linke Fahrbahn blockiert. Eine Selbstverteidigungsgruppe hat an der Grenze des Distrikts Sewastopol eine Straßensperre errichtet und kontrolliert den Verkehr aus Richtung Simferopol. In der Wiese haben Kuban-Kosaken ihr Lager aufgeschlagen. Sie bewachen die südliche Einfahrt des Checkpoints: Ein kleiner, dürrer Mann mit kleinem, dürrem Schnurrbart trägt schwarze Nationaltracht, andere sind in Tarnuniform.

Die Selbstverteidiger suchen nach Waffen. Und sie warten auf eine Invasion. Drei Eisenbahnzüge mit radikalen Nationalisten aus der Westukraine sollen auf dem Weg nach Sewastopol sein, heißt es. Deshalb müssen die Insassen aller Fahrzeuge mit Nummerntafeln von außerhalb der Krim aussteigen und den Kofferraum öffnen.
Am Bankett parkt ein Einsatzwagen der ukrainischen Polizei. Zwei Beamte lehnen an der Kühlerhaube, lachen und beobachten das Treiben, als gehe sie das alles nichts an.
Es ist Mittwoch, fünf Tage nach Beginn der russischen Militärintervention – und Sewastopol hat längst politische Tatsachen geschaffen. Präsident Viktor Janu-kowitsch war kaum drei Tage gestürzt, als die Stadt bereits ein neues Oberhaupt bekam: zum ersten Mal seit über 20 Jahren per Volksentscheid, denn ab 1992 wurde der Posten immer per Dekret aus dem 1000 Kilometer entfernten Kiew besetzt.
„Ein russischer Bürgermeister für das russische Sewastopol“: Das war es, was die 300.000 Einwohner wollten und am 26. März per Akklamation einer Menschenmenge vor dem Rathaus erzwangen. Jetzt regiert dort ein Unternehmer mit russischer Staatsbürgerschaft, der gleich zwei wegweisende Amtshandlungen setzte: Er verweigerte die Anordnung des Innenministeriums, die Polizei-Sondereinheit „Berkut“ aufzulösen, und heuerte ihre in Sewastopol befindlichen Angehörigen stattdessen als Miliz an. Und er verfügte, dass Vertreter der ukrainischen Übergangsregierung die Stadt nicht ohne Genehmigung betreten dürfen.

Sewastopol ist der am stärksten nach Moskau orientierte Teil der Halbinsel. Hier beträgt der russische Bevölkerungsanteil rund 75 Prozent (15 Prozentpunkte mehr als insgesamt auf der Krim). Der Grund dafür liegt in der Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg: Der Heimathafen der russischen Schwarzmeerflotte, als stärkste Festung der Welt gerühmt, wurde 1942 nach schweren Kämpfen von Nazi-Deutschland erobert, zwei Jahre später von der Roten Armee befreit und danach zur „geschlossenen Stadt“ erklärt.

Bis zur Unabhängigkeit der Ukraine im Jahr 1991 brauchten selbst Krim-Bewohner einen Passierschein, um sie zu betreten. Wer hier ständig leben und arbeiten wollte, musste sich als unbedingt verlässlicher Sowjetbürger erwiesen haben. Auch daher kommt die große Zahl von russisch-stämmigen Bewohnern.

Selbst nach dem Ende der Sowjetunion genoss Sewastopol in mehrfacher Hinsicht einen Sonderstatus: Im Gegensatz zum Rest der Krim ein eigener Distrikt, war es verwaltungstechnisch und politisch direkt der ukrainischen Regierung in Kiew unterstellt. Als einer der wichtigsten Stützpunkte der russischen Kriegsmarine stand Sewastopol gleichzeitig immer stark unter dem Einfluss des Kreml.
2017 hätte die Ukraine die Möglichkeit gehabt, den Pachtvertrag mit der Schwarzmeerflotte auslaufen zu lassen. Stattdessen handelte der inzwischen gestürzte Präsident Viktor Janukowitsch mit Russland gegen billige Erdgaslieferungen eine Verlängerung bis 2042 aus – nicht nur zur Erleichterung der Regierung in Moskau, sondern auch der Bewohner von Sewastopol, die andernfalls ihren größten Arbeitgeber und tausende zivile Jobs verloren hätten.
Das erklärt auch, warum es die meisten Bürger der Stadt nicht nur hinzunehmen, sondern sogar zu begrüßen scheinen, dass die russische Kriegsmarine nun den Hafen Streletskaya blockiert, in dem ein Teil der ukrainischen Flotte vor Anker liegt. Auf den Promenaden flanieren Schaulustige und fotografieren die grauen Silhouetten der waffenstarrenden Schiffe vor der Bucht.

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Ein halbes Dutzend Soldatenfrauen mit dottergelben Märzenbechern in der einen und Mobiltelefonen in der anderen Hand: Mit den Blumen winken sie zu den Fenstern eines Gebäudes auf der anderen Straßenseite hinauf, während sie mit ihren Männern telefonieren, die an den Fenstern des ukrainischen Marine-Hauptquartiers in Sewastopol stehen und das Gelände nicht verlassen können.
Vor den Toren des Kasernengeländes hat sich die übliche Menschenmenge angesammelt: direkt am Gitter die Fallschirmjäger mit den vermummten Gesichtern und den grünen Uniformen; vor ihnen Demonstranten mit den Fahnen von Russland und der Schwarzmeerflotte – gut gekleidete Mittelstandsbürger, unter ihnen Hausfrauen und Großmütter, manche mit dem schwarz-orange-gestreiften Sankt-Georgs-Band am Arm, das den Heldenmut der Sowjetarmee symbolisiert. Und ein paar Titushki, die zu überlegen scheinen, ob sie sich mit dem Haufen von Kameraleuten und Fotografen anlegen sollen.
Die Unterstützer der gefangengesetzten Soldaten sind eindeutig in der Minderheit, werden aber in Ruhe gelassen. Einige der Frauen erzählen, dass sie ihren Männern mittlerweile kein Essen mehr durch den Zaun reichen dürfen. Auch die Heizung des Marinehauptquartiers sei abgedreht worden. Dann telefonieren sie wieder und winken mit ihren Märzenbechern.
Irgendwann kommt eine weitere Frau, einen blassen Buben auf dem Arm. Sie überquert die Fahrbahn, geht auf die Menge der Russlandtreuen zu und spricht sie an: Ihr Mann sei da drinnen, ein kleiner Sohn brauche seinen Vater, weint sie. „Provokateurin“, zischt ihr ein Mann ins Gesicht: „Mit einem Kind hierherzukommen – schäm’ dich, verschwinde!“
Ein paar Straßen weiter herrscht der Normalbetrieb einer osteuropäischen Stadt mittlerer Größe. Menschen gehen zur Arbeit, die O-Busse verkehren planmäßig, Mütter führen ihre in zucker­wattefarbene Winteranoraks gehüllten ­Kleinkinder spazieren. Vor einer McDonald’s-Filiale sitzen Gäste mit Cheeseburger-Menüs in der Sonne, ein Akkordeonspieler stimmt ausgerechnet das Lied „Lili Marleen“ an: „Vor der Kaserne, vor dem großen Tor.“ Vis-à-vis lockt ein Apple-Fachgeschäft mit dem iPhone 5c, nicht weit davon eine Filiale der russischen Sber-Bank mit günstigen Krediten.
Wetter: 20 Grad, heiter. An der Straße, die sich durch die Hügel an der Küste nach Simferopol windet, haben die Marillenbäume zu blühen begonnen.

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Seit sich Refat Dschubarow nicht mehr nach Hause traut, führt er seine Amtsgeschäfte vom Bettrand aus. Der Präsident des Parlaments der Krim-Tataren sitzt in einem winzigen Hotelzimmer und zündet sich eine Marlboro nach der anderen an: volle Aschenbecher, halbleere Zigarettenpackungen und leere Kaffeetassen auf Nachtkästchen und Beistelltischen. Laptop, Drucker und iPad, Teller mit Süßigkeiten und Teekannen dazwischen. Drei Handys, mit denen er abwechselnd telefoniert. Auf dem Fußboden Einwegschlapfen, immer noch in ihrer Plastikhülle.
Dschubarow ist alles andere als ein Feigling. Aber seit Beginn der Militärintervention fühlt er sich in seiner Wohnsiedlung, in der vor allem Russen leben, einfach nicht mehr sicher – und er hat keine Selbstverteidigungsgruppe um sich wie die Tataren in der Siedlung Vasiyet. Wer die jüngere Geschichte der muslimischen Krim-Tataren kennt, kann das verstehen: Russland hat ihnen nämlich mehrfach übel mitgespielt.
In den 1930er-Jahren fielen rund 150.000 der damals 300.000 Menschen zählenden Ethnie dem stalinistischen Terror zum Opfer. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden alle, die noch übrig waren, wegen angeblicher, teilweise aber auch tatsächlicher Kollaboration mit den Nazis in Viehwaggons nach Zentralasien deportiert: eine Tortur, die Zehntausende nicht überlebten.
Erst ab 1988 durften die Tataren in ihre Heimat zurückkehren. Inzwischen war die Krim (noch unter Parteichef Nikita Chruschtschow) zwar an die Ukrainische Sowjetrepublik übertragen, nach und nach aber auch von Russen, Ukrainern und Weißrussen besiedelt worden. Heute liegt der Anteil der Tataren an der Krim-Bevölkerung bei lediglich zwölf Prozent.
Ein Leben unter russischer Herrschaft? Das ist das Letzte, was sie wollen. Aber genau das ist es, was ihnen nun droht.

„Putin ist wie ein Hund, der ein Stück Fleisch geschnappt hat und es nicht mehr loslassen will“, schnaubt Dschubarow, der sich gerade die erste Pressekonferenz des russischen Präsidenten seit Beginn der Militäroperation angesehen hat: „Es geht nicht darum, dass wir gegen Russland sind oder für die Ukraine – sondern darum, dass es nicht hinzunehmen ist, wie internationale Gesetze gebrochen werden. Wir müssen in erster Linie an die ukrainisch-tatarische Gemeinde denken. Wenn sich nun wieder die Grenzen verschieben, drohen ihr drastisch verschlechterte Bedingungen.“
Es droht aber noch viel mehr. Die kleine Bevölkerungsgruppe, deren Angehörige in der Regel einen gemäßigten Islam praktizieren, könnte leicht zum Spielball von Provokateuren werden. Im vergangenen Juni hatten Krim-Tataren, die der radikal-islamischen Bewegung Hizb-ut Tahrir angehören, in Simferopol für einen Gottesstaat demonstriert. Dschubarow und andere Politiker distanzierten sich vehement davon – und zwar glaubwürdig, wenn man weiß, dass Hizb-ut Tahrir Demokratie als Gotteslästerung betrachtet und das Tataren-Parlament daher nicht anerkennt.

Dennoch: Wenn Russland eine islamistische Terrorgefahr heraufbeschwören will, um verschärfte Sicherheitsmaßnahmen auf der Krim zu rechtfertigen, lassen sich die Tataren leicht als Sündenböcke missbrauchen.
Bei Dschubarow im Hotelzimmer klingeln zwei Handys gleichzeitig. Ein guter Moment, sich eine neue Marlboro anzuzünden. Ja, es gebe auch Gruppierungen, die eine andere Auffassung vom Glauben hätten, sagt er dann. Aber Extremisten? „Ich bitte Sie! Die wahren Extremisten stehen da draußen herum, mit Waffen im Anschlag, und haben das Parlament, das Regierungsgebäude übernommen und die Flughäfen blockiert.“

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Ja, da stehen sie immer noch: Die „grünen Männchen“ mit den Sturmhauben, die Titushki mit ihren fiesen Mienen, die Kosaken mit den Fellmützen, die russischen Selbstverteidiger in Räuberzivil.
Inzwischen hat sich die politische Vertretung der Krim mit 78 von 81 Stimmen für einen Anschluss an Russland ausgesprochen und ein Referendum für kommenden Sonntag anberaumt. Eine Menschenmenge vor dem Parlamentsgebäude quittierte diese Entscheidung mit Begeisterung. Die in ihren Kasernen gefangenen ukrainischen Truppen wurden zu „Besatzern“ erklärt und vor die Wahl gestellt, der russischen Armee beizutreten oder ihre Waffen niederzulegen und die Halbinsel zu verlassen. Das Fernsehzentrum der Krim hat die Übertragung ukrainischer TV-Kanäle unterbrochen und strahlt stattdessen den russischen Sender Rossiya 24 aus.

Es läuft alles nach Plan für die Russen.

Nur auf die gewaltbereiten ukrainischen Nationalisten, die angeblich im Anmarsch sind, warten immer noch alle vergeblich.