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faktiv
07/08/2022

Nein, ÖVP! Niederösterreich hat nicht den geringsten Bodenverbrauch

Niederösterreichs Volkspartei behauptet, dass ihr Bundesland den geringsten Flächenverbrauch in ganz Österreich habe. Das kann man auch anders sehen.

von David Ulrich

Niederösterreich: Der niedrigste Bodenverbrauch in Österreich."

 

Plakat Volkspartei Niederösterreich

Kürzlich im Postkasten: Ein großformatiges Jubelposter der Volkspartei Niederösterreich. Auf dem Plakat erklärte die Partei ihr Bundesland anhand verschiedener Kennzahlen und Kategorien (erneuerbare Energien, Kaufkraft, Landeshauptfrau) zum bundesweiten Musterschüler. Unter anderem wird behauptet, Niederösterreich habe den geringsten Bodenverbrauch in ganz Österreich. Kann das wahr sein? Auf profil-Anfrage erklärte Thomas Brunner, Pressesprecher der VPNÖ, dass man sich auf die offiziellen Zahlen des Umweltbundesamtes stütze. Außerdem gab er zu, dass Niederösterreich sich den ersten Platz eigentlich mit dem Burgenland teile.

Tatsächlich schlüsselt das Umweltbundesamt seine Daten über Bevölkerungszahl, Landesfläche und Versiegelungsgrad nach Bundesländern auf. Ein Blick auf die Zahlen zeigt allerdings, dass die VPNÖ sich in ihrer Aussendung nicht auf die eigentlich relevante Kennzahl der versiegelten Fläche pro Einwohner stützt, weshalb Fachleute die Rechnung fragwürdig finden.

Die VPNÖ bezieht sich vielmehr auf den sogenannten Dauersiedlungsraum (DSR). Darunter fallen landwirtschaftlich genutzte Flächen, Bau- und Verkehrsflächen, Gärten und Weingärten. Nicht zum Dauersiedlungsraum zählen dagegen Grünland, Gewässer, Wälder oder Ödland. Die VPNÖ argumentiert nun, dass der Anteil der versiegelten Fläche am insgesamt zur Verfügung stehenden Dauersiedlungsraum in Niederösterreich (und dem Burgenland) mit 6,1 Prozent österreichweit am geringsten ist. Zum Vergleich: In Wien sind fast 35 Prozent des verfügbaren Dauersiedlungsraums versiegelt.

Der Vergleich hinkt

Der Vergleich ist allerdings nicht ganz fair. Wien verfügt im Vergleich zu Niederösterreich nun einmal über deutlich weniger Äcker und freies Bauland. Aber auch Vorarlberg und Tirol schneiden mit rund 12 beziehungsweise 11 Prozent versiegeltem Dauersiedlungsraum vergleichsweise schlecht ab. Walter Seher vom Institut für Raumplanung an der BOKU erklärt das scheinbare Paradox: „Dauersiedlungsraum ist ein Indikator, der außeralpine Bundesländer begünstigt.“ Tirols Wälder und Almen zählen schlicht nicht zum Dauersiedlungsraum, Niederösterreichs Äcker dagegen schon – wodurch der Anteil der versiegelten Fläche automatisch kleiner wird.

Entscheidend ist die versiegelte Fläche pro Kopf

Tatsächlich ist der von der VPNÖ ausgewählte Messwert für Raumplaner Seher nicht wirklich aussagekräftig: „Da hat man sich ganz klar den Wert herausgesucht, der für Niederösterreich am besten aussieht. Der Flächenverbrauch pro Kopf ist der aussagekräftigere Wert.“ In dieser Kategorie weisen die Daten des Umweltbundesamtes das Burgenland als österreichischen Versiegelungsmeister aus: Hier kommen 510 m2 versiegelte Fläche auf jeden Einwohner. Niederösterreich belegt mit 409 m2 pro Einwohner den zweitschlechtesten Platz, die Wiener sind mit 58 m2 pro Person die wahren Bodenverbrauchs-Sparmeister. Das ist auch logisch: Schließlich leben hier viele Menschen auf engem Raum, das Einfamilienhaus hat Seltenheitswert. Beim insgesamten Versiegelungsgrad schneidet Niederösterreich mit 41 Prozent durchschnittlich ab und auch in absoluten Zahlen hat das flächengrößte Land naheliegenderweise den höchsten Bodenverbrauch.

Größter Flächenfraß in entlegenen Regionen

Die Österreichische Raumordnungskonferenz (ÖROK) liefert in einem Bericht einen Erklärungsansatz, warum in Niederösterreich und dem Burgenland mitunter sehr verschwenderisch mit Flächen umgegangen wird: „Im Österreichvergleich der Bezirke zeigt sich, dass dort, wo Grund und Boden für Siedlungsentwicklung knapp ist, und die Bevölkerung zunimmt, weniger Bauland pro Kopf gewidmet wird: Dies sind einerseits die städtischen Bezirke (Wien, Graz, Klagenfurt, Villach, Linz, Wels etc.) und andererseits die alpinen Tal-Regionen in Salzburg, Tirol und Vorarlberg. Die Fläche des gewidmeten Baulandes liegt hier bei maximal 400 m² pro EinwohnerIn. In Regionen, wo der Siedlungsdruck geringer ist und wo mehr Flächen zur Verfügung stehen, sind diese Werte deutlich höher – zwischen 400 und 600 m² je EinwohnerIn. Die höchsten gewidmeten Baulandflächen pro Kopf liegen in den peripher gelegenen Bezirken im Norden Niederösterreichs, im Mittel- und Südburgenland, der Südoststeiermark und in Südkärnten – also in Bezirken, in denen die Bevölkerung rückläufig ist.“ Aus Sicht der Raumplaner verfolgen die Gemeinden in der Peripherie die „offensichtliche Intention, durch großzügige Baulandwidmungen die Bevölkerung zu halten“. Das führe allerdings nicht zum gewünschten Erfolg, denn die Abwanderung setze sich trotzdem fort.

Die vielen zerstreuten Einfamilienhaus-Siedlungen – Stichwort Zersiedelung – sorgen für zusätzlichen Flächenfraß: Sie bedingen asphaltierte Straßen in entlegene Gegenden. Wenig verwunderlich also, dass bei den versiegelten Verkehrsflächen pro Kopf ebenfalls das Burgenland (Platz 1) und Niederösterreich (Platz 2) das Bundesländer-Ranking anführen.

Leben in der Stadt klimaschonender

Deshalb erklärt der aus Amstetten (NÖ) stammende austro-amerikanische Klimaökonom Gernot Wagner das urbane Leben auch zum klimaeffizientesten: In seinem Buch „Stadt, Land, Klima“ rechnet er detailliert vor, dass Wohnen in der Stadt das meiste CO2-Einsparpotenzial bietet. Das erklärt sich nicht nur durch weniger Autos und kleinere Wohnflächen, sondern auch durch eine effizientere Nutzung von Energie und Platz.

Bodenverbrauch reduziert sich nur langsam

Der jährliche Bodenverbrauch dürfte sich laut Umweltbundesamt in Zukunft zwar langsam reduzieren, allerdings lag er im Jahr 2020 immer noch bei rund 42 km2, was in etwa der Größe von Eisenstadt entspricht. Außerdem wurden im Schnitt über 40 Prozent der neu verwendeten Fläche versiegelt. Und obwohl eine Renaturierung von verbrauchter Fläche prinzipiell möglich ist, kann das recht kostspielig werden. Somit gehen große Teile produktiven Bodens, der Wasser speichern und verdunsten lassen, Schadstoffe filtern und Kohlenstoff binden kann, vermutlich für eine lange Zeit verloren.

Fazit

Mit der Aussage, dass Niederösterreich den geringsten Flächenverbrauch Österreichs hat, macht es sich die Volkspartei zu einfach. Tatsächlich liegt das Bundesland beim eigentlich relevanten Wert, der versiegelten Fläche pro Kopf, sogar auf dem zweitschlechtesten Platz. Die Behauptung ist damit falsch.