Margarete Schramböck, ÖVP-Wirtschaftsministerin

Margarete Schramböck, ÖVP-Wirtschaftsministerin

© APA/HANS PUNZ

Faktencheck
10/01/2021

Ministerin Schramböck behauptet, nur Wien habe zu wenige Lehrstellen. Stimmt das?

Wien sei das einzige Bundesland, in dem es mehr Bewerber als offene Lehrstellen gebe, sagt Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck. Ein profil-Faktencheck.

von Katharina Zwins

Wir haben überall mehr offene Lehrstellen als Lehrstellensuchende, nur in Wien nicht.“ 

Margarete Schramböck, Wirtschaftsministerin, ÖVP
Margarete Schramböck, ÖVP-Wirtschaftsministerin, und ihr Kollege, Arbeitsminister Martin Kocher, sind sich einig: Wien ist das Sorgenkind in puncto Lehre. Denn in der Bundeshauptstadt gibt es zu viele junge Menschen, die eine Lehrstelle suchen, und zu wenig offene Stellen. Ganz anders sei das im Rest Österreichs, meint Schramböck: In den übrigen acht Bundesländern herrsche ein Lehrstellenüberschuss. Ein Blick auf die Zahlen des Arbeitsmarktservice (AMS) verrät anderes. 

In einem Interview in der Tageszeitung „Der Standard“ erklärte die Wirtschaftsministerin, dass das Arbeitsmarkt-Projekt b.mobile“ junge Menschen unterstütze, von Wien in andere Bundesländer zu gehen, um eine Ausbildung zu absolvieren. Denn: „Wir haben überall mehr offene Lehrstellen als Lehrstellensuchende, nur in Wien nicht.“ Zuvor meinte auch Arbeitsminister Kocher, dass die Lehrlingssituation regional höchst unterschiedlich sei. Während es in Wien deutlich mehr Bewerberinnen und Bewerber als offene Stellen gebe, herrsche insbesondere in Oberösterreich und Salzburg ein Mangel an Interessierten. Das Projekt „b.mobile“ zur überregionalen Lehrstellenvermittlung der Wirtschaftskammer und der Arbeiterkammer, dotiert mit insgesamt zehn Millionen Euro, soll Abhilfe schaffen. 

Was sagen die Zahlen? 

Ein Blick auf das Online-Datenabfragesystem „BALI“ des Arbeitsministeriums, das Daten des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger und des AMS enthält, zeigt folgendes: In Wien gibt es im Durchschnitt tatsächlich viel mehr Bewerberinnen und Bewerber als offene Lehrstellen. Dass die Hauptstadt damit aber alleine auf weiter Flur ist, wie Schramböck behauptet, geht aus den Zahlen nicht hervor. Im Juli gab es in Wien für 3.566 Lehrstellensuchende nur 515 offene Stellen, also etwa 3.000 Ausbildungsplätze zu wenig. Ein Lehrstellenmangel herrschte aber, anders als Schramböck meint, auch im Burgenland, in der Steiermark und in Niederösterreich. In letzterem haben im Juli zum Beispiel 1.362 Personen eine Lehrstelle gesucht, allerdings gab es nur 1.115 Plätze.

Arbeitsmarktexpertin Ulrike Huemer vom WIFO erklärt: „Die Lücke in Wien ist sicher am größten, doch die Aussage ist nicht ganz korrekt.“ Auch in den Jahren 2019 und 2020 war Wien nicht alleine mit seinem Lehrstellenmangel. Aber selbst ohne rechnerische Lehrstellenlücke, wie etwa in Oberösterreich oder Salzburg, kann es ein Ungleichgewicht zwischen den Berufswünschen von Jugendlichen und den verfügbaren Lehrstellenangeboten geben, betont Expertin Huemer: „Was nützt es, wenn zahlreiche Lehrstellen im Tourismus verfügbar sind, die lehrstellensuchenden Menschen aber eigentlich lieber Bürokauffrau oder -mann werden wollen?“

Warum Wien? 

Dass Wien nun besonders schlecht abschneidet, liege etwa in der unterschiedlichen Branchenstruktur, analysiert Huemer: „Im Gewerbe und im Handwerk werden sehr viele Lehrlinge ausgebildet. Aber diese Sparten sind in Wien unterrepräsentiert.“ Außerdem spiele die Demographie natürlich eine große Rolle, heißt es vom AMS auf profil-Anfrage. Und: „In Wien als größte Stadt des Landes gibt es auch durch die kaum vorhandene Industrie besonders viele Lehrstellensuchende.“

Fazit 

Fest steht, dass in Wien mit Abstand die größte Differenz zwischen verfügbaren Lehrstellen und Bewerberinnen und Bewerbern liegt. Da es jedoch auch in anderen Bundesländern zu wenige Lehrstellen gibt, ist die Aussage von Ministerin Schramböck größtenteils falsch. 

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