Faktencheck: SPÖ-Konflikt-Spezial

Warum Bablers Rechnung zur 32-Stunden-Woche nicht aufgeht

Weniger arbeiten und trotzdem gleich viel verdienen - diese Forderung von SPÖ-Vorsitzkandidat Babler klingt zu schön, um wahr zu sein? Ist sie auch: Ökonomen fanden in der Berechnung des Parteilinken mehrere Schwachstellen.

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Wenn die Regierung das Geld in die Hand nehmen würde, das sie für die Senkung der Konzernsteuern ausgibt, könnte man kürzere Arbeitszeiten für 600.000 Menschen staatlich fördern und so 150.000 neue Arbeitsplätze schaffen.

Andreas Babler

SPÖ-Bürgermeister Traiskirchen, Wahlprogramm, S. 14

Irreführend

Der Wunsch, weniger zu arbeiten, ist mehr als populistische Utopie. Eine aktuelle Umfrage von Unique Research für profil zeigt: 49 Prozent der Befragten sprechen sich für eine 32-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich aus; unter den SPÖ-Wählern ist die Zustimmung noch deutlicher. Doch wie soll das funktionieren – in einer Zeit, in der Arbeitskräfte händeringend gesucht werden? Laut Andreas Babler ist die Rechnung simpel: „Wenn die Regierung das Geld in die Hand nehmen würde, das sie für die Senkung der Konzernsteuern ausgibt, könnte man kürzere Arbeitszeiten für 600.000 Menschen staatlich fördern und so 150.000 neue Arbeitsplätze schaffen.“ Fachleute widersprechen. Warum die „Milchbubenrechnung“, wie es hinter vorgehaltener Hand heißt, nicht aufgeht.

Unbestritten: Arbeitszeitverkürzung birgt Chancen, kann die Work-Life-Balance verbessern, neue Jobs schaffen. Auf profil-Anfrage verweist das Team Babler auf eine Untersuchung der Arbeiterkammer Wien. Deren Modell geht davon aus, dass 200.000 Beschäftigte ihre Arbeitszeit von 40 auf 32 Wochenstunden reduzieren und so 50.000 Arbeitsplätze geschaffen werden. Kostenpunkt: 285 Millionen Euro. Die notwendige Summe für Bablers Plan liegt tatsächlich – wie behauptet – ungefähr in der Größenordnung, die durch die Senkung der Körperschaftssteuer anfällt: Letztes Jahr beschloss die türkis-grüne Regierung, den Steuersatz für Unternehmen von 25 Prozent ab heuer auf 24 und ab 2024 auf 23 Prozent zu senken.

In ihre Schätzung kalkuliert die AK Wien niedrigere Ausgaben für Arbeitslosengeld ein. Das bedeutet, die durch die Arbeitszeitverkürzung neu angestellten Personen müssen jedenfalls zuvor arbeitslos gewesen sein. Und da liege der entscheidende Rechenfehler, wie Ulrike Huemer, Ökonomin am Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO), erklärt: Es brauche einen Betrieb, in dem vier Personen mit gleichartiger Tätigkeit ihre Arbeitszeit reduzieren wollen. „Die neue, fünfte Person müsste gleich qualifiziert, in derselben Region ansässig und noch dazu arbeitslos sein.“ Ein „sehr großer Match“, dessen Existenz vor allem in der von Babler angeführten Größenordnung „fraglich“ sei, so die Expertin.

Die Idee von SPÖ-Kandidat Babler ist jedenfalls nicht neu: Das Arbeitsmarktservice (AMS) fördert seit über zehn Jahren Arbeitszeitreduzierung in Betrieben mittels Solidaritätsprämienmodell. Aufgrund der zahlreichen Bedingungen komme das Konzept allerdings nur bei wenigen 100 Menschen pro Jahr zur Anwendung, heißt es vom AMS gegenüber profil.

Laut WIFO-Ökonom Benjamin Bittschi basiert die Rechnung von Babler auf einem weiteren Trugschluss: „Das ist eher ein Programm zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit und nicht zur Verkürzung von Arbeitszeit.“ Der Grund: Die zugrundeliegenden Annahmen der AK Wien stammen aus der Hochphase der Corona-Pandemie 2020, sind somit fast drei Jahre alt. Seitdem ist die Arbeitslosigkeit zurückgegangen, der Arbeitskräftemangel ist aktuell in keinem EU-Land größer als in Österreich.

Was Babler schließlich nicht anführt, die AK Wien jedoch explizit kennzeichnet: „Die Förderung kann einmalig für zwei Jahre beantragt werden.“ Also keine längerfristige Lösung? Insgesamt scheint das Konzept laut Fachleuten somit zu kurz gedacht und ist als irreführend einzustufen.

faktiv-Spezial

Dieser Text ist Teil einer Faktencheck-Serie zum Rennen um den SPÖ-Vorsitz. Dabei unterzieht die faktiv-Redaktion zentrale Positionen und Ideen der drei Bewerber einer genauen Prüfung.

Katharina Zwins

Katharina Zwins

war Redakteurin bei profil und Mitbegründerin des Faktenchecks faktiv.