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Faktencheck
05/02/2022

Wie Impfgegner den Tod eines Gemeindearztes instrumentalisieren

Das Medium „Report24“ bringt den Tod eines Gemeindearztes mit der Covid-Impfung in Verbindung – ohne Beleg. Der Sohn des verstorbenen Oberösterreichers sieht dessen Persönlichkeitsrechte verletzt und klagt die Onlineplattform.

von Jakob Winter, Katharina Zwins

Gemeindearzt aus Oberösterreich nach dritter Impfung 'unerwartet' verstorben.“

Report24

Die 'plötzlichen und unerwarteten' Todesfälle nehmen seit Beginn der Impfkampagnen merklich zu.“

Report24

Richard Binder fühlt sich wie jemand, der am Boden liegt und auf den noch heftig eingetreten wird: „So etwas wünsche ich nicht einmal meinem schlimmsten Feind“, sagt der Oberösterreicher, der in Wien lebt. Vor einem halben Jahr sackte Binders Vater, der Gemeindearzt von St. Pantaleon im Bezirk Braunau am Inn (OÖ), in seiner Ordination zusammen und starb. Doch der unerwartete Todesfall allein erklärt Binders Verzweiflung nicht. Grund dafür ist ein Artikel des verschwörungstheoretischen Onlinemediums „Report24“, der unmittelbar nach dem Tod des Mediziners im November publiziert wurde: „Gemeindearzt aus Oberösterreich nach dritter Impfung 'unerwartet' verstorben“ lautet der Titel. Darunter wird der Partezettel samt vollem Namen des Verstorbenen gezeigt. Die Traueranzeige hat „Report24“ einfach von der Internetseite des Bestattungsunternehmens kopiert. Der Artikel, der neben unbelegten Behauptungen auch Verschwörungserzählungen anreißt, suggeriert einen kausalen Zusammenhang zwischen der Covid-Impfung und dem Tod des 64-jährigen Arztes, der in der 4000 Einwohnergemeinde 37 Jahre lang knapp 2000 Patienten betreute, sich im Ort engagierte und sogar an seinem freien Tag Menschen gegen das Coronavirus impfte.

„Report24“ ist in der Vergangenheit mit irreführenden, verschwörungstheoretischen und schlicht falschen Artikeln aufgefallen. Das Tatsachensubstrat ist auch beim Artikel über den Gemeindearzt dünn – und könnte dem Onlinemedium nun auch Probleme bereiten.
Richard Binder will sich wehren. „Niemand anderer soll so etwas mehr durchmachen müssen“, begründet Binder, warum er den Artikel klagt. Er sieht die Persönlichkeitsrechte seines Vaters durch den Artikel verletzt, weil darin über die Todesursache spekuliert wird. Nur wenige Stunden, nachdem er die Parte seines Vaters für das Bestattungsinstitut freigegeben hatte, klingelte bereits sein Telefon, erzählt Binder: „Die Leute haben mir ihr Beileid ausgesprochen. Im selben Atemzug haben sie mich aber auch gefragt, ob mein Vater wirklich an der Impfung verstorben sei. Es gäbe da so einen Artikel im Internet, meinten sie.“ Freunde, Bekannte und sogar Lokalpolitiker kontaktierten Richard Binder und sprachen ihn auf den Bericht an. Bis zu dem Zeitpunkt hatte er von der Plattform „Report24“ noch nie gehört.

Wer sich ansieht, auf welche Belege „Report24“ seine Andeutungen stützt, kann die Empörung von Richard Binder über die „Pietätlosigkeit des Berichts“ durchaus verstehen. So heißt es, dass der Arzt „in zeitlicher Nähe zu seiner dritten Impfung an einem Herzinfarkt“ verstorben sei. Als Quelle kommt ein anonymer Patient zu Wort: „Letzte Woche hat mir der Arzt bei unserem Gespräch noch erzählt, dass er pumperlgesund und dreimal geimpft ist. Er war um die sechzig, Nichtraucher und gesund. Und jetzt ist er überraschend an einem Herzinfarkt gestorben. Schon etwas eigenartig, oder?“

„Report24“ versucht am Ende des Artikels zwar, die vorangegangenen Spekulationen zu relativieren und schreibt, dass „wir keinerlei Diagnose stellen oder eine explizite Verbindung des unerwarteten Ablebens des Arztes mit der Impfung unterstellen“. Allerdings wird der Zusammenhang im Titel und Text sehr wohl hergestellt. So argumentiert auch Binders Anwalt in seiner Klagsschrift: „Entgegen der Behauptung des letzten Absatzes des Artikels, suggeriert der ganze Artikel, insbesondere aber die prominent in Fettdruck und größerer Schrift dargestellte Schlagzeile das Gegenteil und kann von einem durchschnittlichen Leser auch nicht anders verstanden werden.“

Gelöscht wurde der Artikel, der es allein auf Facebook auf knapp 2000 Interaktionen brachte, bis heute nicht. Und die Familie wurde nie nach der wahren Todesursache oder dem tatsächlichen Zeitpunkt der Impfung gefragt. „Unsauber“ nennt Binder das. Im Zuge der Beantwortung der Klage rechtfertigt das Medium sein Vorgehen mit dem Tod des Gemeindearztes: Die Einholung seiner Stellungnahme wäre gar nicht mehr möglich gewesen. Belege, inwiefern die Impfung in einem Zusammenhang mit dem Ableben stehe, wurden – auch auf profil-Anfrage – keine vorgelegt. Stattdessen beschimpfte ein Vertreter des Blatts profil-Journalisten als „Schweine“. Einziges inhaltliches Argument: der Arzt sei eine Person „öffentlichen Interesses“.

Zu behaupten, ein Herzinfarkt sei eine Nebenwirkung einer Impfung gegen das Coronavirus ist jedoch „grundlegend falsch“, erklärt die Virologin Monika Redlberger-Fritz. Ein derartiges Risiko sei nach einer Impfung nicht erhöht – schon gar nicht einen Monat nach dem dritten Stich, wie im konkreten Fall des Gemeindearztes aus St. Pantaleon. Schließlich treten Reaktionen immer in zeitlicher Nähe zur Impfung auf, wie auch Infektiologe Herwig Kollaritsch erläutert. Der Impfstoff werde vom Körper nach etwa einer Woche wieder abgebaut. Vermutete Nebenwirkungen von Arzneimitteln und Impfstoffen werden in Österreich grundsätzlich vom Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) erfasst. Herzinfarkte sind in dessen Bericht zur Coronaschutzimpfung allerdings nicht angeführt. Schließlich werden darin nur „relevante Ereignisse“ aufgenommen. Nach dem aktuellstem BASG-Bericht wurden seit Dezember 2020 282 Todesfälle in zeitlicher Nähe zu einer Impfung gegen Covid-19 gemeldet. Zum Vergleich: 6.822.040 Menschen haben zumindest eine Impfung bekommen (das sind 76 Prozent der Gesamtbevölkerung). Die Andeutung des Mediums, der Tod könnte mit der Impfung zu tun haben, ist als völlig unbelegt zu bewerten. Eine Obduktion hat nie stattgefunden.

Im selben Artikel stellt „Report24“ noch eine verschwörungstheoretische Behauptung auf: „Die 'plötzlichen und unerwarteten' Todesfälle nehmen seit Beginn der Impfkampagnen merklich zu.“ Auch hierfür konnten auf profil-Anfrage keine Belege geliefert werden. Der Statistiker Erich Neuwirth kann diese Aussage nicht nachvollziehen. Tragische Einzelschicksale, bei denen Todesfälle in zeitlicher Nähe zu einer Impfung stehen, seien kein Beweis eines generellen Phänomens: „Man kann auch nicht behaupten, rauchen sei nicht schädlich, weil man einen über 90 Jahre alten Raucher kennt.“ Im Übrigen gibt Neuwirth zu bedenken, dass sich die Impfkampagne auch mit großen Coronawellen überschnitten habe: „Am Tod vieler Menschen ist nicht die Impfung Schuld, sondern die Krankheit.“ Die Statistik Austria hat berechnet, dass die Sterberate von ungeimpften 60- bis 79-Jährigen (989 je 100.000) im Februar 2022 etwa annähernd doppelt so hoch war wie bei Gleichaltrigen mit zumindest einer Impfdosis (510 je 100.000). Die These, die Impfkampagne hätte zu einer höheren Sterberate beigetragen, ist also falsch.

Das alles hilft Richard Binder freilich wenig. Mitte Mai wird ein Gericht über seine Klage gegen „Report24“ entscheiden. Wichtig ist ihm, dass das Medium zur Verantwortung gezogen wird. Schließlich macht die Plattform in gewohnter Manier weiter und publiziert Beiträge mit fragwürdigen Titeln wie „Ihre Schule zwang sie zur Impfung – vier Tage später war die 11-jährige Izabella tot“ oder „Plötzlich und unerwartetes Sterben von Bürgermeistern unter 60 Jahren“.