Albert Camus: drei neue Biografien zum 100. Geburtstag

Drei neue Biografien streiten um die Deutungshoheit über Leben und Werk des französischen Klassikers Albert Camus, dessen Geburtstag sich zum 100. Mal jährt.

Ein Ereignis provoziert verschiedene Erklärungen. „Die Landstraße zwischen Sens und Paris verläuft gerade. Sie ist von Platanen gesäumt“, schreibt die deutsche Literaturkritikerin Iris Radisch in ihrer biografischen Annäherung an Albert Camus im Stil einer Reporterin vor Ort. „Das Wetter grau, Nieselregen. Wahrscheinlich ist ein Reifen geplatzt. Bei Villeblevin tanzt der Facel Vega auf der schnurgeraden Straße, prallt gegen eine Platane, wird gegen eine zweite geschleudert und zerschellt. Es ist Montag, der 4. Januar 1960, kurz vor 14 Uhr. Camus ist sofort tot.“

Martin Meyer, Feuilletonchef der „Neuen Zürcher Zeitung“, erzählt in lakonischem Ton vom Sterben des Schriftstellers: „Ein letztlich banaler Unfall im Automobil setzt den Schnitt.“ Mit ungelenkem Pathos unterlegt dagegen der französische Publizist Michel Onfray, durch seine Freud-Abrechnung als eine Art Provokateur auf Bestellung etabliert, den Tod am Wegesrand: „Camus kam mit 46 Jahren ums Leben. In diesem Alter hatte Mark Aurel seine ,Selbstbetrachtungen‘ noch nicht vollendet. Kant hatte noch keine einzige seiner drei großen Kritiken geschrieben.“
Das kurze, intensive Dasein des Albert Camus scheint ideale Voraussetzungen für das Genre der Biografie bereitzuhalten. Die neuen Bücher von Radisch und Onfray, beide 54, und Meyer, 61, eingerechnet, ist das Leben und Sterben des Klassikers nun in fünf voluminösen Publikationen dargestellt, daneben existieren Detailuntersuchungen, die Bibliotheken füllen. Wenige Autoren der Moderne genießen eine so hohe wissenschaftliche Wertschätzung. In Kreuzworträtseln wird gern nach dem französischen Autor mit fünf Buchstaben gefragt.

Prinzip der Einfachheit
Geboren wird Camus am 7. November 1913 in einem Dorf im Nordosten Algeriens. Die Mutter spricht kaum ein Wort, Kälte im Herzen. Camus heiratet früh, arbeitet als Theaterregisseur und Schauspieler. Er ist Kettenraucher, der jahrzehntelang an einer schweren Form der Tuberkulose leidet; ein homme à femmes, der drei Romanzen zugleich pflegt; ein Beau, der als Humphrey Bogart der Philosophie und von Sartre als „algerischer Gassenjunge“ verunglimpft wird. Überhaupt – Camus vs. Sartre: hier das Intellektuellenmonster aus St. Germain-des-Prés, dort der Arbeitersohn, der die Einfachheit zum Prinzip seines Schreibens stilisiert. 1951 notiert Camus seine zehn Lieblingswörter: Welt, Schmerz, Erde, Mutter, Menschen, Wüste, Ehre, Elend, Sommer, Meer.

Als Journalist publiziert er Reportagen, Leitartikel und Berichte über Tolstoi, Mozart und Stalin, unter anderem für das Résistance-Blatt „Combat“; nach Feierabend steht er im Fußballtor. Als Romancier und Essayist schreibt er epochemachende Sätze: Der Mörder Meursault öffnet sich im Roman „Der Fremde“ der „zärtlichen Gleichgültigkeit der Welt“. Es gebe, so Camus in „Der Mythos des Sisyphos“, nur ein „wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord“. Nicht minder berühmt folgende Sentenz: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ Das Wort „absurd“ taucht im „Fremden“ nur an einer einzigen Stelle auf. Den Ruf, ein Anwalt des Absurden zu sein, wird Camus dennoch zeitlebens nicht los. Er ist ein Vielreisender, der die Mittelmeerregion verklärt und alles Mitteleuropäische – Österreich eingeschlossen – als Rayon der Lebensfeindlichkeit verabscheut. Im Dezember 1957 formuliert der Anhänger literarischer Großmetaphern („Die Pest“, 1947; „Der erste Mensch“, postum 1994) nach der Zuerkennung der weltweit wichtigsten Literaturauszeichnung in seinem Tagebuch: „Nobelpreis. Erschrocken über das, was mir zustößt und was ich nicht verlangt habe.“

Die Mutter als Maßstab
Mit neuen Einsichten warten die drei Biografien nicht auf, eher mit Feinjustierungen und überraschenden Schwerpunktsetzungen. „Die Mutter ist der Maßstab, den Camus an die Welt anlegt“, lautet Radischs empathisch gefärbte Zuspitzung in ihrem lesenswerten Einsteigerbuch in den C-Kosmos. Die Hamburger Journalistin heftet sich darin buchstäblich auf Camus’ Spuren: Sie besucht den zurückgezogen lebenden Sohn Jean in Paris und die Tochter Catherine, die im südfranzösischen Städtchen Lourmarin, dem letzten Wohnort des Autors, das Erbe ihres Vaters verwaltet, in einem turmartigen Haus in der Rue Albert Camus, unweit jenes Friedhofs, auf dem der Romancier begraben liegt. Anschaulich verortet Radisch Camus’ Vita auch in den historischen Wirren der Zeit: Die ersten wichtigen Schriften – „Der Fremde“ und „Der Mythos des Sisyphos“ (beide 1942) – wurden in Paris unter NS-Besatzungsrecht
publiziert, drei Monate nach Beginn der Massendeportationen der Pariser Juden nach Auschwitz. Camus’ Schreiben findet tatsächlich am „Nullpunkt der Literatur“ (Roland Barthes) statt.

Viele jener Kennzeichen, die Martin Meyer in Camus’ Reflexionsarbeit ortet, gelten für den Biografen selbst: „Treffsicherheit und eine Prise Distanz.“ Meyer versteht sein Buch als elegant formulierten, gelegentlich mit seminaristischer Besserwisserei ausstaffierten „Lesekompass“, der selten auf die Ebene des Persönlichen rutscht. Feuilletonistische Verkürzungen sind Meyers Sache nicht, die intellektuell-politische Biografie steht im Vordergrund: Camus, der unbeugsame Gegner der Todesstrafe. Der Widersacher der stalinistischen Gedankenkollaborateure unter den westlichen Intellektuellen. Der Mahner, der die menschenverachtende DDR-Politik früh geißelte und für ein vereintes Europa plädierte.
Von Finanzkrise und Rezessionspanik gebeutelte Zeitgenossen können bis heute Trost im Werk des Autors finden: „Jedes aufs Geld ausgerichtete Leben ist ein Tod“, so Camus im Tagebuch. In der Textsammlung „Der Mensch in der Revolte“ (1951) ist das Schreckensbild einer Gesellschaft entworfen, in der „2000 Bankiers und Techniker über ein Europa von 120 Millionen Einwohnern herrschen, wo das Privatleben vollständig mit dem öffentlichen Leben zusammenfällt, wo ein absoluter Gehorsam der Tat, des Gedankens und des Herzens“ herrsche.

Die Kunst des Biografen bildet sich nicht zuletzt in dessen Umgang mit den Fußnoten ab. Während Radisch und Meyer die erläuternden Anmerkungen gezielt zur Stützung ihrer jeweiligen Thesen einsetzen, glaubt Michel Onfray in seinem Versuch der närrisch anmutenden Monumentalisierung des Autors in Form einer plumpen Hagiografie darauf verzichten zu können. Onfrays Opus, in dem die „wahre Geschichte eines bedeutenden Philosophen“ erzählt werden soll, erschöpft sich in obskurantistischem Wissensgeschwätz, das sein Thema weiträumig verfehlt, indem es das Camus’sche Werk nach handlichen Zitaten durchmustert – und dabei ein Hohelied des autobiografischen Schreibens anstimmt. Nach Onfray darf man das Gesamtwerk des Autors getrost als kaum kaschiertes Selbstporträt betrachten, als „eine Art stärkenden Zaubertrank“. Im Schlusskapitel versteckt Onfray in kleiner Fußnotenschrift das Eingeständnis seines Scheiterns. Er zitiert zwei von der Camus-Philologie längst kanonisierte Lebensbilder und schreibt: „Es gibt keine Biografie, die diesen beiden etwas wirklich Neues hinzugefügt hätte.“ In seinem Fall hat er den Nagel auf den Kopf getroffen.

Martin Meyer: Albert Camus. Die Freiheit leben. Hanser, 368 S., EUR 25,60

Michel Onfray: Im Namen der Freiheit. Leben und Philosophie des Albert Camus. Aus dem Französischen von Stephanie Singh. Knaus, 573 S., EUR 30,90

Iris Radisch: Camus. Das Ideal der Einfachheit. Rowohlt, 349 S., EUR 20,60