Arianna Huffington veränderte die Art, wie wir Nachrichten konsumieren

Arianna Huffington veränderte die Art, wie wir Nachrichten konsumieren

Arianna Huffington hat die Art verändert, wie Nachrichten konsumiert werden: schnell, online, gratis. Das beschert den traditionellen Medien harte Zeiten und stellt die Zukunft des Journalismus in Frage. Im Interview will Huffington davon lieber nichts wissen. Gespräch mit einer Berufsoptimistin.

Auf ihrem Twitter-Account beschreibt sich Arianna Huffington ganz kurz - und nur halb im Scherz - wie folgt: "Mutter, Schwester, Flache-Schuhe-Verfechterin, Schlaf-Prophetin“. Letzteres bezieht sich auf die Hauptthese ihres jüngsten, insgesamt bereits 14. Buchs "Thrive“, in dem die viel beschäftigte Medienmanagerin das hohe Lied der Ruhepause anstimmt. Nun gibt es wenig, was Arianna Huffington weniger wäre als ruhig oder gar verschlafen, und natürlich geht es auch in "Thrive“ letztlich nicht um reines Pausemachen, sondern doch in erster Linie: um den Erfolg.

Der war Huffington, geboren am 15. Juli 1950 in Athen, schon früh vergönnt: Während ihres Wirtschaftsstudiums in Cambridge avancierte sie - trotz ihres bis heute kultivierten, durchaus markanten Akzents - zur ersten nicht-britischen Präsidentin des altehrwürdigen Debattierclubs Cambridge Union. In den 1970er-Jahren veröffentlichte die junge Überfliegerin erste Bücher zu gesellschaftspolitischen Themen (unter anderem den feminismuskritischen Band "The Female Woman“); nach ihrer Emigration in die Vereinigten Staaten folgten Biografien von Maria Callas und Pablo Picasso. Politisch tendierte die Autorin, die von 1986 bis 1997 mit dem republikanischen Politiker (und Sohn des ehemaligen US-Botschafters in Wien, Roy M. Huffington) Michael Huffington verheiratet war, lange Zeit deutlich nach rechts, legte aber um die Jahrtausendwende eine Wende zum Linksliberalismus hin, engagierte sich in ihren zahlreichen öffentlichen und medialen Auftritten unter anderem für den demokratischen Präsidentschaftskandidaten John Kerry.

Der große Coup gelang ihr im Mai 2005 mit der Gründung der "Huffington Post“ , einer Online-Plattform, die zunächst fast ausschließlich auf Nachrichten anderer Foren verlinkte und dank einer Reihe prominenter Blogger selbst Schlagzeilen produzierte. In weiterer Folge investierte das rasant wachsende Unternehmen, das auch bald regionale und internationale Ableger umfasste und im Februar 2011 für 315 Millionen US-Dollar vom Internet-Giganten AOL erworben wurde, auch in eigenständige journalistische Arbeit und wurde 2012 als erstes Online-Medium mit einem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

"Zarin des Internet"
Dennoch wurde die "HuffPo“ den Ruch des Schnellschuss-Journalismus nie ganz los. Für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung“ ist Huffington auch deshalb eine "Zarin des Internet: Mit ihrem schamlosen Geschäftsmodell verbreitet die Internetverlegerin Angst und Schrecken.“ Tatsächlich sehen viele Printmedien den Aufstieg der rein werbefinanzierten Gratisnachrichten-Site, die monatlich über 80 Millionen Einzelkunden mit deutlich über einer Milliarde Seitenaufrufen verzeichnet, mit Sorge - um die eigene Geschäftsgrundlage und um die Zukunft des unabhängigen Journalismus. Auf Kritik an ihrem Geschäftsmodell reagiert Huffington jedoch eher unwirsch, wie sich auch im Interview mit profil schnell herausstellt, das aus Anlass ihres nächstwöchigen Auftritts beim "future.talk“ der Telekom Austria (Wien, Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste, 23. September) stattfindet. Zu Beginn des - Anfang September telefonisch geführten - Gesprächs ist die Verbindung klar und deutlich, Huffington antwortet zunächst routiniert, dann zunehmend genervt, bis sie schließlich, unter Verweis auf die schlechte Leitung, das Gespräch abbricht. Die restlichen Fragen wurden einige Tage später per E-Mail beantwortet.

profil: Welche Nachrichten haben Sie heute beschäftigt?
Arianna Huffington: Die amerikanischen Luftschläge im Irak. Und wir beobachten derzeit natürlich sehr genau, was in Ferguson passiert, angesichts der Rassenspannungen nach der Tötung von Michael Brown.

profil: Woher haben Sie Ihre Informationen bezogen? Aus Print-oder Online-Medien?
Huffington: Natürlich verbringe ich viel Zeit auf Seiten der "Huffington Post“, wo man sowohl eigene Berichte als auch Links zu anderen Berichten aus aller Welt bekommt.

profil: Das heißt, Sie haben für die Nachrichten heute nichts bezahlt.
Huffington: Wie bitte?

profil: Sie haben die Nachrichten umsonst bekommen, wie alle anderen Leser der "Huffington Post“.
Huffington: Die "Huffington Post“ zahlt für ihre News. Wir beschäftigen 850 Journalisten und Redakteure.

profil: Aber für die Konsumenten der "Huffington Post“ sind die Nachrichten kostenlos. Das Medium finanziert sich ausschließlich über Werbung.
Huffington: Ja, genau.

profil: Als Journalistin eines Printmediums frage ich Sie: Bringen Sie traditionelle Medien wie mein Magazin damit um?
Huffington: Nein. Was wir derzeit sehen, ist eine Konvergenz. Ich bin sicher, profil ist auch online tätig. Richtig?

profil: Ja, aber wir verdienen dort kaum Geld.
Huffington: Aber die Werbung verlagert sich zunehmend Richtung Online. Die Dinge wachsen zusammen: Neue Medien wie die "Huffington Post“ bringen auch ganz klassische Reportagen und investigative Geschichten, die bisher eine Domäne der traditionellen Medien waren. Dafür haben wir sogar den Pulitzer-Preis gewonnen. Umgekehrt agieren Medien wie das Ihre immer mehr auch online.

profil: Europaweit sank die tägliche Zeitungsauflage von 85 Millionen Stück im Jahr 2005 auf 74 Millionen im Jahr 2009. Fühlen Sie sich an dieser Entwicklung ein bisschen mitschuldig?
Huffington: Genauso gut könnte man sagen, dass sich der Erfinder des Buchdrucks für den Untergang der Handschriftenkultur schuldig fühlen müsste. So etwas liegt in der Natur technologischer Entwicklungen. Wir müssen darauf schauen, wie sich die ganze Landschaft verändert, und nicht nur auf ein einzelnes Medium wie die "Huffington Post“.

profil: Printmedien wissen oft nicht mehr, wie sie hochwertigen Journalismus finanzieren sollen. Google & Co schlagen daraus Profit. Ist das fair?
Huffington: Vielleicht wissen Sie das nicht, aber die "Huffington Post“ macht sehr viel im Bereich investigativer Journalismus. Wir haben eigenrecherchierte Geschichten. Und wir haben tausende Blogger, denen wir eine Plattform bieten, auf der sie ausdrücken können, was sie interessiert. Die Mischung macht es aus.

profil: Zeitungen experimentieren mit Apps, Bezahlsystemen und Social Media. Aber bisher hat noch niemand ein tragfähiges Geschäftsmodell für aufwendigen Online-Journalismus gefunden.
Huffington: Auch wenn die Verlagerung Richtung Online nicht so schnell geht, wie ursprünglich gedacht, geht sie doch kontinuierlich weiter. Wir bei der "Huffington Post“ nützen viele neue Modelle: Sponsor-Sektionen, Native Advertising. Ich weiß nicht, was Ihr Magazin auf diesem Gebiet bereits versucht hat.

profil: Im Moment experimentieren viele traditionelle Medien im Netz mit Paywalls. Die ersten Erfahrungen zeigten jedoch, dass ein Verlust an Reichweite droht.
Huffington: Ich kann Sie jetzt kaum noch hören. Können Sie mir die restlichen Fragen per E-Mail schicken?

profil: Soll ich die Frage wiederholen?
Huffington: Ich gebe Ihnen meine persönliche E-Mail. Bye.

Die folgenden Fragen wurden schriftlich beantwortet, Nachfragen waren nicht möglich.

profil: Konsumenten profitieren von Gratisnachrichten. Die "Huffington Post“ profitiert von Gratisbeiträgen. Jeder möchte Qualitätsjournalismus, aber niemand will dafür bezahlen - wie geht das zusammen?
Huffington: Wie ich schon gesagt habe, bezahlt die "Huffington Post“ mehr als 800 Journalisten und Redakteure. Wer gratis für die "Huffington Post“ bloggt, macht das aus freien Stücken, weil er den Wert dieser Öffentlichkeit erkennt.

profil: Aber dieses Heer von unbezahlten Bloggern bildet das Rückgrat Ihres Mediums. Wer kommt für deren Unterhalt auf?
Huffington: Wir sind ein journalistisches Unternehmen mit über 800 Journalisten, die natürlich von uns bezahlt werden, und wir sind eine Blog-Plattform, die von den Menschen aus denselben Gründen verwendet wird, aus denen sie zum Beispiel in Talkshows gehen: weil sie leidenschaftlich für ihre Ideen, Bücher, Filme eintreten und diese einer möglichst großen Öffentlichkeit präsentieren wollen.

profil: Im April 2011 klagten tausende unbezahlte Blogger die "Huffington Post“. Warum wurde die Klage abgewiesen?
Huffington: Der Richter schrieb: "Es ist nicht gerechtfertigt, den Klägern einen Teil des Erlöses zu gewähren, wenn diese nie erwarteten, bezahlt zu werden, mehrfach diesem Geschäft zustimmten und mit sehenden Augen in diese Vereinbarung gingen.“

profil: Ein Jahr später gewann die "Huffington Post“ ihren ersten Pulitzer-Preis. Er ging an David Wood, einen langjährigen Printjournalisten. Ist das nicht ironisch?
Huffington: David Wood war ein Printjournalist wie viele andere Printjournalisten, die inzwischen für digitale Medien arbeiten. Wood gewann den Pulitzer für seine stringenten und eindrucksvollen Berichte über die Situation verwundeter Kriegsveteranen. Ich kann da keine Ironie erkennen.

profil: Sie bedienen die Bedürfnisse Ihres Publikums. Was hat das mit Qualitätsjournalismus zu tun?
Huffington: Zum Glück ist das keine Entweder-oder-Frage. Konsumenten haben viele Bedürfnisse. Dazu gehören Nachrichten, Informationen, Unterhaltung und Lifestyle-Berichte. All das kann auf eine Weise zur Verfügung gestellt werden, die den Ansprüchen von Qualitätsjournalismus genügt.

profil: Seriöse Zeitungen würden keinen Nonsens berichten, nur um die Aufmerksamkeit zu erhöhen. Können Sie das für Online-Medien auch garantieren?
Huffington: So wie niemand stellvertretend für alle "seriösen Zeitungen“ sprechen kann, bin ich nicht die Sprecherin für alle Online-Medien. Ich kann für die "Huffington Post“ sprechen, wo wir strenge Richtlinien haben. Alles, was wir publizieren, muss eine Qualitätskontrolle durchlaufen. Faktencheck, Fairness und Genauigkeit liegen uns wirklich am Herzen. Wie man so schön sagt: Es ist okay, deine eigene Meinung zu haben, aber nicht deine eigenen Fakten. Wir veröffentlichen keine Verschwörungstheorien.

profil: Qualitätsmedien haben in der Regel eine politische Grundausrichtung, die für ihre Leser transparent ist. Warum behaupten Sie, die "Huffington Post“ habe keine politische Agenda?
Huffington: Wir behaupten nichts. Wir haben unsere Ansichten, aber diese sind transparent, basieren auf Fakten und bewegen sich jenseits des Links-rechts-Spektrums. Wir sind nicht die Cheerleader einer bestimmten Partei. Es ist weder links noch rechts, sich um Mitbürger zu sorgen, die keine Arbeit haben, oder um die Probleme, die Familien heute haben, oder um die Mittelklasse als solche oder irgendeine andere der vielfältigen Krisen, die Menschen in aller Welt heute betreffen.

profil: Im August 2013 schaffte die "Huffington Post“ anonyme Kommentare zu ihren Artikeln ab. Was waren Ihre Beweggründe?
Huffington: Von Beginn setzte sich die "Huffington Post“ intensiv mit ihrer Community auseinander. Wir haben alle Kommentare vorsortiert und 40 Moderatoren beschäftigt, um ein positives Debattenumfeld zu schaffen. Die Änderung war keine Frage des Personalmangels. Aber indem wir unsere User bitten, ihre Identität offenzulegen, können wir die Zahl der automatisierten Forumstrolle deutlich reduzieren. Diese Entscheidung liegt voll auf unserer Linie, ein zivilisiertes Umfeld zu schaffen und die Debatte voranzutreiben.

profil: Der 2012 verstorbene konservative Publizist und Geburtshelfer der "Huffington Post“, Andrew Breitbart, wollte für jede Neuanmeldung einen Dollar verlangen, um bei der Bezahlung per Kreditkarte die Identität des Users zu verifizieren. Das Geld sollte an wohltätige Einrichtungen gehen. War das eine ernsthafte Option?
Huffington: Andrew hatte viele Ideen. Diese hat es nie in die Praxis geschafft.

profil: Wie beurteilen Sie die Tatsache, dass Amazon-Gründer Jeff Bezos die "Washington Post“ gekauft hat?
Huffington: Ich bin begeistert. Als Bezos die "Washington Post“ vor einem Jahr kaufte, hat er das Beste an traditionellem Journalismus mit dem grenzenlosen Potenzial digitaler Medien verknüpft. Das ist eine großartige Gelegenheit, die ewige Debatte über die Zukunft der Zeitung zu beenden und zu einer Debatte über die Zukunft des Journalismus zu kommen - in welcher Form dieser auch immer erscheint. Schließlich befinden wir uns in einem goldenen Zeitalter des Journalismus. Es herrscht kein Mangel an großartigem Journalismus - und auch keine Knappheit an Menschen, die nach ihm verlangen. Es gibt viele Geschäftsmodelle, die das eine mit dem anderen verknüpfen möchten, und Jeff Bezos wird ihnen zweifellos ein weiteres hinzufügen.

profil: Würden Sie zustimmen, dass demokratische Gesellschaften professionellen Journalismus heute mehr als je nötig haben und dabei nicht allein auf Bürgerjournalismus vertrauen dürfen?
Huffington: Absolut. Es ist heute genauso wichtig, wie es immer war, dass professionelle Journalisten den Statistiken Fleisch und Blut verpassen und unsere Regierenden in die Verantwortung nehmen. Das Internet ist dabei ein entscheidender Faktor. Wir gehen in Lügen, Spins und Nebelgranaten unter. Wir müssen zur Wahrheit durchsteigen. YouTube, Twitter, E-Mail und leistungsstarke Suchmaschinen erleichtern es, die Lügen zu offenbaren, die unsere Regierungen erzählen.

profil: Haben Sie sich jemals Sorgen gemacht, dass die Rolle des Journalismus als gesellschaftliche Kontrollinstanz gefährdet sein könnte?
Huffington: Die Aufgabe der Medien, die Wahrheit aufzudecken, muss ständig neu gefestigt werden. Wir können sie nicht für gegeben hinnehmen. Aber der technologische Fortschritt macht mir große Hoffnung auf eine Zukunft, in der diese Rolle weiter ausgefüllt werden kann. Ich prophezeie, dass es Software geben wird, die uns erlaubt, den Vorhang vor den Mauscheleien der Mächtigen zu lüften und zu erkennen, wer wirklich die Fäden zieht. Diese Software wird uns ermöglichen, zu sehen, wer wen finanziert, wer für welche Interessensgruppen lobbyiert - und zwar in Echtzeit und auf jeder erdenklichen Plattform.

profil: Kann Crowdfunding eine Option zur Erhaltung von Qualitätsjournalismus sein?
Huffington: In manchen Fällen kann Crowdfunding dazu beitragen, in anderen Fällen können Journalisten auch von Stiftungen oder karitativen Einrichtungen wie ProPublica gefördert werden.

profil: Die "Huffington Post“ tendiert dazu, den Nachrichtenzyklus immer weiter zu beschleunigen. In Ihrem Buch "Thrive“ schreiben Sie aber auch über unsere Unfähigkeit, mit dieser Informationsflut umzugehen. Was raten Sie im Umgang mit dem Meldungs-Overkill?
Huffington: Mein Rat lautet: Es ist wichtig, dass wir unsere Geräte abschalten, bevor wir abschalten - sei es durch Meditation, Schlaf oder irgendeine andere Form von Erholungspause.

Interview: Edith Meinhart

future.talk 2014

Die alljährlich von der Telekom Austria Group ausgerichteten Zukunftsgespräche widmen sich dieses Mal der Frage, wie Internet und Smartphones die Medienwelt verändern. Arianna Huffington, Präsidentin und Chefredakteurin der "Huffington Post“, spricht bei der Veranstaltung am 23. September im Atelierhaus der bildenden Künste (früher Semperdepot).

www.futuretalk.com