Bela B: „Johnny Cash ist purer Punkrock”

Bela B

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Der Musiker Bela B über die Liebe des Punkrockers zum Country, sein widersprüchliches Verhältnis zu Musik-Streamingdienste und seine beeindruckende Sockensammlung.

Interview: Philip Dulle

profil: Sie haben sich für Ihr neues, drittes Soloalbum „Bye“ eine bereits bestehende Begleitband gemietet. Wie kam es dazu?
Bela B: Die Arbeitsweise war diesmal anders. Bei meinen ersten beiden Soloalben habe ich mit einzelnen Musikern im Studio eingespielt. Da war ich der General und alle haben brav nach meinem Willen gespielt. Mit Smokestack Lightnin’ ist das anders. Das ist eine existierende Band, die ihren eigenen Sound hat. Schlagzeug, Bass, Gitarre, Keyboard – die grooven richtig zusammen.

profil: Von Ihrem eigentlichen Metier, dem Fun-Punk, ist Ihr neues Album „Bye“ weit entfernt.
Bela B: Das stimmt schon. Wenn man Punk sucht, dann stößt man auf die eine oder andere Irritation. Mit Smokestack Lightnin’ spielen wir Roots-Rock, Country, Americana. Aber Country ist vielleicht die einzige Musik, bei der Humor nicht belächelt wird.

profil: Die Fans Ihrer Band Die Ärzte fühlen sich davon nicht vor den Kopf gestoßen?
Bela B: Meine ersten beiden Soloalben wurden durchaus widersprüchlich aufgenommen. Bei den Ärzten erklärt sich der Punk aber auch durch die Freiheit, die ganze Bandbreite zwischen Disco und Weltmusik auszuprobieren. Am Ende zählt eben nur der gute Song.

profil: Von wütenden Fans wurden Sie noch nicht von der Bühne gejagt?
Bela B: Das ist ja Blödsinn. Die Ärzte solo zu kopieren, würde keinen Sinn ergeben. Ich möchte mich musikalisch austoben. Wenn dann mal ein paar Fans vorzeitig das Konzert verlassen, tut mir das zwar leid, aber was soll man machen.

profil: Haben Sie im Country eine zweite Heimat gefunden? Bei den Duetten mit der Musikerin Peta Devlin scheint Ihnen das Herz aufzugehen.
Bela B: Johnny Cash habe ich schon als Kind entdeckt. Es gibt diese Aufnahme aus dem Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses in St. Quentin. Der Strom wurde aus Angst vor einer Revolte mehrmals abgedreht. Cash hat einfach immer wieder von vorn begonnen. Das ist purer Punkrock!

profil: Unterscheiden Sie beim Schreiben eines Songs, ob es ein Solo oder ein Track für Ihre Hauptband Die Ärzte wird?
Bela B: Ob Die Ärzte wirklich meine Hauptband bleiben, wird man sehen. Die Abstände zwischen den veröffentlichten Alben werden ja immer größer. Tatsächlich war es diesmal so, dass ich ein paar Songs von der letzten Ärzte-Session übrig hatte, die durch den neuen Stil einen eigenständigen Charakter entwickelt haben.

profil: Sie posten immer wieder Fotos Ihrer beeindruckenden Sockensammlung auf Facebook. Was machen Social Media mit einem Punkrocker?
Bela B: Bei allen Vorteilen ist Facebook ein beispielloser Zeitstehler. Ich habe meinen Weg gefunden, mit diesen Netzwerken umzugehen. Bei 120.000 Empfehlungen für mein erstes Foto bin ich dann aber süchtig geworden.

profil: Eine eigene Kollektion ist in Planung?
Bela B: Ich habe bereits daran gedacht. Bei der kommenden Tournee wird es ein erstes Paar geben. Eines darf man aber nicht unterschätzen: Socken sind wirklich schwierig zu bedrucken. Mit normalen T-Shirts hat man es einfacher.

profil: Hat Pop einen Gutteil seines magischen Charakters eingebüßt, seit alles jederzeit verfügbar ist?
Bela B: Nicht nur das. Meine Oma hat immer gesagt: Was nichts kostet, ist auch nichts wert. Bei Streaming-Diensten wie Spotify, wo man wahllos Playlists ansteuern kann, geht den Hörern der Bezug zu den Künstlern verloren.

profil: Als Juror einer Castingshow würden Sie nicht in Erscheinung treten?
Bela B: Castingshows haben ihren Zenit ohnehin überschritten. Es wurden ja nicht nur die Zuseher, sondern auch die Musiker geblendet.

profil: Ihre Alben findet man nicht auf Spotify?
Bela B: Doch, mein neues Album wird erstmals auch als Stream erscheinen. Vielleicht ist es ja wie damals, als das Musikfernsehen begann. Man hört sich um und holt sich Kaufempfehlungen für den Plattenladen.

profil: In einem Begleittext zum Album heißt es, die Liebe sei die letzte Bastion der individuellen Anarchie. Meinen Sie die Liebe des Nerds zu seinen Platten, Horrorfilmen und Comics – oder doch die Liebe zwischen den Menschen?
Bela B: Das ist natürlich auch eine Form der Liebe. Aber die zwischenmenschliche Liebe, in allen Facetten, ist das vorherrschende Thema der Platte. Da kommt mir auch der Country-Stil entgegen.

profil: Apropos Liebe: Sie sind ein glühender Anhänger des Hamburger Zweitligisten FC St. Pauli. Ihre schönste Saison: Stadtrivale HSV steigt ab und Ihr Verein auf?
Bela B: Diese Stadtrivalität macht natürlich Spaß. Viele meiner Freunde sind HSV-Fans. Am spannendsten wäre wohl ein Relegationsspiel zwischen den beiden Vereinen. Den Abstieg wünsche ich dem HSV aber nicht. Auch im Fußball regiert hin und wieder die Liebe.

Bela B, 51,
ist seit 1982 Schlagzeuger und Sänger der Band Die Ärzte. Der gebürtige Berliner und erklärte Horrorfilmfan tritt ab und zu auch als Schauspieler in Szene. Soeben ist sein drittes Soloalbum „Bye“ erschienen. Bela B gastiert am 16.5. im Linzer Posthof und am 18.5. in der Arena Wien.