Beziehungen: Wenn Frauen ihre Partner wie Kinder behandeln

Emmanuel und Brigitte Macron

Emmanuel und Brigitte Macron

Wenn Frauen bei ihren Partnern die Mutterrolle übernehmen, machen es sich Männer gern in der Hilflosigkeit bequem. Angelika Hager über ein Phänomen, dessen Zunahme Paartherapeuten und Psychologen beobachten.

"Wir essen sehr gern nicht zu spät." - "Wir haben kürzlich das Radfahren entdeckt, das machen wir sehr gern." - "Gehen wir lieber hinein, wir verkühlen uns nämlich sehr leicht "

Jeder kennt diese Art von symbiotischen Paaren, in deren Vokabular das Wort "ich" abgeschafft wurde und die nur mehr im Tandem existieren.

Meist ist in diesen Formationen die weibliche Hälfte das Sprachrohr, während der Mann dabei oft zur - nur von affirmativem Nicken unterbrochener - Schweigsamkeit neigt. Die Rollenverteilung ist in solchen Beziehungen klar: Die Frau übernimmt den Part der fürsorglichen, alles unter Kontrolle habenden Mutter, während der Mann es sich in dem des zu versorgenden und entsprechend hilflosen Kindes gemütlich macht.

Das Phänomen ist im weiten Land der Liebe nicht neu, wird aber zunehmend zum Untersuchungsgegenstand von Paartherapeuten, Psychologen und Psychiatern. Der verstorbene Satiriker Loriot verstand es in vielen seiner Sketche wie "Das Frühstücksei", Paare in solchen psychologischen Schieflagen bloßzustellen.

"Mutti-Typen"

Dass Männer, besonders in fortgeschrittenem Alter und mit einer entsprechend enttäuschenden Beziehungsbiografie, vorzugsweise bei ihrer Partnerwahl zum "Mutti-Typen" greifen, weiß die TV-Kupplerin Elizabeth T. Spira aus ihrer jahrzehntelangen Vermittler-Erfahrung bei ihrer Sendung "Liebesg'schichten und Heiratssachen": "Männer sind anfällig für mütterliche Frauen, die ihnen gern einen Gugelhupf backen und ein Papperl kochen. Viele Männer melden sich auch erst dann, wenn die eigene Mutter gestorben ist. Oft haben sie auch noch bei ihr gewohnt."

Doch nicht nur in die Jahre gekommene und entsprechend schwer vermittelbare Muttersöhne werden von derartigen Umsorgungsfantasien beflügelt.

In einem Essay "Why Men Are Boys and Wives Are Their Mothers" in der US-Fachzeitschrift "Psychology Today" erzählt der amerikanische Beziehungstherapeut William Berry, dass er solche Konstellationen immer häufiger in seinem Praxisalltag beobachte: "Viele Paare rutschen in diese Falle, ohne dass es ihnen tatsächlich bewusst wird. Schuldzuweisungen haben keinen Sinn, aber beide müssen sich bewusst sein, dass dieses Mutter-Kind-Muster einer Beziehung erheblichen Schaden zufügen kann." Vor allem die Sexualität bliebe auf Dauer bei diesen "mumifizierten Partnerseelen" (die deutsche Psychotherapeutin Julia Onken) auf der Strecke.

Die Initialzündung für den Eintritt in ein solches "Krankheitstheater" (Thomas Bernhard) wird oft durch Familienzuwachs gesetzt. Frauen zeigen dann die Tendenz, wie die US-Paartherapeutin Mary Jo Rapini in ihrem Blog "Mothering your man" schreibt, "ihren Ehemann wie ein zusätzliches Kind zu behandeln, mit ihm im gleichen Duktus wie mit den Kindern zu kommunizieren und ihn dann auch im Bett wie ein Kind, das Aufmerksamkeit braucht, zu empfinden. Das tötet das Begehren auf beiden Seiten."

Frauen, die ihren Männern die Koffer packen, die Flugtickets buchen, ihre Arzttermine vereinbaren oder, im Falle ihrer Absenz, jede Mahlzeit vorbereiten, bauen ihnen so ein Umfeld, in dem sie "die erworbene Hilflosigkeit" (so die US-Beziehungstherapeutin Jeanette Block) ungestraft ausleben können. Mit einem perfiden Hintergedanken: Denn schließlich festige ein Partner im Rollenfach des ewigen Kinds auch dessen Abhängigkeit und damit die Machtstellung der Mutter-Frau. Der Frauentypus, der solche Beziehungsmuster lebt, leidet häufig am sogenannten Helfersyndrom, einem Begriff, den der deutsche Paartherapeut Wolfgang Schmidbauer Mitte der 1970er-Jahre prägte.

Ursprung in Kindheit

Der Samen für ein solches Verhalten wird, wie bei vielen Neurosen, in der Kindheit gesät: Menschen, die schon früh gelernt haben, ihren Selbstwert von der Anerkennung anderer abhängig zu machen und von ihren Eltern nur durch Leistungen wertgeschätzt zu werden, entwickeln dieses Syndrom, indem sie sich für ihr Gegenüber bis zur Selbstaufgabe unentbehrlich machen.

"Frauen sind für solche Verhaltensmuster sicher anfälliger", so die Wiener Paartherapeutin Claudia Wille, "weil sie von klein auf dafür erzogen werden, zu helfen."

Der Schritt in die Psychopathologie ist dann in manchen Fällen nur ein kleiner: Betroffene suchen sich hilfsbedürftige Partner und hängen oft über Jahre in unglücklichen und vergifteten Beziehungen, weil sie der Meinung sind, nur sie allein wären in der Lage, diesen so hilfsbedürftigen Menschen zu ändern, retten oder "heilen".

In der Psychologie wird dieses Phänomen auch als "Co-Abhängigkeit" bezeichnet. Claudia Wille beobachtet in ihrem Praxisalltag immer wieder, dass "scheinbar starke, erfolgreiche Frauen sich einen Mann mit einer depressiven Persönlichkeit suchen, der auch an einer Suchtproblematik leidet". Ist der Mann beispielsweise Alkoholiker, neigt die Frau dann ebenso zum latenten Alkoholismus. All das liefe natürlich unbewusst ab, denn natürlich befände sie sich "im fixen Glauben, alles Menschenmögliche zu seiner Gesundung zu unternehmen".

In dem Moment, in dem der schwache Partner zur Selbsthilfe schreitet und womöglich auch noch gesund wird, bricht das Konstrukt zusammen.

Männer tendieren dann auch dazu, die Zeugen ihrer eigenen Unzulänglichkeit hinter sich zu lassen. Solche Situationen kennt man aus frühen Clint-Eastwood-Western. Der im Kugelhagel verwundete Cowboy lässt sich von der gutherzigen, blonden Farmerstochter mit heißem Whisky, kalten Umschlägen und Zuwendung aufpäppeln und sattelt in dem Moment, wo er wieder aufrecht stehen kann, das Pferd, um wieder in die Unabhängigkeit zu sprengen.

Beziehungsschieflagen

Natürlich können diese Beziehungskonstrukte auch Jahre überdauern, wenn "Verschmelzungsfantasien entsprechend ausgelebt werden", so die Linzer Psychiaterin Heidi Kastner. Die beste Voraussetzung für den Erfolg solcher Beziehungsschieflagen wäre ein geringes Selbstwertgefühl beider Parteien. Sollte die Frau am Rettersyndrom leiden, kann sie mit einem Narzissten lange über die Beziehungsrunden kommen. Ob beide dabei glücklich sind, ist zu bezweifeln.

Die weltweite Koryphäe für Narzissmusforschung, der 1938 aus Wien in die USA emigrierte Otto A. Kernberg, beobachtet häufig, dass Narzissten und Masochisten sich ideal ergänzen. Meistens würden die Frauen letztere Position bekleiden: "In Beziehungsdingen neigen Frauen mehr zu Masochismus als Männer, in der Arbeitswelt ist es umgekehrt." Im Gegensatz zur landläufigen Meinung sind Narzissten zutiefst verunsicherte Menschen, die "durch den Glauben an die eigene Großartigkeit ein schwer gespaltenes Selbst ausgleichen müssen und ständig Bewunderung suchen", so Otto Kernberg in einem profil-Interview.

Der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, lebte in seiner eigenen Ehe mit seiner Frau Martha (geborene Bernays) ein ähnliches Rollenkonzept. Nach den Geburten der gemeinsamen sechs Kinder nannte er sie nur mehr "Mutter" und reiste allein durch die Welt. Frau Freud war darauf beschränkt, alle Alltagsprobleme von "unserem teuren Oberhaupt", wie sie ihn in Briefen nannte, abzuwenden. Die überbordende Liebe seiner Mutter Amalia zu ihrem Erstgeborenen (sie nannte ihn "Sigi, mein Gold") legte die Wurzel für Freuds Narzissmus. Die Übermutter projizierte all ihre Sehnsüchte und unerfüllten Hoffnungen in den Sohn und versuchte damit, ihre glücklose Ehe mit dem viel älteren und bald bankrotten Wollhändler Jakob Freud zu kompensieren.

Freuds Ödypus-Komplex

Im Zuge seiner Selbstanalyse schrieb Sigmund Freud 1897 an den HNO-Arzt Wilhelm Fließ von einem Erlebnis, das er im Alter von vier Jahren hatte: "Meine Libido ad matrem ist erwacht, und zwar aus Anlass der Reise mit ihr von Leipzig nach Wien, auf welcher (...) die Gelegenheit, sie nudam zu sehen, vorgefallen sein muss." Die Weichen für den Ödipus-Komplex, den er in "Totem und Tabu" 1913 benennt, sind gestellt. Dass alle Knaben in ihrer phallischen Phase unbewusst ihre Mütter sexuell begehren, ist seit Langem, ebenso wie der Penisneid und die Triebtheorie, heftig umstritten.

Dass hingegen das Mutter-Sohn-Verhältnis für dessen späteres Beziehungsleben so prägend wie nichts anderes ist, gilt inzwischen als Faktum. Prinzipiell verlangen Frauen von ihren Töchtern mehr als von ihren Söhnen. "Die Empirie bestätigt das", erklärt die französische Psychoanalytikerin Christiane Olivier in ihrem Buch "Jokastes Kinder"."Weibliche Kinder werden in der Regel früher abgestillt, sie werden früher den Reinlichkeitsdressuren unterworfen und lernen früher sprechen." Mütter würden auch, so der Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier, "ihre Söhne weit mehr verwöhnen, manche erziehen sie zu regelrechten Trotteln und machen völlige Egomanen aus ihnen".

Bei Alleinerzieherinnen könne man auch beobachten, dass sie ihren Sohn oft als Partnerersatz und Mann im Haus missinterpretieren.

Dass diese Söhne als Erwachsene bei jenen Frauen Zuflucht suchen, die dieses Verwöhnprogramm weiterführen und mutterngleich ihren Partner adorieren, entbehrt dann nicht einer gewissen Logik. "Er ist ein Genie, ein Schriftsteller und ein Philosoph", ließ die heute 63-jährige achtfache Großmutter Brigitte Macron wissen, als sie nach den Vorzügen ihres (um 24 Jahre jüngeren) Emmanuel gefragt wurde. Wenn sie heute an seiner Seite als Frankreichs "première dame" über die roten Teppiche dieser Welt stöckelt, wird man noch immer nicht den absurden Eindruck los, dass Frankreichs mächtigster Mann ein Primaner ist, der von seiner ehrgeizigen Lehrerin zu Höchstleistungen angetrieben und manchmal dabei auch gemaßregelt wird.