© M. DONATO/FC BAYERN VIA GETTY IMAGES

Fußball
03/05/2021

David Alaba: Göttlicher Goldjunge

David Alaba ist die Lichtgestalt des heimischen Fußballs - und trotzdem unzufrieden. Nun verlässt er auch noch Bayern München. Übertreibt es der Wunderknabe?

von Gerald Gossmann

Es gibt mehrere David Alabas: den klassischen Kicker, der in Interviews einsilbig Floskeln drischt. Den humorvollen Alaba, der beim Gustieren in der Speisekarte keck fragt: "Was, es gibt kein goldenes Steak?" Den schüchternen Alaba, der vor wengen Tagen mit zittriger Stimme seinen Abschied vom FC Bayern München verkündete. Und den Alaba auf Instagram - so wie er sich selbst gerne sieht: in auffälliger Mode, beim Feiern mit US-Rappern, auf extravaganten Kostümpartys, auf der Pariser Fashion Week, am Piano. Alaba ist Fußballer - aber in seinem Bling-Bling-Kosmos vor allem auch Stilikone, Popstar, Mann von Welt.


Ursprünglich war Alaba Vorreiter einer neuen Generation österreichischer Fußballer. Ein pausbäckiger Bub, der sich in der Schlangengrube des Weltklubs Bayern München durchzusetzen wusste. Alaba brachte eine Riesenportion Glamour in den heimischen Kick, der lange von ängstlichen Männern geprägt war. Seit seinen ersten Auftritten in der Nationalmannschaft 2009 war er der Bussi-Bär der Nation. Ein höflicher junger Mann, dem im Gegensatz zum flegelhaften Marko Arnautović die Herzen zuflogen.

Vom Bussi-Bär zum Buhmann

Heute ist Alaba 28 und hat alles gewonnen: Champions League, Weltpokal, neun Meistertitel - dazu hat er sich mit Österreich für zwei Europameisterschaften qualifiziert. Er wurde sieben Mal zu Österreichs Fußballer des Jahres gekürt, zwei Mal zum Sportler des Jahres. Das ist weder Hans Krankl noch Herbert Prohaska gelungen. Umso erstaunlicher, dass der Bussi-Bär zum Buhmann wurde.

Dafür gibt es Gründe: Im Nationalteam wollte Alaba lieber als Mittelfeld-Regisseur geigen, anstatt auf seiner Stammposition die linke Abwehrseite auf und ab zu wuseln. Und ausgerechnet während der Corona-Krise setzte er seinen Bayern das Messer an, verlangte einen "wertschätzenden" Umgang; sprich: eine millionenschwere Gehaltserhöhung. Ist der erfolgreichste österreichische Fußballer aller Zeiten größenwahnsinnig geworden?

Die Lichtgestalt ist in der persönlichen Begegnung ein zurückhaltender Mann, der wenig sagt, aber auffällig nett lächelt. Marko Arnautović schwärmt bei Laune von Silikonbrüsten und verrät Jugendsünden, Marc Janko wird tiefgründig. Alaba neigt zu keinem von beiden. Größere Exklusivinterviews verweigert er seit Längerem. Eine 20-minütige Online-Pressekonferenz vor wenigen Tagen musste ausreichen, um das Wichtigste zu klären: Er sei Bayern "dankbar für alles", suche aber nun "eine neue Herausforderung". Deutlich wurde dabei auch: Alaba ist eine Nummer zu groß geworden, um mal eben locker in die Runde zu plaudern.

Er ist der Goldesel unter den heimischen Sportgrößen, verfügt über lukrative Werbeverträge mit adidas und Coca-Cola. Sein Verdienst wurde zuletzt auf 1,25 Millionen Euro geschätzt - pro Monat. Acht Millionen Menschen folgen ihm allein auf Facebook (Tennis-Superstar Dominic Thiem kommt bloß auf 384.000). Er besitzt luxuriöse Immobilien in Kitzbühel, Wien und München. Sein Marktwert beträgt 55 Millionen Euro.

Dabei hat alles klein begonnen - in der Wiener Vorstadt beim SV Aspern. Mit elf wechselte Alaba zur Wiener Austria, mit 16 zum FC Bayern, wo er vom Nesthäkchen zum Weltklassespieler aufstieg. Alaba trat in Lederhose auf, aß Weißwürste, stemmte Bierkrüge. Alaba und Bayern, das war wie Peter Alexander und "Schnurrdiburr" - am Ende aber mehr wie Rainhard und Andrea Fendrich. Der Rosenkrieg wurde nach 13 gemeinsamen Jahren öffentlich ausgefochten. Alabas Scheidungsanwalt heißt Pini Zahavi, 77, israelischer Spielervermittler, der von Bayern-Ehrenpräsident Uli Hoeneß als "geldgieriger Piranha" bezeichnet wurde. Zahavi half dem russischen Oligarchen Roman Abramowitsch bei der Übernahme des FC Chelsea und wickelte den 222-Millionen-Rekordtransfer von Neymar Jr. zu Paris Saint-Germain ab. Seit einem Jahr ist er für Alaba tätig. Zahavi ist kein klassischer Berater, sondern gilt als brutaler Verhandler. Einer, den man für den großen Coup holt.

Wochenlang zierte Alabas Transferpoker Titelseiten. Die Bayern versuchten, Alaba geldgierig aussehen zu lassen. Alaba warf den Bayern Respektlosigkeit vor. "Noch vor Corona" sei ihm ein Vertrag vorgelegt worden, "wo mir die Anerkennung und Wertschätzung wirklich nicht gegeben wurde", kritisierte er. Alaba, so wird gemunkelt, wollte verdienen, was die Besten in seiner Mannschaft verdienen. In den Sportgazetten geisterten absurde Zahlen umher: Alaba soll 20 Millionen Jahresgehalt gefordert, sein Klub nur 17 Millionen (inklusive Prämien) geboten haben. Die Bayern betonten, an die finanzielle Schmerzgrenze gegangen zu sein - und zogen das Angebot zurück. Nun kann der Goldjunge gar ablösefrei wechseln. Die Millionen, die normalerweise der FC Bayern kassiert hätte, werden wohl in Alabas Taschen landen.

Alabas Beliebtheit speist sich aus seiner bubenhaften Unschuld. Harte Gagenverhandlungen passen da nicht ins Bild. In der Öffentlichkeit tritt er als gläubiger Mann auf, der T-Shirts mit der Aufschrift "Meine Kraft liegt in Jesus" trägt und im Geiste der Siebenten-Tags-Adventisten aufwuchs, einer bibeltreuen protestantischen Freikirche. In Internetforen ergießt sich nun viel Spott. Seine Kraft läge "im Euro", heißt es da.

Das Bling-Bling-Gen

Alabas engstes Beratergremium besteht aus seinem Vater, dem gebürtigen Nigerianer George, seiner philippinischen Mutter Gina und seiner zwei Jahre jüngeren Schwester Rosemaie. Davids Eltern beteten mit ihren Kindern, lasen in der Bibel, achteten in der Erziehung auf Disziplin und Werte wie Respekt. Auch ein Bling-Bling-Gen wurde offenbar vererbt. Vater George machte in den 1990er-jahren mit dem Dance-Pop-Duo "Two in one" Karriere und landete auf Platz zwei der österreichischen Hitparade. Mutter Gina, eine Krankenschwester, gewann in den 1980er-Jahren den "Miss Philippines-Austria-Schönheitscontest". Auch seine Schwester schaffte es unter dem Namen Rose May Alaba bereits als Sängerin in die Charts. Mutter Gina hat ihren Job in einem Pflegeheim längst quittiert, Vater George ist hauptberuflich Manager seines Sohnes. "Den Ehrgeiz und den großen Willen" habe David von ihm, erzählte er einst stolz. "Nur wer groß träumt, hat eine riesige Perspektive", sagt David selbst.

Träume werden bei den Alabas zumeist Realität. Real Madrid, Barcelona, Manchester City, Paris SG - die renommiertesten Klubs der Welt wollen den 28-Jährigen offenbar verpflichten. Alaba zählt zu den besten Verteidigern der Welt. Seit Jahren aber betont er, "dass ich meine Zukunft im Mittelfeld sehe". Noch vor fünf Jahren zeigte er sich gegenüber profil "davon überzeugt", in München zum Mittelfeldspieler aufzusteigen. Vater Alaba sei deshalb immer wieder bei den Bayern-Bossen vorstellig geworden, um einen Mittelfeldplatz zu fordern, schreibt die gut informierte deutsche "Sport Bild". Verteidiger gelten im Fußballgeschäft als Backgroundtänzer, haben weniger Fans und verdienen schlechter. Die Stars heißen Cristiano Ronaldo, Messi, Mbappé - allesamt Offensivkünstler. Beim SV Aspern soll der kleine Alaba in einer Saison 90 Tore erzielt haben. Bei der Wiener Austria wurde er als Mittelfeldspieler ausgebildet, bei den Bayern zuletzt von seiner Defensivposition links außen in die Innenverteidigung versetzt und zum Abwehrchef ernannt.

Nur Marcel Koller erhörte als Teamchef Alabas Wünsche; seine Leistungen im Mittelfeld konnten jedoch nicht mit den Weltklasse-Darbietungen in der Abwehr mithalten. Er sei als Mittelfeldspieler "nur internationale Klasse", hingegen als Linksverteidiger "Weltklasse", urteilt ein langjähriger Teamkollege im Gespräch mit profil. In den Medien kursierten Erpressungsgerüchte: Alaba komme nur zum Team, wenn er im Mittelfeld randürfe, hieß es. Koller und Alaba dementierten, doch ein Video unterfütterte das Gerücht. Im Spiel gegen Irland 2017 erweckten TV-Bilder den Anschein, als widersetze sich Alaba der Teamchef-Weisung, in die Verteidigung zu rücken. "David hat das verweigert und ist im Mittelfeld geblieben", unkte Ex-Kollege Paul Scharner. Nach der verpatzten Europameisterschaft kippte die Stimmung im Land gegen Alaba. Die Öffentlichkeit kritisierte, dass er sich nicht in den Dienst der Mannschaft stelle. Die Bank Austria tauschte wenig später ihr Werbegesicht: Statt Alaba strahlt seither Tennis-Profi Dominic Thiem von den Plakaten.

Alaba hatte mit 23 bereits alles gewonnen und war von Trainer-Guru Pep Guardiola gar als "Gott" bezeichnet worden. Kurz vor der EM 2016 bemerkten Mitspieler seine Sonderstellung. Er sei zwar weiterhin höflich gewesen, aber merklich selbstbewusster. Während die Spieler auf Busfahrten üblicherweise mit Kopfhörern ihrer Musik lauschten, tauchte Alaba mit dröhnendem Gettoblaster auf. "Wir haben geschrien: Dreh das leiser", erzählt ein damaliger Teamkollege, "aber er hat sein Ding durchgezogen."

Die erwartete Führungsrolle nahm er dagegen nicht ein. Er ist zwar Teil des Mannschaftsrates, "hat aber so gut wie nie etwas gesagt". Auch auf dem Feld macht seine An- oder Abwesenheit oft keinen Unterschied: Von den 16 Pflicht-Länderspielen, die Alaba bislang verpasst hat, wurden zehn gewonnen und nur vier verloren. Kommentatoren und Reporter kritisieren das einstige Liebkind ungewohnt heftig. "Krone"-Kolumnist Michael Jeannée attestierte ihm nach der EM "peinliches Herumgestolpere im Mittelfeld", bezeichnete ihn gar als "saudumm". Kurz davor hatte Alaba noch im Kreise heimischer Reporter mit seinem deutschen Pressemann gescherzt, dass er von jenen nichts zu befürchten habe, "die kommen ja von mir daham". Nun merkte er, dass dem nicht mehr so ist, und zog sich gegenüber Journalisten zurück.

Werbebotschaft "Alle wollen Alaba"

Was Alaba heute zu sagen hat, teilt er einem Millionenpublikum über seine Social-Media-Kanäle mit. Seine Zukunftsplanung kann ohnehin in Echtzeit mitverfolgt werden. Real Madrid würde 110 Millionen brutto für einen Fünf-Jahres-Vertrag bieten, schrieb die spanische "As" zuletzt. Die "Marca" vermeldete den Transfer gar als fix. Vater Alaba dementierte sofort; es gäbe "viele Interessenten". Der Transferpoker ist zu einer unbezahlten XXL-Werbeeinschaltung geworden. Von der Botschaft "Alle wollen Alaba" profitiert der Spieler, der auch ein Markenunternehmen ist und sein eigenes Modelabel samt Online-Shop betreibt.

In München wurde Alaba lange geliebt, stieg innerhalb der Mannschaft sogar "zum absoluten Boss" auf, wie Ex-Kollege Sandro Wagner erzählt, und räumte in den letzten Monaten weltweit alle Titel ab.

Der Österreicher pflegt traditionell ein zwiespältiges Verhältnis zu seinen Fußball-Helden: Toni Polster wurde als dummer August abgestempelt, Marc Janko als arrogant, Alaba als geldgeil. Andererseits: Welchem heimischen Fußballer wurde schon jemals von den weltbesten Klubs der Hof gemacht? "David kann sich aussuchen, zu welchem Topverein er geht", betont der Spielerberater Max Hagmayr gegenüber profil: "Und dann geht es nun mal nur ums Geld und die Vertragsdauer." Und offenbar weiterhin um den ersehnten Mittelfeldplatz. Wie "Le Parisien" berichtet, soll Alaba einem "konkreten Angebot von Paris SG" eine Bedingung hinzugefügt haben: Er will im Mittelfeld spielen. Dabei würde sich Alabas Mittelfeld-Traum dank der Marktlogik wohl ohnehin in Wohlgefallen auflösen: Das Spiel als Innenverteidiger verlangt weniger Laufarbeit, was im Alter den körperlichen Verschleiß minimiert und noch einen Millionenvertrag nach dem Millionenvertrag ermöglichen könnte.

Bei aller Häme, die Alaba zuletzt abbekam: Er liefert keine Skandale, gibt auf dem Feld immer 100 Prozent; wer ihn länger kennt, beschreibt ihn als bodenständig, familiär und korrekt. Dass die harten Vertragsverhandlungen öffentlich wurden, passte den Alabas naturgemäß nicht ins Bild. Ein Atout bleibt in jedem Fall: Vor laufenden Kameras versteht er das Scheinwerferlicht perfekt zu nützen. Wie beim Champions-League-Finale vor wenigen Monaten zwischen Bayern München und Paris SG. Alaba ging nicht nur als Sieger vom Platz, sondern tröstete eng umschlungen den weinenden brasilianischen Weltstar Neymar Jr. Die beiden zierten tags darauf weltweit die Titelblätter. Mehr geht nicht: Alaba als gütiger Gewinner groß im Bild - also genau so, wie man ihn im Familienunternehmen am liebsten präsentiert: als göttlichen Goldjungen.

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