Deafheaven-Sänger George Clarke: „Das Leben ist nicht schwarz-weiߓ

Deafheaven-Sänger George Clarke: „Das Leben ist nicht schwarz-weiߓ

George Clarke (Foto links), Sänger der San Francisco Post-Metal-Band Deafheaven, über das Prekariat eines Musikers, falsche Lebensentscheidungen und die Frage, wie man menschliche Emotionen vertonen kann.

Interview: Philip Dulle

profil online: Ihr 2013 veröffentlichtes Album „Sunbather“ wurde nicht nur von Kritikern gefeiert, sondern entwickelte sich zu einem regelrechten Hype. Wie hat sich der Erfolg auf die Band ausgewirkt?
George Clarke: In den letzten Monaten ist viel passiert. Vor allem finanziell hat sich die Lage entspannt, wir können mittlerweile von der Musik leben. Wir spielen aktuell unsere erste Headliner-Tournee in Europa, treten auf größeren Festivals auf, geben ständig Interviews.

profil online: Früher mussten Sie nebenher noch jobben?
Clarke: So eine Tournee kostet viel Geld. Wir waren unterwegs, haben irgendwelche Jobs gemacht und sind dann wieder ins Studio gegangen. So ging das jahrelang. De facto haben wir mit der Musik nichts verdient.

profil online: War der Schritt von einer Underground-Band aus San Francisco zu einer Szenegröße ein bewusster?
Clarke: Ich glaube nicht, dass man Erfolg oder Misserfolg bewusst steuern kann. Man hofft natürlich, dass sich ein Album gut verkaufen wird. Das Ziel ist aber, als Band, als Musiker und Sänger immer besser zu werden. „Sunbather“ ist sicher nicht unser Opus magnum.

profil online: Ist der Druck mit dem Erfolg auch größer geworden?
Clarke: Druck gibt es immer. Das letzte Jahr war aber so intensiv, dass es kaum etwas gibt, das mich aus der Ruhe bringen könnte. Auch die unterschiedlichen Meinungen über unsere Musik prallen mittlerweile an mir ab. Wenn wir als Band mit unserer Musik glücklich sind, ist das das einzige, was zählt.

profil online: Würden Sie die Musik von Deafheaven noch als Metal bezeichnen?
Clarke: Vielleicht ist es ein neues Genre, das sich Elemente aus verschiedenen Richtungen nimmt und einfach „extreme Musik“ macht. Klar, da gibt es die Black-Metal-Einflüsse – ich persönlich bezeichne Deafheaven aber einfach als Metal-Band. Wir zerbrechen uns aber auch nicht den Kopf darüber.

profil online: Deafheaven spielt mit den Insignien des Black Metal, ist stark von der skandinavischen Szene beeinflusst, konterkariert die extreme Musik mit einem pinken Cover. Ecken Sie da bewusst an?
Clarke: Das sagen viele Leute. Das Cover passt einfach perfekt zum leuchtenden und durchaus überbordenden Sound der Platte. Stellen Sie sich einfach vor, Sie starren mit geschlossenen Augen in die Sonne. Dann haben Sie genau diese Farbe vor Augen. Genau das wollte ich damit erreichen.

profil online: Auch die Musik und die Texte changieren sehr stark zwischen dunklen Themen und euphorischen Geschichten. Setzen Sie bewusst auf diesen Gegensatz?
Clarke: Unser Ziel war es, das ganze Spektrum menschlicher Emotionen abzubilden. Das Leben ist eben nicht nur schwarz-weiß. Es gibt so viele Nuancen dazwischen, die man kaum in Worte fassen kann. Mit der Musik – mit all ihren Höhen und Tiefen – gelingt das aber ganz gut.

profil online: Sie veröffentlichen die Texte online bevor man die Songs hören kann. Spielen Sie mit den Erwartungen Ihrer Fans?
Clarke: Ja, zum Teil. Wir veröffentlichen ja auch das Albumcover schon vor der eigentlichen Platte. Das bringt eine gewisse Dynamik in die Veröffentlichung. Außerdem war ich immer jemand, der sich stundenlang in die Texte anderer Bands vertiefen konnte. Wenn dann noch die Musik ins Spiel kommt, vervollständigt sich das Puzzle zu einem einheitlichen Bild.

profil online: Ein wiederkehrendes Sujet in Ihren Texten ist Wohlstand – der Unterschied zwischen Arm und Reich, sowie die Frage nach Gerechtigkeit. Schreiben Sie hier von persönlichen Erfahrungen?
Clarke: Es gibt einige sehr persönliche Details auf dem Album. Sehr viel dreht sich um Eifersucht, Vermögen und Dinge, die man sich nicht leisten kann. Aber natürlich auch um Entscheidungen im Leben, die vielleicht die falschen waren.

profil online: Bereuen Sie gewissen Entscheidungen?
Clarke: Ich war ziemlich am Boden. Ich hatte eine Zeit lang keine richtige Unterkunft, habe die Schule viel zu früh geschmissen. Aber da war immer dieser Drang, die Musik in den Mittelpunkt zu stellen und in weiterer Folge auch davon leben zu können.

George Clarke, 25
bildet zusammen mit Gitarrist Kerry McCoy das Kreativzentrum der Band Deafheaven. Ihr zweites, 2013 erschienenes Album „Sunbather“ wurde von unterschiedlichen Musikkritikern und Magazinen unter die Top-Alben des Jahres gewählt.