Die Wiederentdeckung der Wiener Malerin Martha Jungwirth

Die Wiederentdeckung der Wiener Malerin Martha Jungwirth

Seit über fünf Jahrzehnten schafft Martha Jungwirth aufregende Kunst. Jetzt wird das Werk der heiteren Wiener Individualistin endlich gewürdigt.

Martha Jungwirth ist ungehalten. „Wos woins?“, bellt sie ins Handy. Zum dritten Mal an diesem Vormittag hat das Telefon geläutet, jetzt hebt Jungwirth es endlich ab. Ihr Handyanbieter will sie in ein Verkaufsgespräch verwickeln. „I hob jetzt ka Zeit!“ Gespräch beendet.

Mit übertriebener Höflichkeit hält sich die Malerin gar nicht lang auf, und sie nimmt auch kein Blatt vor den Mund, wenn sie in ihrem Wiener Atelier Auskunft über Kunst und Leben gibt. Die Wiener Museen? Langweilig. Frauenpower? Ein ausgelutschter, dummer Begriff. Die Tatsache, dass ihr Werk erst jetzt, als sie ihren 74. Geburtstag bereits überschritten hat, in einer groß angelegten Überblicksschau in Krems präsentiert wird? Kopfschütteln. „Ich bin schon der Meinung, dass ich übersehen wurde“, sagt Jungwirth.

Damit hat die gebürtige Wienerin zweifelsohne recht. Eine große Einzelausstellung, die ihr Œuvre von der Frühzeit bis heute beleuchtet, hätte sie längst verdient gehabt. Ihre Gemälde und Aquarelle, die den Raum zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit vermessen, zählen zum Aufregendsten, was die heimische Malerei zu bieten hat. Die Faszination dieses Werks erschließt sich erst richtig vor dem Original; Reproduktionen spiegeln nur ansatzweise die Faszination ihrer Farbexperimente wider. Der Bann von Jungwirths Malerei entfaltet sich am besten im Ausstellungsraum.
In Österreich und im Ausland war in den vergangenen Jahrzehnten wenig davon zu sehen – hier als Schau in einer wenig bedeutenden Galerie, dort als Ausstellungsbeteiligung in einem kleinen Museum. Mit Glück stieß man auch in größeren Privatsammlungen auf ihre Gemälde, etwa in der Kärntner Sammlung Liaunig und, immer wieder, im Klosterneuburger Essl Museum.
In dem Haus, dessen Zukunft derzeit mehr als ungewiss ist, entdeckte vor vier Jahren der prominente und bestens vernetzte Maler Albert Oehlen Jungwirths Arbeiten. Der Deutsche wurde damals gebeten, eine Ausstellung aus den Beständen der Essls zu kuratieren. Martha Jungwirths großformatigen Malereien widmete er einen ganzen Saal. Oehlen zeigte sich bereits damals verwundert über den geringen Bekanntheitsgrad der Künstlerin, schließlich, gab er zu Protokoll, rage deren Werk „qualitativ deutlich heraus“.

Späte Euphorie
Immerhin: Seit dem Vorjahr wird die Malerei-Doyenne endlich halbwegs gebührend gewürdigt. Sie stellte 2013 in der renommierten Wiener Galerie Ulysses aus, die Berliner Galerie Cinzia Friedlaender zeigte Jungwirth, in international renommierten Blättern wie der deutschsprachigen Ausgabe des britischen Kunstmagazins „Frieze“ und dem US-amerikanischen „Artforum“, der weltweit wohl bedeutendsten Fachzeitschrift, wurde ihre Arbeit euphorisch besprochen.

Und nun die Kremser Soloshow. Ist die Malerin vom späten Hype gar beeindruckt? „Werden wir ja sehen, lassen wir uns überraschen“, kontert Jungwirth lapidar. Sie amüsiert sich sichtlich über den neu gewonnenen Grad an Bekanntheit. „Mit Albert Oehlen hat mich jemand ausgestellt, der selbst erfolgreich ist, den alle kennen. Das spielt eine große Rolle. Mich grüßen jetzt Leute, die das früher nicht getan haben. Das ist kein Witz!“ Ihre tiefrot geschminkten Lippen formen sich zu einem dröhnenden, wenig damenhaften Lachen, das tief aus dem Bauch zu kommen scheint, den ganzen Körper erfasst. Es steht in auffälligem Kontrast zu Jungwirths eleganter, distinguierter Erscheinung: schlichte schwarze Hose, weiße ­Bluse, stylisher Silberschmuck, schwarze Brille. Ein Habitus, zu dem Burgtheaterdeutsch passen würde. Doch Jungwirth spricht eisern Wiener Dialekt, ohne die Standardsprache zu streifen. Im Kunstbetrieb besitzt die Mundart längst Seltenheitswert.

Selbst ihr Spitzname wurzelt in einem Dialektausdruck. Die Geschichte, wie Jungwirth zu diesem Namen kam, erzählt viel über die Künstlerin. Mit ihrem ehemaligen Ehemann, dem legendären, 1990 verstorbenen Museumsdirektor Alfred Schmeller, war Jungwirth Dauergast vieler Ausstellungen. Vor Bildern großer Meister rief Jungwirth: „Des mol i a no!“ Das male ich auch noch. Schmeller verpasste seiner Frau darauf den Namen „Rosita Desmoliano“. Ein Scherz, eine Liebeserklärung. „Natürlich habe ich die Sachen dann nicht so gemalt“, erinnert sich Jungwirth. „Aber von der Qualität her hätte ich das gekonnt. Ich bin vielen Dingen damals ohne Ehrfurcht gegenübergetreten.“

Bereits im Kindesalter war ihr klar, dass sie Malerin werden wollte. Mit 16 begann sie das Studium an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien, Ausstellungsbeteiligungen in der Secession und Personalen in Galerien folgten. 1968 hatte sie ihren ersten großen Auftritt. Damals gestaltete der Kunsthistoriker Otto Breicha eine Schau in der Secession mit dem Titel „Wirklichkeiten“, bei der neben Jungwirth auch Franz Ringel, Peter Pongratz, Kurt Kocherscheidt dabei waren, Künstler, die eine andere, neue Malerei zu etablieren versuchten.

Später wurden die „Wirklichkeiten“ gern als Künstlergruppe wahrgenommen – eine Verkürzung, die nicht der Realität entsprach. „Es ging in der Ausstellung um die verschiedenen Wirklichkeiten“, sagt Jungwirth: „Darum, wie jeder die Welt wahrnimmt – nicht darum, dass alle an einem Strang ziehen.“ Ihre Beteiligung an dieser längst im Kanon heimischer Kunstgeschichte verankerten Schau sieht sie emotionslos: „Der Breicha kannte meine Arbeiten, und er hat mich eben dazugenommen zu den Buben.“

Kasseler documenta als Beschleuniger
Damals, in den 1960er-Jahren, malte sie abstrakte Aquarelle, schichtete Flecken in Grün-, Gelb- und Blautönen übereinander. Später folgten die Serien „Aus meiner schwarzen Küche“ und „Indesit“, Letztere benannt nach einem Hersteller für Haushaltsgeräte: Feine zeichnerische Gebilde schweben darauf im Bildraum, lassen gegenständliche Quellen erahnen, eröffnen weite Interpretationsräume. „Was eben noch wie ein Dosenöffner wirkt, sieht im nächsten Moment wie ein schwarzer Hoden auf Beinen aus“, beschrieb der Kunstkritiker und Kurator Jörg Heiser eine der Arbeiten aus Jungwirths Küchenserie. In anderen Werken verschmelzen weibliche Figuren mit Boliden, verdichten sich schwungvolle Linien zu Gestrüppen und Knäueln. Spätestens ab 1977 nahm Jungwirths Karriere Fahrt auf, als sie zur Kasseler documenta eingeladen wurde, einem der wichtigsten internationalen Kunstfestivals. Ihre Malerei entwickelte sich bald ungestümer, die Farben wurden kräftiger.

Dennoch geriet der öffentlichkeitswirksame Höhenflug ins Stocken. Die Wiener Szene nahm die Künstlerin häufig bloß als Direktorengattin wahr, die dazu noch ein wenig malt. Nach dem Tod ihres Ehemanns konnte Jungwirth nicht an ihre frühen Erfolge anschließen.

Ihre eigenen Kunstwerke, die sie heute noch besitzt, sind in Jungwirths Wohnung und in ihrem nicht gerade ausladenden Atelier im vierten Wiener Gemeindebezirk verstaut, einem Erdgeschosslokal, das in Rot und Violett flirrt. Die Farben dominieren den Raum, von den halb ausgedrückten Farbtuben, die auf großen Tischen liegen, über Kartons mit Klecksen auf dem Boden bis zu den Papierarbeiten, die an den Wänden hängen. In einem Halbkreis auf dem Boden reihen sich Pinsel jeglicher Form und Größe, in einem Verschlag stapeln sich Leinwände und gerahmte Papierarbeiten aus fünf Dekaden. „Ich frette mich halt so durch“, sagt Jungwirth: „Ich würde gern mehr Geld verdienen, dann könnte ich mir ein Riesenatelier leisten – wie Georg Baselitz!“ Sie breitet die Arme aus, um die schier unendliche Weite eines derartigen Luxusstudios anzudeuten. Auf Großmaler Baselitz ist Jungwirth sonst nicht gut zu sprechen. Baselitz behauptete 2013 in einem Interview mit zwei Journalistinnen des deutschen Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ allen Ernstes, Frauen malten einfach nicht so gut wie Männer; sie seien „zu wenig brutal“, sie zögerten, ihre künstlerischen Vorgänger zu zerstören. „Der Baselitz“, sagt Martha Jungwirth, „soll vorsichtiger sein, der kann’s ja schon selbst bald nicht mehr, das Malen.“

„Ich male mit dem ganzen Körper“
Ein größer dimensioniertes Atelier könnte Jungwirth tatsächlich gebrauchen. Ihre Art zu arbeiten muss man sich raumgreifend vorstellen. „Ich male mit dem ganzen Körper, ich gehe um das Bild, ich habe keine Standfläche und keinen Fluchtpunkt, ich male am Tisch, am Boden, und meistens gleichzeitig an verschiedenen Sachen.“ Ihre freizügigen, manchmal auch schroffen Gesten orchestrieren ihren Arbeitsstil; im Gespräch scheint sie ihre Arme immer wieder von sich zu schleudern. Sie kommentiert die Entstehung eines neuen Bildes, einer abstrakten Komposition aus pastosen Flecken, die sich verdichten, dann wieder in losere Gebilde aus Linien übergehen – dabei tanzen ihre Hände geradezu über das Gemälde. „Man sieht hier, was im Lauf des Malprozesses passiert. Da figuriert sich etwas, dort kommen ein paar Flecken dazu, da wird es dichter. Nichts ist gesäubert oder geschönt.“ 1988 verfasste sie einen poetischen Text über ihre Malweise („der affe in mir“). Darin forderte sie von sich selbst: „nicht denken beim malen.“ Den Anspruch könne sie bis heute nicht immer einlösen. „Mein ästhetisches Prinzip habe ich schon vorher im Kopf. Dieses auf Papier zu bringen, das ist ja oft ein weiter Weg.“ Aber: „In Trance kumm i net!“

Sie hält einen konsequenten Arbeitsrhythmus ein. Am Vormittag geht sie ins Atelier, dann eine Mittagspause, am Nachmittag kommt sie noch einmal ins Studio, („in die Arbeit“, wie sie sagt), zumindest, wenn sie nicht zu müde dafür ist.

Würde sie nicht ab und zu selbst darauf hinweisen, man vergäße im Gespräch mit Martha Jungwirth leicht ihr biologisches Alter. Ihre 74 Jahre sieht man ihr nicht an, sie ginge ebenso als 60-Jährige durch. Es klingt mehr als kokett, wenn sie die Vergangenheitsform wählt: „Ich war ja einmal fesch.“ Tatsächlich „zu alt“ fühle sie sich nur, um in fernen Ländern am Straßenrand zu sitzen, um dann Skizzen und Gemälde zu fertigen, im Gegensatz zu früher. In Kambodscha, Thailand und im Jemen machte sie Rast mit Zeichenblock am Wegesrand, ebenso in einem griechischen Hafen. Amüsiert erinnert sie sich: „Die Leute in dem Hafen waren recht primitiv, sie schrien unentwegt: ,Malaka, Malaka!‘ Das heißt ‚Wichser‘! Einmal ging einer vorbei und schaute mir beim Malen zu. Sagte der doch glatt zu mir: ,Malakia!’ Wichserin! Ein nettes Volk!“ Jungwirth wiederholt das Wort, den Kopf im Nacken vor Lachen. „Wichserin!“ Deftige Worte scheut sie nicht. Sich selbst bezeichnet sie als „Malschwein“, das sich gern in Farben suhle.
Eine solch unfeine Eigendefinition vermag die tatsächliche Sensibilität, das Seismografische ihrer Malerei freilich nicht zu untergraben. Ihre Inspiration bezog sie zeit ihres Lebens nicht nur aus Reisen, sondern auch aus der Kunstgeschichte. Die Fotos neben der Ateliertür erzählen davon: das Gemälde „Die Schwestern Fey“ des Expressionisten Richard Gerstl, („Die zwei Frauen sitzen da wie zwei ganz böse, blöde Eulen“), Fotos von befleckten Häuserwänden („Wandschmierereien haben oft eine unglaubliche, ganz unbewusste malerische Qualität“) und einem angerosteten Poller („ein wunderbares Eisentrumm, schaut aus wie ein Torso“). Die visuellen Eindrücke blieben in ihrem „Netz hängen wie ein Gedankenfisch“, sagt Jungwirth, die auch im Sprechen eine Ader für das Poetische hat.

Sie streift durch das Atelier, stöbert im Archiv. Verschiebt Gemälde. Irgendwann, gegen Ende des Besuchs, spricht sie über ihre Präsenz am Kunstmarkt. Im gespielten Ton der Bedeutsamkeit sagt sie: „Von mir kaufen die Leute gern.“ Kunstpause. „Wenn’s wenig kostet!“ Und weiter, heiter: „Aber wenn jetzt der große Hype kommt, dann werde ich reich!“ Und sie lacht, herzlich, laut, dröhnend. Alles andere als damenhaft.

Martha Jungwirth. ­Retrospektive.
Eröffnung: Samstag, 12. Juli, um 18 Uhr, zeitgleich mit den Ausstellungen „Gregor Schmoll. Orbis Pictus“ und „Luis Buñuel/Salvador Dalí. Ein andalusischer Hund“.

Alle bis 2. November. Kunsthalle Krems, Franz-Zeller-Platz 3, 3500 Krems

Bild: Florian Rainer für profil