Edward Snowden: Mensch des Jahres 2013

Edward Snowden: Mensch des Jahres 2013

Edward Snowden ist für profil der Mensch des Jahres 2013. Er hat die Existenz eines allumfassenden Überwachungsapparats enthüllt, der unbemerkt alle unsere Daten ausspioniert. Dafür bezahlte der amerikanische Computertechniker mit seiner Existenz.

Bevor der 29-jährige Edward Snowden aus Crofton, Maryland, damit beginnen konnte, die totale Überwachung der Menschheit durch den mächtigsten Geheimdienst der Welt zu enthüllen, musste er noch eine letzte Sicherheitsmaßnahme treffen: Er schaltete sein Mobiltelefon ab, nahm die Batterie heraus und verstaute das Gerät im Kühlschrank der Minibar.

Eine Frau und zwei Männer, die er kurz zuvor eingelassen hatte, sahen sich mit einer Mischung aus Erstaunen und Misstrauen in dem Hotelzimmer um, das der blasse junge Mann zuvor tagelang kaum verlassen hatte. Die Türe war mit Kopfpolstern abgedichtet, am Boden lag Schmutzwäsche verstreut, dazwischen stapelten sich Tabletts mit Essensresten - wer sich so verbarrikadiert, leidet möglicherweise unter Verfolgungswahn.

Aber Snowden war und ist nicht paranoid. Als ehemaliger Geheimdienst-Mitarbeiter wusste er in diesem Moment vielmehr ganz genau, was er tat, und warum: Hinter der Dämmung von Kühlschränken sind Handys nur schwer zu orten und abzuhören. Und genau das würden seine früheren Auftraggeber versuchen, wenn sie herausfinden sollten, was er vorhatte.

Edward Snowden war im Begriff, die ungeheuerliche Geschichte einer Verletzung der Privatsphäre zu erzählen. Sie handelt davon, dass die US-amerikanische National Security Agency (NSA) seit Jahren jegliche elektronisch abgewickelte Kommunikation observiert, abfängt und speichert, auf die sie sich Zugriff verschaffen kann. Und zwar weltweit: Mails und Telefonate, Gespräche via Skype und Unterhaltungen auf Facebook, Postings in User-Foren und Geldüberweisungen per PayPal - persönliche Daten von hunderten Millionen Menschen. Sogar in den Chats von Online-Rollenspielen schnüffeln Agenten, getarnt als virtuelle Charaktere, herum.

Das digitale Schleppnetz wurde unter dem Vorwand der Terrorprävention geknüpft, erfasst aber unterschiedslos alle, ob potenziell gefährlich oder komplett harmlos, bedeutend oder unbekannt, alt oder jung. Bis zum Jahr 2016 wollen die Geheimdienstler nach eigenem Bekunden in der Lage sein, im Bedarfsfall die Daten von "jedermann, jederzeit, überall“ zu beschaffen.

Für all das hatte Snowden als Systemadministrator im Dienst der NSA Beweise gesammelt und anschließend Kontakt zu zwei Publizisten gesucht, die ihm durch ihre Kritik an geheimdienstlicher Überwachung aufgefallen waren: Die Dokumentarfilmerin Laura Poitras und der Blogger Glen Greenwald, der zu diesem Zeitpunkt für die britische Tageszeitung "The Guardian“ arbeitete. Im Mai dieses Jahres war Snowden dann nach Hongkong geflogen und hatte sich dort im Hotel "The Mira“ eingebunkert.

Dort saß er nun Poitras, Greenwald und einem weiteren "Guardian“-Journalisten gegenüber, um ihnen zehntausende Dateien über die Aktivitäten der NSA zugänglich zu machen. Er muss gewusst haben, dass er damit einen Schritt setzen würde, der nicht mehr rückgängig zu machen war - und der ihn auf jeden Fall sein altes Leben, wenn nicht sogar die Freiheit kosten würde.

Er bat seine drei Besucher, nun auch ihre Mobiltelefone auszuschalten, legte die Geräte ebenfalls in den Kühlschrank und schloss die Tür der Minibar.

Dann war er bereit.

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Edward Snowden ist für profil der Mensch des Jahres 2013, und er ist es aus einer ganzen Reihe von guten Gründen.

Dass er vor allem in den Vereinigten Staaten von vielen als Verräter betrachtet wird, ändert nichts an seiner Bedeutung als Whistleblower: Also jemand, der behördliche Missstände anprangert, die andernfalls verborgen geblieben wären.

Snowden hat um den Preis der eigenen Existenz die weltweite, eklatante Missachtung von Persönlichkeitsrechten aufgedeckt - begangen durch die USA und ihren engsten Verbündeten Großbritannien, das mit dem Government Communications Headquarter (GCHQ) über einen Geheimdienst mit ähnlichen Methoden wie die NSA verfügt.

US-Präsident Barack Obama sah sich zum öffentlichen Eingeständnis veranlasst, über das ganze Ausmaß der Umtriebe seiner Agenten nicht informiert gewesen zu sein. Der US-Kongress musste sogar erfahren, dass seine Mitglieder darüber belogen worden waren. Die Erkenntnis, es mit einem Apparat zu tun haben, der zumindest teilweise der staatlichen Kontrolle entglitten war, wird höchstwahrscheinlich dazu führen, dass die Befugnisse der Schnüffler deutlich eingeschränkt werden.

Weitere Enthüllungen sorgten für schwere diplomatische Krisen zwischen den USA und mehreren wichtigen Partnerländern. Dass die NSA unter anderem die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff abgehört hatte, beeinträchtigte das jeweilige bilaterale Verhältnis in einer Art und Weise, deren langfristige Konsequenzen noch nicht abzusehen sind. Selbst auf die Gespräche über ein europäisch-amerikanisches Freihandelsabkommen schlug die Affäre durch, wobei davon auszugehen ist, dass sich die Verhandlungsposition der EU dadurch zunächst einmal verbesserte.

Die Netzgemeinde verdankt Snowden eine Reihe bitterer Einsichten: Das Web existiert längst nicht mehr als jener zutiefst demokratische Raum für freie Kommunikation, der es anfangs war. Und die Sicherheit des Privaten kann es nicht geben, wenn übermächtige Behörden nach Lust und Laune in der Lage sind, jeden Tastendruck und jeden Mausklick zu protokollieren.

Mehr als irgendjemand sonst hat Snowden im vergangenen Jahr ein Bewusstsein für die Verletzlichkeit des virtuellen Lebens geschaffen, das Millionen und Abermillionen von Menschen mit sorgloser Naivität neben ihrem echten führen. Mehr als irgendjemand hat er den seit 9/11 steigenden staatlichen Anspruch, alle bürgerlichen Freiheiten dem Diktat einer immerwährenden Terrorabwehr zu unterwerfen, als autoritäre Anmaßung entlarvt. Und mehr als irgendjemand hat er Anstoß dazu gegeben, das Internet als mittlerweile existenziellen Bereich des Daseins zu hinterfragen und neu zu definieren.

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Die Geschichte von Edward Snowden ist ohne zwei wesentliche Einschnitte in der jüngeren Vergangenheit nicht denkbar: den sagenhaften Aufstieg des Internets und das Trauma von 9/11 mit all seinen Folgen.

Geboren wird Snowden just in jenem Jahr, in dem das Web in seiner heutigen Form zu entstehen beginnt. 1983 entschließt sich das US-Verteidigungsministerium, einen zuvor gemeinsam mit wissenschaftlichen Einrichtungen genutzten Computerverbund zu teilen: in ein von den Streitkräften genutztes "Milnet“ und ein ziviles "Arpanet“, aus dem sich in der Folge das Internet entwickeln wird.

Snowdens Kindheit und Jugend machen ihn zu einem geradezu archetypischen "Digital Native“: Das sind die Angehörigen der ersten Generation, für die das Internet integraler Bestandteil des Lebens ist.

Die Snowdens sind eine typische amerikanische Mittelklasse-Familie. Mutter Elizabeth: Gerichtsangestellte. Vater Lonnie: Offizier der Küstenwache. Sohn Edward: ein unauffälliger, freundlicher Bub, der sich für Computer zu interessieren beginnt, als das Internet gerade seinen rasanten Aufstieg vom Nischen- zum Massenphänomen erlebt.

1999 zieht die Familie nach Crofton, Maryland. Die am Reißbrett entworfene Gemeinde mit 27.000 Einwohnern liegt nur wenige Kilometer von Fort Meade entfernt - dem Hauptquartier der NSA, das auch unter dem Namen "Crypto City“ bekannt ist.

Das Zentrum von Crypto City bildet ein schwarzer Quader. Seine dunkel verspiegelte Außenfassade erlaubt keine Blicke nach innen, ein Schutzschirm aus Kupfer lässt keine elektromagnetischen Signale nach außen dringen. Dahinter befindet sich die Operationszentrale der NSA. Umgeben ist sie von mehr als 50 Gebäuden, darunter ein Kraftwerk und eine eigene Fabrik für Computerchips. Das gesamte Areal ist mit Panzersperren, Bewegungsmeldern, Kameras und Elektrozäunen hermetisch abgesichert.

Die Ursprünge der NSA liegen im Zweiten Weltkrieg, gegründet wurde die Behörde im Jahr 1952. Seither betreibt sie für die US-Regierung die weltweite Überwachung, Entschlüsselung und Auswertung elektronischer Kommunikation. Sigint, Signals Intelligence, nennt man diesen Bereich im Agentenjargon.

Die längste Zeit wurde offiziell nicht einmal die Existenz der NSA bestätigt. "Never say anything“ und "No Such Agency“ lauten daher zwei ironische Entschlüsselungen des Akronyms der Behörde. Neben der berühmt-berüchtigten CIA führt die NSA ein Schattendasein. Und das, obwohl sie zehntausende Mitarbeiter beschäftigt. Für den Bundesstaat Maryland ist die NSA einer der wichtigsten Arbeitgeber, für Mathematiker gar der weltweit größte.

In der Umgebung von Snowdens Heimatgemeinde Crofton gibt es viele, die einen Job in Crypto City haben. "Praktisch jeder hier arbeitet für die Regierung oder in der, Computertechnologie’“, zitiert das US-Magazin "Rolling Stone“ einen Bewohner des Städtchens.

In den 1990er Jahren boomt die IT-Branche, das Internet wird rasant populär. Für die NSA sind die Neunziger dennoch kein gutes Jahrzehnt. Wie alle anderen Geheimdienste hat auch sie Schwierigkeiten, nach dem Ende des Kalten Krieges eine neue Rolle zu finden. Tausende Stellen werden gestrichen, Horchposten in aller Welt geschlossen, Spionagesatelliten abgeschaltet.

Unterdessen erkundet Edward Snowden von seinem Jugendzimmer aus per Computer die Weiten des Webs. Mit der Schule will es nicht richtig klappen, im Internet hingegen fühlt er sich in seinem Element. "TheTrueHOOHA“ oder auch "Phish“ nennt er sich dort: "Hooha“ ist ein Slang-Ausdruck für Vagina, "Phishing“ bezeichnet eine Technik, durch List und Tücke an die Daten von Internetnutzern heranzukommen.

Chateinträge aus dieser Zeit lassen darauf schließen, dass er nicht weiß, wohin er mit sich selbst will. Zu Beginn der Nullerjahre ist Edward Snowden ein Teenager wie Millionen andere in den USA und dem Rest der westlichen Welt.

Das und vieles mehr ändert sich mit dem 11. September 2001 dramatisch.

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Für die US-Geheimdienste bedeuten die Anschläge von 9/11 zunächst eine katastrophale Blamage, eröffnen ihnen anschließend aber ungeahnte Möglichkeiten. Als Präsident George W. Bush in den "Krieg gegen den Terrorismus“ zieht, spielt Geld plötzlich keine Rolle mehr. Von den Bürgerrechten ist ohnehin kaum mehr die Rede.

Davon profitiert besonders die NSA. Von den Experten in Crypto City, ihren elektronischen Überwachungskapazitäten und der Rechenkraft ihrer Rechner verspricht sich die Regierung Aufschluss über die Umtriebe radikaler Islamisten in aller Welt. Wer kommuniziert mit wem? Wer überweist Geld an wen? Wer reist wohin? All das lässt sich durch die Überwachung von Mobiltelefonen und Computern möglicherweise herausfinden. Je mehr Daten dabei anfallen, desto mehr Hoffnung besteht, verborgene Muster zu entdecken, die auf Anschläge hindeuten. Oder die in den Untergrund gegangene Führungsebene der Al-Kaida aufzuspüren.

Schon bald nach den Attentaten bricht die NSA ein erstes Tabu: Sie beginnt, mit Hilfe von Telekomunternehmen die Telefonate und E-Mails amerikanischer Staatsbürger auch ohne konkreten Verdacht zu überwachen. "Die NSA hat sich selbst von der Verfassung entfesselt“, sagt der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter Thomas Drake. Als die Sache Jahre später auffliegt, verleiht der US-Kongress den Beteiligten rückwirkend Immunität.

Edward Snowden ist durch 9/11 zum Patrioten geworden. Einen Job hat er noch nicht gefunden, obwohl die NSA ständig auf der Suche nach Mitarbeitern ist und sich in ihrer Nachbarschaft zudem eine Reihe von privaten IT-Unternehmen ansiedeln. "Ich habe weder einen Schulabschluss, noch eine Sicherheitsfreigabe. Das heißt mit anderen Worten: arbeitslos“, postet Snowden im Internet.

Stattdessen hat er sich in den Kopf gesetzt, als Mitglied einer Spezialeinheit im Irak zu kämpfen, um "die unterdrückten Völker in Übersee zu befreien“. Doch Snowden, inzwischen 21 Jahre alt, scheitert 2004 an einem Unfall in der Ausbildungszeit, bei dem er sich beide Beine bricht. Seine Enttäuschung hält sich wohl in Grenzen. Viele seiner Kameraden hätten sich an der Vorstellung "aufgegeilt“, Araber umzubringen, wird er später berichten.

Bis 2006 schlägt sich Snowden mit Gelegenheitsjobs durch, danach ergattert er eine Stelle als Computertechniker bei der CIA. Jetzt scheint es, als sei er endlich angekommen. Niemand interessiert sich für den Schulabschluss, den er nicht hat. Was zählt, ist nur sein Know-how - und darüber verfügt er zweifelsohne. Dazu gibt es auch noch gutes Geld und ab 2007 einen spannenden Posten in der CIA-Station Genf, der es ihm erlaubt, im Diplomatenstatus ganz Europa zu bereisen. Vorerst geht Snowden in seiner Rolle auf. Mit Journalisten, die Staatsgeheimnisse aufdecken, möchte er zu dieser Zeit noch kurzen Prozess machen: "Diese Leute sollte man in die Eier schießen“, wütet er einmal in einem Internetforum.

Die Entfremdung lässt dennoch nicht lange auf sich warten. Wann und warum es zum Bruch kommt, ist nicht ganz klar. 2009 kündigt Snowden jedenfalls bei der CIA. "Vieles, was ich in Genf gesehen habe, hat mir die Illusionen darüber genommen, wie meine Regierung funktioniert und welchen Einfluss sie in der Welt hat. Ich habe erkannt, dass ich Teil von etwas war, das weit mehr Schaden angerichtet hat als Nutzen“, wird er seinen Abgang später begründen. Unter anderem habe er sich von einer Operation abgestoßen gefühlt, bei der CIA-Leute die Festnahme eines Schweizer Bankiers wegen Trunkenheit am Steuer einfädelten, um den Mann zur Mitarbeit zu erpressen.

Der Geheimdienstbranche bleibt Snowden trotzdem treu. Er heuert bei IT-Unternehmen an, die der NSA zuarbeiten. Die hat in Crypto City inzwischen einen neuen Chef bekommen: General Keith Alexander, der gerade dabei ist, sich einen ehrenvollen Spitznamen zu erwerben - "Alexander der Große“.

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Es wäre verfehlt, sich die NSA als finsteren Ort vorzustellen, in dem Kalte Krieger ihr klandestines Unwesen treiben. In den Jahren nach 9/11 hat sich dort offenbar vielmehr eine Atmosphäre gut gelaunter Skrupellosigkeit breitgemacht.

Jahrzehntelang war die NSA von einer Kultur geprägt gewesen, die intern spöttisch so beschrieben wurde: "Bei uns sind die Extrovertierten diejenigen, die - wenn sie sich unterhalten - auf die Schuhe Ihrer Gesprächspartner starren. Und nicht auf ihre eigenen.“ Die zunehmende Beschäftigung mit dem Internet führt jedoch dazu, dass Crypto City nach und nach von "Digital Natives“ bevölkert wird, die ganz anders ticken.

"Es war eine verrückte Welt“, erinnert sich ein NSA-Veteran gegenüber dem US-Magazin "Rolling Stone“ an diese Zeit: "Plötzlich liefen überall diese Kids herum, von denen ich nicht einmal sagen konnte, welche Haarfarbe sie hatten. Aber sie hatten die Ideen, die uns fehlten, und darauf haben wir gezählt.“

Ausgerechnet die Kinder aus der Generation Internet werden mit ihrem Spieltrieb für die NSA zu Erfüllungsgehilfen bei der Umsetzung des Konzepts der totalen Überwachung.

Der US-Kongress tut ein Übriges dazu. Was "Alexander der Große“ auch immer verlangt: Er bekommt es, und baut damit die Macht seines Geheimdienstes immer weiter aus. Seine eigene im Übrigen nicht minder. Neben der NSA mit ihren mehr als 30.000 Mitarbeitern wird Alexander 2010 auch die Führung des US Cyber-Command übertragen, dem die elektronische Kriegsführung der USA obliegt. Damit verfügt der General über eigene Land-, Wasser- und Luftstreitkräfte: Die 2nd US Army, die 10th Fleet und die 24th Air Force.

Aber das reicht der NSA noch nicht. Immerhin hat sie neben Terrorbekämpfung und Auslandsspionage noch ein weiteres Aufgabenfeld übernommen: den Cyberwar zu planen, vorzubereiten und zu führen. Folgerichtig wird Crypto City ständig erweitert. Um 3,2 Milliarden Dollar soll in den nächsten Jahren ein neuer Komplex entstehen, in dem 8000 Quadratmeter Fläche nur für Computerserver reserviert sind. Der endgültige Ausbau soll 2030 abgeschlossen sein, 5,2 Milliarden Dollar kosten und 11.000 zusätzlichen Mitarbeitern Platz bieten. Gleichzeitig baut der Geheimdienst im Bundesstaat Utah ein Datencenter um 1,5 Milliarden Dollar und mehrere weitere Anlagen an anderen Standorten, darunter in Großbritannien.

Schon jetzt laufen Tag für Tag 29 Petabyte an Daten in Crypto City zusammen. Wie viel das ist, kann man anhand der Tatsache ermessen, dass das Volumen sämtlicher bislang veröffentlichter Bücher und Schriften der Menschheitsgeschichte auf 50 Petabyte geschätzt wird.

Diese Gigantomanie ist aber gleichzeitig auch ihre Achillesferse: Der Apparat braucht immer mehr Arbeitskräfte. Sie können längst nicht mehr so peniblen Sicherheitsüberprüfungen unterzogen werden wie in früheren Zeiten, haben gleichzeitig aber Zugang zu immer mehr sensiblen Informationen. Und sie sind nicht militärisch sozialisiert, sondern im hierarchie- und autoritätsfreien Geist der Web-Community.

So gesehen ist es nur eine Frage der Zeit, bis einer wie Snowden auftauchen muss.

Snowden überlegt bereits 2009, über die Methoden auszupacken, die er bei der CIA kennengelernt hat. Nach der Wahl von Barack Obama hofft er aber, dass der neue Präsident das System reformiert. Das Gegenteil ist der Fall. Statt die Befugnisse der Geheimdienste zu begrenzen, werden sie immer mehr erweitert. Vom Rechtsstaat ist dabei keine Hilfe zu erwarten: Das Gericht, das die Aktivitäten der NSA kontrollieren soll - der unter Ausschluss der Öffentlichkeit agierende Foreign Intelligence Surveillance Court (FISC) -, segnet praktisch jeden Überwachungsantrag der Cyberagenten ab, statt ihrem Schnüffelwahn Einhalt zu gebieten.

Im Februar 2012 verfasst die NSA-Spitze ein Strategiepapier, das keinen geringeren Anspruch erhebt, als Daten von "jedermann, jederzeit, überall“ abgreifen zu können. Das "Goldene Zeitalter“ der elektronischen Spionage sei angebrochen, heißt es darin regelrecht aufgekratzt.

Snowden arbeitet inzwischen im Auftrag eines privaten IT-Dienstleistungsunternehmens als Systemadministrator für die NSA. Stationiert ist er auf Hawaii. Er hat eine fixe Freundin. Eigentlich ist das Leben gut. Im April 2012 beginnt er dennoch, nach und nach Dokumente über die internationalen Aktivitäten der NSA herunterzuladen und auf Datensticks gespeichert hinauszuschmuggeln.

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Einen Überwachungsapparat, wie ihn die USA mit der NSA errichtet haben, hat die Menschheit noch nie zuvor gesehen. China und Russland mögen politische, militärische und wirtschaftliche Spionage in anderen Ländern betreiben und auch ihre eigenen Bürger bespitzeln. Aber kein anderer Geheimdienst stellt mehr oder minder die gesamte Weltbevölkerung unter Observation.

Die Kapazität dafür haben sich die Agenten aus Crypto City inzwischen verschafft. Durch milliardenteure Technik können sie am Leben aller anderen teilhaben, die in irgendeiner Weise elektronisch vernetzt sind. Die Spuren, die ein paar Minuten Surfen im Internet hinterlassen, erzählen ihnen mehr, als ein Detektiv je herausfinden könnte.

Krankheitssymptome googeln, in Selbsthilfe-Foren um Rat fragen, sich bei einer Partnerbörse anmelden: Was früher lediglich Arzt, Therapeut und andere Vertrauenspersonen erfuhren, wird im Web quasi-öffentlich abgehandelt und kann damit von Digital-Spionen eingesehen werden. Wie auch die in sozialen Netzwerken geposteten Nachrichten aus dem Privatleben, die Einkaufstouren bei Online-Händlern, Kreditkartenzahlungen, Reisebuchungen und vieles mehr.

All das sind Informationen und Daten, die Internetuser dem Netz freiwillig überantworten. Unternehmen benutzen sie beispielsweise dazu, maßgeschneiderte Werbeangebote zu erstellen. Sie tun das allerdings ohne eigentliches Interesse an der Person ihrer Kunden.

Die NSA will hingegen die Möglichkeit haben, selbst intimste Details über einzelne Personen in Erfahrung zu bringen. Dahinter steht das Trauma von 9/11, das in den Augen der US-Sicherheitsbehörden jeden Menschen zumindest potenziell zum Terroristen gemacht hat.

Dass die NSA die Mobiltelefone hochrangiger Politiker befreundeter Staaten abgehört hat, ist ein extrem unfreundlicher Akt, der sich letztlich zudem als kontraproduktiv erwies. Aber es ist letztlich bloß klassische Spionage mit modernem Equipment.

Wirklich beängstigend ist jedoch, dass in den Servern von Crypto City prophylaktisch gigantische Mengen an privaten Daten von unbescholtenen Personen gespeichert werden, um daraus gegebenenfalls Verdachtsmomente oder gar Beweise ableiten zu können.

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Es ist nur wenig darüber bekannt, wie es Edward Snowden geht. Nachdem er seinen Besuchern im Hotel "The Mira“ rund 50.000 Dokumente über die NSA übergeben hatte, tauchte er unter und verließ Hongkong. Seine Flucht führte ihn unter bislang nur ansatzweise geklärten Umständen nach Moskau, wo er 39 Tage lang am Flughafen festsaß, bevor ihm der Kreml ein auf zwölf Monate befristetes Asyl gewährte. Derzeit lebt er von der Öffentlichkeit weitgehend abgeschirmt in der russischen Hauptstadt und arbeitet angeblich für ein Internetunternehmen.

Dass er ausgerechnet erst nach China und dann nach Russland reiste, wird ihm in den USA besonders zum Vorwurf gemacht. Snowden begründet es damit, er habe keine Chance gesehen, auf amerikanischem Territorium mit seiner Anklage gehört zu werden. Zudem sei er nirgendwo in der westlichen Welt vor der Auslieferung an die Vereinigten Staaten sicher gewesen.

Die Verfolgung anderer Whistleblower, die sich in der Vergangenheit mit den amerikanischen Geheimdiensten angelegt haben, gibt Snowden diesbezüglich Recht - ebenso wie die Tatsache, dass sich bislang kein europäisches Land bereiterklärt hat, ihn aufzunehmen.

Es spricht wenig gegen die Beteuerung Snowdens, er habe seinen Datensatz weder den Chinesen noch den Russen zugänglich gemacht. Und der umgehend erhobene Vorwurf, er habe mit seinen Enthüllungen Unschuldige in Gefahr gebracht und Terroristen in die Hände gespielt, ist durch keinerlei Fakten untermauert. Die bislang publizierten Dokumente enttarnen weder Agenten noch ihre Quellen und legen auch die konkreten Methoden der NSA nur ansatzweise offen.

Die staatlichen Reaktionen auf den Fall sprechen indes eine klare Sprache: So ließen die USA das Regierungsflugzeug des bolivianischen Präsidenten Evo Morales vom Himmel über Europa holen und in Österreich zur Landung zwingen, weil sie darin Snowden auf der Flucht nach Südamerika vermuteten. Die britische Regierung wiederum zwang den "Guardian“, Festplatten mit Snowden-Material vor den Augen von Geheimagenten zu vernichten und demonstrierte damit ihr Verständnis von Pressefreiheit. Die Zwangsmaßnahme hatte dennoch einen geradezu verzweifelten Zug: Alle Beteiligten wussten, dass es sich dabei nur um eine von mehreren Kopien der Dokumente handelte.

Die US-Justiz hat Snowden unter Anklage gestellt. Grundlage dafür ist ein Spionage-Paragraf aus dem Jahr 1917, der seither in nur zehn Fällen zur Strafverfolgung herangezogen wurde: sieben davon in der Regierungszeit von Barack Obama.

Das weitere Schicksal Snowdens ist ungewiss. Sicher ist nur, dass er in absehbarer Zeit wohl nicht nach Amerika zurückkehren kann. Europa, wiewohl in mehrfacher Hinsicht betroffen, stellt sich nur halbherzig auf seine Seite. Zuletzt verhinderte die konservative Fraktion im EU-Parlament eine Anhörung des Whistleblowers per Videokonferenz.

Die Botschaft Snowdens ist dennoch in weiten Teilen der Gesellschaft angekommen: "Alle Menschen haben das Recht, in ihren Gedanken und Privaträumen, in ihren Briefen und Gesprächen frei und unbeobachtet zu bleiben. Dieses existenzielle Menschenrecht ist inzwischen null und nichtig, weil Staaten und Konzerne die technologischen Entwicklungen zum Zwecke der Überwachung massiv missbrauchen“, heißt es in einem vergangene Woche unter dem Titel "Demokratie verteidigen im digitalen Zeitalter“ veröffentlichten Aufruf: "Ein Mensch unter Beobachtung ist niemals frei; und eine Gesellschaft unter ständiger Beobachtung ist keine Demokratie mehr.“

Initiiert wurde die Aktion von der Autorengruppe "Writers Against Mass Surveillance“, zu der unter anderem die Schriftsteller Juli Zeh, Ilija Trojanow und Eva Menasse gehören, unterzeichnet wurde der Appell binnen weniger Tage von mehr als 130.000 Unterstützern.

An Aktivisten wie ihnen - und letztlich an uns allen - wird es liegen, etwas aus der Chance zu machen, die Edward Snowden eröffnet hat: die digitale Welt auf demokratische Weise zu zivilisieren.

Erschienen am 16.12.2013 in profil 51/2013