Eiszeit, Reblaus und Glykol: Österreichs wechselhafte Historie im Weinbau

Eiszeit, Reblaus und Glykol: Österreichs Weinbau entwickelte sich immer dann weiter, wenn irgendetwas Schlimmes passierte.

Es war die kleine Eiszeit, die Österreichs Weinlandschaft erstmals nachhaltig veränderte. Kalte, nasse Sommer ließen seit Beginn des 17. Jahrhunderts das Getreide auf dem Feld verfaulen, und weit in den Süden ragende arktische Eismassen brachten die warmen pannonischen Luftströme zum Versiegen. In den Weingärten, die überall auf dem Gebiet des heutigen Österreich seit der Zeit Karls des Großen unter klösterlicher Patronanz angelegt worden waren, wuchs gar nichts mehr. Hätte es diese Kälteperiode nicht gegeben, wären heute noch weite Teile Oberösterreichs, die Salzburger Erhebungen Nonnberg und Mönchberg und sogar der Semmering mit Reben bepflanzt.

Seit damals jedenfalls wird Wein vorwiegend dort angebaut, wo er heute noch wächst: in Pannonien, in der Steiermark, in Wien, wo die Türken 1683 in den Rieden lagerten, die die ganze Stadt umgaben, und entlang der Donau in Niederösterreich, wobei die Wachau damals noch ein ganz anderes Weinimage hatte: „Sauer wie ein Wachauer“, spottete Abraham a Sancta Clara von der Kanzel.

Es waren keine langsamen Entwicklungen, sondern „Revolutionen“, die den heimischen Weinbau bis in die Gegenwart veränderten, schreibt der Weinfachmann Klaus Peter Postmann in seinem Buch über Österreichs önologische Geschichte: Katastrophen zumeist, denen jedoch Veränderungen folgten, die den Wein nach und nach trinkbarer machten. Österreich war schließlich nicht Frankreich, wo schon seit 150 Jahren um Bordeaux, in Sauternes oder im Burgund Weine gemacht wurden, die Sammler in aller Welt – darunter US-Präsidenten – in Verzückung versetzten. „Die Weine aus der Zeit vor dem 20. Jahrhundert“, schreibt Postmann, „möchte man kaum noch trinken. Sie waren, je nach Herkunft und Zeitabschnitt, sauer, dünn, bitter oder aber sehr süß und plump. Das spielte zu dieser Zeit keine Rolle, niemand wollte Wein rein und unverfälscht trinken.“ Das weintrinkende Publikum, hieß es 1907 an der
k. u. k. Hochschule für Bodenkultur, sei „eine ­Herde von Unverständigen“.

Immerhin: Getrunken wurden nahezu ausschließlich heimische Weine; als solche galten in der Monarchie alle, die zwischen Böhmen und dem südlichen Dalmatien wuchsen. In den Kernzonen Niederösterreichs und Wiens etablierten sich umgangssprach­liche Herkunftsbezeichnungen, die den heute ge­setzlich verankerten DAC-Appellationen nicht ­unähnlich waren: Brünnerstraßler, Retzer oder Gumpoldskirchner; später wurde noch genauer klassifiziert: Grinzinger Sylvaner, Dürnsteiner Veltliner oder Oggauer Blaufränkisch.

Dass diese Weine bereits halbwegs trinkbar waren, wurzelte ebenfalls in einer Katastrophe. 1868 wurde im Habsburgerreich erstmals die Reblaus nachgewiesen, die in den folgenden Jahrzehnten einen Großteil der Rieden verseuchte. Am Ende waren in Niederösterreich 94 Prozent kontaminiert, in der Steiermark 75 Prozent und im südlichen Istrien gute zwei Drittel. In „Amerikanerweingärten“ wurden dar­aufhin heimische Sorten auf resistente amerikanische Unterlagsreben gepfropft, um sie gegen den Schädling zu immunisieren. Weinbauschulen schossen wie Pilze aus dem Boden; in diesen lernten die Winzer nicht nur die Schädlingsbekämpfung, sondern erstmals auch qualitätsorientierten Weinbau. „Beim Wein“, so Autor Postmann, „wurden vermehrt Wohlgeschmack, Reintönigkeit und Klarheit gefordert.“ 1907 schließlich wurde die Herstellung von Kunstweinen verboten, die bis dahin unter Zusatz von Rübenzuckerwasser, verdünntem Alkohol, Obstmosten und Gewürzen erzeugt wurden.

Aufbessern von Weinen und quantitatives Denken blieben aber noch über Jahrzehnte gefragt. Der kürzlich verstorbene Wachauer Pionier Josef Jamek, der 1959 begann, sortenreine und naturbelassene Lagenweine aus der Ried Klaus zu keltern, ließ die naturnahe Vinifizierung sogar von einem Notar beglaubigen, weil niemand ihm glauben wollte, dass er reinen Wein herstellte. Ein Vierteljahrhundert später war klar, ­weshalb Jameks winzerische Großtat angezweifelt wurde. Es ging vielen immer noch eher um die Menge als um die Qualität, und dazu war jedes Mittel recht, vor allem eines: Diethylenglykol.

Es gibt heute keinen Winzer, der das österreichische Weinwunder nicht auf die radikalen Veränderungen nach 1985 zurückführt. Manche sagen sogar, wenn es den Weinskandal nicht gegeben hätte, hätte man ihn erfinden müssen. Zu den Wundern der Gegenwart gehört heute auch ein Rotwein, dessen Name als Metapher für die wechselhafte Geschichte des österreichischen Weins gesehen werden kann. Er stammt aus dem burgenländischen Weingut Reumann und heißt „Cuvée Phönix“.