Facebook: Die umstrittene Utopie von den Klarnamen

Facebook: Die umstrittene Utopie von den Klarnamen

Facebook lockert seine Klarnamen-Regelung. Das ist gut so. Denn oft war die bisherige Handhabe unfair. Das zeigt das Beispiel des chinesischen Cyberdissidenten Michael Anti.

Bisher war Facebook streng, sogar zu streng. Es sperrte User, die auf dem sozialen Netzwerk nicht ihren richtigen Namen, der auch im Pass steht, angegeben hatten. Doch nun wird das eine Spur gelockert: Wenn jemand unter einem Pseudonym oder Künstlernamen mittlerweile sehr weit bekannt, kann er künftig wohl auch diesen Namen angeben. Facebook nennt dies den „authentischen Namen“.

Ich halte es für klug, dass Facebook hier ein wenig nachgibt. Denn ein Klarnamen-Zwang funktioniert nicht für jeden User. Immer wieder kam es zu skurrilen Vorfällen, wo Facebook User für die Verwendung eines Pseudonyms ausschloss – obwohl diese User sehr gute Gründe hatten, nicht ihren Geburtsnamen online anzugeben.

Eines der beeindruckendensten Beispiele ist jenes des chinesischen Dissidenten Michael Anti. Auch er wurde aus Facebook ausgesperrt, weil er ein Pseudonym verwendet. Für mein Buch „Der unsichtbare Mensch: Wie die Anonymität im Internet unsere Gesellschaft verändert“ durfte ich Michael Anti interviewen. Mich hat sehr beeindruckt, was die Anonymität und die Verwendung eines Pseudonyms für ihn bewirkte.

Hier der Auszug aus meinem Buch:

„Michael Anti ist ein mutiger Mann, er hat sich mit einem mächtigen Regime angelegt: China. Der heute 38-Jährige hat online über die Zensur geschrieben und die kommunistische Führung immer wieder bloßgestellt. 19 Sein furchtloses Vorgehen machte ihn zu einem der berühmtesten Blogger Chinas. Dann drehte Microsoft Ende 2005 sein Blog ab, offensichtlich kooperierte der amerikanische Konzern mit den chinesischen Zensoren. Der Fall löste eine Debatte aus, wie westliche Firmen mit dem Regime kooperieren und die Zensur mit ermöglichen. Anti ließ sich trotzdem nicht einschüchtern und schrieb weiter. Heute lebt er in den USA und plädiert für ein freies Web. Denn er verdankt seinen Mut auch dem Internet, wie er selbst sagt.

Michael Anti heißt eigentlich gar nicht so. Es ist ein Kunstname, der zur neuen Identität des Cyberbloggers wurde. Bei seinem Namenswechsel ging es nicht darum, sich vor den Zensoren zu schützen, denn im chinesischen Web gibt es keine echte Anonymität; die Behörden wissen, wer man ist. Antis Namenswechsel steht für eine andere Stärke des Internets, das Spiel mit der Identität – dass man sich gewissermaßen online neu erfinden kann. Weil das Interview sehr aussagekräftig dafür ist, will ich einen Auszug daraus wiedergeben:

I. B.: Sie wurden unter dem Namen Michael Anti sehr bekannt. Warum wählten Sie dieses Pseudonym?
Michael Anti: Michael Anti heißt »anti« (dagegen, Anm. I. B.). Ich will ein Dissident sein, ich will die Regierung stürzen. Also nannte ich mich Anti, anti-establishment. Das ist ein deutliches Signal, nicht nur an meine Freunde, sondern auch an mich. Es sagt mir: Seitdem du Michael Anti bist, wirst du nicht, wirst du niemals mit der Regierung zusammenarbeiten.

I. B.: Wären Ihre Aktionen, Ihre Kritik auch möglich gewesen, wenn Sie dabei Ihren echten Namen verwendet hätten?
Michael Anti: Ja klar. Ich kann meinen richtigen Namen verwenden, aber das will ich nicht. Ich wollte meine Identität wechseln. Das Internet eröffnet uns die Möglichkeit, wiedergeboren zu werden, eine neue Identität anzunehmen.

I. B.: Inwiefern macht Sie Ihre neue Identität denn zu einem besseren Dissidenten?
Michael Anti: Mein echter Name ist Zhao Jing. Jing heißt leise. Es ist ein typisch weiblicher Name. Wenn ich Leuten zum Beispiel sagte, wie ich heiße, waren sie stets überrascht, dass ich ein Mann bin. Als ich mich selbst in Michael Anti umbenannte, konnte ich mir eine Art neue Identität schaffen als tapferer Mann, der sich auflehnt. Das hat geradezu mein neues Leben begründet. Alles was ich schreibe, die Kritik an der Regierung, alle meine Errungenschaften im Journalismus, im Bloggen und der Politik bauen auf diesem Namen auf. Das ist der Grund, warum ich diesen Namen verwenden will. Es ist auch logisch, da wir in China eine lange Tradition haben, bei der Schriftsteller einen Namen wählen und die Leute sie nur unter diesem Pseudonym kennen.

I. B.: Als Sie damals als Michael Anti anfingen, waren Sie da noch richtig anonym?
Michael Anti: Es ging nicht um Anonymität, es ging um diese neue Identität. Wenn man unaufhörlich seinen Namen für politische Aussagen einsetzt, macht man sich bereits zu einer öffentlichen Person. Aber man tut das unter einer anderen Identität. Was man dabei verheimlichen will, ist nicht, wer man ist oder wo man wohnt, es ist ein Teil von einem selbst, etwa mein früherer Charakter, mein Verhalten. Denn ich war schwach. Manchmal scheint mir, dass ich als Student nicht so mutig war. Als ich meinen Namen wechselte, wurde ich immer mutiger. Warum sollte ich diesen Namen also nicht weiter einsetzen? Ich will nicht, dass mich Menschen bei meinem alten Namen nennen, denn das ist jetzt mein neues Leben.

I. B.: Spannend an Ihrem Pseudonym ist, dass Sie nicht wirklich anonym sind. Die Leute wissen auch Ihren Geburtsnamen, man kann Sie leicht ausfindig machen.
Michael Anti: Anonymität bedeutet unterschiedliche Dinge in unterschiedlichen Ländern, unterschiedlichen Kulturen. Anonymität bedeutet nicht nur, seinen echten Namen zu verbergen, sondern manch mal auch, dass man für sich selbst eine neue Identität entworfen hat. In China gibt es Menschen wie mich, die sich ein neues Leben erschaffen, nicht nur online, sondern auch offline. Das ist eine Chance. Das Internet kann einem ein neues Leben geben, ein zweites Leben auch für die reale Identität. Ich glaube, das passierte in ganz vielen Fällen in China, in meinem Fall und auch in jenem von Freunden. Einen Online-Namen zu haben, verschafft einem auch eine neue Vorstellungskraft, eine neue Identität, neue Perspektiven. Man kann etwas verstecken – zwar nicht hundert Prozent seiner Offline-Identität, aber manchmal will man auch nur einen Teil seiner Offline-Identität verstecken.

I. B.: Damit ich Sie richtig verstehe: Haben Sie das Pseudonym auch aus Angst vor der Regierung gewählt, also um sich selbst zu schützen? Oder spielte das gar keine Rolle?
Michael Anti: Ich glaube nicht, dass es darum ging. Die Regierung weiß ohnehin, wer du bist, egal welchen Namen du annimmst. Das ist anderswo anders, dieses Phänomen Anonymität variiert von Land zu Land. In China ist Anonymität kein Thema, weil die Regierung dich sowieso kennt. Das kommunistische Regime weiß alles. Aber in anderen Ländern ist das nicht der Fall, zum Beispiel in Thailand, wo die Regierung nicht so mächtig ist wie die kommunistische Führung (Chinas, Anm. I. B.). Womöglich ist es dort ein großes Thema, den Namen zu hundert Prozent offline und versteckt zu halten. Wenn ich in China hingegen den Namen Michael Anti einsetze, ist das mehr als Signal zu verstehen – als öffentliches Signal, als Botschaft, die ich an die Gesellschaft und die Regierung senden will. Ich bin Anti.

Michael Anti lebt mittlerweile in den USA, hat namhafte Stipendien der Universitäten Cambridge und Harvard erhalten. Auf seinem Harvard-Zeugnis steht nicht sein Geburtsname, sondern »Michael Anti«. Doch diese Freiheit des Netzes wird zunehmend kritisiert. Nicht nur Bürgerrechtsk.mpfer wie Anti nutzen das Spiel mit der Identität, sondern auch Kriminelle oder Menschen, die andere hinterrücks attackieren wollen. So erleben wir zunehmend Einschränkungen dieser Anonymität. Das prominenteste Beispiel ist Facebook: Das soziale Netzwerk schreibt seinen Mitgliedern vor, dass sie ihren echten Namen angeben. Fliegt man mit einem gefälschten Namen auf, wird das Profil gesperrt.

Genau das passierte Michael Anti. Facebook sperrte ihn, weil er nicht unter seinem Geburtsnamen ein Profil angelegt hatte, sondern unter seiner neu gewählten Identität als Michael Anti. Das widerspricht den Vorstellungen von Authentizität des sozialen Netzwerks. Es ist nahezu skurril: Die mehr als 300 Jahre alte Eliteuniversität Harvard hatte kein Problem damit, Michael Anti unter seiner neuen Identität studieren zu lassen und ihm ein Abschlusszeugnis auf diesen Namen auszustellen. Die nicht einmal zehn Jahre alte Website Facebook hält es hingegen für unauthentisch, dass Anti nicht jenen
Namen angab, der in seinem Pass steht.“

Das Beispiel Michael Anti zeigt, wie sinnvoll es ist, dass Facebook seine Klarnamen-Policy zumindest ein Stückweit lockert. Ob Anti wieder zu Facebook zurückkehren wird, muss sich erst zeigen (ich habe ihn das auf Twitter gefragt, mal sehen, ob er antwortet). Wer ihm folgen will, kann dies zumindest weiterhin auf Twitter tun.

Dazu noch ein letzter Absatz aus meinem Buch:

„Der Fall hat eine schöne Schlusspointe: Heute ist Anti vor allem auf Twitter aktiv. Auf diesem sozialen Netzwerk wird er nicht nur geduldet, sondern sogar als »Verified User« eingestuft – eine Art Gütesiegel für Mitglieder, deren Identität verifiziert wurde. Neben seinem Profilfoto und seinem Namen ist ein blau-weißer Haken zu sehen, der den anderen Usern signalisiert: Hier schreibt der »echte« Michael Anti. Twitter hat damit anerkannt, dass die wahre Identität des Mannes, der einst als Zhao Jing geboren wurde, mittlerweile Michael Anti lautet.“

Infos zu „Der unsichtbare Mensch. Wie die Anonymität unsere Gesellschaft verändert“ gibt es hier beim Czernin-Verlag. Michael Anti twittert hier. Das obige Bild stammt von diesem Flickr-Account (veröffentlicht im Rahmen der angegebenen Creative-Commons-Lizenz).