Frauenvolksbegehren 2.0: "Verteilungskämpfe tun weh"

Frauenvolksbegehren 2.0: "Verteilungskämpfe tun weh"

Seit Juni steht die Finanzierung des neuen Frauenvolksbegehrens. Sprecherin Teresa Havlicek über Kritik an den Forderungen, die Frauen-EM und den Wechsel von Sprecherin Maria Stern zur Liste Pilz.

profil: Vor kurzem konnte das Frauenvolksbegehren sein Finanzierungsziel via Crowdfunding erreichen und übertreffen, wie geht es jetzt weiter?

Teresa Havlicek: Seitdem wir mit den neuen Frauenvolksbegehren an die Öffentlichkeit gegangen sind, haben wir viele neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bekommen. Viele wollen sich einbringen, da müssen wir als schnell wachsende Organisation professionellere Strukturen aufbauen. In diesem Prozess sind wir gerade. Unterstützungserklärungen werden wir erst nach der Wahl sammeln. Wir versuchen uns jetzt noch inhaltlich zu stärken, um im Wahlkampf zu vielen Themen eine andere, weibliche Perspektive einzubringen.

profil: Warum braucht es 2017 überhaupt ein Frauenvolksbegehren?

Havlicek: In der gesellschaftspolitischen Diskussion ging es die letzten Jahre oft um Frauenrechte, aber immer nur im Zusammenhang mit Migration, die österreichische Situation ist dabei oft in den Hintergrund getreten. Jetzt ist der Zeitpunkt, wo wir uns selbst einmal ganz genau auf die Finger schauen müssen. Und fragen: Wie gehen wir in Österreich wirklich mit Frauen um?

profil: Sind Ereignisse wie der Erfolg des Nationalteams bei der Frauen-EM von Vorteil für Ihre Überzeugungsarbeit?

Havlicek: Sport ist deswegen wichtig für unsere Anliegen, weil solche Events mit viel Emotion einhergehen und man die Leute ganz anders abholen kann, als wenn ich jetzt mit jemandem darüber diskutiere, warum 50 Prozent der Frauen in Teilzeit arbeiten oder der Gender Pay Gap bei 22,9 Prozent liegt. Ich glaube aber, dass es wichtig ist, hier nicht nur an den "Wundersommer 2017" zu denken, sondern auch hier ganz genau hinzuschauen: Wie viel Geld wird wirklich für Frauensport ausgegeben? Wie werden junge Mädchen gefördert? Warum gibt’s so wenige weibliche Teams und warum spielen fast alle erfolgreichen Damen in Deutschland? Die Herausforderung ist, emotionale Momente zu nutzen und den Wind mitzunehmen, um trotzdem über strukturelle Benachteiligungen zu sprechen. Denn sobald es darum geht, Geld auszugeben und Frauenfußball im selben Ausmaß zu fördern, sind nicht mehr alle Jubelschreier dabei. Es ist einfach, zum Public Viewing zu gehen, aber Geld anders zu verteilen, ist nicht so leicht. Verteilungskämpfe tun weh.


Unsere Forderungen greifen alle ineinander und sind sehr durchdacht.

profil: Wie reagieren Sie auf den Vorwurf, dass Ihre Forderungen nur Linkswähler ansprechen?

Havlicek: Wir weigern uns nach wie vor, uns diesem extremen "Links-Rechts-Denken" unterzuordnen, aber wir sind definitiv kein apolitisches Volksbegehren. Wir haben schon eine Vorstellung davon, wie Ökonomie und Politik funktionieren, wenn sie Frauen auf allen Ebenen inkludieren. Dabei nimmt man natürlich bestimmte Positionen ein, weil wir uns eingehend damit beschäftigt haben, wie Frauen benachteiligt werden. Wenn ich ausschließlich mehr Kinderbetreuung fordere, löst das weniger Diskussionen aus, aber das ist nicht die einzige Sache, die das Leben von Frauen beeinflusst. Es ist uns schon wichtig, zu sagen, dass wir die strukturelle Benachteiligung von Frauen auf allen Ebenen verbessern wollen. Dafür haben wir mit verschiedenen frauenpolitischen Organisationen – wie zum Beispiel den Frauenhäusern – gesprochen, um herauszufinden, was ihnen wichtig ist. Unsere Forderungen greifen alle ineinander und sind sehr durchdacht.

profil: Wie sehen Sie den Wechsel von Sprecherin Maria Stern auf die Liste Pilz?

Havlicek: Wir haben Maria als engagierte Kämpferin für die Rechte von Alleinerzieherinnen und deren Kindern kennengelernt, deswegen haben wir sie auch als Sprecherin zum Frauenvolksbegehren geholt. Sie muss wissen, auf welche Weise sie für ihre Themen einsteht – nun hat sie eine Möglichkeit gesehen, das auch im Nationalrat zu tun. Wir wünschen ihr natürlich viel Glück, unsere Priorität ist aber weiterhin, überparteilich und unabhängig zu agieren.

profil: Wie unterscheiden sich die Forderungen 2017 vom ersten Volksbegehren?

Havlicek: Wir haben einige der Themen aus dem ersten Volksbegehren übernommen, da sie noch immer aktuell sind. Aber der gesellschaftliche Diskurs hat sich natürlich verändert. Wir haben einen intersektionaleren Anspruch, als vor 20 Jahren: Uns war es wichtig zu sagen, dass Frauen nicht nur aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert werden, sondern auch aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer sozialen Klasse oder Hautfarbe. Das wollten wir auch in den Forderungen berücksichtigen. Zum Beispiel beim Thema Pflege, wo viel von Migrantinnen geleistet wird.


Der politische Aktivismus wird an die nächste Generation weitergegeben.

profil: Was hat Sie persönlich motiviert, das Frauenvolksbegehren mitzuinitiieren?

Havlicek: Jeder und vor allem jede wurde schon mit Diskriminierungen konfrontiert. Mir ist es aber wichtig, meine Person nicht in den Vordergrund zu stellen. Wir haben alle das Gefühl, dass etwas passieren muss in Österreich und es einen sichtbaren Aktivismus braucht. Für mich war es auch eine große Motivation, dass ich immer wieder Interviews mit älteren Feministinnen gelesen habe, die sagten, junge Frauen heute sind nicht so politisch und es passiert nichts mehr. Mich hat das immer ein wenig geärgert, weil ich das nicht so empfunden habe, sondern mein Umfeld als sehr politisch wahrgenommen habe. Gleichzeitig gab es aber tatsächlich keinen sichtbaren Protest, an dem man das festmachen konnte. Die Frauen vom ersten Volksbegehren unterstützen uns jetzt, wo es geht, sind aber organisatorisch nicht eingebunden. Der politische Aktivismus wird sozusagen an die nächste Generation weitergegeben.

profil: Was ist in Ihren Augen eine der wichtigsten Forderungen?

Havlicek: Bessere Aufklärung und Gratisverhütung. Auch wenn man sich von den USA sonst eher nichts in Sachen Gesundheitssystem abschauen sollte: Selbst dort wird Verhütung von der Versicherung bezahlt. Das ist eigentlich in vielen Ländern selbstverständlich. Nur bei uns ist das alles absolute Privatsache, weil Sex so lange tabuisiert wurde. Alle Mädchen und Burschen sollten einen niederschwelligen Zugang zu Beratung haben. Dass wir in Sachen Aufklärung und Schwangerschaftsabbruch im westeuropäischen Vergleich so schlecht dastehen, ist wirklich beschämend und einem Land wie Österreich nicht würdig.

Teresa Havlicek ist freie Journalistin und Sprecherin des Frauenvolksbegehrens 2.0.

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