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WM-Tagebuch: Einbaumsterben

Fußball-WM 2014 - <small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
WM-Tagebuch: Einbaumsterben

Die WM hat begonnen. Rainer Nikowitz findet: Endlich! Einerseits.

Man lehnt sich küchenpsychologisch nicht furchtbar weit aus dem Fenster, wenn man behauptet, dass der geneigte kollektive Fußballfan bei einer Fußball-Weltmeisterschaft ganz genau eine einzige Eröffnungsfeierlichkeit braucht: den Anpfiff. Weiteres Brimborium ist unnötig. Es wäre selbst dann unnötig, wenn es nicht lächerlich wäre. Aber diesmal war für die ein oder zwei Fußballfans weltweit, die eine sechs Millionen teure, auf Stadionrockformat aufgeblasene Folge der Biene Maja auf LSD sehen wollen, in der entrückt lächelnde Menschen tanzende Blumen verkörpern oder mit Ästen auf dem Kopf durch die Primetime staksen, der Aufwand dann doch etwas hoch.

Immerhin hat im ORF Oliver Polzer kommentiert und Rainer Pariasek dazu im Studio, in einer exotischen Swingerclub-Deko aus den Achtzigern und flankiert von selbstredend spärlich bekleideten Sambatänzerinnen, bewiesen, dass Hugo Egon Balder und „Tutti Frutti“ gar nicht so peinlich waren. In unserer sich immer schneller drehenden Welt der ständigen Veränderung und Verunsicherung gibt es ja kaum noch Ankerpunkte, an denen sich der Mensch verorten kann, um Halt zu finden. Aber auf die ORF-Sportredaktion, auf die ist Verlass. Diese Kontinuität muss man nach dem schrecklichen Aderlass durch die Pensionierung von Robert Seeger erst einmal liefern.

Einer der Höhepunkt der Eröffnungsshow in São Paulo war der Quoten-Indigene, der in voller Arbeitskleidung im Einbaum hereingetragen wurde. So geht es den Rothäuten in Brasilien nämlich, müssen Sie wissen. Werden immer und überall auf Händen getragen. Niemand, der bei Sinnen ist, wird Baumsterben gut finden. Einbaumsterben hingegen muss in speziellen Situationen als ausgesprochen wünschenswert angesehen werden. Noch rührender wäre die Szene maximal noch gewesen, wenn man Sepp Blatter im Einbaum ins Stadion gekarrt hätte. Er hätte die das Ehrenspalier bildenden FIFA-Funktionäre aus Kiribati oder Usbekistan, die ihm vernünftigerweise gerade mit einer Statutenänderung ermöglicht haben, noch ein fünftes Mal für die Präsidentschaft zu kandidieren, mit Dollarbündeln gesegnet und sich dann vom Gott des Regenwalds gleich zum Regenten auf Lebenszeit krönen lassen. Unter einem halt leider nur halbfertigen Stadiondach. Aber das wird der FIFA nicht mehr passieren, sie ist ja lernfähig. In Katar wird jedes einzelne Stadion, das dann nach der WM kein Mensch mehr braucht, pünktlichst fertig sein. Da sind die Scheichs sehr zuverlässig. Zur Not investieren sie ein paar Hundert Gastarbeiter mehr.

Eigentlich müsste man ja angesichts der anhaltenden Proteste in Brasilien und der korrupten FIFA und überhaupt aller grauslichen Entwicklungen im internationalen Fußball diese WM boykottieren. Einfach nicht anschauen. Die Einschaltziffern ins Bodenlose sinken lassen. Aber dazu müssten wir natürlich ganz viele sein! Eine machtvolle Bewegung, die den Herren Blatter und Co. überdeutlich vor Augen führt: So geht es nicht weiter! Ich lade also hiermit alle moralisch einwandfreien Fußballfans ein, sich meinem beinharten Protest gegen die FIFA anzuschließen und gemeinsam mit mir das Spiel Elfenbeinküste–Japan Sonntag um 3.00 Uhr früh zu boykottieren.

Die werden schauen bei der FIFA!

Endlich wurde dann nach der Eröffnungsfeier und Jennifer Lopez, die einen perfekten Auftritt hinlegte – wenig Kostüm, noch weniger Ton –, Fußball auch noch gespielt. Zumindest so lange, bis der japanische Schiedsrichter, ein ausgesprochen höflicher Mensch, der sich offenbar sehr freut, in Brasilien sein zu dürfen, beschloss, dass es jetzt genug sei – und einen Elfer pfiff, der keiner war. Somit stand einem zumindest außerhalb Kroatiens gelungenen Abend nichts mehr im Wege. Und die Zeichen, dass es nicht der letzte gelungene Abend in nächster Zeit sein dürfte, stehen an der Wand: Ab nun täglich drei Spiele. Und: keine Eröffnungsfeier mehr.

rainer.nikowitz@profil.at