"Hansiburli": Das Leben und Leiden des Boxers Hans Orsolics

Hans Orsolics

Hans Orsolics

Es grenzt an ein Wunder, dass der ehemalige Wiener Boxer Hans Orsolics seinen 70. Geburtstag feiern konnte. Die Geschichte eines langen Lebens voller Konflikte, Gewalt und Todestrieb.

Als steinerner Gast sitzt Hans Orsolics in der Runde. Zu seinem 70. Geburtstag hat man ihm im "Marchfelderhof“, einem Fiebertraum von Landgasthaus unweit von Wien, einen Festabend ausgerichtet. Es gibt Bärlauch-Brötchen, Mayonnaise-Ei, Rindsuppe, Cordon bleu und Ansprachen, ein Film lässt Orsolics’ Leben Revue passieren. Orsolics lächelt sich durch die Feierstunde.

Es ist schwer zu sagen, ob er immer ganz genau weiß, was um ihn herum gerade geschieht. Um den alten Boxer besser zu verstehen, den an diesem regenkalten Mittwochabend Anfang Mai etwas irgendwie Einsames, Verlassenes umweht, geht man am besten zurück an den Anfang, in die 1960er-Jahre.

Als Boxer hatte Hans Orsolics die Mentalität einer Revolverkugel. Er war ein Schläger und Fighter, ein Mann, wie der Sport selbst, den er 14 Jahre lang als Amateur und Profi ausübte: brutal, roh, aggressiv, als wollte er die Welt einreißen. 53 Profikämpfe absolvierte er. 1967 und 1969 wurde er Europameister.

In gewisser Weise avancierte er damals zum neuen Gesicht einer Republik, die noch immer von Antisemitismus, Bigotterie, Muffigkeit geprägt war. Orsolics’ legendäre Boxkämpfe waren auch deshalb von rarer Poesie, weil sie einen Glanz des Heroischen in die Banalität des Alltäglichen brachten. In den Unterströmungen der Epoche bediente das sportliche Spektakel, belauert von Kameras und Mikrofonen, die kollektiven Wünsche nach nationalistischem Chauvinismus, Hurra-Heiterkeit und antibürgerlicher Attitüde. An diesem Punkt verschränkte sich die Geschichte des Boxers mit jener des Landes. Hans Orsolics war die ideale Hauptfigur in einem Heldenmärchen. Er etablierte das Boxpodium als einen Spielort für Abenteuer und Heroentum.

Liebling der Nation

Orsolics verdiente mit Boxen viel Geld, Hunderttausende verfolgten direkt am Ring seine Duelle, er war, auch mangels Alternativen, der Liebling der Reporter. Im November 1974, nach seinem letzten Kampf, blieb er auf einer halben Million Schilling Schulden sitzen. Er scheiterte als Gastronom, saß wiederholt im Knast, dilettierte 1986 mit "Mei potschertes Leb’n“ als Sänger. Bis heute lieben ihn die Menschen. Das ist ziemlich das Größte, was einem Boxer passieren kann. Unbekannte klopfen ihm auf der Straße auf die Schultern. Justizminister Wolfgang Brandstetter hat ihm zum Geburtstag eine Postkarte geschickt. Intellektuelle verehren den Kämpfer.

Anruf bei Peter Turrini. "Der Dichter dichtet“, sagt Turrini, für Orsolics nehme er sich aber gern Zeit. Der Dramatiker erinnert sich an eine Szene mit dem Sportler. "Das Bild ist mir 1983 direkt ins Gemüt gegangen.“ Turrini besuchte mit seiner damals dreijährigen Tochter Rosa ein Filmset, an dem auch Orsolics weilte. "Mindestens eine Viertelstunde lang unterhielt sich der Boxer mit meiner Tochter - aber nicht so, als spreche ein Erwachsener mit einem Kind, sondern als redeten zwei Kinder miteinander, das eine 1,70 Meter hoch, das andere einen guten Meter klein. Orsolics ist kein Erwachsener mit kindlichem Gemüt, sondern lebenslang ein Junge, der in die Erwachsenenwelt gestolpert ist, vollkommen ungeschützt, ungläubig. Die Zeit scheint bei ihm in ewigem Kindheitsglück eingefroren. Man konnte ihm alles erzählen, er glaubte alles, konnte nichts einordnen.“

Rosa und der Kraftkerl, das klingt fast nach einer Turrini-Erzählung. "Orsolics wurde berühmt, weil er in der Welt der Gewalt, der boxerischen Rohheit, groß wurde, und zugleich, als Charakter, das Gegenteil davon darstellte. Ich hatte nie das Gefühl, dass das Boxen, außer dass es ihn körperlich kaputtgehauen hat, sein Kindergemüt getroffen hätte.“ Ein Riese im Boxring, ein Knabe im Leben, zu jener Zeit noch mit buschigem Schnauzer.

Orsolics ist im "Marchfelderhof“ ein erratischer Mann einsilbiger Ja- und-Nein-Antworten, die Sprache schleppend, die Knochen und Sehnen spröde, der Mund ein Strich, schütteres Haar. Die überstandenen und neu hinzugekommenen Krankheiten nagen sichtbar an ihm. Vor einigen Jahren wurde Lungenkrebs diagnostiziert, die Medikamente, die er jeden Tag nehmen muss, dämpfen Parkinson und Alzheimer. "Ein Wahnsinn“, sagt Orsolics oft mit kehliger Stimme, fremder denn je im eigenen Leben. Er trägt ein körperbetontes schwarzes Shirt, irgendwann wird die Trainingskleidung zur Uniform. Er hat etwas von einer Schildkröte, der große verschrammte Kopf, die langsamen Bewegungen, das Augenblinzeln wie in Zeitlupe. Orsolics käme nie auf die Idee, viel von früher zu erzählen. Er sah sich nie als Denkmal seiner selbst. Man muss Wegbegleiter und Freunde fragen, um mehr über Orsolics zu erfahren.

"Es ging bei Hans immer um alles"

Sigi Bergmann, 79, hilft Orsolics dabei, die Welt einzuordnen. Ohne seine Frau Roswitha und seinen Freund Bergmann wäre Orsolics nicht mehr am Leben. Das sagen viele, die ihn besser kennen. Bergmann, schlohweißes Haar, fahrige Bewegungen, liebenswürdige Art, darf man als Journalistenlegende bezeichnen. Er hat Tausende Boxkämpfe kommentiert und jahrelang die legendäre ORF-Reihe "Sport am Montag“ moderiert. Seit über 40 Jahren ist Bergmann auch so etwas wie Orsolics’ selbst ernannter PR-Manager. Er hat dem Sportler Jobs verschafft, ihn im Zuchthaus besucht und zum Alkoholentzug nach Kalksburg begleitet. "Wir hatten ein schönes Leben miteinander“, sagt Bergmann. Es klingt wie das Resümee langer Ehejahre. Bergmann kann die Jahreszahlen und wichtigsten Gegner von Orsolics wie ein Stoßgebet herunterrattern. "Seine größten Siege? Er ist seit 29 Jahren trockener Alkoholiker und seit 31 Jahren mit Roswitha verheiratet. Es ging bei Hans immer um alles. Wie so oft in einem Boxerleben.“ Bergmann verheimlicht, dass sich Roswitha bereits einen Monat nach der Hochzeit scheiden lassen wollte.

Walter Schall ist mit Orsolics seit mehr als 60 Jahren bekannt. Schall, ein Mann von 81 Jahren mit Nussknackerkinn und verdrehter Nase, auf beiden Handrücken kleine verknöcherte Erhebungen vom Boxen, kennt man in Wien unter dem Vornamen Teddy. Schall war ein mäßig erfolgreicher Profiboxer und ein viel beschäftigter Ringrichter. Er hat Muhammad Ali, den er immer noch Cassius Clay nennt, die Hand geschüttelt, mit George Foreman trainiert und sich mit Mike Tyson fotografieren lassen. "Hans war ein Bombensportler“, sagt Schall. Orsolics und Schall übten einst im selben Boxklub in der Wiener Innenstadt. "Der damals 14-Jährige fragt höflich:, Herr Schall, dürfte ich mit Ihnen noch eine Sparringrunde absolvieren?‘“, erinnert sich Schall. "Man liebt Hansi, weil er nie ein Star sein wollte.“ Dann sagt Schall: "Er ist ein menschlicher Mensch geblieben.“

Um die Deutungshoheit über Orsolics‘ Leben toben seit Jahren bizarre Grabenkämpfe. Viel ist die Rede von gebrochenen Zusicherungen, zurückgehaltenem Geld, von einstigen Freunden und heutigen Feinden. Mitunter trägt dies Züge eines Melodrams. Es geht, grob vereinfacht, darum, ob Orsolics’ Vita eher als Abfolge von Niederlagen darzustellen sei oder sich, im Gegenteil, als Triumphzug vollzogen habe. Hell-Hansi gegen Dunkel-Hansi gleichsam. Es gibt zwei Biografien über den Boxer. Die eine stammt von Sigi Bergmann, die andere von Anna Pfabl, einer Wiener Eventmanagerin und Präsidentin eines regionalen Boxverbands. Das Gesicht von Orsolics’ Frau Roswitha verfinstert sich, wenn sie den Namen Pfabl hört. Sie sagt dann wuchtige Sätze, die sie mit Schimpfwörtern möbliert. "Roswitha untersagt jeden Kontakt mit Hans“, klagt wiederum Pfabl. Sie ist in Kärnten im Auto unterwegs. Die Fernsprecheinrichtung verzerrt ihre Stimme zu einem Hallen wie in einer verwaisten Boxarena. "In Bergmanns Buch wird Hans verleumdet, seine schlechten Eigenschaften werden über Gebühr betont.“

Bergmann-Buch über tiefen Fall

Der Hans, so tröstet sich Pfabl, habe ein Kämpferherz. Ihr ist es wichtig, Orsolics in ein tadelloses Licht zu rücken. Ihr Buch "Der Profiboxer“ scheitert jedoch an diesem Anspruch, weil es die Geschichte eines tumben Toren zum edlen Boxritter erzählt, die aller Dramatik beraubte Fabel vom Hans im Glück. Vollends wird die ohnehin löchrige Story, die Pfabls Orsolics-Buch referiert, durch seitenlange Abhandlungen über Boxsportverbände und Ranglisten zerhackt. In "Der Profiboxer“ muss Orsolics vor Virilität und Vitalität geradezu beben. Taumeln darf er nicht.

Schreibt Sigi Bergmann in "Orsolics Hansi k. o.“ dagegen über den Boxer, klingt es so, als berichtete ein Lehrer über sein liebstes Sorgenkind. 14 Mal, so Bergmanns Rechnung, sei Orsolics wegen Körperverletzung im Gefängnis gesessen, insgesamt 846 Tage. Er informiert über Kieferbrüche, Schussattentate, Schlägereien, über Eifersuchtsdramen und Rachegeschichten, Emotionen, die immer wieder durch die Decke schossen. Bergmanns Buch widmet sich dem tiefen Fall Orsolics’ vom Helden zum Psychowrack, vom Athleten zum Quartalssäufer. Bergmann schreibt: "Das Bild vom armen Hansiburli, der unschuldig immer tiefer und tiefer sank, ein Bild, an dem ich auch sorgsam mitgearbeitet habe, wird nach der Lektüre dieses Buchs ein paar Kratzer bekommen.“

Im "Marchfelderhof“ ist der junge Orsolics, Walrossschnurrbart und dichtes schwarzes Haar, ein bulliger Typ, als wäre er mit Sand ausgestopft, auf der Leinwand zu sehen, in einer in der Vorweihnachtszeit 1985 ausgestrahlten "Sport am Montag“-Folge. Orsolics wird gefragt, ob er mit Begriffen wie Dankbarkeit, Freude, Freundschaft etwas anfangen könne. "Na, des gibt’s net, sicher net. Die Leute, die was ich kenne, da gibt’s ka Dankbarkeit. Samma uns ehrlich. Ich hob mir des scho olles abgwöhnt.“ Der alte schaut dem jungen Orsolics verloren zu.