Heino: "Man sollte die AfD verbieten"

Heino

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Der deutsche Sänger Heino über seinen Abschied von der Bühne, Kollegen wie Andreas Gabalier und Helene Fischer, den Tod von Karel Gott, warum er Angela Merkel schätzt und ein Leben ohne Exzesse bevorzugt.

Anmerkung: Dieser Artikel erschien ursprünglich in der profil-Ausgabe Nr. 41/2019 vom 6. Oktober 2019.

Eine Ära geht zu Ende: Diesen Dezember wird Heino 81, und er denkt tatsächlich ans Aufhören – zumindest auf der großen Bühne. Am 26. Oktober gibt er in Linz sein Abschiedskonzert (übrigens auf Anregung seiner Frau Hannelore, einer gebürtigen Linzerin). Blondes Haar, schwarze Brille, martialischer Bariton: Heino ist eine unverkennbare Marke, die sich im Lauf von fünf Jahrzehnten kaum verändert hat. 1967 erschien seine erste Langspielplatte mit deutschen Volksliedern. Es folgten Hits wie „Blau blüht der Enzian“, „Die schwarze Barbara“ und „Carneval in Rio“. 2013 erfand sich Heinz Georg Kramm, wie der Sänger mit bürgerlichem Namen heißt, noch einmal neu: In Nietenlederjacke und mit Totenkopfringen gab er den Rocker. Er coverte unter anderem den Rammstein-Hit „Sonne“ und trat gemeinsam mit der deutschen Band beim Metal-Festival in Wacken auf. „Da wuchs zusammen, was zusammengehört“, befand die Hamburger „Zeit“: Rammsteins popkulturell modernisierte Variante der Heimatmusik gehe mit dem Erbe der deutschen Totalitarismen ähnlich unbefangen um wie Heino.

Das profil-Gespräch findet telefonisch statt; Hannelore hebt ab. Die beiden sind seit 1979 verheiratet, sie hatten sich auf einer Miss-Austria-Wahl kennengelernt. Hannelore lässt ihren Ehemann entschuldigen, er wurde beim Frühstück im „Heino Café“, das direkt unter ihrer Wohnung in einem historischen Kurhaus in Bad Münstereifel liegt, von Fans aufgehalten. Außerdem müsse er in einer halben Stunden zur Massage. Heino hat dann doch viel Zeit und ist bester Laune.

INTERVIEW: KARIN CERNY

profil: Haben Sie es nicht manchmal satt, ständig erkannt zu werden?
Heino: Nee, mir macht das Spaß. Ich war nie der Mensch, der unerkannt bleiben wollte. Man muss seine Fans doch gut behandeln, selbst wenn jemand unfreundlich ist.

profil: Haben sich die Fans verändert?
Heino: Heute kommen junge Leute und sagen nicht mehr wie früher: „Ich möchte ein Autogramm für meine Oma und meinen Opa.“ Die wollen tatsächlich ein Selfie mit mir machen. Das ist doch sehr angenehm.

profil: Helene Fischer soll geweint haben, als ihr Management meinte, sie müsse Schlager singen. Ging es Ihnen als junger Mann ähnlich, als man wollte, dass Sie deutsche Volkslieder singen?
Heino: Mein Manager Ralf Bendix hörte mich 1965 bei einer Modenschau. Er meinte: „Sie haben eine tolle Stimme, aber das reicht nicht. Wir müssen ein Konzept entwickeln.“ Wenn man damals das Radio aufdrehte, hörte man nur englischsprachige Musik. Das hat uns auf die Idee gebracht, deutsche Volks- und Fahrtenlieder aufzunehmen, die zu jener Zeit keiner mehr gesungen hat. Ich bekam einen Vertrag für zehn Jahre.

profil: Klingt sehr pragmatisch.
Heino: Meine Mutter musste uns als Kriegswitwe durchbringen; mein Vater war 1941 gefallen. Ich habe in meiner Kindheit gehungert. Ihr zuliebe habe ich dann auch eine Bäcker- und Konditorlehre angefangen, obwohl ich Musik machen wollte. Dieser Vertrag war ein Geschenk und eine Absicherung.

profil: Heino war eine streng gestylte Kunstfigur: blonde, betonierte Haare, enge Rollkragenpullis, kantige Bewegungen.
Heino: Plattenfirmen sind ja keine Wohlfahrtsinstitute. Natürlich brauchten wir ein Konzept, um Erfolg zu haben. Die blonden Haare habe ich von meinem Vater, die schwarze Brille kam erst später, weil ich eine Überfunktion der Schilddrüse habe. Unser Konzept war: keine Interviews geben, auf Fotos nicht lachen. Ich habe mich klar positioniert und hatte auch gar keine Lust, bei Liedern wie „Wenn die bunten Fahnen wehen“ zu lachen. Das sind ja keine lustigen Poplieder.


Es ist völliger Schwachsinn, mir vorzuwerfen, dass ich Nazi-Lieder gesungen habe.

profil: Man machte sich über Ihre steife Art lustig.
Heino: Ich bin der schlechteste Tänzer der Welt. Das habe ich lieber Kollegen wie Rex Gildo überlassen. Bei einem Volkslied hätte das sowieso lächerlich gewirkt. Ich bin damals beschimpft worden, dass man in den 1960er-Jahren, in der Blütezeit des Beats, keine Volkslieder mehr singen dürfe. Aber ich habe mich nicht beirren lassen, bis zum heutigen Tag ist mir das Volkslied ans Herz gewachsen.

profil: Einige dieser Lieder waren auch in SS-Liederbüchern zu finden. Hat es Sie nie gestört, dass nicht wenige Ihrer Fans vermutlich Altnazis waren?
Heino: Es ist völliger Schwachsinn, mir vorzuwerfen, dass ich Nazi-Lieder gesungen habe. Viele sind ja schon entstanden, als es den Nationalsozialismus noch gar nicht gab. Was können denn diese Volkslieder dafür, dass sie von den Nazis missbraucht wurden? Heute laufen alle Politiker zu den Wagner-Festspielen nach Bayreuth, obwohl man weiß, dass Richard Wagner ein Antisemit war. Keinen stört das. Aber wenn ich „Am Brunnen vor dem Tore“ singe, dann regen sich alle auf.

profil: Sie haben 1977 eine Schallplatte mit allen drei Strophen des Deutschlandliedes aufgenommen – auch mit der ersten, in der von einem großdeutschen Nationalstaat geträumt wird.
Heino: Das war Anhörungsmaterial für die Schule. Ich habe die Platte auf Bitte von Hans Filbinger, dem damaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, aufgenommen und mich vorher mit Bundespräsident Walter Scheel kurzgeschlossen. Der hat mir versichert, dass alle drei Strophen gesungen werden dürfen.

profil: 1978 wurde die NS-Vergangenheit von Filbinger thematisiert, der als Jurist an etlichen Todesurteilen die Schuld trug.
Heino: Als er mir den Auftrag gab, habe ich nicht darüber nachgedacht, ob er ein Nazi war oder nicht. Damals habe ich nichts Unrechtes darin gesehen.

profil: 2018 haben Sie sich gegen die deutsche Partei AfD ausgesprochen. Warum war es Ihnen plötzlich doch ein Anliegen, Stellung zu beziehen?
Heino: Natürlich ist es mir wichtig, gegen Rassismus aufzutreten. Aber im Grunde genommen bin ich Musiker, weder links noch rechts. Ich bin überhaupt kein politischer Mensch. Ich gehe nicht für jede Kleinigkeit auf die Straße. Aber wenn mich jemand fragt, dann kann ich doch nur sagen: Man sollte die AfD verbieten. Es ist kein Platz für solche rechtslastigen Politiker.

profil: Gehen Sie denn wählen?
Heino: Ich habe nur ein-, zweimal in meinem Leben gewählt, weil es Pflicht ist – damit man sich dann nicht aufregen kann, wenn die falsche Partei am Regieren ist. Warum soll ich Leute wählen, die ich nicht mag?

profil: Ist Ihnen denn keine Partei sympathisch?
Heino: Im Moment in Deutschland nicht. Ich wüsste gar nicht, wen ich wählen sollte.

profil: Auf Ihrem neuen Album „… und tschüss“ haben Sie Angela Merkel einen Song gewidmet.
Heino: Das war Zufall. Ich habe den Song „Bilder im Kopf (Angie)“ gehört, und er hat mir gefallen. Ich habe nicht sofort an unsere Kanzlerin gedacht. Aber ich kann Merkel nur ein gutes Zeugnis ausstellen, ich war mit ihr zufrieden. Man muss erst einmal wieder so eine Politikerin finden, der es gelingt, über 18 Jahre zu regieren.


Ich bin heute noch so fit, weil ich die wilden Zeiten nicht mitgemacht habe.

profil: Sie galten immer als Saubermann der deutschen Musik. Alkohol, Drogen, Groupies waren nie ein Thema?
Heino: Nein, das gehörte ja auch zu unserem Konzept: dass man sich nach außen hin benimmt. Mein Produzent war Volkswirt und Jurist, mein Texter war als Richter in Essen aktiv. Ich war in einem extrem seriösen Team. Wenn morgens alle um neun im Studio standen, hätte ich es mir nicht leisten können, zu verschlafen.

profil: Sie haben sich wirklich nie Exzesse geleistet?
Heino: Nach der „Hitparade“ am Samstagabend sind alle in eine Berliner Kneipe gegangen, die wir nur „die Todeszelle“ nannten, weil am Sonntag noch immer alle dort herumhingen und bis zur Besinnungslosigkeit feierten. Dafür hatte ich gar keine Zeit, ich hätte ja alles aufs Spiel gesetzt. Natürlich habe ich auch schon mal ein Bierchen getrunken, aber man musste mich nie irgendwo auffischen, weil ich besoffen war. Die meisten, die damals so exzessiv Party gemacht haben, leben nicht mehr. weil sie das gesundheitlich nicht durchstehen konnten. Ich bin heute noch so fit, weil ich die wilden Zeiten nicht mitgemacht habe.

profil: 2013 sind Sie mit Rammstein beim Metal-Festival in Wacken aufgetreten. Hatten Sie keine Angst, von den Fans als Schlagerfuzzi ausgebuht zu werden?
Heino: Rammstein haben angefragt, ob ich mir vorstellen könnte, mit ihnen gemeinsam aufzutreten. Sie waren wahnsinnig nett zu mir. 80.000 Leute haben frenetisch „Heino!“ gerufen – das war ein Höhepunkt meiner Karriere. Ich bin sehr stolz darauf, dass ich als Volkssänger mal in Wacken dabei sein durfte.

profil: Sind die Zuhörer heute weniger dogmatisch?
Heino: Die jungen Leute sind wesentlich toleranter. Früher wollte sich keiner mit Schlagern oder Volksmusik beschäftigen. Heute kann man Rocker und Schlagersänger sein – Hauptsache, es macht Spaß.

profil: Wahrscheinlich muss man dafür Helene Fischer danken.
Heino: Es freut mich, dass sie mit deutschen Songs so erfolgreich ist. Würde Helene Fischer ihre Alben auf Russisch aufnehmen, hätten wir doch nichts davon. Alle haben früher auf Heintje geschimpft, aber er lockte die Leute ins Schallplattengeschäft, wo sie dann auch Roy Black oder Heino entdeckten. Wir haben alle von seinem Erfolg profitiert.

profil: Ihre Plattenfirma wollte, dass Sie Ballermann-Hits singen. Warum hat das nicht geklappt?
Heino: Das ist einfach nicht meine Welt. Ich habe vor Ewigkeiten Roy Black auf Mallorca vertreten, weil er krank geworden war. Mir war das zu brachial, ich wollte lieber Rock-Songs singen. Das hat dann ja auch gut geklappt.


Ich mag Homosexuelle manchmal sogar lieber, weil sie nett und höflich sind.

profil: Fliegen mehr BHs auf die Bühne, seit Sie Rocker sind?
Heino: Absolut! Meine Frau Hannelore scherzt immer, dass sie leider nicht ihre Größe haben.

profil: Wie finden Sie Ihren österreichischen Kollegen Andreas Gabalier, der auch häufig kritisiert wird? Unter anderem wird ihm Nationalismus und Homophobie vorgeworfen.
Heino: Andreas ist ein netter Kollege, ich kann nur das Beste über ihn sagen. Natürlich wurde er auch angegriffen, was seine politische Haltung betrifft. Dass er homophob sein soll, wusste ich gar nicht. Ich lese die österreichischen Zeitungen nur, wenn wir in unserem Haus in Kitzbühel sind. Ich selbst habe in dieser Frage überhaupt keine Berührungsängste; viele meiner Freunde sind homosexuell. Ich mag Homosexuelle manchmal sogar lieber, weil sie nett und höflich sind.

profil: Sie werden im Dezember 81. Warum tun Sie sich noch eine Tournee an?
Heino: Musik ist mein Leben. Ich übe jeden Tag. Gehe in mein Musikzimmer, mache Stimmübungen, singe meine Lieder. Wenn ich das nicht mehr hätte, wäre ich traurig. Ich bin dem lieben Gott sehr dankbar, dass er mir die Arbeit schenkt. Und so lange er mir meine Stimme lässt, singe ich.

profil: Sie klingen nicht, als ob Sie sich auf die Pension freuen würden.
Heino: Ich hasse es, zu Hause herumzusitzen. Ruhestand wäre nichts für mich, obwohl ich schon seit 15 Jahren meine Rente beziehe. Ich habe immer brav eingezahlt – auch deshalb, weil ich nicht wusste, wie es mit meiner Karriere weitergeht. Ich werde in Zukunft weiterhin Konzerte geben, aber eher im kleineren Rahmen.

profil: Stimmt es, dass Sie sonntags gern mit Ihrer Frau Filme von Rosamunde Pilcher schauen?
Heino: Gestern war leider keiner, aber sonst schauen wir immer. Dann schalte ich um auf den Heimatkanal, da laufen alte Filme. Wir haben gestern sogar drei Filme hintereinander geguckt. Wir müssen morgens ja nicht mehr so früh aufstehen. Ich trinke dann ein Gläschen Rotwein, Hannelore einen Rosé. Der „Tatort“ ist mir zu brutal. Ich möchte einen ruhigen Fernsehabend haben. Bei Pilcher sieht man schöne Landschaften und schöne Beziehungen, die auseinandergehen und wieder zusammenkommen.

profil: Was sagen Sie zum Tod Ihres Kollegen Karel Gott?
Heino: Wir sind erschüttert, wir kannten ihn sehr gut. Wir haben im vergangenen Jahr beim Stanglwirt in Kitzbühel noch ein Gläschen Rotwein gemeinsam getrunken. Er hat Urlaub mit seinen Kindern gemacht. Wieder ist einer der ganz Großen und Lieben von uns gegangen.

profil: Letzte Frage: Wollen Sie wirklich mit Ihrer Brille begraben werden?
Heino: Das habe ich einfach so gesagt, eher zum Spaß. Aber es wäre ein guter Abgang. Drafi Deutscher hat sich ja auch mit Hut beerdigen lassen. Aber eigentlich denke ich überhaupt nicht an den Tod.