„House of Cards“-Regisseurin Agnieszka Holland: „Eine gefährliche Schöpfung“

Leseprobe: Agnieszka Holland mit Kevin Dpacey (r.)

Leseprobe: Agnieszka Holland mit Kevin Dpacey (r.)

Die polnische Filmemacherin Agnieszka Holland über ihre Regiearbeit bei der Kultserie „House of Cards“ und die Parallelen zwischen Frank Underwood und Donald Trump.

Agnieszka Holland ist im Filmgeschäft eine rare Ausnahme: Die gebürtige Polin, die immer wieder in ihrer alten Heimat Filme dreht, hat als europäische Filmemacherin die gläserne Decke in der Oberliga des US-Fernsehens durchstoßen. Die 67-jährige Holland inszenierte mehrere Folgen der Netflix-Serie „House of Cards“, die das machtgierige Polit-Paar Claire und Frank Underwood, dargestellt von Robin Wright und Kevin Spacey, auf ihrem Weg ins Weiße Haus begleitet und von Kritikern als „Shakespeare für das Fernsehzeitalter“ gepriesen wurde. Zuvor war Holland für die raue Polizei-Serie „The Wire“ und die New-Orleans-Saga „Treme“, beides Produktionen des renommierten Bezahlsenders HBO, auf dem Regiestuhl gesessen. Holland, die aus einer jüdischen Familie stammt und vor dem Kriegsrecht 1981 von Polen nach Frankreich floh, hatte sich jedoch schon lange zuvor im europäischen Kino etabliert: Für den deutsch-französisch-polnischen Film „Hitlerjunge Salomon“ erhielt sie 1990 einen Golden Globe. „In der Finsternis“, ihr Film über das Warschauer Ghetto während der NS-Besatzung, wurde als bester fremdsprachiger Film 2012 für einen Oscar nominiert. Sie ist heute Präsidentin des European Film Academy Board. Zur Zeit dreht Holland einen Spielfilm in Warschau. profil sprach mit Holland vor ihrem Wien-Besuch.

profil: Warum wollte David Fincher, der Produzent von „House of Cards“, gerade Sie als Regisseurin?
Agnieszka Holland: Er wollte eine gute Gruppe von Filmemachern und vermied dabei ganz bewusst Fernsehregisseure. Ich wiederum habe „House of Cards“ auch selbst gern gesehen und wollte unbedingt mit den Hauptdarstellern Kevin Spacey und Robin Wright arbeiten. Ich glaube, es ist für mich einfacher, eine Serienfolge zu drehen, als für andere europäische Regisseure. Ich erzähle Geschichten sehr effizient. Die Kritiker mögen mich deshalb nicht so gern. Das ist aber meine Art zu kommunizieren – einfach und direkt. Voriges Jahr sollte ich zu „House of Cards“ zurückkommen, aber ich hatte leider keine Zeit. Jetzt wollen sie mich wieder für ein oder zwei Episoden gegen Ende der kommenden Staffel.

profil: Fernsehen gilt mittlerweile als das bessere Kino. Sie sind in beiden Genres tätig. Wie fällt der Vergleich in Ihren Augen aus?
Holland: Die besten Fernsehserien haben einen höheren Qualitätsanspruch als manche Hollywood-Filme. Teilweise sind sie auch besser und innovativer als das europäische Kino. Es ist längst keine Schande mehr, beim Fernsehen zu arbeiten. Der Nachteil ist, dass man bei Fernsehserien oft strikte Vorgaben hat. Der dramatische Erzählstrang ist eher konventionell. Das kann man nicht ändern. Die Zuschauer müssen schließlich nach jeder Episode zurückkommen, also braucht man immer einen Cliffhanger.

profil: Macht es bei einem so begrenzten Spielraum überhaupt einen Unterschied, wer Regie führt?
Holland: Bei Fernsehserien regieren die Drehbuchautoren. Spielfilme wiederum sind die Domäne von Regisseuren. Die Drehbuchautoren haben sich lange dagegen gewehrt. Jetzt können sie sich rächen. Ich bin trotzdem dankbar für die Chance. Mit David Simon habe ich „The Wire“ und „Treme“ gedreht. Ich habe bei diesen Arbeiten Amerika verstehen gelernt und erkannt, worin die großen Tragödien der Städte bestehen.


Ich bin seit 40 Jahren im Geschäft, und ich kann Ihnen sagen, es wird nicht besser.

profil: Erzählen Fernsehserien mehr über die Realität als das Leben selbst?
Holland: TV-Serien gehen oft näher an die Wirklichkeit heran. Zunächst wird das Leben der Protagonisten genau recherchiert. Die Vorbereitungen für ein Drehbuch sind wie eine riesige Dokumentationsarbeit. Die Fernsehserie versucht, über die Grenzen der Realität zum Kern der Geschichte vorzudringen und darzustellen, warum die Dinge so sind, wie sie sind.

profil: Sie sind eine der wenigen Regisseurinnen, die sowohl im europäischen als auch im amerikanischen Raum fest verankert sind. Warum gibt es immer noch so wenige Frauen unter den Filmschaffenden?
Holland: Ich bin seit 40 Jahren im Geschäft, und ich kann Ihnen sagen, es wird nicht besser. In den 1970er-Jahren hatten Frauen es sogar etwas leichter. Es sollte eine Förderung für Regisseurinnen geben, weil die gläserne Decke so schwer zu durchbrechen ist. Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob Quoten dafür das richtige Mittel sind. In der Politik bin ich auf jeden Fall dafür. Beim Film könnten Quoten für Regisseurinnen nur in jenen Ländern eingeführt werden, in denen es staatliche Filmförderung gibt – also in Europa. In Hollywood gibt es nur privat finanziertes Kino.

profil: Arbeiten Sie lieber in Europa?
Holland: Ich bin natürlich Europäerin. Aber die amerikanische Kultur interessiert mich. Außerdem gibt es sehr viele Ähnlichkeiten im besten, aber auch im schlechten Sinne. Besonders Letzteres.
profil: Wie meinen Sie das?
Holland: Wenn ich Polen und die Vereinigten Staaten vergleiche, dann findet sich in beiden Ländern diese spezifische Mischung aus Ignoranz, Verschwörungstheorien und sehr primitiver Religiosität. Gleichzeitig sinkt das Vertrauen in das Establishment und in die politische Führung, und die soziale Solidarität schwindet zusehends. Es gibt natürlich auch Unterschiede: Die Amerikaner vertrauen den demokratischen Institutionen – das ist in Polen ganz anders. Dennoch: Ich beobachte den Aufstieg von Donald Trump und habe ein Déjà-vu. Vor einem Jahr wählten die Polen eine Art Witzfigur zum Präsidenten, und nun drohen die Amerikaner das Gleiche zu tun.


Die post-kommunistischen Länder sind schon etwas anders als Westeuropa.

profil: Donald Trump und die polnische Führung haben jedenfalls eines gemeinsam: Sie wollen
keinen einzigen syrischen Flüchtling aufnehmen. Warum verweigern die Polen jede Form von Hilfsbereitschaft?
Holland: Es gibt keinen rationalen Grund. Es ist die Angst davor, dass sich alles wieder ändert. Die post-kommunistischen Länder sind schon etwas anders als Westeuropa – andererseits aber auch nicht so ganz verschieden: Schauen Sie in die Niederlande oder neuerdings nach Deutschland …
profil: … oder nach Österreich.
Holland: Österreich war immer schon empfänglich für rechtsextreme Bewegungen. Denken Sie an Jörg Haider. Wir sehen jetzt eine braune Welle über Europa schwappen. Die Flüchtlingskrise verstärkt die Krise der Demokratie noch.

profil: Wie beurteilen Sie die Rolle der EU?
Holland: Die EU ist zu stark, um den Mitgliedsstaaten das Gefühl zu geben, dass sie noch unabhängige Nationen sind. Und die EU ist zu schwach, um mit ihren Problemen fertigzuwerden. Die Krise der Demokratie ist auch eine Krise der politischen Klasse. Personen wie Donald Trump oder der neue Star in Polen, der Sänger und Aktivist Paweł Kukiz, kämpfen gegen die politische Korrektheit. Denn nur auf diesem Weg haben sie die Möglichkeit, die schrecklichsten Dinge zu sagen. Trumps Wähler lieben das. Und die Wähler hier in Polen mögen es auch.


Nach „House of Cards“, denken die Menschen, dass Washington und die Politiker zynischer Abschaum sind.

profil: Das Thema Ihrer Diskussionsveranstaltung in Wien ist die Meinungsfreiheit in Europa. Sehen Sie diese bedroht?
Holland: Wir befinden uns in einer Schlacht zwischen politischer Korrektheit und Meinungsfreiheit. Amerika hatte das bisher ganz gut ausbalanciert, eigentlich besser als die Europäer. Aber das ist jetzt vorbei. In den USA wollen die Leute nichts mehr davon hören. Dabei geht es nicht einmal um Freiheit versus Sicherheit – es reicht viel tiefer. Es ist eine Art primitive Verzerrung der Gesellschaft, die das Böse schlechthin freisetzt. Wir leben in sehr schwierigen Zeiten.

profil: In „House of Cards“ ist Frank Underwood nahezu die Inkarnation des Bösen.
Holland: „The West Wing“ war vor 17 Jahren die erste Serie, die den Blick ins Weiße Haus wagte. Damals waren die Politiker noch voll guten Willens. Manchmal wurden sie korrumpiert, manchmal machten sie Fehler. Aber sie waren nicht so zynisch. Heute, nach „House of Cards“, denken die Menschen, dass Washington und die Politiker zynischer Abschaum sind und dass sie ihnen weder vertrauen noch sie respektieren müssen.

profil: Frank Underwood hat also den Boden für Donald Trump bereitet?
Holland: In gewisser Weise schon. Ich glaube, dass Barack Obama nie gewählt worden wäre, wenn es nicht schon in Fernsehserien schwarze Präsidenten gegeben hätte – wie etwa in „24“. Die Leute sahen einen schwarzen Präsidenten im Fernsehen und dachten plötzlich, dass das Weiße Haus auch einen vertragen könnte. Sie werden von TV-Serien erzogen. Nachdem ich „House of Cards“ abgedreht hatte, begann ich zu verstehen, dass wir mit dieser Serie etwas ziemlich Bedrohliches geschaffen hatten. „House of Cards“ ist eine gefährliche Schöpfung. Jetzt ist es natürlich zu spät. Auch wenn Frank Underwood noch schrecklich bestraft werden sollte – es wird leider nichts mehr ändern.

„Meinungsfreiheit in Europa“ ist der Titel der Diskussionsveranstaltung im Burgtheater , bei der Agnieszka Holland am 31. Mai mit dem ungarischen Bürgerrechtler Miklós Haraszti und Claire Fox, der britischen Direktorin des Institute of Ideas, auftritt. Die Diskussion ist Teil des „Thinking Aloud/Allowed“-Programms der Wiener Festwochen. Am 7. Juni findet der zweite Teil der Reihe im Burgtheater statt: Der französische Islamexperte Gilles Kepel diskutiert mit der belgischen Politologin Chantal Mouffe und dem Historiker Philipp Blom über den Rechtsruck in Europa.