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Gesellschaft
04/12/2022

Jack Unterweger: Ein Mörder, den jeder begehrt

Die Geschichte von Frauenmörder Jack Unterweger schien längst erzählt. Dann stellte ein deutscher Podcast neue Fragen.

von Sebastian Hofer

In seiner Ausgabe vom 10. Jänner 1994 druckt das profil auf Veranlassung des Schriftstellers und Mörders Jack Unterweger die folgende Gegendarstellung: „Sie schreiben in der Ausgabe der Zeitschrift profil Nr. 29 vom 19. Juli 1993 unter der Überschrift ‚Haarige Indizien‘ auf Seite 24 und 25, daß man auf den Sitzen des Pkw, der Herrn Unterweger gehört hatte, Kopfhaare gefunden habe, und führen dazu aus, daß die Berner Gerichtsmedizin in einer ersten DNA-Untersuchung eine Wahrscheinlichkeit von 13:1 dafür erhoben habe, daß das Haar aus Unterwegers Auto von der ermordeten Pragerin stammt. Diese Darstellung ist unvollständig und unwahr.“

Fünfeinhalb Monate später, am 29. Juni, wurde Unterweger des neunfachen Mordes schuldig gesprochen, auch jenes an Blanka Bockova in Prag, und zu lebenslanger Haft verurteilt, übrigens zum zweiten Mal in seinem Leben. Wenige Stunden später erhängte er sich, 43-jährig, in seiner Zelle in Graz.

Jack Unterweger: Häfenpoet, Vorzeigehäftling, literarisches Wunder, entstanden aus ruinösen Umständen; Liebling des Literaturbetriebs und später auch der sogenannten Society; Milieu-Reporter, Träger blütenweißer Anzüge, Fahrer eines Ford Mustang mit dem Kennzeichen „W-Jack 1“ – ein charmanter, ein faszinierender Mensch. Ein Mörder, den jeder begehrt.

„Am Tag vor seiner Freilassung im Mai 1990 wurde Unterweger gefragt, was er in 15 Jahren Knast gelernt habe“, erzählt der deutsche Autor und Journalist Malte Herwig im Gespräch mit profil: „Er meinte: „Ich habe das Denken gelernt, und ich habe gelernt, die Sprache als Waffe zu gebrauchen. Ich bin heute gefährlicher als vor der Haft. 

„Er hat es ganz offen genau so gesagt! Unglaublich. Nun, hinterher sind wir alle klüger.“ Als Podcast-Autor trägt Herwig, langjähriger „Spiegel“-Redakteur und auch Handke-Biograf, einiges zur Gescheiterwerdung der Welt bei. Nach seinem Zehnteiler „Faking Hitler“ über die gefälschten Hitler-Tagebücher des Konrad Kujau legt der promovierte Germanist nun die NDR-Produktion „Jack. Gier frisst Schönheiten“ vor, eine Art historisch-kritischen True-Crime-Podcast.

Es ist ein faszinierendes Dokument. Herwig ließ bei seinen Recherchen tatsächlich keinen Stein unumgedreht, besuchte die 95-jährige Tochter von Unterwegers Kärntner Ziehmutter in der Äußeren Wimitz („Er war ein lieber Bua“), traf Polizisten in Wien und Literaten in Paris, sprach mit Vertrauten und Verratenen und mit denen, die die Metamorphose des Mörders zum Dichter leibhaftig miterlebt haben, damals in Stein, von seinen ersten Geschichten für das ORF-„Traummännlein“ bis zum „Fegefeuer“ 1983.

„Jack“ demaskiert seinen Titelhelden als Plagiator und Manipulator und macht dessen unwiderstehlichen Charme in spektakulären Audioaufnahmen nachvollziehbar, in denen Unterweger seine Telefonate mit Geliebten, seine Reportagen am Wiener Straßenstrich, seine Lesungen und Interviews dokumentiert hatte. Es sind Aufnahmen, die eine existenzielle Gänsehaut erzeugen, weil sie einen selbst an einem empfindlichen Punkt erwischen: Sie führen sehr deutlich vor Ohren, wie sehr man etwas glaubt, wenn man es nur glauben will.

Da geht es dem Gefängnisdirektor wie den Society-Damen, den Literaturbetrieblern wie einem selbst. Die Wahrheit ist, ganz objektiv betrachtet, sehr oft leider sehr subjektiv. Malte Herwig beschreibt die Grundstimmung seines Podcasts als „ein bisschen Achterbahn, ein bisschen Geisterbahn“. Ein bisschen Spiegelkabinett ist sicher auch dabei.