ÖFB-Sportchef Peter Schöttel und Nationaltrainer Ralf Rangnick pflegen unterschiedliche Meinungen zur Grundsatzfrage: Sollen Kinder einfach nur Freude am Sport haben - oder sollen sie auch das Gewinnen-Wollen üben?
Fußball

Konflikt im ÖFB: „Ihr Tschapperln habt einen falschen Weg gewählt“

Im ÖFB brach mitten in der Sommerpause ein Konflikt aus – zwischen Teamchef Ralf Rangnick und hochrangigen Funktionären. Der skurrile Auslöser: Kinderfußball. Entstehen da gerade neue Gräben im Verband?

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Die Sommerruhe im ÖFB währte nur kurz, schon Ende Juli liefen Funktionäre wieder mit hochrotem Kopf umher. „Das war die schlechteste Meldung, die er jemals gemacht hat“, polterte Johann Gartner, zuletzt interimistischer ÖFB-Präsident, gegenüber profil. Nachsatz: „Aber das ist Rangnick! Was er sich denkt, sagt er – ohne Rücksicht, welche Prozesse im Hintergrund laufen.“

Was war passiert? Teamchef Ralf Rangnick hatte auf einer Trainertagung in Bremen einen folgenschweren Satz fallen lassen: „Wenn man beim ÖFB auf die Idee kommen würde, mir zu erklären, dass es bei den Sechs- bis Zwölfjährigen keine Tabellen mehr gibt, keine Ergebnisse und auch nicht aufgelistet wird, wer die Tore geschossen hat, dann kriegt derjenige mit mir ein Problem.“ Was Rangnick nicht wusste: Der ÖFB hat genau das beschlossen und setzt es bereits seit einem Jahr in ganz Österreich um.

Im ÖFB liefen die Telefone heiß, wütende Mails trudelten ein. „Wir sind schockiert!“, polterte Walter Hörmann, Sportdirektor des steirischen Landesverbands, in der „Krone“. Das sei ein „kommunikativer Skandal“ und ein „schweres Foul“ des Teamchefs. Dabei war Rangnick zuletzt zum Erlöser des österreichischen Fußballs aufgestiegen. Er genießt auch international einen guten Ruf, entfachte mit dem Nationalteam Euphorie im Land. Nun aber wird wieder gestritten. Auf der einen Seite steht der kompromisslose Erneuerer Rangnick, der stets offen sagt, was ihm missfällt. Andererseits sind da wütende Landes-Funktionäre, die den neuen Weg jahre-lang propagiert haben – und nun ihre Mühen nicht gewürdigt sehen. profil-Recherchen offenbaren eine gehörige Verstimmung. Werden da gerade neue Gräben im ÖFB ausgehoben? Und warum wird ausgerechnet über den Kinderfußball gestritten?

Im ÖFB liefen die Telefone heiß, wütende Mails trudelten ein. „Wir sind schockiert!“, polterte Walter Hörmann, Sportdirektor des steirischen Landesverbands, in der „Krone“. Das sei ein „kommunikativer Skandal“ und ein „schweres Foul“ des Teamchefs.

Rangnick hat vom Verband die offizielle Erlaubnis, sich überall einzumischen. Im ÖFB freut man sich über einen entscheidungsstarken Visionär, wie er lange gefehlt hat. „Ich will, dass du dir alles genau anschaust“, animierte Sportchef Peter Schöttel den Nationaltrainer gleich zu Beginn. Und Gartner, der mächtige ÖFB-Funktionär, sprach davon, dass es ihn „überhaupt nicht stören würde, wenn kein Stein auf dem anderen bleibt“. Rangnick nahm das Angebot gerne an. Nun sagt Gartner zu profil: „Er soll sich ja alles anschauen, aber nicht öffentlich sagen: ‚Ihr Tschapperln habt eine falschen Weg gewählt.‘“

Der Hintergrund: Seit einem Jahr setzt der ÖFB eine große Kinderfußballreform um. Sechs- bis Zwölfjährige sollen ohne Ergebnisdruck kicken, sich frei entwickeln, Spaß haben. Tabellen, Torschützenlisten wurden abgeschafft. Rangnicks Aussage ist also durchaus brisant: 110.000 Kinder spielen österreichweit in 2200 Vereinen Fußball, dazu kommen Tausende ehrenamtliche Erwachsene. Es gibt Befürworter und Gegner der Reform. Wer inhaltlich recht hat, ist nicht so einfach zu beantworten.

Aggressive Eltern

Fußball ohne Tabellen soll vor allem eines bewirken: Kinder vor überehrgeizigen Trainern und Eltern schützen. Es gäbe Väter, die aufs Spielfeld laufen, wenn dem Sprössling ein Tor aberkannt wird. Und Großväter, die dem Enkelkind 50 Euro versprechen, wenn es nur ja Torschützenkönig wird. Es soll Spielabbrüche bei Partien zwischen Zehnjährigen gegeben haben, „weil die Eltern und Trainer so aggressiv geworden sind“, erzählt der Sportdirektor des burgenländischen Landesverbandes Hans Füzi. Manche Eltern prügeln sich sogar. In Niederösterreich, so erzählt ÖFB-Funktionär Gartner, wurde schon „auf der Tribüne und auf dem Spielfeld gerauft“. Durch die Reform habe sich das gebessert, Nachwuchstrainer können nun mehr auf die Entwicklung der Kinder achten, anstatt bloß auf den Meistertitel zu schielen.

Viele internationale Verbände machen es wie der ÖFB und verzichten im Kinderfußball auf Tabellen. Doch es gibt auch renommierte Experten, die Zweifel anmelden. Ernst Tanner ist so einer. Der Deutsche war einst Nachwuchsleiter bei Red Bull Salzburg, er kennt den österreichischen Fußball gut. „Die Ursache des Problems“ werde so nicht behoben, betont er. Dieses Grundproblem sei „fehlende Elternerziehung“ – und: „die fehlende Ausbildung der Coaches“. An Letzterem könnte man arbeiten. Denn im Kinderbereich sind viele Vereine immer noch froh, wenn „irgendjemand“ das Coaching übernimmt – selbst wenn diesem eine Trainerausbildung und pädagogisches Gespür fehlen. Tanner saß selbst lange in der ÖFB-Sportkommission. „Wenn mir einer beim ÖFB gesagt hätte, dass die Tabellen bis zur U12 wegkommen“, sagt Tanner, „hätte ich laut ‚Stopp!‘ gerufen. Ich hätte dann gefragt: Was ist denn der Hintergrund für die Maßnahme? Und sollten wir nicht viel eher die Ausbildung der Trainer verbessern und entwicklungsspezifische Dinge schulen?“ Das Gewinnen und Verlieren abzuschaffen, sei jedenfalls der falsche Weg. „Kinder wollen gewinnen“, sagt er. „Wenn du ihnen das Gewinnen nimmst, nimmst du ihnen auch einen Teil ihrer Motivation.“ Es gehe halt darum, „das Gewinnen-Wollen in die richtige Bahn zu lenken“.

„Gewisse Gschroppen“

Nicht alle sind dieser Meinung. Karl Katterbauer arbeitet an der Basis, er betreut sechsjährige Buben in Wien-Donaustadt, ist seit 25 Jahren Nachwuchstrainer, dazu Jugend-Obmann des Wiener Fußballverbands. In kernigem Wienerisch erklärt er, warum er von Tabellen wenig hält. „Gewisse Gschroppen sind dadurch gierig geworden“, sagt er. Diese hätten „nicht mehr aufgespielt, sondern wollten ihr Ego befriedigen und selber das Tor machen“. Ihm sei es lieber, „wenn jedes Kind eine Medaille bekommt und ein Sieger ist“. Die Rangnick-Aussage habe ihn bloß amüsiert: „Auch der Herr Rangnick ist nicht Gott.“ Der Kinderfußball in der Peripherie sei eine eigene Welt, hier trainieren Familienväter, „die sich ein bisserl mit Fußball auskennen“. Für einen Trainer-Grundkurs müssten diese „eine Woche Urlaub nehmen“, sagt Katterbauer. „Aber wer setzt sich in seiner Urlaubszeit hin und macht das?“

Rangnick hat sich vorgenommen, den österreichischen Fußball ganzheitlich zu verbessern – bis hinunter zu den Kindern, die auch den Wettkampf lernen sollen. Es müssen sich „möglichst qualifizierte Trainer mit den Sieben-, Acht- und Neunjährigen im goldenen Lernalter auseinandersetzen“, sagte er vor wenigen Tagen. „Das soll nicht einfach irgendjemand machen.“

Wird im ÖFB nun inhaltlich diskutiert? Zuerst einmal wurde kalmiert. Funktionär Gartner rief Sportchef Schöttel an. Dieser solle die Thematik mit Rangnick „abhandeln“. Es gäbe eben Unterschiede „zwischen einem Fußballverband und einem Privatbetrieb“, erklärt Gartner gegenüber profil. „Im privaten Unternehmen kann ich meinen Mitarbeitern sagen, was sie zu denken haben. Aber in einem Verband darf ich Ehrenamtliche nicht verärgern.“ Der burgenländische Landespräsident Günter Benkö hielt fest: Rangnick dürfe sich „überall einmischen, aber das heißt nicht, dass alles, was er im Kopf hat, auch umgesetzt wird“.

Vergangenen Sonntag traf Sportchef Schöttel mit Teamchef Rangnick zusammen. Tags darauf wurde öffentlich Stellung bezogen. Rangnick gestand ein, dass „diese Aussage“ aufgrund der bereits umgesetzten Reform ein Fehler gewesen sei. Inhaltlich blieb er bei seiner Position. In seiner Kindheit, so erzählt er, wollte er beim Fußballspielen immer nur eines wissen: „Wie steht’s?“ Man habe damals „so lange gekickt, bis am Ende klar war, wer gewonnen hat“.

Funktionär Gartner rief Sportchef Schöttel an. Dieser solle die Thematik mit Rangnick „abhandeln“. Es gäbe eben Unterschiede „zwischen einem Fußballverband und einem Privatbetrieb“, erklärt Gartner. „Im privaten Unternehmen kann ich meinen Mitarbeitern sagen, was sie zu denken haben. Aber in einem Verband darf ich Ehrenamtliche nicht verärgern.“ Der burgenländische Landespräsident Günter Benkö hielt fest: Rangnick dürfe sich „überall einmischen, aber das heißt nicht, dass alles, was er im Kopf hat, auch umgesetzt wird“.

Ähnlich geht es auch vielen Nachwuchstrainern im Land. Michael Fiala wurde zuletzt mit der U11 des SC Mauerbach Meister. Er findet die Reform des ÖFB ganz gut, doch das mit den Tabellen hat ihn gestört. „Die Kinder sollen Freude haben“, sagt er, aber auch wissen, „dass das keine Spaßveranstaltung ist“. Also schrieb er die ganze Saison über Ergebnisse mit. Am Ende wurden seine Buben Meister, er bastelte einen Meisterteller und organisierte eine Meisterparty. Alles inoffiziell, aber immerhin.

Im ÖFB soll die Abschaffung der Tabellen bald evaluiert werden. „Man kann über alles diskutieren“, sagt Funktionär Gartner gegenüber profil, „aber intern“. Dann fügt er an: „Ich war ja auch nicht überzeugt davon, dass es keine Tabellen gibt.“ Bei Turnieren etwa sei es „sinnvoll, nach Leistung zu gehen, alles andere ist ja frustrierend“. Auch der burgenländische Landespräsident Benkö, der bislang gegen Tabellen war, kommt im profil-Gespräch ins Schwanken: „Vielleicht wäre es doch sinnvoll“, überlegt er. „Ich muss ehrlicherweise sagen, dass ich mir nicht ganz sicher bin.“

Gerald Gossmann

Gerald Gossmann

Gerald Gossmann schreibt seit 2015 für profil kritisch und hintergründig über Fußball.