Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi: Malerische Betrüger

Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi: Malerische Betrüger

Kunstfälscher wie Wolfgang Beltracchi gelten als sympathische Spitzbuben mit filmreifer Vita. Hinter der Faszination für die vermeintlichen Gentleman-Gauner steckt jedoch ein erstaunliches Maß an Kunstfeindlichkeit.

Man stelle sich folgendes Szenario vor: Ein Bankmanager prellt, mit tatkräftiger Unterstützung seiner Ehefrau, Anleger um Beträge in zweistelliger Millionenhöhe. Sie werden zu einigen Jahren Haft verurteilt, im offenen Vollzug. So kann der Banker weiterhin seinen Geschäften nachgehen - offiziell auf legale Weise. Wenige Jahre nach seinem Prozess bringt ein renommierter Verlag seine hunderte Seiten starke Autobiografie heraus, dazu die Korrespondenz, die er mit seiner Frau im Gefängnis führte, inklusive ausgedehnter Fotostrecken, Thema: la dolce vita von damals. Die wichtigsten Medien reißen sich um Interviews mit dem Paar, sein Konterfei ziert Zeitungscovers, Fernsehteams rücken an, und der Betrüger amüsiert all seine Gesprächspartner mit Erzählungen davon, wie er seine Kunden genarrt hat. Scheinbar nebenbei deutet er an, dass einige seiner Gaunereien noch immer nicht aufgeflogen sind. Doch das stört ohnehin niemanden. Ein Dokumentarfilm liefert weitere Belege seiner Genialität. Leid tun ihm die von ihm Geschädigten nicht.

Was für Wirtschaftskriminelle schwer vorstellbar ist, vollzieht sich derzeit im Fall des Kunstfälschers Wolfgang Beltracchi und seiner Frau Helene - und zwar exakt wie beschrieben. Im Laufe mehrerer Jahrzehnte brachte das Paar zahllose Fakes auf dem Gebiet der klassischen Moderne in Umlauf - Max Ernst, Franz Marc, Pablo Picasso, Henri Matisse, alles hatten sie im Angebot, viele davon hängen bis heute als vermeintliche Originale an unbekannten Orten.

Gut zwei Jahre nach seinem Prozess erlebt Beltracchi nun einen neuen Hype, befeuert durch zwei dieser Tage im Rowohlt-Verlag erschienene umfangreiche Bücher, die - angeblich - Einblick in das Leben des Fälschers geben sowie einen Dokumentarfilm mit dem sprechenden Titel "Beltracchi - Die Kunst der Fälschung“, der demnächst im Rahmen der Berlinale präsentiert wird (Regisseur: Arne Birkenstock). Darin bügelt der Fälscher Leinwände, schüttet Dreck zwischen Keilrahmen und Leinwand, philosophiert vor sich hin, mischt Farben und malt im Atelier die tollsten Bilder, Künstler der klassischen Moderne imitierend - kurz: Er zieht alle Register, um sich als großer Künstler zu profilieren.

„Schwächen der Künstler”
Im umfangreichen Interview mit der deutschen "Zeit“ sagt er tatsächlich: "Ich habe als Maler das Problem, dass ich die Schwächen der Künstler extrem gut kenne. Manchmal war es das Schwierigste für mich, nicht so gut zu malen, wie ich es gekonnt hätte.“ Bereits 2011 schrieb der "Tagesspiegel“: "Als Fälscher hat Beltracchi, der allemal ein Künstler und Krimineller ist, auch Genie.“ Und die Gerichtsreporterin des "Spiegel“ ließ sich tatsächlich herab, das Vorwort zu einem der beiden Beltracchi-Bücher zu verfassen. Die Tatsache, dass es sich bei dem scheinbar feinsinnigen Mann mit den langen Locken um einen Betrüger handelt, trat mittlerweile dezent in den Hintergrund.

Hang zur Selbstüberschätzung
Der Deutsche, der in einem westfälischen Dorf aufwuchs, ist nicht der erste Kunstplagiator, der solche Popularität genießt. Und auch den Hang zur Selbstüberschätzung teilt er mit vielen prominent gewordenen Vorgängern: Schon seine Gaunerkollegen älteren Geburtsdatums - etwa Han van Meegeren, der einst Hermann Göring eine Vermeer-Fälschung andrehte, Elmyr de Hory, berühmt geworden für seine Picassos, oder Eric Hebborn, der mit Vorliebe vermeintliche Alte Meister malte - stellten sich gern als ingeniöse Künstler dar; allesamt trugen sie stolz den selbst- oder fremdverliehenen Titel "König der Kunstfälscher“. Der Cranach-Imitator Georg Kupke nannte sich angeblich sogar "GRÖKUFAZ“ ("größter Kunstfälscher aller Zeiten“), in geschmackloser Anlehnung an das Hitler-Akronym "GRÖFAZ“.

„Fälscherkönig”
Auch Österreich hatte, in den 1980er-Jahren, seinen "Fälscherkönig“: Als der aus Gramatneusiedl stammende Manfred Botek mit seinen Schiele- und Kokoschka-Fakes aufflog, verliehen ihm die Medien umgehend den Titel "Meisterfälscher“. Beeindruckt titelte etwa der "Kurier“ am 4. März 1982: "Kunstfälscher täuschte alle Experten“. Selbst kritische Literatur zum Thema bemüht gern das Klischee von der vermeintlichen Genialität der Kunstbetrüger. So schreibt etwa der Autor Georg Kretschmann in seinem Buch "Faszination Fälschung“ über sie: "Ihr Metier sorgte dafür, dass ihr Leben bunt, schillernd, voller Dramatik war. Die meisten von ihnen waren hochtalentiert und gewitzt - Genies auf Abwegen.“

Begabung zur Selbstvermarktung
Mit seinen Vorgängern teilt Beltracchi die Begabung zur Selbstvermarktung. So ließ der 1976 verstorbene Elmyr de Hory den - seinerseits der Fälschung einer Autobiografie des Flugpioniers Howard Hughes überführten - Autor Clifford Irving ein Buch über sich schreiben; Tom Keating, dessen Fälschungen 1970 aufflogen, verfasste selbst seine Memoiren, und Eric Hebborn (1934-1996) brachte neben seiner Lebensbeschreibung ein Werk mit dem Titel "Kunstfälschers Handbuch“ heraus - es erfreut sich sichtlich großer Beliebtheit, erscheinen doch immer neue Auflagen davon, zuletzt im deutschen DuMont-Verlag unter dem Titel "Der Kunstfälscher“. Darin gibt er Tipps zum Kunst-Plagiieren, etwa zur Ausstattung der Werkstatt ("Kleine Inventarliste unserer Hexenküche“), zur Materialorganisation ("Wer Zeichnungen Alter Meister verfertigen will, muss sich als allererstes einen Vorrat epochengerechten Papiers beschaffen“) oder zum Verkauf (er rät zu "ein bisschen Schmeichelei“ gegenüber Händlern). Was geschähe wohl, wenn jemand wie Bernard Madoff "Das kleine Einmaleins für Finanzbetrüger“ herausgäbe, oder Wolfgang Auer-Welsbach verfasste ein Buch mit dem Titel "Leitfaden zum kreativen Umgang mit Genussscheinen“? Doch im Gegensatz zu deren Vergehen gilt die Kunstfälschung offensichtlich eher als Kavaliersdelikt denn als Verbrechen. Nur: Woher rührt die Beliebtheit der vermeintlichen Gentleman-Gauner?

Plagiieren stellt noch kein Verbrechen dar
Diane Grobe, die in der Wiener Löwengasse gemeinsam mit ihrem Mann ein "Fälschermuseum“ betreibt, hat ein paar Antworten auf diese Frage: "Die Strafen, die häufig recht niedrig ausfallen, suggerieren: Es ist ja nichts Schlimmes passiert.“ Tatsächlich erhalten die beliebtesten Verbrecher der Welt zumeist weitaus geringere Strafen als Betrüger, die nicht mit schönen Gemälden oder hübschen Zeichnungen dealen: Jene sechs Jahre, die Beltracchi ausfasste, nehmen sich im Vergleich zu den Strafen für einige seiner Kollegen geradezu drakonisch aus. Selten erhält jemand mehr als zwei Jahre Haft aufgebrummt, die meisten Fälscher kommen auf Bewährung davon. Was an der komplizierten Rechtslage liegt: Das Plagiieren von Kunstwerken an sich stellt noch kein Verbrechen dar, und die Betrugsabsicht der Imitatoren lässt sich häufig schwer nachweisen. Tricks gibt es viele, einige davon teilt Hebborn in seinem schlauen Büchlein mit.

Tatort Kunst
Als weiteren Grund für die Beliebtheit der Fälscher führt Diane Grobe an: "Viele finden es toll, wenn Reiche betrogen werden.“ Auch eine andere Fälschungsexpertin, die Kunsthistorikerin Susanna Partsch - sie verfasste ein ausführliches Standardwerk zum Thema ("Tatort Kunst. Über Fälschungen, Betrüger und Betrogene“) -, meint im profil-Gespräch: "Es sind eher vermögende Personen, die Kunst kaufen. Diese werden vom Fälscher eben hereingelegt - und das gefällt vielen Menschen.“ Nachsatz: "Dass freilich auch manchmal Steuergelder damit vernichtet werden - wenn ein öffentliches Museum eine Fälschung ankauft -, daran denken die wenigsten.“

Ablehnung des Kunstbetriebs
Zudem ist die Faszination am Betrug mit der Kunst wohl einer latenten Ablehnung des Kunstbetriebs, ja der Kunst überhaupt geschuldet: Wer die Experten blamiert und die moderne Kunst als Scharlatanerie hinstellt (altbekanntes Motto: "Meine dreijährige Tochter kann das auch!“), dem sind Akklamationen sicher. "Die Kunstwelt war nie mehr als Bauernfängerei“, behauptet ein Gast von Elmyr de Hory in dem Film "F for Fake“, Orson Welles’ berühmter Ode an die Kunstfälschung. Und Clifford Irving, de Horys Biograf, lacht in die Kamera: "Alle Welt hat es gern, wenn Experten zum Narren gehalten werden!“ Auch Partsch meint: "Es gibt eine ganze Reihe von Leuten, die sich darüber freuen, wenn Kunstexperten auf Fälschungen hereinfallen.“ Und Grobe sagt: "Viele Leute verstehen die Kunst der Gegenwart nicht mehr. Sie schrecken davor zurück - und erfreuen sich lieber an Fälschungsgeschichten.“

„Beeindruckende Leistung”
Im Nachhinein erklären Fälscher häufig, dass sie die Mechanismen des Kunstbetriebs unterwandern, die Gier des Kunstmarktes offenlegen wollten. So auch Beltracchi, der von Teilen des Feuilletons noch dafür gelobt wurde, das überhitzte Geschäft mit der Kunst vorgeführt, das System ausgetrickst zu haben. "Es ist schon eine beeindruckende Leistung, wie ein einziger Mann es geschafft hat, sämtliche Zentralen der internationalen Kunstwelt auszuschalten“, meint etwa der Kunstkritiker der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ in der aktuellen Beltracchi-Doku. Tatsächlich geht es den Kunstbetrügern wohl trotz gegenteiliger Beteuerungen vor allem um eines: Sie wollen schlichtweg Geld verdienen. Darin wenigstens unterscheiden sich die glamourösen Plagiatoren mit ihren künstlich gealterten Leinwänden, Papieren vom Flohmarkt und gefälschten Signaturen keineswegs von ihren Kollegen in weniger malerischen Branchen.