© Paula Winkler

Gesellschaft
08/15/2020

Macht Kabarettistin Lisa Eckhart aus Rassismus Kunst?

Die Kabarettistin Lisa Eckhart legt ihr literarisches Debüt vor. Überschattet wird es von einer heftigen Debatte über ihr satirisches Werk: kunstvolle Provokation, dumpfes Ressentiment – oder beides?

von Sebastian Hofer

Die erste Pointe liegt gewissermaßen auf dem Präsentierteller: Das Gespräch mit Lisa Eckhart findet im Büro ihres Wiener Verlags statt, der mitten im Botschaftsviertel residiert, und natürlich liegt Lisa Eckhart nichts ferner, als diplomatisch tätig zu sein.Die Konfrontation gehört zu den wichtigsten Produktionsmitteln der 27-jährigen Steirerin. Anlass des Gesprächs ist das literarische Debüt der ehemaligen Poetry-Slammerin und aktiven Kabarettistin, der zeitgenössische Schelminnenroman „Omama“.Tatsächlich aber muss es in dem Gespräch um etwas anderes gehen: um die Affäre Eckhart.


Seit bekannt wurde, dass die Autorin von dem Hamburger Literaturfestival Harbour Front ausgeladen wurde, weil dessen Leitung nicht für die Sicherheit der Veranstaltung garantieren mochte, weht ein Hauch von Kulturkampf durch die Feuilletons. Eckhart avancierte unvermittelt zum Paradebeispiel für die Frage, ob es in Deutschland so etwas wie eine „Cancel Culture“ gebe, die politisch unkorrektes oder unerwünschtes Kulturschaffen zensiere.


Nun wäre politische Kritik an der Arbeit von Lisa Eckhart zweifellos legitim. Geboren als Lisa Lasselsberger in Leoben, Studium in Wien und Paris, seit Jahren wohnhaft in Deutschland, reüssiert die Kabarettistin längst überregional (und seit dem Vorjahr auch regelmäßig im öffentlich-rechtlichen Programm der ARD) mit überspitzt unkorrekten Witzen, satirischen Anschlägen auf den liberalen Konsens und dessen Tabus, auf angebliches Gutmenschentum, politische Korrektheit und Genderdiskurs.


Wie dies denn nun genau zu verstehen sei und, vor allem auch, wie es verstanden wird, lässt sich nicht ganz eindeutig beurteilen, weshalb derzeit im deutschsprachigen Medienraum ein groß angelegter Lisa-Eckhart-Erklärwettbewerb stattfindet, der leider keine Sieger kennt. Oder doch?


Eckhart: "Wenn man eine derartige Uneindeutigkeit und Ambivalenz erreicht, kann man sich schon auf dem Weg zur Kunst wähnen. Das rein Polarisierende ist schon lange kein Adelstitel mehr. Die Leute schaffen es, sich über die kleinsten Kleinigkeiten den Schädel einzuschlagen. Dessen würde ich mich also nicht rühmen. Aber diese Uneindeutigkeit
freut mich umso mehr, als ich sie nicht bewusst provoziere. Ich habe niemals von einer Kunst- oder Bühnenfigur gesprochen. Aber ich will sie den Leuten jetzt auch nicht ausreden, wenn ihnen dadurch etwas leichter fällt."


profil: Erscheint uns denn eine authentische Lisa Eckhart auf der Bühne?
Eckhart: Ich erachte die Authentizität als Erzfeindin von Kunst und Kultur. Ich würde gar nicht erst nach der authentischen „Privatperson“ fragen. Von der will ich auch nicht, dass sie mir bei anderen erscheint. Natürlich ist es eine Rolle, aber das ist eben meine Rolle in der Öffentlichkeit, wie ich sie auch anlege, wenn ich nur vor die Tür gehe.


profil: Fühlen Sie sich denn gecancelt?
Eckhart: Nein, ich sehe nicht mich selbst als Opfer von Cancel Culture, sondern die Culture insgesamt.

„Cancel Culture“, soviel zur Klärung, bezeichnet die Praxis, Kulturschaffende nach absichtlichen oder unabsichtlichen, moralischen oder politischen Fehlleistungen aus dem Kulturbetrieb zu entfernen, Aufträge zu entziehen, Engagements zu beenden, Freundschaften zu kündigen – bisweilen auch ohne eingehende Prüfung der Vorgänge. Wenn Twitter Köpfe fordert, bekommt Twitter Köpfe.


In ihren Programmen, insbesondere aber in ihren TV-Auftritten, inszeniert sich Lisa Eckhart in diesem Verfahren als Anwältin des Teufels. Den durchaus mehrheitsfähigen Grundverdacht, dass in überschießender Identitätspolitik und Absolutsetzung von Partikularinteressen der Keim einer neuen Repression stecke, bedient die Kabarettistin mit satirischer Überzeichnung. Kompliziert wird das Problem dadurch, dass Eckharts Werk die ihm unterstellte Doppelbödigkeit leider nur sehr gelegentlich aufweist. Ihre Satire ist eine allzu offensiv menschenfeindliche; mit süffisantem Gestus werden rassistische und sexistische Klischees wiederholt– womöglich, um das Publikum aus seiner Gemütlichkeit zu reißen, womöglich, um es zum Lachen zu bringen.


Helmut Qualtingers Herr Karl war in dieser Disziplin schon einmal wesentlich subtiler. Ein gängiges Lisa-Eckhart-Erklärmuster beschreibt ihren Ansatz als eine Art S/M-Kabarett: Ihr Publikum soll einen prickelnden Schmerz fühlen beim Tritt gegen die eigene Selbstgewissheit. Aber tut es der Künstlerin nicht umgekehrt selbst weh, wenn sich die Menschen vielleicht gar nicht vorgeführt, sondern bloß bestätigt fühlen, in ihren Ressentiments gegen Feministinnen oder Juden zum Beispiel.


Eckhart: "Vielleicht bin ich naiv, aber ich glaube nicht, dass das passiert. So beschränkt ist doch keiner, dass er nicht, wenn er an einer Stelle sich vielleicht bestätigt fühlt, an der nächsten Stelle enttäuscht wird. Es muss schon eine gehörige Portion Selbstverklärung dabei sein, um zu meinen, dass man mich da ernsthaft vereinnahmen könnte. Oder natürlich böse Absicht.“


Der Grundriss der laufenden Debatte wurde schon vor eineinhalb Jahren entworfen, als die Kabarettistin im Mainstream von #MeToo umrührte und den feministischen Kampf gegen die Welt der „alten, weißen Männer“ als selbstgerechtes Ritual „junger, weißer Gören“ denunzierte, als eine elitäre Scheindebatte, die an der Lebenswirklichkeit der Mehrheitsbevölkerung völlig vorbeigehe. Eckharts öffentliches Unbehagen an der politischen Korrektheit wurzelt in dieser Darstellung darin, dass diese einen Klassenunterschied zementiere zwischen denen, die sich ihre moralische Überlegenheit leisten können – und allen anderen. „Gegen einen echten Gutmenschen ist freilich nichts einzuwenden“, schrieb Eckhart im „Falter“ über den von ihr sogenannten „Gutunmenschen“: Diese seien „… nun mal keine Philanthropen. Sie sehen nicht das Gute im Menschen. Sie sehen das Gute in sich.“


profil: Im Grunde zielen die Regeln der politischen Korrektheit darauf ab, Frauen, Minderheiten und Menschen, die in der Hierarchie weiter unten gelandet sind, zu ihrem Recht
zu verhelfen. Was ist daran problematisch?
Eckhart: Wir haben gesehen, dass das bloße Ersetzen von Begriffen in eine Euphemismustretmühle führt. In meinem Buch verwendet die Großmutter etwa bereitwillig den korrekten Begriff „Schwarzer“ und schafft es, ihre Vorurteile verlustfrei in den nächsten Begriff hinüberzutransportieren. Das ist, als würde man eine schimmlige Wand überstreichen. Es wird immer wieder durchkommen. Der Glaube, durch die Veränderung einiger Worte die Realität zu verändern, überschätzt unsere Fähigkeit, Sprache und dadurch die Welt zu manipulieren.


profil: Aber es geht doch nicht allein um Begriffe.
Eckhart: Richtig. Es geht auch um Verhaltensweisen, früher mal als Manieren bekannt. PC-Regeln fehlt es aber an jeder Verspieltheit. Die sollen pedantisch-penibel angewandt werden, um das Risiko einer Kränkung zu tilgen. Die Menschen lernen brav ihre Formeln auswendig, haben aber keine Ahnung, was sie damit eigentlich ausrechnen. Sie wissen, wie man korrekt gendert, aber sie haben kein Konzept von Gender.War es nicht einmal ein linker Anspruch, einen menschlichen Universalismus durchzusetzen? Wie kann man sich nach Simone de Beauvoir noch für ein Binnen-I starkmachen? Dieses postmoderne Aufweichen der Geschlechterrollen, von Kulturen und Hierarchien – so albern war das Ganze nun auch nicht, dass man es nun wieder völlig verneinen muss.


profil: Weil die Verfestigung von Gruppenidentitäten die Solidarität zwischen den Gruppen verhindert?
Eckhart: Diese Partikularinteressen widersprechen dem Universalismus, den wir anstreben sollten. Deshalb erachte ich es auch nicht mehr als sinnvoll, von rechts und links zu sprechen, weil die Identitätspolitik in beiden Lagern auf fruchtbaren Boden fällt – gewiss aus unterschiedlichen Gründen, aber von beiden Seiten hört man: „Ich als Frau“, „Ich als Österreicher“. Halten Sie es mit Rimbaud: „Ich ist ein anderer.“ Da nimmt man alles gleich viel weniger persönlich.“


profil: Wenn das alles nur Scheingefechte sind – was wäre dann das Grundübel der Welt?
Eckhart: Das Selbst als neue Göttlichkeit. Begleitet von diesem Beuys’schen Kreativkommunismus – jeder ist ein Künstler, jeder ist besonders. Das Besonders-sein-Müssen erweist sich als Zwang, der die Menschen mit allerlei Komplexen segnet. Zudem ist Besonderheit nur ein müder Trostpreis dafür, dass jeder auf sich allein gestellt ist. Vielleicht widmet man sich mal wieder mehr der ökonomischen Diversität denn der identitären. Es gibt nicht wenige, für die diese Welt keine Verwendung mehr hat, die nicht einmal mehr ausgebeutet werden. Und von unseren pseudosolidarischen Hashtags können die sich nichts kaufen. Schon deshalb nicht, weil sie uns nichts gekostet haben.


profil: Kann es sein, dass Ihnen die Kreisky-SPÖ eigentlich ziemlich sympathisch ist?
Eckhart: Durchaus. Ich betrachte es mit einem gewissen Unbehagen,wie die SPÖ ihre ursprüngliche Klientel fallen lässt, ganz ähnlich die SPD, die ebenfalls versucht, sich identitätspolitischen Themen anzunähern und dabei jede Menge Menschen verliert. Und wir wissen genau, wohin diese Menschen politisch abwandern.


Die Künstlerin lächelt, nicht ganz unglücklich über diese Wendung. Die vermeintliche Menschenfeindin hat sich als postmodern informierte Sozialdemokratin wiedererfunden. Die Rolle steht ihr. Zum Abschied gibt es Schwedenbomben, um 50 Prozent vergünstigt, weil das Ablaufdatum bald erreicht ist.

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