Maler Siegfried Anzinger: „Einmal richtig saufen lernen“

Maler Siegfried Anzinger: „Einmal richtig saufen lernen“

Der Maler Siegfried Anzinger über Kitsch und Mozart, „Schießbudenbilder“ und die vielen Sackgassen in seiner Kunst.

Siegfried Anzinger ist sichtlich müde: Bis spät in die Nacht hat er mit seinen Studierenden an der Kunstakademie Düsseldorf Bilder gehängt, für den Rundgang zum Semesterabschluss. Dennoch behandelt er die Abordnung aus Wien, die ihn an diesem Vormittag in seinem Kölner Atelier besucht, mit ausgesuchter Höflichkeit: Nach einer kurzen Begrüßung nimmt der 60-Jährige, in ein etwas ausgebeultes dunkles Sakko und eine schwarze Hose gewandet, Kaffeebestellungen auf, die er ins Lokal nebenan weitergibt. Sein Studio – Hinterhof, großes Tor, zwei Räume – wirkt eher wie das eines Jungkünstlers; dass hier einer arbeitet, der schon 1987 bei der documenta und ein Jahr später bei der Biennale Venedig ausstellte, vermutet man nicht unbedingt. Folien türmen sich zu wackeligen Gebirgen, Tröge mit leuchtenden Farbpigmenten stehen da und dort herum, Kleinskulpturen bevölkern Regale, und auf einem kleinen Tisch begegnen tönerne Figuren einer Flasche Spülmittel, Taschentüchern und einem alten Kofferradio. Dazwischen stehen und hängen Gemälde, die auf ihren Transport nach Wien warten: Dort eröffnet das Bank Austria Kunstforum diese Woche eine große Ausstellung mit aktuellen Arbeiten Anzingers; in der Galerie Elisabeth & Klaus Thoman zeigt er zudem Skulpturen.
Auf den neuen Bildern, die demnächst zu sehen sind, tummeln sich matronenartige Madonnen und Schweine auf dem Kruzifix, Indianer mit erigierten Penissen und küssende Cowboys sowie Nixen, die durchs Wasser pflügen und auf Felsen posieren. Seinen heiteren, sexuell aufgeladenen Kosmos der Res-pektlosigkeit malt Anzinger in pastelligen und erdigen Tönen, bisweilen stechen Farbtupfer heraus. Er arbeitet ausschließlich mit Leimfarbe, die matter als Öl oder Acryl ist – eine „unsentimentale“ Erscheinung, wie er meint. Gegen große Überblicksausstellungen seines Œuvres wehrt er sich übrigens mit Händen und Füßen: „Wenn ein lebender Maler eine Retrospektive macht, finde ich das peinlich. Das ist wie ein Gemüsehändler, der seinen Salat von vorvorgestern in die Auslage legt.“
Dennoch fürchtet er sich geradezu vor seiner Wiener Ausstellung, wie er bekennt, schlicht aufgrund der Ausmaße des dortigen Raums: „Es ist ja leicht, irgendwo einmal drei Bilder zu zeigen. Aber gleich so viele?“, zweifelt der Wahldeutsche, an der geschätzt zehnten Menthol-Zigarette des Tages ziehend.

Im oberösterreichischen Weyer geboren, war er früh erfolgreich: Einst begründete er die heimische Gruppe der „Jungen Wilden“ mit, einer internationalen Strömung, die in den frühen 1980er-Jahren der Malerei neues Leben einhauchte, mit großer Geste und spontanem Auftrag der Übermacht von konzeptuellen Strömungen den Kampf ansagte. Dass es später ruhiger um ihn wurde, scheint Anzinger keineswegs zu stören: „Angenehme 15 Jahre lang“ sei er vergessen worden, erklärt er gelassen. Seit einigen Jahren wird sein Werk wiederentdeckt, vor allem in seiner alten Heimat. In Deutschland scheint er nach wie vor nicht ganz angekommen zu sein – auch wenn man ihn im Eissalon gegenüber von seinem Studio, wo das profil-Gespräch stattfindet, erfreut mit Handschlag begrüßt.

profil: Sie übersiedelten 1982 nach Köln. Erschien Ihnen Wien damals so langweilig?
Siegfried Anzinger: Ich wäre gern nur für zwei Jahre nach Berlin gegangen. Aber ein gleichaltriger Künstler aus München sagte mir: „Sei nicht doof, geh nicht dorthin.“ Depressiv könne man auch in Wien sein. In Köln tue sich viel, es gebe eine neue Galerienszene.

profil: War es dann tatsächlich so aufregend?
Anzinger: Ja, es war ein Ort, an dem man sich gegenseitig befruchten konnte. Ich mag dieses depressive Vor-sich-hin-Trinken und -Rauchen, diesen Müßiggang in Wien an sich ganz gern – aber es will ja auch ein Werk geboren werden.

profil: Obwohl Sie schon so lange in Deutschland leben, werden Sie vor allem im Kontext der österreichischen „Neuen Wilden“ wahrgenommen. Woran liegt das?
Anzinger: Was die „Neuen Wilden“ hier in Deutschland gemacht haben, kam aus einer anderen Überlegung. Ich selbst habe mich mehr in die Bilder im Kunsthistorischen Museum verliebt, als neuen Trends nachzugehen. Österreich hat mich sehr früh verwöhnt, ich erhielt viel Hilfe. Ich wurde um die Chance betrogen, mich missverstanden zu fühlen. Deutschland hat mir dagegen noch nie etwas gegeben. Hier liebt man es, wenn die Malerei im Kontext zu Lifestyle, zu Ökonomie oder dergleichen steht. Der Maler, der die Malerei für sich selbst betreibt und kein Dienstleister für eine andere Sache ist, wird als exotisch wahrgenommen.

profil: Es gibt doch auch in Deutschland erfolgreiche Maler, die nicht unbedingt strengen Konzepten folgen: Georg Baselitz oder Markus Lüpertz etwa.
Anzinger: Die gibt es, aber ihnen wird mangelnde Intellektualität unterstellt, und sie werden ordentlich angegiftet.

profil: Baselitz spricht von seinen Arbeiten gern als „Oberlausitzer Volkskunst“, und Sie selbst bezeichnen Ihre Werke gern als „Schießbudenbilder“. Ist das nicht etwas kokett?
Anzinger: Schon ein bisschen. Aber irgendwann wird man müde, über die Bedeutungsschwere des Motivs zu sprechen, dann muss man das abkürzen. Die Bezeichnung kommt aber auch von der Leimfarbe, die ich verwende und die im Gegensatz zur Ölfarbe keinerlei Brillanz besitzt. Früher wurden damit eben Schießbudenbilder gemalt.

profil: Kürzlich haben Sie die Kirche in Ihrem Geburtsort, Weyer in Oberösterreich, mit Glasfenstern ausgestattet. Wie kam es dazu?
Anzinger: Das wurde von einer ehrgeizigen Religionslehrerin initiiert, ich habe es gegen den Rat aller Kollegen gemacht, die mir sagten: „Da bist du auf der Kitschschiene.“ Ich habe keine großen Berührungsängste vor dem Kunsthandwerk. Außerdem lernte ich dabei, dass man Bilder wie ein Puzzle aufbauen kann, das war mir vorher nicht so bewusst.

profil: Sie machen üblicherweise keine Vorzeichnungen für Ihre Gemälde?
Anzinger: Nein, das ist ja fad. Da ist man wie ein Seiltänzer, der sich festhält. Ich mag das auch an der Konzeptkunst nicht: dass sie sich schon vorher so absichert. Denn alles, was Probleme bereitet, tut der Kunst gut – genau die Stelle, an der es nicht klappt, ist interessant. Man malt ja nicht, um sich zu bestätigen, sondern man will heute mehr wissen als gestern. 99 Prozent meiner Bilder sind aber sowieso Sackgassen.

profil: Wie kommen Sie denn zu den Motiven für Ihre Sackgassen?
Anzinger: Die kündigen sich seit meinem fünften Lebensjahr an, und irgendwann finde ich eine Form für sie. Aber sie sind nur das Libretto. Hand aufs Herz: Mozarts „Zauberflöte“ ist vom Inhalt her einem Erwachsenen nicht zumutbar. Das ist albern und infantil! Aber in Verbindung mit der Musik gibt es etwas, das nicht entstanden wäre, wenn Mozart philosophische Traktate vertont hätte.

profil: Erscheinen Ihnen denn auch Ihre eigenen Inhalte infantil?
Anzinger: Vieles davon ist recht märchenhaft. Und ein Märchenonkel möchte ich nicht werden! Komischerweise haben die komplett abstrakten Maler am wenigsten Probleme mit meiner Kunst, die sehen sofort durch die Motivik hindurch. Und was will man auch einem Maler sagen? Bitte keine Elefanten malen?

profil: Was sagen Sie jenen angehenden Malern, die Sie an der Kunstakademie in Düsseldorf unterrichten?
Anzinger: Die sollen einmal richtig saufen lernen – damit sie wissen, wie sie sich hochpuffern müssen. Und dann wieder drei Monate nichts trinken.

profil: Funktioniert das tatsächlich?
Anzinger: Ja, aber nicht bei der Arbeit, sondern zwischendurch. Was ich den Studenten strengstens verbiete, sind Drogen. Mehr als Bier ist nicht drin.

profil: Schnaps?
Anzinger: Auch nicht. Das beschädigt zu stark. In 15 Jahren an der Akademie hatte ich keinen einzigen Drogentoten unter meinen Studenten, das ist eine sehr schöne Bilanz.

profil: Sie haben Ihre Studenten so gut unter Kontrolle?
Anzinger: Ich habe ein bisschen eine Vaterrolle, außerdem bin ich selbst suchtgefährdet. Daher haben sie keine Angst vor mir. Die Akademie ist kein Ort, wo Weisheiten verkündet werden, sondern eine Atmosphäre, in der Leute lernen, wie man sich aufrecht bewegt. Manche kommen ja mit Häubchen und Walkman daher und glauben, sie seien die Nachfolger von Leonardo da Vinci.

Ausstellungen
„Siegfried Anzinger. Bozzetti und Bronzen“, Galerie Elisabeth & Klaus Thoman , Seilerstätte 7, 1010 Wien. Bis 10.5.

„Siegfried Anzinger“, Bank Austria Kunstforum , Freyung 2, 1010 Wien.
Eröffnung: 12.2., 18:30 Uhr. Bis 27.4.

Foto: Theodor Barth für profil