McMafia: Das organisierte Verbrechen in Zeiten der Globalisierung

McMafia: Das organisierte Verbrechen in Zeiten der Globalisierung

Der britische Journalist und frühere profil-Autor Misha Glenny lieferte mit seinem Bestseller über die Globalisierung des organisierten Verbrechens die Vorlage für die erfolgreiche TV-Serie "McMafia". Ein Gespräch über Kriminalität im 21. Jahrhundert.

Gerade eben ist Misha Glenny einem Flugzeug aus Kanada entstiegen, wo er Werbung für seinen Bestseller "McMafia" machte. Jetzt sitzt der 59-jährige Autor beim doppelten Espresso im "Flat White", einem trendigen Coffeeshop im Londoner Soho. Die Müdigkeit steht ihm ins Gesicht geschrieben, die Freude über seinen Erfolg auch.

Seit sein Sachbuch "McMafia" über die Globalisierung des organisierten Verbrechens als Vorlage für die gleichnamige BBC-Fernsehserie diente, ist Glenny ein weltweit begehrter Gesprächspartner. Die erste Staffel "McMafia" (bei uns zurzeit nur auf Amazon Prime zu sehen) wurde von der "New York Times" und dem "Guardian" als "besonders realitätsnah" und "entsprechend schockierend" gelobt. Der Ökonom und Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz hatte Glennys Buch schon bei dessen Erscheinen 2008 als "packend und sorgfältig recherchiert" bewertet. Glenny selbst ist erstaunt über die Wirkungsmacht von Fernsehfiktion, die er als Aufdeckungsjournalist und Reporter in dieser Wucht nie erfahren durfte. "Als Journalist und Buchautor kannst du nur sehr bedingt Regierungspolitik mitbestimmen", sagt der Autor: "Doch wegen der Fernsehserie reden jetzt alle über organisiertes Verbrechen in der Finanzwelt und darüber, wie es unsere Gesellschaft korrumpiert. Durch die weltweite Aufmerksamkeit können wir echt etwas bewegen."

Die Starpower von Hauptdarsteller James Norton ist dabei von zentraler Bedeutung. Inzwischen wird der Mann mit der Aura eines Upper-class-Vorzeigesohns und den stahlblauen Augen als Nachfolger von Daniel Craig in der Rolle des James Bond gehandelt. Nach beeindruckenden Auftritten in BBC-Prestigeprojekten und kleineren Rollen in Filmen wie "Rush" und "Turner" gilt der 32-jährige Schauspieler als Hoffnungsträger des britischen Films. In "McMafia" spielt er Alex Godman, den Sohn eines russischen Oligarchen im Exil, der in England erzogen wurde und nichts anderes will, als ein angepasstes, sauberes Leben führen, was wegen der Verstrickungen seines Onkels in den internationalen Drogenhandel aber nicht möglich ist.

Die Figur seines Vaters Dimitri Godman, eines depressiven Alkoholikers, der mit seinem Machtverlust nicht zurechtkommt, ist an einen weltberühmten Londoner Exil-Russen angelehnt: Boris Berezovsky. Der russische Oligarch, der zu Zeiten von Boris Jelzin in Moskau großen Einfluss besaß, wurde um die Jahrtausendwende zum gefährlichen Gegenspieler von Wladimir Putin und setzte sich schließlich nach Großbritannien ab. 2013 wurde er im Landhaus seiner Ex-Frau erhängt aufgefunden. An einen Selbstmord glaubte damals zwar niemand, doch wer Berezovsky, der seine Rückkehr nach Russland schon geplant hatte, tatsächlich in den Freitod zwang, wurde nie herausgefunden.

Berezovsky auf einem Protestplakat während einer Demonstration

In der Serie wird Dimitri Godman von dem russischen Schauspieler Aleksei Serebryakov gespielt, der als Hauptdarsteller in der Hiob-Adaption "Leviathan" internationale Bekanntheit erlangt hat. Die russische Botschaft tweetete nach den ersten Folgen von "McMafia" empört, dass die Serie London fälschlicherweise als "Spielplatz für russische Gangster" porträtiere. Glenny empfindet dies als paradox: "Die russische Botschaft hat doch selbst immer behauptet, Berezovsky sei ein wegen unzähliger Delikte in Russland angeklagter Verbrecher."

Glennys Buch "McMafia -Die grenzenlose Welt des organisierten Verbrechens" ist auf Deutsch gerade als Taschenbuch neu aufgelegt worden. Glenny setzt bei der Entstehung der Oligarchie im modernen Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion an: "Der Gangster-Kapitalismus entstand, weil der russische Staat unfähig war, den sich schnell entwickelnden Kapitalismus zu regulieren. Ein paar Geschäftsleute schnappten sich riesige staatliche Rohstoffquellen in genau dem Moment, als diese privatisiert wurden. Um sich abzusichern, brauchten sie das organisierte Verbrechen." In den 1990er-Jahren weiteten die Oligarchen ihre Geschäfte auf die ganze Welt aus. Am komfortabelsten wohnt es sich heute für einige von ihnen in den Edelvierteln von Glennys Heimatstadt London.

Deshalb ist das Interesse an der Serie gerade in Großbritannien so groß. Derzeit sind heimliche Geldflüsse aus den arabischen Golfstaaten, der ehemaligen Sowjetzone und dem kapitalistischen Asien ein heikles Thema. Bis heute kann man in Großbritannien relativ einfach Immobilien kaufen und die wahren Eigentumsverhältnisse verschleiern, indem man sich über eine Briefkastenfirma in einem der britischen Überseegebiete wie den British Virgin Islands registriert. "Es gibt 10.000 Gebäude in Westminster, dem Zentrum von London, deren Besitzer anonym sind", erklärt Glenny: "50 Prozent der Baker Street gehören anonymen Firmen, deren Besitzer wir nicht kennen."

Glenny möchte mit seiner Arbeit die Regierung dazu bewegen, Großbritannien nach dem Austritt aus der EU nicht zu einem Steuerparadies für globalisiertes Verbrechen verkommen zu lassen: "Theresa May hat zwar zugesagt, dass die Anonymität auf dem Immobilienmarkt bis 2021 aufgehoben wird. Noch viel wichtiger aber ist es, Transparenz in den Überseegebieten der Krone durchzusetzen. Österreich hat die Anonymität aufgehoben, also können die Britischen Virgin Islands das auch tun."

Nach dem Brexit könnte es noch schlimmer kommen, fürchtet der Autor: "Die britische Regierung spricht ständig von nationaler Souveränität. Wenn sie das ernst meinte, müsste sie von den Briefkastenfirmen nur die Offenlegung der Kontobesitzer verlangen. Doch die britischen Politiker scheint es überhaupt gar nicht zu stören, dass niemand weiß, wem London eigentlich gehört. Dafür reden sie ständig darüber, sich aus den Ketten der EU zu befreien. Das ist der Gipfel der Scheinheiligkeit."

Viel ist passiert, seit Glenny sich für das organisierte Verbrechen zu interessieren begann. Als BBC-Korrespondent berichtete er in den 1990er-Jahren über die Balkankriege und arbeitete in dieser Zeit auch regelmäßig als freier Autor für profil. Er wohnte sogar zeitweise in Wien, über dem berühmten "Café Bräunerhof" in der Innenstadt. "Wien war immer wichtig für tschetschenische, georgische und usbekische Mafiabanden", erzählt Glenny: "Von den Tschetschenen stammt auch der Titel ,McMafia'. Sie wollten wie McDonald's überall in der Welt ihre Filialen eröffnen." In der Fernsehserie wird der russische Bösewicht Vadim Kalyagin von dem in Wien lebenden georgischen Schauspieler Merab Ninidze gespielt. Ninidze trat in den vergangenen Jahren in unzähligen Fernseh-und Filmproduktionen auf, unter anderem in "SOKO Donau" - Typus: osteuropäischer Schurke.

McMafia-Trailer

Die Klischees, mit denen die Serie "McMafia" hantiert, ließen auch berechtigte Kritik laut werden. Schließlich haben bei Weitem nicht alle russischen Banker, die an der Harvard Business School studierten, einen Hang zur Mafia, wie es die Serie zu suggerieren scheint, und nicht jeder russische Verbrecher verdrückt Kaviar mit Wodka, ehe er einem Widersacher die Kehle durchschneidet. Trotzdem ist Misha Glenny mit der Umsetzung seines Buches mehr als zufrieden: "Ich arbeitete drei Wochen lang eng mit den Drehbuchautoren Hossein Amini und James Watkins zusammen und wurde auch danach oft von ihnen konsultiert. Wir haben versucht, die Fernsehserie so realitätsnah wie möglich zu halten." Die Verbrechen, die in Glennys Buch und der TV-Serie beschrieben werden, zeigen, wie wenig sich das internationale Verbrechen um Nationen, Religionen und Identitäten kümmert und wie globalisiert dessen Netzwerke sind. An der Serienfigur der Ludmila, die einen realen Hintergrund hat, kann man die neue "Grenzenlosigkeit" deutlich nachvollziehen: Die junge Russin, die von Glenny nach ihrer Befreiung in Moldawien interviewt wurde, war unter Vorspiegelung falscher Berufschancen nach Ägypten gelockt und in die Wüste Sinai verschleppt worden. Dort wurde sie mit einer Reihe anderer Mädchen an israelische Schmuggler übergeben und danach in Tel Aviv als Sexsklavin verkauft.

Als politischer Korrespondent hatte Misha Glenny anfangs die Balkankriege in erster Linie als Konflikt zwischen Nationalitäten begriffen, was sich nach längeren Recherchen als Irrtum herausstellen sollte. Als 2003 der serbische Premierminister Zoran Đinđić ermordet wurde, war das eine Art "Schlüsselerlebnis" für Glenny: "Ich recherchierte, dass der Mörder von Đinđić, der in den Spezialtruppen des serbischen Präsidenten Slobodan Milošević gedient hatte, zwei Jahre lang offen unter dem Schutz eines kroatischen Milizführers auf der Westseite von Mostar leben konnte. Der Grund dafür war ganz einfach: Die beiden waren in den 1980er-Jahren gemeinsam bei der französischen Fremdenlegion gewesen."

Wenig später entdeckte Glenny, dass die Albaner Öl nach Serbien schmuggelten -"trotz allem, was im Kosovo während des Krieges passiert war". Nach dem Aufdecken solcher Verbindungen war ihm klar, dass "es bei den Balkankriegen zwar um Nationalismus und Identität ging, sie aber auch sehr viel mit Privatisierung, organisiertem Verbrechen und Geld für Waren zu tun hatten, die man in die Europäische Union schmuggeln konnte".

Nach dem Erfolg des Buchs "McMafia", das in 30 Sprachen übersetzt wurde, landete Glenny 2012 mit "Cybercrime: Kriminalität und Krieg im digitalen Zeitalter" einen weiteren Bestseller. Mittlerweile sind Internet-Interventionen im kriminellen, aber auch im politischen Bereich zu einem wichtigen Thema geworden. Kürzlich gab US-Sonderermittler Robert Mueller bekannt, dass die US-Justiz Anklage gegen 13 russische Staatsbürger erhebt, die in den amerikanischen Wahlkampf 2016 eingegriffen haben sollen.

Glenny ist empört über diese Doppelmoral: "Man darf doch bitte nicht vergessen, dass Amerika auch russische und chinesische Systeme angegriffen hat. Wir brauchen Abkommen zwischen Staaten, damit diese Angriffe aufhören." Er plädiert für eine Art Nichtangriffspakt in Bezug auf Cyberwaffen: "In den nächsten fünf bis zehn Jahren sollten Regierungen internationale Normen abklären, und Amerika, Russland, China, die EU und Großbritannien müssen ihnen zustimmen."

Das organisierte Verbrechen entwickelt sich so schnell, dass auch Experten wie Glenny den Ereignissen ständig hinterherlaufen: "Dieses rasante Tempo zwingt mich, wieder zu recherchieren." Er wird regelmäßig als Experte konsultiert, unter anderem vom britischen Parlament, doch am liebsten wäre er permanent "an der Front des Geschehens unterwegs". Da chemische Drogen klassische Suchtmittel zusehends verdrängen, müssen sich auch die internationalen Drogenkartelle umstellen. Stoff für eine zweite Staffel, über die gerade verhandelt wird, gäbe es also genug.

Im Gegensatz zum italienischen Mafia-Enthüller und Autor Roberto Saviano ("Gomorrha") musste Glenny im Zuge seiner Recherchen nie um sein Leben fürchten. "Ich hatte zwar ein paar kleine Schwierigkeiten mit Serben und Bulgaren nach dem Erscheinen des ersten Buchs", erzählt er lachend: "Aber richtig bedroht fühlte ich mich nie. Ich war danach einfach ein paar Jahre nicht mehr dort."