Harald Schmidt

Harald Schmidt: "Den Nobelpreis würde ich nehmen, wenn es kein Geld dafür gäbe"

Harald Schmidt hat als Late-Night-Showmaster das deutschsprachige TV (und den deutschen Humor) geprägt. Heute geht er lieber Kuchen essen. In Bad Vöslau sprach Schmidt mit profil über Atomkatastrophen auf dem "Traumschiff", Trump-Analysen bei Gartenpartys und seine Börsenstrategie.

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INTERVIEW: SEBASTIAN HOFER, ROBERT TREICHLER

profil: In Ihrem Videoblog haben Sie sich unlängst sehr positiv über Sebastian Kurz geäußert. Schmidt: Genau.

profil: Leider wurde nicht ganz klar, warum. Schmidt: Erstens finde ich, dass er sehr gut aussieht. Eigentlich müssten alle schreiben: "der Alpen-Kennedy". Aber Kennedy kennt heute niemand mehr. Jedenfalls fiel mir auf, dass wir diese Altersgruppe von Politikern in Deutschland gar nicht haben, schon gar nicht in dieser Funktionshöhe. Dieser ÖVP-Parteitag dagegen sah aus wie der Abi-Ball eines teuren Privatgymnasiums.

profil: Haben Sie sich auch inhaltlich mit Kurz beschäftigt? Schmidt: Ich finde Kurz einfach von der Optik her absolut erstaunlich. Und dann greift Regel Nummer eins: Mit Inhalten belaste ich mich schon lange nicht mehr. Ich kenne in meinem Umfeld keinen Top-Entscheider oder Leistungsträger, der sich noch mit Inhalten belastet. Die Inhalte wechseln ja auch ständig. Das ist mir zu hektisch. Regel Nummer zwei lautet: sich nicht im Ausland über die Innenpolitik des Gastlandes äußern. Das ist das absolut Lächerliche. Wenn Leute in Deutschland zu Gast sind und raunen: Ihr müsst aufpassen mit Faschismus! Ja, vielen Dank.

profil: Elfjährige kennen Sie als Grafen aus der Jugendbuch-Verfilmung "Burg Schreckenstein", Menschen um die 40 aus der legendären "Harald Schmidt Show", die Nachkriegsgeneration aus der TV-Serie "Traumschiff". Schmidt: Gerade das "Traumschiff" wird aber auch von der ganzen Familie angesehen. Man kann sich gut nebenher unterhalten: "Guck mal, der Strand!" Oder: "Ist der Hai echt?" Die Quoten sind unverändert sensationell.

profil: Ihr Bekanntheitsgrad reicht also tendenziell von 0 bis 100. Schmidt: Teenies oder 20-Jährige kennen mich nicht mehr. Was für mich eine große Erleichterung ist, weil die natürlich die Handyhölle bereithalten. Da kommst du ohne Selfie überhaupt nicht mehr über den Hauptbahnhof. Der Kern meiner Fans stammt aus meiner Zeit bei "Schmidteinander" (TV-Comedyshow, die Schmidt gemeinsam mit Herbert Feuerstein von 1990 bis 1994 moderierte, Anm.). Das heißt, die sind über 40. Ich höre sehr oft den Satz: Ich durfte damals aufbleiben!

profil: Sie könnten eine generationenübergreifende politische Bewegung gründen. Schmidt: Ich habe mir tatsächlich schon mal überlegt, ob Politik etwas für mich wäre. Dann fiel mir ein, was mich an Politik stört: die Wähler. Verglichen mit mir ist Peer Steinbrück ein Kuscheltyp. Wenn ich mir das vorstelle: Wahlkampfauftritt im Kindergarten. Oder Essensausgabe im Alleinerziehenden-Heim. Nein, es wäre niemandem damit gedient. Ich bin aber immer bereit, Visionen zur Verfügung zu stellen, gern auch gesamteuropäisch.

profil: Sie könnten als Berater tätig werden. Schmidt: Lieber nicht. Berater heißt ja immer: Man hat es selber nicht geschafft. Moderations-Coach heißt: wollte immer selber moderieren, ist aber nicht einmal bei Servus-TV genommen worden. Das sind so Schicksals-Jobs. Coach. Therapeut. Ich bin aber tatsächlich wahnsinnig an Politik interessiert, aus Egoismus natürlich.

profil: Aber nicht an inhaltlichen Fragen? Schmidt: Doch, aber die Inhalte sind relativ überschaubar: Wer soll die Renten finanzieren? Wird Deutschland beim digitalen Wandel abgehängt? Was passiert mit unserer geliebten Autoindustrie? Das ist es ja eigentlich schon.

profil: Migration, Integration? Schmidt: Ist bei uns kein großes Thema mehr.

Die Mehrheit der Deutschen will keine Veränderung. Man fährt in Urlaub. Die Kinder gehen in die Schule, die zwar marode ist, aber das ist Ländersache. Man will keine großen Konzepte.

profil: Und als es noch ein großes Thema war? Schmidt: Fiel mir sofort ein, dass ich selber Flüchtlingskind bin. Meine Mutter stammt aus Brünn. Da schließt sich nach 60 Jahren der Kreis. Ich mach mich in Deutschland auch sehr beliebt mit dem Satz: Wer ein T-Shirt für zehn Euro kauft, darf sich nicht über Menschenrechte äußern.

profil: Wie erklären Sie Ihre Bewunderung für Angela Merkel? Schmidt: Ich finde einfach, dass sie das sensationell macht in ihrer Unaufgeregtheit und ihrer Devise: Abarbeiten, was auf den Tisch kommt. Mittlerweile lässt sie Angriffe auch mit einer Meisterschaft abtropfen - mit Halbsätzen, Augenbrauen-Hochziehen, mit einem: "Ach, ne?" Grandios! Ich hoffe sehr, dass sie Bundeskanzlerin bleibt.

profil: Woran scheitern Merkels Herausforderer? Schmidt: Die Mehrheit der Deutschen will keine Veränderung. Man fährt in Urlaub. Die Kinder gehen in die Schule, die zwar marode ist, aber das ist Ländersache. Man will keine großen Konzepte. Es hält sich ja auch kaum ein Thema länger als drei Tage.

profil: Ein bleibendes Thema ist die ökonomische Ungleichheit. Der Stehsatz dazu lautet: Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer. Schmidt: Ich höre das auch. Ist aber falsch. Es geht im Grunde ständig aufwärts. Auch für Arme wird es besser. Nicht in dem Maße wie für die Superreichen, aber es wird besser.

profil: Die Unterschiede werden aber größer. Schmidt: Gut, aber woran liegt das? Im Schwabenland sagt man: Der Teufel scheißt auf den größten Haufen. Wer hat, dem wird gegeben. Wenn ich eine Milliarde in österreichische Seilbahn-Aktien anlegen kann und die um 40 Prozent steigen, hab ich 400 Millionen gewonnen, ohne überhaupt vom Apfelstrudel aufzustehen.

profil: Wie stehen Ihre Aktien? Schmidt: Top. Gerade der österreichische Index entwickelt sich in diesem Jahr sehr, sehr gut. Besser als der DAX.

profil: Sie verfolgen das en detail? Schmidt: Ja klar. Es wäre ja Wahnsinn, das nicht zu verfolgen!

profil: Man könnte das den Portfolio-Manager machen lassen. Schmidt: Nein. Ich mache das selbst! Aber mit ruhiger Hand. Bloß nicht hektisch werden!

profil: Keine Trading-Sucht à la Uli Hoeneß? Schmidt: In gewisser Weise schon, aber immer unter der Prämisse: alles in Deutschland, völlig transparent. Das ist ja auch superkomfortabel. Sie machen Aktiengewinn, die Bank behält 25 Prozent Steuer ein, plus Soli-Beitrag und Kirchensteuer, macht ungefähr 28 Prozent, und Sie haben mit nichts etwas zu tun. Sie sitzen in Bad Vöslau, das Handy summt, schon wieder 10.000 gemacht. Das ist Börse.

Alles, was weltpolitisch als Ultra-Desaster angekündigt wurde, hat zu einem sensationellen Durch-die-Decke-Gehen der Aktienindizes geführt. Trumpwahl, Brexit, und der Index rauscht von links unten nach rechts oben.

profil: Haben Sie den Crash 2008 mitgemacht? Schmidt: Ich mache jeden Crash mit. Ich mache das seit 20 Jahren und bin immer ein Opfer meiner Gier geworden. Zu Zeiten des neuen Marktes hatte ich 120 Prozent Gewinn und dachte, morgen sind es 150. Und dann: Leider alles weg. Aber das gehört dazu.

profil: Ihre Existenz hängt nicht davon ab. Schmidt: Sie dürfen niemals das gesamte Ersparte in Aktien reinhängen. In meinem Alter, mit Familie, vielleicht 20 bis 30 Prozent des Vermögens. Bei mir sind es derzeit übrigens 28 Prozent, falls Sie noch fragen wollten.

profil: Was erzählt ein Aktienindex über den Zustand der Welt? Schmidt: Wenn wir die letzten 16 Monate nehmen: Alles, was weltpolitisch als Ultra-Desaster angekündigt wurde, hat zu einem sensationellen Durch-die-Decke-Gehen der Aktienindizes geführt. Trumpwahl, Brexit, und der Index rauscht von links unten nach rechts oben.

profil: Sie haben sich als Aktieninhaber über den Sieg von Trump gefreut? Schmidt: Es war mir egal, weil ich nicht amerikanischer Staatsbürger bin. Was auf unseren Gartenpartys zur Zeit wahnsinnig anstrengend ist: Nach zehn Minuten kommt der erste mit Aperol Spritz in der Hand und erklärt einem, was Trump für ein Trottel ist. Was geht in diesen Leuten vor? Glauben Sie, dass man ihnen zu ihrer brillanten Analysefähigkeit gratuliert? Blitzscharfes Gehirn! Das verleidet einem derzeit ein bisschen die Grillfeste.

profil: Ein ähnlich ergiebiges Smalltalk-Thema wäre der Klimawandel. Schmidt: Als Fukushima in die Luft ging, waren wir gerade mit dem "Traumschiff" unterwegs und wollten eigentlich nach Japan. Unser Produzent Wolfgang Rademann hat dann entschieden: Geht nicht, wir machen stattdessen Bali. Wir hatten aber schon Szenen gedreht, in denen Japan vorkam. Ich musste also im Synchronstudio 27 Mal "Bali" sagen, wo ich "Japan" gesagt habe:'Oh, Beatrice, endlich mal wieder in BALI.'

profil: Eine Theorie zu den deutschen Wahlen, aufgestellt von einem Kollegen: Bartträger können in westeuropäischen Demokratien niemals Regierungschefs werden. Schmidt: Zauselbartträger wie Martin Schulz wohl nicht. Aber wir hatten noch keinen Hipsterbart-Kandidaten. Sebastian Kurz mit Vollbart würde absolut funktionieren.

profil: Nach dem Ende der "Harald Schmidt Show" haben Sie sich einen spektakulären Rauschebart wachsen lassen. Ein symbolischer Akt? Schmidt: Einfach zu faul zum Rasieren. Und meine Familie fand es toll.

profil: Aber es juckt. Schmidt: Ja, und das Essen hängt Ihnen überall drin. Als es dann hip wurde, habe ich mich auch sofort davon befreit. Eigentlich rasiere ich mich gern. Noch lieber lasse ich rasieren. Das ist sensationell. Warme Tücher. Und dann gehen die da an jedes Barthaar einzeln ran.

profil: Das dauert aber. Schmidt: Dreiviertelstunde. Aber eben: statt arbeiten. Also wenn Ihr Verlag einmal endgültig auf Reiseportal und Hundefutterversand umgeschwenkt ist: Lassen Sie sich rasieren!

profil: Sie gelten als sehr engagierter Medienkonsument. Schmidt: Ich bin ein absoluter Zeitungsfreak und weiß auch genau, von welchem Journalisten ich welche Tendenz kriege. Ich lese hauptsächlich in Bestätigung meines Weltbildes - also am liebsten "FAZ".

Mir war früh klar, dass Satire etwas für eine gewisse westliche Klientel ist, und dass es sinnlos ist, da zu missionieren.

profil: Hier in Bad Vöslau lesen Sie aus Michel Houellebecqs kontrovers diskutiertem Roman "Unterwerfung". Darf man daraus auf Ihr Weltbild schließen? Schmidt: Ich habe alles von Houellebecq gelesen und finde ihn großartig. Auch als Gesamtkunstwerk. Diese morbide Erscheinung, von der ich gar nicht sicher bin, ob sie echt ist. Meine Lieblingsvorstellung ist, dass er tierisch fit ist, enorm viel Sport betreibt, bis der Verleger sagt: Michel, ab Herbst sind wir auf Lesereise, hier ist Whisky, da sind Zigaretten, und bitte geh nicht mehr zum Friseur.

profil: Schätzen Sie ihn auch als politisch unkorrekten Provokateur? Schmidt: Ich bin mir nicht sicher, ob er überhaupt provozieren möchte. Es fühlen sich Leute provoziert, das ist richtig, aber es fühlen sich heute auch Leute provoziert, wenn ich sage: Kann ich noch ein Wasser haben? Dafür können Sie nicht den Schriftsteller verantwortlich machen. Die Idee, die allgemeine Arbeitslosigkeit durch ein Berufsverbot für Frauen zu bekämpfen, finde ich zumindest mal überlegenswert. Ich glaube nicht, dass man damit Wahlen gewinnt, aber ich könnte mir vorstellen, dass das in unseren christlichen Parteien schon mal genau so durchdiskutiert wurde.

profil: Sie machen kein Geheimnis aus Ihrem katholischen Glauben. Als Christ muss man Spott aushalten können. Ist der Islam zu empfindlich, was Witze über ihn betrifft? Schmidt: Ich habe vollständig und mit Ansage die Finger davon gelassen. Weil mir früh klar war, dass Satire etwas für eine gewisse westliche Klientel ist, und dass es sinnlos ist, da zu missionieren. Ich lasse mir auch sofort Feigheit vorwerfen, aber ich meine, ich bin Conférencier und kein Heldendarsteller.

profil: Sie spielen also nicht im Team Jan Böhmermann? Schmidt: Nun, das war ja wohl der größte Karriereschub, der ihm passieren konnte. So etwas erlebt man, wenn überhaupt, nur ein Mal in der Karriere.

profil: Sind Sie neidisch? Schmidt: Nein, weil ich glaube, mir ausmalen zu können, was da hinter den Kulissen los war. Das geht ja bis in den privaten Bereich hinein. Das braucht man nicht unbedingt. Ich habe früher schon auch Ärger gekriegt, aber das war immer im rechtsstaatlichen Rahmen. Ich hatte aber auch genau im Kopf, was man sagen kann und was nicht. Und man muss sagen: Es geht heute deutlich weniger als noch vor zehn, 15 Jahren.

profil: Der britische Komiker John Cleese hat erklärt, nicht mehr in den USA auftreten zu wollen, weil es dort schon zu viele Redeverbote gäbe. Schmidt: Ich will überhaupt nicht mehr auftreten, weil es mir zu anstrengend geworden ist, abends noch mal den Motor hochzufahren. Heute ist eine Ausnahme, weil: vorbereiteter Text, erholsame Umgebung und vor allem, ganz wichtig: einmalige Sache. Ich mache alles nur ein Mal. Nur ja keine Wiederverwertung oder gar Tournee. Die Devise lautet: Verschwendung von Material.

profil: Sie betreiben eine Art von ehrgeizbefreiter Selbstausbeutung. Schmidt: Ich habe nicht mehr den Wunsch oder den Druck, etwas verarbeiten zu müssen. Ich mache es für mich, stelle mir dann vor, in welche Stadt ich fahren müsste, in welches Theater ich gehen und in welches Publikum ich schauen müsste, und gehe dann stattdessen Strudel essen. Die Pointe hab ich ja und weiß, dass sie funktioniert hätte. Ich kann mir die Lacher denken. Wozu noch auftreten? Ich war in jeder Stadt, in jedem Hotel. Ich kenne jeden Wurschtsalat. Dem Nachwuchs eine Chance!

Den Literaturnobelpreis hat ja auch schon jeder heutzutage. Jelinek, Dylan. Das ist schon wieder so öde: Kommt er jetzt nach Stockholm oder nicht? Wenn er kommt, kommt er nackt? Schiebt er sich eine Fahne in den Arsch oder weigert er sich, zu sprechen? Das ist alles schon durch.

profil: Kein großes Projekt, das Sie noch umsetzen möchten? Eine Autobiografie vielleicht? Schmidt: Um Gottes willen! Meine Autobiografie liegt elektronisch vor. Ich behaupte, meine 2000 Shows sind meine Autobiografie. Da habe ich unglaublich viel verheizt. Autobiografien sind das Ödeste, was es gibt. In keiner Autobiografie steht, um was es wirklich geht. Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes. Ich habe noch nie Memoiren gelesen, die wirklich interessant gewesen wären.

profil: Churchill hat für seine immerhin den Literaturnobelpreis bekommen. Schmidt: Ja, aber den Literaturnobelpreis hat ja auch schon jeder heutzutage. Jelinek, Dylan. Das ist schon wieder so öde: Kommt er jetzt nach Stockholm oder nicht? Wenn er kommt, kommt er nackt? Schiebt er sich eine Fahne in den Arsch oder weigert er sich, zu sprechen? Das ist alles schon durch. Und ich habe ja auch fast alles gemacht. Den Nobelpreis würde ich nehmen, wenn es kein Geld dafür gäbe. Das finde ich entwürdigend. Oder, anders formuliert: Für 800.000 Euro fahre ich nicht nach Stockholm. Das wäre auch ein Satz, mit dem man einen Wahlkampf eröffnen könnte. Hallo, liebe Arbeitnehmer...

profil: Sie flanieren also eher ungezwungen durch die Genres? Schmidt: Mit der ganz klaren Doktrin: Drehort geht vor Inhalt. Wien: ganz weit vorne. Generell: Österreich eigentlich immer. Aber keine Lesung im Vereinsheim oder Sozialkritisches in kalter Gegend. Am liebsten Matinee bei Festspielen, wo andere sich am Abend noch schminken, Perücken kleben und vier Stunden schreien müssen. Und ich komme um elf, sage: "Ich finde Kunst sehr wichtig!", und dann gehen wir essen. Deswegen bin ich auch ein großer Freund von Österreich: Weil hier das Festspieldenken eigentlich ganzjährig zu Hause ist.

profil: Allerdings dreht auch das schön langsam immer mehr in Richtung Performancekunst. Schmidt: Das heißt, dass der Tankstellenpächter Theaterintendant wird? Weg von den Schauspielern? Es wird nicht mehr Grillparzer gespielt, sondern Installation?

profil: Und man zieht sich aus. Schmidt: Aber das war doch schon immer so. Ich glaube auch, dass die guten alten Nazis auf der Bühne nicht mehr lange funktionieren werden, weil immer weniger wissen, wer das war. Ein 20-Jähriger muss das heute richtiggehend büffeln. Aber das beruht auf Gegenseitigkeit. Ich habe mir inzwischen ein ganz neues Vokabular angeschafft: Trimedial. Deep learning. 4.0. Damit zeige ich, wie digital ich bin.

profil: Sie sind immerhin Video-Blogger für den "Spiegel". Schmidt: Eine sensationelle Form für mich: keine Redaktion, kein Team, Handy, zack, ab nach Hamburg. Heute habe ich auf dem Flughafen in Köln gedreht, am Gang zum Einchecken, und erklärt, wohin ich unterwegs bin. Leider habe ich erst hier erfahren, dass es Bad VöslAU heißt und nicht Bad Vöslau.

profil: Sie könnten das ja noch nachsynchronisieren. Schmidt: Ich finde die Übernahme von Dialekten insgesamt ein bisschen anbiedernd. Es gibt Leute, die eine Woche in München leben und dann fragen: Wia hom die Sechzga gspuit? Jemand aus Bielefeld sagt: Heast! Da fehlt schlicht die DNA. Das ist ja nicht erlernbar, dieses grundsätzlich Falsche.

profil: Ihr Österreichisch ist aber sehr passabel. Schmidt: Für Deutschland reicht es. Meine Mutter ist in Brünn aufgewachsen, und wir hatten als Kind eigentlich nur Bekannte aus dieser Ecke. So ein Satz wie: De Ungarn san foisch und foische Leid mog I net, der sitzt bei mir einfach drin. Und natürlich, ganz großer Satz, gern verwendet von meiner Mutter zu meinem Bruder und mir: I bin jo nit dei Tschusch! Ich habe übrigens mal eine wahnsinnig interessante Sendung auf Ö1 gehört über die Herkunft des Begriffs "Tschusch". Faszinierend. Ich fürchte, über den Begriff "vegan" kann man keine Stunde lang reden.

Sebastian Hofer

Sebastian Hofer

schreibt seit 2002 im profil über Gesellschaft und Popkultur, ist seit 2020 Textchef dieses Magazins und zählt zum Kernteam von faktiv.