© Klaus Kamolz

#profil50
09/17/2020

Oasen in der Wüste: Das Gastrojahr 1970

Gastronomische Momentaufnahmen einer Hauptstadt im profil-Gründungsjahr 1970.

von Klaus Kamolz

Wien, Anfang der 1970er-Jahre. Das war doch die Stadt, in der der Funke des Jahres 1968 nicht mehr war als eine Sternschnuppe. Die anderswo vielleicht verruchten 50 Schattierungen von Grau zeigten sich hier in den Straßen-an den Mauern der Häuser und auch in den Gesichtern der Menschen. Am Ende der Siebziger sangen André Heller und Helmut Qualtinger, was 1970 noch viel mehr galt: "Wean, du bist a oide Frau."Am besten wäre es, man würde ihr den Gnadenschuss geben.

Auch gastronomisch war die Hauptstadt eher eine Wüste. Die ganze? Nein, es gab auch Oasen der Weltoffenheit, in der eine junge Bohème die schwache Hintergrundstrahlung der revolutionären Zeitenwende am Leuchten hielt. Beislmäßig war die Gemengelage 1970 wie folgt: Man traf sich im Koranda in der Wollzeile, das bis in die 1980er-Jahre Heimstätte der Kunstszene und der benachbarten Kleinkünstler der Simpl-Revue war. Man saß im Grünen Anker, dem Hang-out der Clique um den legendären Galerie-Gründer Monsignore Otto Mauer-und natürlich im Hawelka. Als die legendär hantige Wirtin Grete Nowak, die 1960 den Gmoakeller am Heumarkt übernommen hatte, die Kegelbahn im Keller entfernen ließ, bildete sich auch hier ein kleiner Kunst-Cluster mit Jazzkonzerten und Premierenfeiern des schräg vis-a-vis befindlichen Akademietheaters.

Am Franziskanerplatz in der Innenstadt passierte 1970 jedoch wirklich etwas Neues. In den engen Gewölben eines ehemaligen Branntweiners eröffnete der Schauspieler Hanno Pöschl das Kleine Café, gestaltet von Hermann Czech und als Gegenpol zum traditionellen Wiener Kaffeehaus zeitlos in sich ruhend-bis heute.

Der Urknall, der einer gediegenen Gastroszene die Fesseln sprengte, geschah ein paar Hundert Meter entfernt vom Kleinen Café in der Strauchgasse, Ecke Freyung. Dort sperrte am Dienstag, dem 15. September 1970,20.00 Uhr (eine Woche übrigens nach der allerersten profil-Ausgabe),ein Clublokal namens Vanilla auf. Für den jungen André Heller war das, "wie wenn ein Planet nach Österreich stürzt".Das Vanilla gab sich exklusiv, indem man dem Verein des Lokals angehören musste und dafür die Bürgschaft eines bereits bestehenden Mitgliedes benötigte; dafür erhielt man dann aber auch einen eigenen Schlüssel. Der Club zog die Avantgarde von damals magnetisch an: die Wiener Aktionisten, die Wiener Gruppe, Christian Ludwig Attersee, Peter Weibel und Hermann Czech gehörten zu den Stammgästen. Heller trat mit Erika Pluhar auf und lernte dort den 19-jährigen Wolfgang Ambros kennen, der fast jeden Tag, laut seiner Erinnerung damals einigermaßen substanzbeeinträchtigt, zum Tischfußballspielen kam, aber auch gerade den "Hofa vom Zwanzgerhaus" aufgenommen hatte. Schon 1974 war es mit dem Vanilla, mittlerweile in die Hegelgasse übersiedelt, vorbei.

Die Saat das Jahres 1970, bestehend vor allem aus dem Vanilla und dem Kleinen Café, aber war ausgebracht. 1976 gestaltete Czech die Wunder-Bar in der Schönlaterngasse, 1979 gründeten Evelyn Oswald und Kurt Kalb in der Bäckerstraße das Oswald & Kalb, und weiter unten am Donaukanal brachte die Szene das Bermudadreieck im ehemaligen jüdischen Textilviertel hervor, in dem man tagelang verschollen bleiben konnte: zum Beispiel in Michael Satkes von Coop Himmelblau gestaltetem Live-Musik-Lokal Roter Engel oder im Salzamt, einer weiteren, bis heute ästhetisch gültigen Arbeit von Hermann Czech.

Feine Küche war 1970 Fehlanzeige. Und doch vollzog sich an einer grindigen Wiener Ausfallstraße im 3. Bezirk die Geburt der österreichischen Spitzengastronomie. Ein junges steirisches Ehepaar - er Kegelbahnbetreiber, sie Wirtshaustochter - eröffnete im Jänner ein Beisl, das sie, weil ihnen gerade nichts Besseres einfiel, Steirereck nannten: Heinz und Margarethe Reitbauer. Sie kochten Gemüsesuppe um 14 und Germknödel um 16 Schilling, hackelten bis zum Umfallen und widmeten sich auch noch der Familienplanung. Am 23. August 1970 kam Heinz Reitbauer junior in Wien auf die Welt; er gilt heute als einer der besten Köche der Welt.

War ja vielleicht doch nicht so uninteressant, das Gastrojahr 1970 in Wien. 

Klaus Kamolz war von 1989 bis 1997 Kulturredakteur und ist seit 2006 Kolumnist.

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