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Gesellschaft
08/04/2021

Olympische Spiele: Unverzichtbar trotz lausigem Image

Warum Anna Kiesenhofer uns das wahre Gesicht der Olympischen Spiele von Tokio gezeigt hat.

von Sebastian Hofer

Das Märchen von Tokio begann ziemlich genau bei Kilometer null und ging nach weiteren 137.000 Metern so richtig los: Anna Kiesenhofer aus Niederkreuzstetten in Niederösterreich, im Hauptberuf Mathematikerin an der École polytechnique fédérale de Lausanne, im Amateurstatus Rennradfahrerin, fuhr am vergangenen Sonntag gegen Viertel nach fünf Uhr Nachmittag (Ortszeit) als Erste über die Ziellinie des Frauen-Straßenrennens der Olympischen Spiele von Tokio. Nicht nur die Zweitplatzierte, die niederländische Topfavoritin Annemiek van Vleuten, konnte es zunächst gar nicht glauben. Auch ORF-Moderator Rainer Pariasek war leicht von den Socken, konnte aber durch Kiesenhofers souveräne Interviewführung im ORF-Gespräch bald wieder auf den Boden geholt werden.

Gut so. Das Märchen, von dem hier die Rede sein soll, ist nämlich durchaus real. Es hat mit dem phänomenalen Rennen der Anna Kiesenhofer am vergangenen Sonntag begonnen, aber es geht noch weiter. Denn dieses Märchen ist die Wirklichkeit der OIympischen Sommerspiele 2020, in diesem ansonsten ja weniger sagenhaften Sommer 2021. Diese Spiele sind, auch wenn die Nachrichtenlage anderes vermuten lässt, ein Traum, der wahr wird, wieder und wieder, meistens leider im Nachtprogramm.

OLYMPISCHE SOMMERSPIELE TOKIO 2020: STRASSENRENNEN FRAUEN KIESENHOFER (AUT) GEWINNT GOLD

Das Fachmagazin „Cyclingnews“ beschrieb Anna Kiesenhofer nach ihrer Fahrt zu Gold als „anti-authoritarian mastermind of her own Olympic glory“. Tatsächlich hatte die 30-Jährige in ihrer ersten Pressekonferenz als Olympiasiegerin sehr schön beschrieben, wie wichtig es ist, eben nicht auf die vermeintlichen Auskenner zu hören, eben nicht alles zu glauben, was einem die selbst ernannten Experten erklären, und wenn es die eigenen Teamchefs sind: „Ich bin keine Radfahrerin, die nur in die Pedale tritt. Und ich bin stolz darauf.“ Anna Kiesenhofers Sieg war ein Sieg der Unangepasstheit. Und damit eine durch und durch olympische Angelegenheit.

Zudem war es der erste österreichische Radsport-Olympiasieg seit 1896, als der Journalist Adolf Schmal "Filius" das olympische 12-Stunden-Rennen im Velodrom Neo Falinaro in Athen nach genau 315 Kilometern als Gewinner beendete. Schmal, damals 23 Jahre alt, erreichte bei diesen ersten Olympischen Spielen der Neuzeit außerdem zwei dritte Plätze (über 333,3 Meter und über 10.000 Meter auf der Radbahn) sowie einen vierten Rang - im Säbelfechten. Außerdem schickte er Zeitungsreportagen aus Athen nach Hause. Es waren andere, irgendwie weniger spezialistische Zeiten. Der olympische Gedanke war damals gerade ganz neu erfunden worden, dabei sein wohl wirklich noch alles und das Geld deutlich weniger wichtig als Dinge wie Sportsgeist oder der Spaß an der Sache. Man kann durchaus zu der Ansicht kommen, dass sich dieser Gedanke ein wenig verloren hat.

Tatsächlich spielen kommerzielle Überlegungen bei Olympia mindestens seit 1972, als Karl Schranz wegen vermeintlicher Sponsoring-Verträge von den Spielen in Sapporo ausgeschlossen wurde, keine wirklichen Nebenrollen mehr; in den vergangenen drei Jahrzehnten haben sie sich sogar einigermaßen in den Vordergrund gedrängt. Und ja, auch das Internationale Olympische Komitee hat sich dieser Entwicklung nicht gerade widersetzt und auch sonst kaum eine falsche Abzweigung ausgelassen. Ziemlich genau ein Jahr ist es jetzt her, dass das IOC auf seinem Twitter-Kanal Ausschnitte aus Leni Riefenstahls notorischem Propagandafilm "Olympia" über die Nazi-Spiele von Berlin 1936 verschickte. Es war wohl allen Ernstes als Werbung gedacht und damit leider in vielerlei Hinsicht symptomatisch. Den Veranstaltern der Spiele ist in den vergangenen 125 Jahren nicht nur der Sportsgeist abhandengekommen. Im Vorfeld von Tokio wurden denn auch jene Stimmen, die einen Komplettverzicht auf weitere Olympische Spiele forderten, sehr laut - und durchaus auch gehört.

Man kann sie verstehen. Sie liegen trotzdem falsch. Der heuer auch zeitlich ziemlich direkte Vergleich zwischen Fußball-Europameisterschaft und Olympischen Sommerspielen macht diesbezüglich sicher. Er fällt für den Profifußball gar nicht schmeichelhaft aus, in dem fast ausnahmslos saturierte Millionäre am Werk sind, aber eben keine Anna Kiesenhofer, kein Ahmed Hafnaoui (Tunesien, Gold über 400 Meter Freistil), keine Hidilyn Diaz (Philippinen, Gold im Gewichtheben, Klasse bis 55 Kilogramm) - und dann müssen sie sich auch noch den Spielball von einem werbemäßig aufgemotzten Elektro-Buggy aufs Feld kutschieren lassen.

Polleres (l.) im Kampf um Gold gegen die Japanerin Arai

Das soll kein Aufruf zur Abschaffung der EURO sein, sondern bloß zu einer wohlwollenden Betrachtung von Olympia anregen. Man lernt etwas dabei, für sich und über andere. Man sieht Weltstars, von denen man noch nie gehört, Muskeln, die man noch nie gesehen hat, sowie Spezialisten für Spezialitäten, die einem auch beim siebten Durchgang schleierhaft bleiben: Bogenschießen, Synchron-Turmspringen, Softball. Und wann hört man Michael Roscher (ORF) sonst fachmännisch mit der Zunge schnalzen, wenn beim Dressurreiten (Kür) besonders elegant aus der Pirouette in die Galopptraversale gewechselt wird?

Die Olympischen Spiele (Sommer) sind in ihrer Grundverfasstheit eine Weltversammlung der Spezialisten, und ja, auch ein Fest der Nerds, die in unerhörten Disziplinen Unwahrscheinliches vollbringen, die mit 20 Knoten in die Wende gehen (Segeln, Nacra 17), mit einem einzigen Paddel gegen einen reißenden Strom rudern (Wildwasserkanu, Canadier) oder ihr halbes Leben dieser einen, eigentlich unmöglichen, aber möglicherweise olympisch funkelnden Übung auf dem Stufenbarren widmen.

Wer Olympia auf sich wirken lässt, lernt moderne Heldensagen kennen wie die von Nyjah Huston, Skateboard-Profi aus Kalifornien, bis weit über den Kragen hinauf tätowiert, hineingeboren in eine streng religiöse Rasta-Familie, die den jungen Nyjah von der Außenwelt und deren Verführungen abschottete (nicht aber von den lukrativen Skateboard-Deals, die er schon im Volksschulalter abschließen durfte). Als Teenager brach er den Kontakt zum Vater ab und kaufte sich einen Lamborghini. Was hätte Leni Riefenstahl wohl aus dieser Geschichte gemacht?

Oder aus dem Halbfinalkampf zwischen der japanischen Favoritin Chizuru Arai und der jungen Russin Madina Taimazova-Judo, Klasse bis 70 Kilo? Wahrscheinlich so etwas wie "Rocky IX": Nach zunächst wertungslosem Kampf ging dieser in eine geradezu biblische Verlängerung, zehn Minuten, elf, zwölf Minuten; zugeschwollenes Auge, blutende Finger, verdrehte Arme, am Ende ein Fight bis zur Bewusstlosigkeit und ziemlich viel Adrenalin vor dem Bildschirm.

Taimazova (die zwar dieses Halbfinale verlor, aber am Ende eine Bronzemedaille gewann) trat übrigens für ein Land namens "Russisches Olympisches Komitee" (ROC) an, weil ihre eigentliche Heimatnation, also Russland, kürzlich in einige gröbere Doping-Skandale verstrickt war und deshalb bis anno 2023 von der Teilnahme an Olympischen Spielen ausgeschlossen ist. Aber das Internationale Olympische Komitee ist nicht umsonst für seine sportpolitische Diplomatie bekannt, die zum Beispiel auch dazu führte, dass Taiwan - weil von China nicht als eigenständiger Staat anerkannt - bei den Spielen unter der vom IOC entwickelten Wort-Bild-Marke "Chinesisch Taipeh" antritt, kurz TPE. Die eigentlich gebräuchliche internationale Abkürzung für Taiwan wäre übrigens ROC (Republic of China), aber die ist ja neuerdings schon anderweitig vergeben, siehe oben.


In der Betriebswirtschaft steht dieses Kürzel für Return on Capital, also die Rentabilität im Verhältnis zum Investment, was Thomas Bach, Direktor des IOC, möglicherweise bekannt und wichtig ist. Die Gesamtkosten der Spiele von Tokio belaufen sich auf 15,7 Milliarden US-Dollar, da kann man schon einmal über das Risiko von Superspreader-Events hinwegsehen, auch wenn die japanische Bevölkerung die Invasion der Olympioniken und ihrer Trainerinnen, Funktionäre und Fans mehrheitlich verzichtbar fand. Immerhin konnte man sich noch rechtzeitig darauf einigen, in den Stadien selbst keine Zuseher zuzulassen; vielleicht auch, weil die Flexibilität des Komitees am Ende sogar vielen Sponsoren zu blöd war, womöglich konnten diese aber schlicht nicht über das Risiko eines Negativimage-Transfers hinwegsehen. Die Chefs der Großsponsoren Panasonic und Toyota verzichteten jedenfalls auf eine Teilnahme an der Eröffnungsfeier, deren Kreativdirektion übrigens kurz vor Beginn der Spiele gleich zweimal ausgetauscht werden musste, weil die Amtsträger entweder sexistische Witze auf Kosten von Teilnehmerinnen gemacht oder über den Holocaust gewitzelt hatten. Der Präsident des japanischen Organisations-Komitees trat seinerseits schon im Februar zurück, nachdem er öffentlich der Meinung gewesen war, dass Frauen in Besprechungen immer viel zu viel sprechen.

Das ist aber eben nur die Kehrseite der Medaille. Vorn drauf sieht man Momente, die auch den übelsten Chauvinismus überstrahlen: die Trainingseinheiten der mongolischen 3x3-Basketballerinnen, die sich freuen, endlich einmal ein Fernsehteam aus der Nähe zu sehen; die jugendlichen Höhenflüge der 13-jährigen Skateboard-Stars Momiji Nishiya (Japan) und Rayssa Leal (Brasilien);die strahlenden Augen der österreichischen Judoka und Medaillengewinner Michaela Polleres und Shamil Borchashvili; die geradezu ansteckende Gelassenheit der Bogenschützen im Yumenoshima Park.

Und dann gibt es auch noch die wirklich weltbekannten Weltstars. Die 19-fache Turnweltmeisterin Simone Biles aus den USA zum Beispiel, oder die japanische Tennis-Ikone Naomi Ōsaka. Erstere brach ihre Teilnahme am Teamwettbewerb überraschend ab und verzichtete auch auf die ersten Einzelbewerbe: Der Druck sei zu groß, ihre psychische Gesundheit wichtiger als der Sieg. Dabeisein ist nicht alles. Der olympische Gedanke hat sich tatsächlich geändert - und einen Weitsprung in die Zukunft getan. Man kann auch über Schwächen reden und stolz darauf sein. Ähnlich wie Biles hatte auch Ōsaka, die Tennis-Weltranglistenzweite, ihren Ausstieg bei den heurigen French Open erklärt (die sie nach der ersten Runde verlassen hatte). Im Achtelfinale des olympischen Turniers verlor Ōsaka, die heuer auch das olympische Feuer entzündete, überraschend gegen die 39. der Weltrangliste Markéta Vondroušová. Es war nicht die Depression, es war nicht ihr Tag. Nicht jedes Märchen geht gut aus.

Aber wenn wir nicht eingeschlafen sind, dann schauen wir noch heute.

 

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