Phänomen Selbstliebe: Verrückt nach mir

Phänomen Selbstliebe: Verrückt nach mir

Noch nie war der Aufruf zur Selbstliebe in der Psycho- und Esoterikbranche so penetrant wie jetzt. Angelika Hager über ein enervierendes Phänomen.

„Und jetzt schließe die Augen und stelle dir vor, dass du dich selbst umarmst“, lässt die Yogalehrerin ihren Meditationsambitionen freien Lauf, „denn du bist dein bester Freund. Und jetzt bittest du deinen besten Freund, dass er dich so akzeptiert, wie du bist!“ Einige in der Gruppe umschlingen mit den Armen ihren Oberkörper, der Rest schweigt mit geschlossenen Augen im Schneidersitz.

„Du bist die Liebe deines Lebens“

Solche Szenarien wiederholen sich tagtäglich in New York, London, Paris oder München. In Selbstfindungsseminaren, auf Selbsttherapie-Apps und in Meditationskursen, die mittlerweile auf jedem schwarzen Supermarktbrett angeboten werden, wird man mit Aufforderungen wie „Du bist die Liebe deines Lebens“, „Sei dein eigener Star“ oder „Küsse deinen Selbstwert aus dem Dornröschenschlaf“ bombardiert. Auf ihren Insta-Accounts und in Interviews schwärmen Hollywooddarsteller und Pop-Sterne von der facettenreichen Schönheit der „Selbstliebe“: Jennifer Lopez kultiviert sie in Kombination mit Zuckerverzicht, Taylor Swift propagierte sie auf ihrem letzten Album und mit der Insta-Botschaft „Liebe dich selbst wie deinen Nächsten“, und auch das Disney-Sternchen Selena Gomez sprang auf den Trip auf. Ihr im vergangenen Oktober erschienener Song „Lose You To Love Me“ sei, so der PR-Text, eine „Hymne an die Selbstliebe“.

Selbst die diesjährige Grammy-Rekordhalterin Billie Eilish, die in ihren Songs auch in düstere Regionen wie Depressionen und Suizid vordringt, verkündete jüngst: „Ich bin jetzt mit mir selbst endlich befreundet“, rät aber zwecks Stressabbau nicht zu Meditation, sondern zu Masturbation, womit sich der Kreis zur körperlichen Selbstliebe schließt. Ganz im Sinn von Gwyneth Paltrow, die sich bei einem Werbespot für ihr Lifestyle-Imperium Goop einen Vibrator in den eigenen Weihnachtsstrumpf packte und in der aktuellen Netflix-Serie „The Goop Lab“ im Part der positivistischen Reporterin durch das weite Land von Wellness, Meditation, Esoterik und Achtsamkeit („mindfulness“) navigiert.

Ruhe und Langeweile

Wobei Meditation in ihrer puren Form und ohne naiv-pathetische Mantras à la „Du bist das Beste, was dir passieren kann“ mit Sicherheit dabei hilft, den durch Smartphones und Laptop dauerbeschallten Geist zur Ruhe kommen zu lassen und die schwer angeschlagene Konzentrationsfähigkeit wieder aufzuladen. Nicht umsonst ist Meditation mit dem Ziel, alle Ablenkungsfaktoren auszublenden, ein wesentlicher Bestandteil bei der Trainingsvorbereitung von Spitzensportlern.

Ruhe und Langeweile sind bei „einem ständigen Bombardement durch die Außenwelt“, so die britische Entwicklungspsychologin Teresa Belton bei einem Davoser Weltwirtschaftsforum, „keine Defizite, sondern Gelegenheiten, damit der Geist wieder flanieren lernt und ein selbstständiges Vorstellungsvermögen entwickeln kann“.

Egozentriertheit und Solipsismus

Doch um diese Form der geistigen Selbstständigkeit scheint es gegenwärtig besonders schlecht zu stehen. Denn noch nie existierten so viele Crashkurse für Selbstliebe und Selbstvertrauen auf allen Kanälen wie jetzt, inklusive spiritueller Wegweisungen, wie man beides erlangen kann. „Wir leben in einer Kultur der Zerstreuung“, so der US-Psychologe Thomas Joiner in einem Essay in der „Washington Post“, „die jetzt laut und marktschreierisch Achtsamkeit als Ersatzreligion postuliert. Doch diese Geisteshaltung führt zu einer neuen Form von Egozentriertheit und Solipsismus. Diese Erkenntnis durchfuhr mich, als ich mich in Socken in einem Kreis mit anderen in Atemtechniken übte.“

Das Trimmen des Selbstwertgefühls ist in einer von Selbstinszenierung und Selbstoptimierung durchsetzten Gesellschaft zu einer Art Leistungssport verkommen. Selbst bei vermeintlichen Entspannungs- und Stressabbauritualen herrscht eine Art Wettbewerbsgeist. „Die bestmögliche Entspannung gehört zum Programm wie der nächste Karriereschritt“, so die deutsche Theologin Selma Polat-Menke im Magazin „Der Spiegel“.

Mündigkeit und Selbstbestimmung

Womit wir bei einem Paradoxon angelangt sind: Denn Selbstliebe, Selbstvertrauen und Selbstwert sind keine Produkte, die sich bei Amazon Prime bestellen lassen oder durch Ego-Turnübungen mit Psycho-Apps erlernbar sind. Auch durch esoterischen Firlefanz wie Briefe an das Universum, Aromatherapien oder Edelstein-Auflegungen wird sich die Wertschätzung für die eigenen Bedürfnisse sowie die Akzeptanz der persönlichen Fehler und Schwächen bestenfalls in placebobedingten Ausmaßen steigern lassen. Doch der Mainstream-Glaube an die eigene Mündigkeit und Selbstbestimmung ist stark geschwächt, wie Statistiken beweisen.

Der deutsche Zukunftsforscher Eike Wenzel schätzt, dass allein in Deutschland jährlich zwischen 15 und 20 Milliarden Euro in Klangschalen, Zellerneuerungskekse und andere esoterisch-spirituelle Methoden und Accessoires fließen. Dass das Bedürfnis nach solchen Krückensystemen mit der geistigen Verfassung eines Gesellschaftssystems im Zusammenhang steht, thematisierte der deutsche Philosoph Theodor Adorno bereits 1946, als er in seinen „Thesen gegen den Okkultismus“ seiner Gesellschaft ein vernichtendes Zeugnis ausstellte: „Die Neigung zum Okkultismus ist ein Symptom der Rückbildung des Bewusstseins. (…) Wenn die objektive Realität den Lebendigen so taub scheint wie nie zuvor, so suchen sie ihr mit Abrakadabra Sinn zu entlocken. Okkultismus ist die Metaphysik für dumme Kerle.“

Ursprung in der Kindheit

Tatsächlich ist die Fähigkeit zur Selbstliebe keine Zauberei, sondern hat ihren Ursprung in der Kindheit. Den Grundstein legt eine Bezugsperson, der „das Wohlbefinden des Kindes ein echtes Anliegen ist und die das auch vermitteln kann“, wie der Kinder- und Jugendpsychiater Paulus Hochgatterer in der profil-Geschichte „Die Macht der Kindheit“ (Nr. 8/2018) erläutert. Diese Bezugsperson muss nicht zwingend die Mutter sein. Und natürlich könne man sich auch im Erwachsenenleben von traumatisierenden Kindheitserfahrungen befreien, ist sich Hochgatterer sicher: „Ich rate jedem, sich für die eigene Biografie zu interessieren und sich die spannende Frage zu stellen: Wie bin ich der geworden, der ich bin?“

Das Wort „Selbst“ ist im Deutschen erst ab 1702 nachweisbar. Die starke Betonung des Individuums ist kulturgeschichtlich betrachtet ein junges Konzept, das im Zeitalter der Aufklärung, beflügelt durch Philosophen wie Immanuel Kant und Dramatiker wie Gotthold Ephraim Lessing, seine Wurzeln hat. Wahrscheinlich ist das Individuum bis heute noch nicht ganz firm im eigenständigen Umgang mit dem Selbst. Doch bis heute gilt, was Kant 1784 formulierte: „Es ist so bequem, unmündig zu sein.“