„Nichts ist so mächtig wie ein Geheimnis“
Gesellschaft

Paulus Hochgatterer: „Nichts ist so mächtig wie ein Geheimnis“

Paulus Hochgatterer, Schriftsteller und Kinderpsychiater, über die Kindheit, Geschwisterkonstellationen, Sigmund Freud und die Notwendigkeit, sich seiner Biografie zu stellen.

Interview: Angelika Hager

profil: Muss eine schwere Kindheit zwangsläufig ein Erwachsenleben überschatten? Oder kann man sich davon auch befreien, mit seiner Kindheit quasi Schluss machen?
Hochgatterer: Die Phrase vom Schlussstrich ist für mich hoch problematisch, weil der Schlussstrich immer ein totalitäres Konstrukt ist. Ein Schlussstrich hat immer etwas Gewalttätiges. Er suggeriert fälschlich die Möglichkeit, ein Leben zu führen, ohne irgendwo anschließen zu müssen. Das funktioniert nicht. Vom Ziehen eines Schlussstrichs halte ich also gar nichts – und nicht allein deswegen, weil die Psychoanalytiker davon leben, dass man hinter die innerpsychischen Schlussstriche schaut.
profil: Welche Art von Kindheit haben Sie erlebt?
Hochgatterer: Ich hatte das Privileg einer guten Kindheit. Sie ist im Wesentlichen friedlich und verletzungsfrei verlaufen. Vor allem führten meine Eltern eine gute Beziehung miteinander. Ich denke, das war ganz besonders wichtig.

profil: Wie definiert ein Kinder- und Jugendpsychiater eine gute Kindheit?
Hochgatterer: Definitionen sind immer reduktionistisch und daher nie ganz richtig. Ich versuche vielleicht eine Minimalvariante. Eine Kindheit ist dann gut, wenn dem Kind Traumatisierungen und andere schwere psychische Verletzungen erspart bleiben. Das Wichtigste ist wahrscheinlich, dass sich dem Kind Menschen als verlässliche, erwachsene Beziehungspartner zur Verfügung stellen.
profil: Das heißt, ein Sicherheitsgefühl ist die allererste Voraussetzung für eine günstige Entwicklung?
Hochgatterer: Nicht nur das. Das Kind muss sich behütet, umsorgt und geliebt fühlen. Und es sollte gezeigt kriegen, wie Beziehung funktioniert. Das ist mehr als Sicherheit.
profil: In den oft zitierten Bobo-Kreisen, aber auch bei überdurchschnittlich alten Eltern scheint Erziehung heute sehr neurotisch aufgeladen zu sein. Diese überambitionierten Eltern kreisen oft wie Drohnen über ihren Kindern und üben manchmal einen regelrechten Förderungsterror aus. Was tut das mit Kindern?
Hochgatterer: Prinzipiell gilt bei der Brutpflege, um keinen aeronautischen, sondern einen zoologischen Begriff zu verwenden, immer: Besser zu viel als zu wenig. Aber natürlich nimmt man durch Überbehütung den Kindern die Freiheit, sich selbst auszuprobieren und unbehindert zu entwickeln.


Das halte ich für einen optimistischen und tröstlichen Ansatz.

profil: Alfred Adler, der den Begriff des Minderwertigkeitskomplexes prägte, attestierte einem Gefühl der Unzulänglichkeit große Kompensationskräfte. Ist diese These Ihrer Meinung nach noch heute gültig?
Hochgatterer: Der Kompensationsgedanke ist das Zentrum der Individualpsychologie. Ich gehe da mit Adler konform, der die Meinung vertrat, dass Menschen Defizite, so schicksalshaft und traumatisierend sie auch empfunden werden mögen, in ihr Leben integrieren können. Das halte ich für einen optimistischen und tröstlichen Ansatz.
profil: … im Gegensatz zu Freud, der der Menschheit die Erkenntnis gab, dass man nicht Herr im eigenen Haus und eine Art Gefangener seiner Biografie ist.
Hochgatterer: Da widerspreche ich Ihnen. Einer von Freuds Schlüsselsätzen ist: „Wo Es war, soll Ich werden.“ Hier suggeriert er doch durchaus eine Entwicklungsperspektive und zeigt, dass man die Dinge auch dirigieren und beeinflussen kann. Dass Freud Adler und seine Thesen später mit einiger Aggression verfolgte, hat mehr mit einem gekränkten, zornigen Vater zu tun, dem sein Sohn abhandengekommen ist.

profil: Alfred Adler thematisierte auch als Erster die Wichtigkeit der Geschwisterabfolge für eine Biografie.
Hochgatterer: Die bis heute meiner Meinung nach in der Psychotherapie stiefmütterlich behandelt wird. Erst die systemischen Sichtweisen haben das deutlich geändert. Natürlich ist die Ankunft eines Geschwisters für ein kleines Kind eine
extreme Anforderung, da es erstmals die Aufmerksamkeit der Mutter teilen muss.
profil: Was halten Sie von den Thesen, dass Erstgeborene später Alphatiere werden und Sandwichkinder immer in Angst
leben, nicht genug Aufmerksamkeit zu bekommen?
Hochgatterer: Ich halte sie für Klischees. Meine Mutter hatte vier ältere und vier jüngere Geschwister. Demnach wäre sie so etwas wie ein Mega-Sandwichkind gewesen und hätte gar keine Aufmerksamkeit bekommen. Das war offensichtlich nicht der Fall.
profil: Gab es eigentlich eine Initialzündung, deretwegen Sie Kinderpsychiater geworden sind?
Hochgatterer: Diese Frage habe ich mir oft gestellt und keine eindeutige Antwort gefunden. Ich denke, ich leide an keinem Traumabewältigungsbedürfnis, durch das ich kompensatorisch zum Helden werden und Kinder retten musste. Mein Vater war allerdings Lehrer, hat diesen Beruf mit großer Leidenschaft ausgeübt und gezeigt, dass es sich lohnt, beruflich mit Kindern zu tun zu haben. Außerdem war unser Haus immer voll mit Kindern, verwandte oder welche aus der Nachbarschaft. Ich bin in einem Ort in der Nähe von Amstetten aufgewachsen, in einer Siedlungsstraße, in der alle Häuser gleich ausgeschaut haben und in jedem Haus ein paar Kinder waren.


Als Leitsatz halte ich davon sehr wenig. Kinder brauchen Freiheit. Das ist viel wichtiger.

profil: Wurden Sie je in Ihrer Kindheit geschlagen?
Hochgatterer: Nein, ich selbst nie, weder von meinen Eltern noch von meinen Lehrern. Manche meiner Freunde schon. Es ging in den 1960er-Jahren ja durchaus rau zu. Andererseits gab es eine Freiheit, die es heute meinem Eindruck nach nicht mehr gibt. Eltern erlagen damals offenbar noch nicht der Illusion, dass das Leben eines Kindes zu 100 Prozent versicherbar ist.
profil: Wie stehen Sie zur weit verbreiteten Meinung, dass Kinder Grenzen brauchen?
Hochgatterer: Als Leitsatz halte ich davon sehr wenig. Kinder brauchen Freiheit. Das ist viel wichtiger. Dass es im Zusammenleben einen normativen Rahmen geben muss, ist sowieso keine Frage. Das muss man nicht ständig betonen.
profil: Jeder Elternteil hat, besonders in der Pubertät seiner Kinder, schon einmal das Gefühl der Hilflosigkeit erlebt. Ein Psychotherapeut riet mir in einer solchen Situation, nicht einzufordern, sondern kommentarlos vorzuleben. Mit zeitlicher Verzögerung haben sich tatsächlich die gewünschten Effekte eingestellt.
Hochgatterer: Identifikation ist im menschlichen Leben einer der stärksten Mechanismen überhaupt. In dem, was Spiegelung genannt wird, werden von Anfang an die Affekte beim Säugling reguliert. Wenn die Mutter bemerkt, dass sich ihr Kind unwohl fühlt, gibt sie intuitiv beruhigende Laute von sich und gestaltet ihre Mimik entsprechend. Dieser erste Prozess des Austausches ist die Wurzel aller Möglichkeiten, sich zu identifizieren.

profil: Jetzt befinden wir uns in ideologisch hoch explosivem Kampfgebiet. Muss diese erste Person, mit der ein Kind in diesen Prozess tritt, die Mutter sein,
damit sich ein Kind optimal entwickeln kann?
Hochgatterer: Nein. Meistens ist es natürlich die Mutter, zentral ist aber, dass es
im Leben eines Kindes zumindest „one caring person“ gibt, wie die Angelsachsen das nennen. Das ist eine Bezugsperson, die fürsorglich ist, der das Wohlsein des Kindes ein echtes Anliegen ist und die ihm das auch vermitteln kann. Das Geschlecht ist dabei nicht so wichtig: Es können Väter sein und natürlich auch Groß- oder Pflegeeltern. Auch dieses ärgerliche Herumgetue, dass schwule Paare keine Kinder großziehen können, ist einfach Unsinn.
profil: Die Zahl von Depressionen und psychischen Störungen nimmt ständig zu. Wie können Kinder von seelisch
kranken Eltern, die nicht in der Lage zur Fürsorge sind, diese Defizite bewältigen?
Hochgatterer: Nichts ist so mächtig wie ein Geheimnis. Deswegen ist es extrem wichtig, dass diese Eltern mit den Kindern über ihre Erkrankungen reden. Kindern ist viel mehr Realität zumutbar, als man oft glaubt. Kinder verstehen auch mehr, als man ihnen zutraut. Und natürlich sollten sich psychisch kranke Eltern in Behandlung begeben, um ihren Zustand zu stabilisieren. Ihre Kinder loszulassen und ihnen Beziehungen zu anderen, psychisch gesunden Menschen zu ermöglichen, fällt diesen Eltern oft am schwersten, da sie selbst isoliert leben und Angst haben, ihre Kinder zu verlieren. Kinder sind aber sehr loyal.


Ich rate jeder und jedem, sich die spannende Frage zu stellen: „Wie bin ich der geworden, der ich bin?“

profil: Treten da nicht oft auch Schuldgefühle bei den Kindern auf?
Hochgatterer: Natürlich. In solchen Situationen kommt es auch oft zu einer sogenannten Parentifizierung, einer Rollenumkehr. Kinder übernehmen dann die Verantwortung für ihre kranken Eltern und müssen schon sehr früh reif und
erwachsen sein. Das kann natürlich zu einer Überforderung führen, die sich in Leistungsabfall oder Depression äußert.
profil: Seit Jahrzehnten wird in der Psychologie die Bubenkrise ausgerufen – mit der Begründung der Abwesenheit männlicher Identifikationsfiguren in der Pädagogik und in der Familie.
Hochgatterer: Ich merke nichts von dieser Bubenkrise. Ich halte das für einen Unsinn, der Ihnen als Feministin eigentlich zuwiderlaufen müsste. Warum sollte es so sein, dass es Buben schlechter geht, wenn Mädchen und Frauen stärker werden? Natürlich sind die heutigen Buben anders – aber im positiven Sinn. Sie identifizieren sich mit ihren Vätern, kochen gern und können mit Babys umgehen.
profil: Was raten Sie Menschen, die eine problematische Kindheit hinter sich haben? Eine Therapie? Oder sollen sie sich einfach mit ihrer Biografie arrangieren?
Hochgatterer: Nein, da wären wir ja wieder beim Schlussstrich. Ich rate jeder und jedem, sich eben nicht einfach zu arrangieren, sondern sich zu trauen, sich für die eigene Biografie zu interessieren, es zu wagen, sich die spannende Frage zu stellen: „Wie bin ich der geworden, der ich bin?“
profil: Das klingt nach einem psychoanalytischem Setting.
Hochgatterer: Nein, ich plädiere vorerst einmal für eine Suche auf einer simplen biografisch-empirischen Ebene, mithilfe von Fotos, Erzählungen, Aufzeichnungen der Eltern. Da stößt man auf ganz viele Dinge, beinahe immer auch auf etwas Erfreuliches. Das würde ich allen Menschen raten, vor allem denen, die mit ihrer Kindheit nicht im Frieden sind.

Zur Person
Paulus Hochgatterer, 57, ist Schriftsteller und Kinder- und Jugendpsychiater. Seit 2007 leitet er die Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie am niederösterreichischen Universitätsklinikum. In seinen vielfach preisgekrönten und in zahlreiche Sprachen übersetzten Romanen und Erzählungen setzt sich Hochgatterer, der sich zur Zeit auf einem einjährigen Sabbatical befindet, mit den Phänomenen Kindheit und Außenseitertum auseinander. Aufsehen erregte er erstmals mit seinem Coming-of-age-Roman „Wildwasser“, in der sich der Protagonist auf die Suche nach dem verlorenen Vater begibt. Zuletzt erschien die Erzählung „Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war“; am 22. März hat am Grazer Schauspielhaus das Stück „Böhm“ mit
Nikolaus Habjan Premiere.

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