Porträt: Comedy-Star Roland Düringer gibt den Wutbürger

Porträt: Comedy-Star Roland Düringer gibt den Wutbürger

Der Kabarettist und Schauspieler Roland Düringer ist das Gesicht des österreichischen Wutbürgertums. Was treibt ihn bloß?

Roland Düringer ist in Wien weltberühmt. Auf der Straße grüßen ihn Männer ab dem führerscheinfähigen Alter kumpelhaft, man klopft ihm auf die Schultern, da und dort ein Daumen-hoch-Zeichen. Man behandelt ihn so, als sei er ein alter Freund. Düringer lässt es mit sich geschehen. Er sieht dabei aus wie ein Mensch mit guter Laune.

Vielleicht ist das auch einer der Gründe, weshalb Düringer, 50, seine aktuelle Befindlichkeit mit der Welt teilen zu müssen glaubt. Seit er im Dezember 2011 eine TV-Rede hielt, die in dem gefühlt zehnmal wiederholten Schreisatz „Wir sind wütend!“ gipfelte, ist Düringer einerseits damit beschäftigt, strikt von sich zu weisen, dass er Wutbürger sei, und andererseits sein neues, anderes Leben zu erklären. In seinem alten Leben spielte er vor 8000 Zuschauern Brachialkabarett, in Filmen wie „Hinterholz 8“ und „Poppitz“ erwies er sich als Kinokassenmagnet. Düringer protzte mit seiner Autosammlung.

In seinem neuen Leben trägt er leise klackernde Kugeln im Bart, er spricht viel von „Sinn“, „Sinnfindung“, „Sinnfragen“. Der alte und der neue Düringer verstünden sich blendend, versichert er. „Ich hatte kein Erweckungserlebnis und lebe meine Midlife-Crisis nicht öffentlich aus, ich habe ja keine. Bereits in den 1990er-Jahren habe ich angefangen, auf die Bremse zu steigen. Die Sucht nach dem Immer-Mehr führt zu nichts: mehr Geld, höhere Quoten, größere Zuschauerzahlen.“

Erfahrung und Erkenntnis
Düringer ist ein Bauchdenker, er steht nicht unter dem Verdacht, ein verkappter Intellektueller zu sein. Theorie und Praxis globaler Protestbewegungen sind in seiner Welt so fremd wie Techno-Partys und Fitness-Studios. „Der junge Rehbock verhält sich anders als der alte. Der junge erklimmt die Lichtung, als ob es kein Morgen gäbe. Der alte Bock wartet ab. Er münzt Erfahrung in Erkenntnis um.“ Seinem Beruf als Schauspieler geht Düringer wie gewohnt nach, er verhält sich in der Öffentlichkeit nur auffälliger. Er irrlichtert als prominenter Zeitgenosse in hochstilisierter Außenseiterrolle durch die Medien – und steigert die Paradoxie, indem er beteuert, sein Aktivismus sei bedeutungslos. „Meine Mutter freute sich zumindest, dass ihr Sohn in Sachen Hypo neulich den Finanzminister traf.“

Wichtig sei allein, „Daseinsmächtigkeit“ zu erlangen, Düringers Plan B. Unweit von Wien kultiviert er seinen Garten. Er hat einen Schweinestall errichtet und den Jagdschein gemacht. Er strebt Selbstversorgung an, eingebunden in soziale Netze. Düringer bereitet sich auf die Zäsur vor, die er vernebelt umschreibt. „Die Blasen von Wirtschaft und Geldsystem werden platzen, ob morgen oder in 50 Jahren. Unser Gesundheitssystem ist so sehr am Ende wie unser Pensions- und Bildungssystem. Irgendwann wird das Aus erreicht sein.“ Seinen Garten Eden betrachtet er als Sicherheit. „James Bond hat in höchster Not in einem Schließfach schließlich auch ein Package mit neuer Identität, Unterhose und Waffe versteckt.“ Düringer wirkt in diesem Moment nicht wie der elegante Brite, eher wie die Mischung aus Robinson Crusoe und Rumpelstilzchen.

„Die Systeme pudern uns in den Arsch“
Es ist eine hübsche Pointe, dass der überdachte Weg zum Wiener Stadtsaal von Hinweistafeln gesäumt ist, auf denen „Stadtsaal“ und „Beratung“ steht. Der Verein für Konsumenteninformation firmiert unter derselben Hausnummer wie der Veranstaltungsort. Düringer spricht im Rahmen seines aktuellen Programms „Wir – Ein Umstand“, dem Mittelteil seiner „Vorträge“ genannten Kabarettreihe, fast drei Stunden lang. Er übt den Spagat zwischen Witz und Aufklärung. Er will zum Nachdenken verführen. Sein Bühnenhumor, den er mit großer Kelle anrührt, steht dem immer wieder im Weg. Er ist der Ballermann des Wutbürgertums. Er rattert Invektiven ins Parkett und erzählt von Tschetschenen, die Steuersündern im Knast ans Gesäß wollen. Er brüllt: „Die Systeme pudern uns in den Arsch.“ Es scheint so, als ob er solche Sätze gar nicht erst erfinden müsste, die hat er intus. Er bedient Ressentiments. Er krakeelt: „Wir leben nicht in einem Rechtsstaat, sondern in einem Gesetzesstaat.“ Die Insignien der Konsumwelt – Plasma-TV, Smartphone, Kreditkarte – verteufelt Düringer, ein Liebhaber von Nuancen ist er nicht. Er gibt Düringer satt: Die Welt zerfällt in Schwarz und Weiß, in Gut und Böse. Man kann es Gespür oder Populismus nennen. Man kann es für den authentischen Ausdruck eines besorgten Zeitgenossen halten – oder für das jüngste Geschäftsmodell eines Spaßguerilleros.

„Dass ich Vorbildwirkung habe, bestreite ich nicht“, wird er später sagen. „Ich äußere, was viele denken. Ich will aber niemanden missionieren, ich agiere definitiv nicht populistisch.“ Düringer erntet im Stadtsaal Lacher, als er von seinem Vater berichtet, der noch orakelte, dass kein Mensch mehr mit dem Auto fahren werde, wenn der Liter Benzin auf sechs Schilling steige. Düringer erzählt von seiner Sehnsucht nach den 1970er-Jahren, der heilen Zeit ohne digitalen Technikschnickschnack und Turbokapitalismus. Er kramt im Hosensack nach seinem Glücksbringer. Er zeigt seinem Publikum die 10-Schilling-Münze.

Foto: Peter M. Mayr