Porträt: Dominic Thiem, der Jungstar im österreichischen Tennis

Porträt: Dominic Thiem, der Jungstar im österreichischen Tennis

Dominic Thiem ist die große Zukunftshoffnung im österreichischen Tennis. Der 20-Jährige hat sich erstaunlich schnell nach oben gekämpft. Doch der Preis dieser Karriere war hoch, und die ganze Familie musste mitspielen.

Der Himmel über Paris schluckte den kurzen Wutausbruch anstandslos. Im zweiten Satz, beim Stand von 2:4, schrie Dominic Thiem seinen Frust über einen dummen Fehler in die Wolken über dem Center Court. Geholfen hat es nicht. Am Donnerstag vergangener Woche verlor der Niederösterreicher sein Zweitrundenmatch bei den French Open glatt mit 2:6, 2:6 und 3:6. Allerdings muss man der Vollständigkeit halber dazusagen, gegen wen: Der Gegner hieß Rafael Nadal, Nummer eins der Weltrangliste und achtfacher Turniersieger in Paris. Nadal war an diesem Tag mindestens eine Klasse besser. Thiem machte viele unnötige Fehler, vor allem die Rückhand schwächelte. Trotzdem schaffte er es, Nadal zweimal den Aufschlag abzunehmen, und bekam mehrfach Szenenapplaus.

Blamiert hat er sich nicht. Das ist schon viel für einen jungen Mann, den bis vor Kurzem nur Experten kannten.

Dominic Thiem ist 20 Jahre alt und die ganz große Zukunftshoffnung im österreichischen Tennis. Ihm kann man zutrauen, was seit Thomas Muster keiner mehr schaffte: wichtige Turniere gewinnen, ein richtiger Star werden und irgendwann, wer weiß, vielleicht sogar die Nummer eins. Das Match gegen Nadal zeigte, dass der Niederösterreicher von der Erfüllung solcher Träume noch ziemlich weit entfernt ist. Es zeigte aber zugleich, dass er gute Gründe hat zu träumen.

„Er ist sehr gut, das wusste ich. Ich bin ja kein Idiot“
Erst seit etwa einem Jahr spielt Dominic Thiem auf der ATP World Tour. Im Mai 2013 lag er auf Platz 279 der Rangliste, derzeit ist er die Nummer 57 – einen Rang hinter Jürgen Melzer, den er kurz schon einmal überholt hatte. Doch Melzer nähert sich mit 33 Jahren dem Ende seiner Karriere, für Thiem geht es gerade erst los. Unter den besten 100 Tennisspielern der Welt ist er der Jüngste. Vor ein paar Wochen gelang ihm der erste Erfolg gegen einen ganz Großen: Beim Turnier in Madrid besiegte Thiem den Schweizer Stanislas Wawrinka, immerhin die Nummer drei im Ranking. „Er ist sehr gut, das wusste ich. Ich bin ja kein Idiot“, erklärte der Verlierer anschließend stoisch.

Thiems Aufstieg ging sehr schnell und wirkt, zumindest aus der Distanz, fast mühelos. Doch der Sohn eines Tennistrainer-Ehepaares aus Lichtenwörth bei Wiener Neustadt ist kein Sonntagskind, dem die Erfolge in den Schoß purzelten. Seit dem Volksschulalter trainiert er täglich mehrere Stunden. Eine hartnäckige Darm­erkrankung hätte ihn beinahe gestoppt. Die Schule musste er abbrechen, weil er einfach nicht oft genug Zeit für den Unterricht hatte. Sein Leben und das der ganzen Familie dreht sich fast ausschließlich um den Sport.

Es muss ein großartiges Gefühl sein, Rafael Nadal auf dem Center Court in Roland Garros ein Break abzutrotzen. Doch an der Vita von Dominic Thiem lässt sich auch studieren, welchen Aufwand es bedeutet, im Spitzensport so weit zu kommen. Die simple Frage etwa, ob er je, wie andere Jugendliche, einen verregneten Ferientag im Bett vertrödelt hat, bringt Thiem kurz ins Grübeln. Dann fällt ihm zum Glück doch noch etwas ein: „Ja, ein Mal. Ich hatte eine Verletzung an der Halswirbelsäule und durfte nicht aufstehen.“
Für sein Alter agiert Thiem auf dem Tennisplatz mitunter ganz schön abgebrüht und kaltblütig. Ohne das Racket in der Hand ist er ein ernsthafter, aufmerksamer Junge, der ein wenig verwirrt beobachtet, was gerade so alles mit ihm passiert. An einem Freitag Mitte Mai, kurz nach Mittag, sitzt Thiem in einer Mödlinger Pizzeria und erkundigt sich erst einmal höflich, ob es eh nicht stört, wenn er beim Gespräch etwas isst. Dann bestellt er Lasagne und redet über sein Leben. Also über Tennis. „Ich war schon als kleines Kind dauernd auf dem Platz, ich wollte auch nie etwas anderes werden als Tennisspieler.“ So etwas wie eine Krise habe er mit zwölf gehabt, als der Trainer darauf bestand, seine bis dahin beidhändige Rückhand auf einhändig umzustellen. „Danach habe ich eine Zeit lang fast jedes Spiel verloren. Das war hart.“ Manch anderer hätte rebelliert. Aber Thiem fügte sich. „Ich glaube, ich bin eher der pflegeleichte Typ“, sagt er und grinst ein bisschen schief.

Endgültig vorbei war das Formtief im Oktober 2011, als Thiem beim Wiener Stadthallenturnier Thomas Muster besiegte. Echten Fans tat es körperlich weh, mitanzusehen, wie der Säulenheilige des österreichischen Tennis in seinem Abschiedsmatch von einem pickeligen 18-Jährigen über den Platz gescheucht wurde. Eine schwierige Situation sei das auch für ihn gewesen, erzählt Thiem heute. Aber aus anderen Gründen: „Ich war vorher wahnsinnig nervös, weil ich unbedingt gewinnen wollte. Die 20 Punkte brauchte ich dringend für die Saison.“ Welchen Hype es um Muster einst gegeben hatte, sei ihm damals gar nicht richtig klar gewesen. „Das hab ich zum Glück erst danach mitgekriegt.“

Idole als Gegner
Die mühsamsten Jahre hat Thiem hinter sich. Endlich darf er in großen Städten vor Publikum spielen statt wie bei den Juniorenturnieren vor leeren Rängen irgendwo in der Provinz. Endlich trifft er die Idole seiner Kindheit persönlich – gelegentlich sogar als Gegner auf dem Platz. Die langen Tage im fensterlosen, absurd hässlichen Trainingszentrum Südstadt haben sich offensichtlich gelohnt. Nur ein Hobby bräuchte er noch, sagt Thiem. „Irgendetwas Ruhiges, Entspannendes wäre gut. Ein paar Kollegen auf der Tour gehen fischen. Ich muss mir das noch überlegen.“

Zu Thiems Qualitäten gehören die kraftvollen, an guten Tagen präzisen Grundlinienschläge und der harte Aufschlag. Wenn sein erstes Service funktioniert, kommt es mit bis zu 200 km/h. Thiem ist schnell und erwischt immer wieder Bälle, die das Publikum längst verloren glaubte. Er kann wie um sein Leben kämpfen, und er gibt auch dann nicht auf, wenn er scheinbar hoffnungslos zurückliegt. Überdies meinte es die Natur gut mit ihm und ließ ihn 1,82 Meter groß werden – das liegt exakt in jenem Bereich, der für Tennisspieler ideal ist. Darunter leidet die Reichweite, zu weit darüber die Motorik.

Kann man das alles mit dem Wort „Talent“ zusammenfassen? Nein, findet Günter Bresnik, einer der erfolgreichsten Tennistrainer Österreichs und seit elf Jahren Thiems Coach und Manager. „Für mich gibt es den Begriff Talent nicht“, sagt Bresnik: „Das ist beim Tennis wie beim Klavierspielen. Es gibt keine Wunderkinder. Es gibt nur solche, die mehr üben als die anderen. Mir ist beim Dominic früh aufgefallen, dass er über das normale Maß hinaus belastbar ist.“ Dominics Vater Wolfgang arbeitet seit vielen Jahren als Tennistrainer in Bresniks Leistungszentrum. Es ergab sich also quasi von selbst, dass Bresnik auf den Buben aufmerksam wurde. Seither arbeitet man zusammen, es ist eine Art Familienbetrieb.

Bresnik gilt in der Branche nicht gerade als Gemütsmensch. Er setzt auf hartes Training – möglichst bis an die Grenze der Belastbarkeit und gelegentlich darüber hinaus. Dominic habe in all den Jahren kein einziges Mal gefragt, wie lange es denn noch dauern werde, erzählt Bresnik. Anders als die meisten Jugendlichen akzeptierte er tägliche Trainingszeiten von vier, fünf Stunden ohne Murren und, das ist noch wichtiger, ohne Konzentrationsverlust. Auch die üblichen Probleme in der Pubertät blieben aus. Rauchen, saufen, kiffen, Nächte durchmachen – nichts davon stand auf Dominics Agenda. „Wenn einer das Bedürfnis hat, daneben noch etwas anderes zu machen, kommt er im Spitzensport zu nichts“, glaubt Bresnik.
Für die Erfolge der vergangenen Monate ist aber nicht bloß hartes Training verantwortlich. Den letzten Schub lieferte, so banal es klingen mag, eine erfolgreiche Behandlung mit Antibiotika. Jahrelang hatte sich Dominik Thiem mit Anfällen von Durchfall und Bauchschmerzen herumgequält. Erst im Vorjahr wurde bei einem mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt der Auslöser diagnostiziert – das Darmbakterium Campylobacter. „Er hat sich das wahrscheinlich schon 2010 in Costa Rica geholt“, meint Bresnik. Oft habe der Junge gar nicht erzählt, wie schlecht es ihm ging. „Jetzt ist er zum ersten Mal seit Langem körperlich total fit, und das merkt man.“ Allerdings scheint der Darm eine Schwachstelle zu bleiben. Nach dem Sieg gegen Wawrinka in Madrid musste Thiem wegen einer Infektion das Turnier beenden und nach Hause fahren. Fünf Kilo Gewichtsverlust und eine Woche Trainingsrückstand waren die Folge. Dieses Mal habe es sich aber nur um die Folgen von verdorbenem Essen gehandelt, hofft Bresnik.

„Irgendwann landet fast jedes unserer Gespräche beim Tennis“
Aufgewachsen ist Dominik Thiem in Lichtenwörth, einer kleinen Gemeinde 50 Kilometer südlich von Wien. Bis hierher reicht der Speckgürtel der Hauptstadt nicht. In der niederösterreichischen Tiefebene wird noch richtiges Landleben geboten. Es gibt eine große Kirche, ein paar Wirtshäuser und Heurige, diverse Silos und rundherum ausgedehnte Getreidefelder. Familie Thiem wohnt hübsch und ruhig in einer Seitengasse. Man muss nur die Tür aufmachen, um zu sehen, worum sich das Leben der Bewohner hauptsächlich dreht: Im Flur stehen haufenweise Tennisschuhe.
Es ist Abend und wird schon dämmerig. Auf dem Esstisch liegen die Schulsachen von Dominics Bruder Moritz. Der 14-Jährige trainiert am Nachmittag – also kann er die Hausaufgaben erst spät machen. Karin Thiem, die Mutter, kam gerade von der Arbeit heim und trägt noch ihr Tennisoutfit. Sie ist Jugendtrainerin im Nachbarort Seebenstein. Ehemann Wolfgang arbeitet nach wie vor für Günter Bresnik. Überflüssig zu erwähnen, dass Karin und Wolfgang sich seinerzeit auf dem Tennisplatz ineinander verliebt haben. Noch mehr Spezialisierung auf ein Fachgebiet geht nicht. „Irgendwann landet fast jedes unserer Gespräche beim Tennis“, seufzt Karin Thiem. „Ich hab wenigstens noch ein paar Freundinnen, die nichts mit dem Sport zu tun haben. Das tut oft richtig gut.“

So dominant ist der Tennis in dieser Familie, dass sich der Verdacht aufdrängt, hier müsse der Sohn die unerfüllten Träume seiner Eltern verwirklichen. Aber die Geschichte ist verzwickter. „Es war eigentlich ganz anders geplant“, sagt die Mutter. Als sie mit Anfang 20 schwanger wurde, studierte sie gerade Ökologie. Wolfgang Thiem hatte zu jener Zeit eben die Matura gemacht und den Grundwehrdienst absolviert. Das Baby veränderte alles. „Wir mussten schnell schauen, wie wir Geld verdienen“, erzählt er. „Tennis war sehr populär, da hat man als Trainer sofort einen Job gefunden.“ Genau genommen ist also Dominic verantwortlich dafür, dass seine Eltern auf dem Tennisplatz landeten – und er selbst dann auch, schon als Säugling im Kinderwagen.

Sie hätten den Buben nie zu etwas gedrängt, versichern beide Eltern. Wie solcher Zwang in aller Regel ausgeht, hätten sie zu oft bei anderen Familien gesehen. „Diese Kinder hören in der Pubertät meistens auf“, sagt Karin Thiem. Tatsächlich wirkt Dominic nicht wie eine auf Sieg gedrillte Kampfmaschine. Was er tut, macht er offenbar gern. Und was er deswegen alles nicht tun konnte, scheint ihm nicht zu fehlen – jedenfalls noch nicht.
Schwer im Magen lag den Eltern allerdings die Entscheidung, Dominic nach der sechsten Klasse vom Gymnasium gehen zu lassen. Aber zuletzt drohte sogar die Zeichenlehrerin, ihn wegen der vielen Fehlstunden durchfallen zu lassen. „Er kann das später nachholen“, meint der Papa. Moritz, der kleine Bruder, geht jetzt ebenfalls auf die Liese-Prokop-Privatschule für Hochleistungssportler. Der Stundenplan wurde mittlerweile umgestellt. Vielleicht funktioniert es bei ihm besser.

„Der ÖTV hat null Anteil am Erfolg von Dominic“
Wer in Österreich sehr gut Ski fährt, landet irgendwann beim ÖSV und kann gratis trainieren. Wer sehr gut Tennis spielt, braucht wohlhabende Eltern, denn der Sport ist teuer. In der mühsamen Aufbauzeit kann jedes Jahr Training samt Turnierteilnahmen leicht 100.000 Euro kosten. Dominiks Familie ist nicht reich. Aber seine Mutter hatte eine Wohnung in Wien geerbt, die sich gut verkaufen ließ. Das Geld floss in die Karriere des Sohnes. Nebenbei stritt Wolfgang Thiem lange mit dem österreichischen Tennisverband, der nicht recht mit Förderungen rausrücken wollte. Als Ronnie Leitgeb Präsident wurde, einigte man sich. Aber ganz verheilt sind die Wunden noch nicht. „Der ÖTV hat null Anteil am Erfolg von Dominic“, sagt der Vater.

Immerhin verdient Dominic Thiem jetzt schon ordentlich Geld. Viele Kollegen schaffen das nie. Im Tennis sei die Ungleichheit extrem, sagt Leitgeb. „Die ersten 20 der Welt verdienen extrem viel. Ist einer auf Platz 300, kriegt er nur noch ein paar hundert Euro, obwohl er dafür auch schon ein sehr guter Spieler sein muss.“ Der Tennisverband bemühe sich, talentierten Nachwuchs zu fördern. Aber eine Rundumversorgung wie der Skiverband könne man leider nicht bieten.

Leitgeb ist im Hauptberuf Sportmanager. Er hatte einst Thomas Muster unter Vertrag und betreut jetzt Jürgen Melzer. Der Experte warnt davor, von Dominic Thiem in den nächsten Monaten zu viel zu verlangen. „Er hat sehr gute Anlagen und ist ein großer Kämpfer. Aber wohin die Reise geht, wird man erst Ende 2015 sehen.“

In Paris reichte es dieses Mal nur zur Erkenntnis, dass die Nummer eins der Welt in einer anderen Liga spielt. Auf seiner Facebook-Seite schrieb der Verlierer anschließend: „Ich hab nicht so schlecht gespielt. Aber ich war nicht gut genug, ihn echt zu fordern.“

Das nächste Mal vielleicht.

Foto: Philipp Horak für profil