© Philip Dulle

Gesellschaft
07/10/2020

profil-Morgenpost: Meidling statt Madrid

Guten Morgen!

von Stephan Wabl

"Es gibt zwei große romantische Fantasien darüber, was uns glücklich machen kann: die erste betrifft die Liebe, die zweite das Reisen", schreibt der britische Autor Alain de Botton in seinem Buch "Die Kunst des Reisens". So viel zur Fanatsie. In der Realität sind wir aber schon froh, wenn uns das Reisen zumindest die Illusion vermittelt, dass ein anderes Leben möglich wäre. Ein Leben ohne Deadlines, ohne Sitzungen, ohne Elternsprechstunde in der Schule. Aber heuer ist alles anders - und weder die romantische Fantasie des Reiseglücks, noch die Illusion eines alternativen Lebens haben viel Platz im Corona-Sommer 2020. 

Irgendwohin wollen wir dann aber doch. Und was im ersten Moment als Notlösung aussieht, könnte sich in Wahrheit als Glücksfall erweisen. Denn ohne weite Überseereisen, Schnorcheln in der Karibik oder Pariser Eifelturm, wirft der Reisesommer 2020 die Frage auf: Ist der Mensch, der verreist, nicht viel interessanter als das eigentliche Ausflugsziel? Lernen wir nicht mehr über uns, wenn wir einen Nachmittag in Meidling herumstreunen, anstatt eine Woche in Madrid zu verbringen?

Diese Frage lässt sich in der kommenden profil-Ausgabe klären. Unsere Autorinnen und Autoren haben ihre persönlichen, leicht abseitigen Reiseempfehlungen zusammengetragen: Martin Staudinger zum Beispiel schreibt über Attnang-Puchheim, Sebastian Hofer ist die Triester Straße in Wien entlang gefahren und Jakob Winter widmet sich seiner Heimatstadt St.Pölten. Keine klassischen Reisedestinationen, die weltweit für Aufsehen sorgen. Es sind vielmehr Orte, die das Innerste unserer Existenz berühren, weil sie uns mit der Frage konfrontieren: Was mache ich hier eigentlich? Klingt nach einem idealen Urlaub für dieses abseitige Jahr!

Ich wünsche Ihnen eine gute Reise.

Stephan Wabl

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