Gerd Gigerenzer
Gerd Gigerenzer

© Franz Johann Morgenbesser/Wikipedia

Gesellschaft
03/07/2020

Psychologe Gerd Gigerenzer: "Angst ist ein Markt"

Der deutsche Bestsellerautor und Psychologe Gerd Gigerenzer erklärt, warum wir vor dem Coronavirus wie das Kaninchen vor der Schlange stehen und wer davon profitiert, Menschen zu verängstigen.

von Angelika Hager

INTERVIEW: ANGELIKA HAGER

profil: Risikokompetenz ist ein Begriff, der in Ihren Büchern häufig vorkommt. Wie risikokompetent agiert die Gesellschaft im Angesicht des Coronavirus? Gigerenzer: Das Problem sind wir und nicht das Virus. Von Risikokompetenz ist gerade wenig zu spüren.

profil: Sie haben sich mit den Dynamiken des Seuchenalarms schon im Zusammenhang mit der Vogel- und Schweinegrippe auseinandergesetzt. Wie lautet diesmal Ihre Prognose? Gigerenzer: Prinzipiell gehen wir mit Krisen, die wir schon kennen, wesentlich entspannter um. Auf das Coronavirus blicken wir hingegen wie das Kaninchen vor der Schlange. Sobald die Medien das Interesse verlieren, das Thema fallen lassen und nicht mehr täglich von Menschen mit Corona-Verdacht oder Corona-Toten berichten, wird die Aufregung verschwinden. Es gab in den letzten Jahren in Österreich weit mehr Grippe-Tote als aktuell Corona-Tote weltweit.

profil: Auch Angst ist ansteckend. Welcher Menschentypus ist besonders gefährdet, sich von diesem Gefühl paralysieren zu lassen? Gigerenzer: Da spielt die soziale Angst eine große Rolle. Man fürchtet sich vor etwas, vor dem sich auch die anderen fürchten. Je stärker jemand von der Meinung anderer abhängig ist, desto ängstlicher wird er auf seine Peergroup blicken. Er weiß aber ebenso, dass er, wenn er sich nicht fürchtet, nicht mehr dazugehört. Und auch davor hat so jemand dann Angst.

profil: Hat das gemeinsame Sichfürchten vor so einem „Schockrisiko“, wie Sie eine Katastrophensituation nennen, vielleicht auch etwas Verbindendes? Gigerenzer: Das glaube ich nicht.

Angstbesetzte Menschen lassen sich leichter regieren.

profil: Also agieren die Menschen nach dem darwinistischen Prinzip: Jeder für sich allein, und nur die Stärksten überleben? Gigerenzer: So sehe ich das eher.

profil: Gegenwärtig befinden sich laut US-Pharmaverband 18 Medikamente gegen Angststörungen in der Entwicklung. Der Konsum von Psychopharmaka, die gegen Angststörungen helfen sollen, stieg in den letzten Jahren rasant an. Warum ist unsere Gesellschaft generell so angstbesessen? Gigerenzer: Das Paradoxe daran ist, dass es uns so gut geht wie nie zuvor, wenn wir uns etwa die Raten der Kindersterblichkeit oder unsere Lebenserwartung anschauen. Aber Angst ist ein Markt. Angst bei Menschen auszulösen, hat auch Vorteile. Nicht nur, was den Konsum von Medikamenten betrifft. Angstbesetzte Menschen lassen sich leichter regieren. Wir wissen aus der Geschichte: Jedes Volk steht nahezu geschlossen hinter seinem Präsidenten, wenn ein Krieg beginnt. Verängstigte Menschen sind auch leichter zu überreden, gewisse Dinge zu konsumieren.

profil: Angststörungen und Panikattacken zählen nach Depressionen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Liegen die Ursachen, wie die Psychoanalyse vermutet, in der Kindheit? Gigerenzer: Ich bin dagegen, die Ursachen für solche Störungen ausschließlich im Inneren des Menschen zu suchen. Angst ist auch ein Mittel zum Überleben. Aber der Umgang mit dem Objekt der Angst muss erlernt werden. Allerdings können wir beim Coronavirus auf keinerlei eigene Erfahrung zurückgreifen. Deswegen verlassen wir uns auf die Erfahrungen, die uns die Medien aufbereiten.

profil: Würden Sie in der gegenwärtigen Corona-Erregung denn zur Medienabstinenz raten? Gigerenzer: Das kann für eine Weile nicht schaden. Aber natürlich sind Medien als Kontrollorgane von großer Bedeutung. Vor allem in der Zeit von Fake News und der Dauerverbreitung ungefilterter Meinungen im Netz.

Besonders die Digital Natives haben verlernt, ihrem Gegenüber in die Augen zu schauen und dessen Gefühle zu deuten.

profil: Wir haben es mit einer Gesellschaft zu tun, die die Selbstoptimierung mit nahezu religiösem Ernst betreibt. Auf jedem Smartphone befinden sich zig Apps, die ihren Nutzern vormachen, wie man Eier kocht, verhütet oder beim Joggen atmet. Immanuel Kant sprach von der Aufklärung als Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Bewegt er sich gegenwärtig wieder dorthin zurück? Gigerenzer: Kant und sein berühmter Aufsatz über die Aufklärung sind heute aktueller denn je. Allerdings sehe ich nicht nur in der Digitalisierung die freiwillige Selbstentmündigung. Das hat in Europa schon eine viel längere Tradition: Kaiser, Könige und die Kirche besaßen eine Autorität, die nicht infrage gestellt wurde. Und die, die es dennoch taten, mussten einen hohen Preis dafür bezahlen.

profil: Eines Ihrer Spezialgebiete ist die Macht der Intuition oder die Bauchgefühle, die uns verloren gegangen sind. Warum haben wir kein Vertrauen mehr in unsere intuitive Urteilskraft? Gigerenzer: Besonders die Digital Natives, also jene Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist, haben verlernt, ihrem Gegenüber in die Augen zu schauen und dessen Gefühle zu deuten. Sie können keine Emotionen mehr lesen, sondern nur mehr Emojis. Ich beobachte bei dieser Generation auch eine regelrechte Angst, mit Menschen ohne digitale Vermittlung in direkte Kommunikation zu treten. Sie sind außerdem erschreckend zunehmend weniger in der Lage, sich sprachlich nuanciert auszudrücken.

profil: Sie sind auch in der Bildungsforschung tätig. Wie kann man da gegensteuern? Gigerenzer: Indem man den Eltern einmal beibringt, sich mehr mit ihren Kindern zu beschäftigen und nicht dauernd auf ihr Smartphone zu starren. Es sind die Kinder, die sich heute beklagen, dass ihre Eltern keine Zeit für sie haben.

Gerd Gigerenzer, 72, ist ein deutscher Psychologe, Direktor emeritus am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und leitet in Berlin das Harding-Zentrum für Risikokompetenz. Gigerenzer unterrichtete Psychologie (Spezialgebiet adaptives Verhalten und Kognition) an Universitäten in Deutschland und den USA. Zuletzt erschien sein Buch „Risiko. Wie man richtige Entscheidungen trifft“. Aufsehen erregte er mit seinem Plädoyer „Bauchentscheidungen“ (2007), in dem er die Macht der Intuition preist.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.