Pyromanie: Die Geschichte eines jungen Brandstifters

Pyromanie: Die Geschichte eines jungen Brandstifters

Nico, 19, lebt in einer kleinen Landgemeinde, in der alle wissen, dass er ein Brandstifter ist. Mit 15 kam er zur Feuerwehr. Nun muss er ins Gefängnis. Er erzählt seine Geschichte.

An den Nebel kann er sich erinnern. Er hat sich mit dem Auto verirrt, als er ziellos in der Gegend herumgefahren ist, weil niemand mehr ein Bier mit ihm trinken wollte. Auch das Bild vom Holzstadl ist noch da. Aber kein Gefühl dazu. Der Benzinkanister, den er immer im Kofferraum hat. Das Feuerzeug, mit dem er den Brand legte. Und dann war da noch etwas zwischen Vorher und Nachher. Eine Leere.

„Es ist passiert, und ich kann es nicht mehr ändern.“ Nico M.*, 19, trägt Arbeitshose und feste Schuhe. Er hat ein offenes, hübsches Gesicht und durchtrainierte Arme. In der Hand hält er Zigaretten und Handy. Als er das erste Mal etwas angezündet hat, war er noch ein Bub. Er war mit seinen Freunden zum Fluss gegangen, um zu angeln. Als sie den Fisch grillen wollten, fing ein mit trockenem Gestrüpp überwucherter Weidezaun lichterloh zu brennen an.

Er habe sich versteckt. Nachbarn kamen angerannt und löschten das Feuer. Der Bauer, dem der Zaun gehörte, mochte Nico und knurrte bloß: „Wenigstens kann ich den Zaun jetzt wieder sehen.“ Er habe ihn nicht einmal gefragt, warum er das getan habe. Vielleicht hätte er später nicht wieder und wieder Feuer gelegt, hätte es damals ein Donnerwetter gegeben. Sagt Nico.

Was bei ihm hängen blieb, war die „Bestätigung, dass das, was ich getan habe, nicht schlecht war“. In dem psychiatrischen Gutachten, das er im Gerichtsakt aufbewahrt, ist die Episode ebenfalls erwähnt. Die Psychiaterin, die ihn in der Untersuchtungshaft besuchte, schrieb, der junge Mann sei zwar nicht unheilbar krank, leide aber an einer „Persönlichkeitsentwicklungsstörung mit narzisstischen Komponenten”.

Diese sei „noch“ im Sinne einer „spätpubertären Reifungs- und Selbstpositionierungskrise zu sehen“, eine Therapie deshalb „aus forensischer Sicht dringend empfohlen“. Erst habe er damit nichts anfangen können. Nachdem man ihm jedoch erklärt habe, was damit gemeint sei, finde er das, „was da über mich, über das Auffallenwollen und so“ geschrieben stehe, „irgendwie schon richtig“.

Nico lechzte nach dem „Wow!“ der Menschen unter ihm, als er als Bühnenarbeiter auf einem Pfadfinderlager in zehn Metern Höhe herumkraxelte. Er fühlte sich über die Maßen geehrt, als er, der Kleine, gefragt wurde, ob er nicht ein paar Tieflader organisieren könnte, um eine Container-Schule nach Serbien zu bringen. Und er badete in Anerkennung, als er als Feuerwehrmann zum ersten Mal mit schwerem Atemschutzgerät einen Brand löschte, obwohl er dafür eigentlich zu jung war.

Nico M. lebt in einer kleinen Landgemeinde, in der jeder weiß, dass er der Brandstifter ist. Als ihn die Polizei vor zwei Jahren erwischte, stand sein Fall in der Zeitung. Sein Name war abgekürzt, sein Foto verschwommen, doch jeder im Ort erkannte ihn. Er wird irgendwann von hier weggehen und den Leuten, die im Wirtshaus immer noch über ihn reden, seine Geschichte hinterlassen. Dieses Mal von ihm erzählt. Die meisten hätten sich nie getraut, ihn zu fragen, warum man ihn aus der Feuerwehr warf.

Drei Monate Gefängnis hat er beim letzten Mal bekommen. Nico möchte seine Lehre fertig machen, die Strafe mit einer Fußfessel verbüßen und anschließend zurück zu dem Bauern im Norden Deutschlands, zu seinen riesigen Feldern und Maschinen, von wo ihn seine Eltern fortgerissen hatten, als er zehn war. „Wenn du in diesem Alter nach Österreich kommst, wirst du von vorn bis hinten nur verarscht“, sagt Nico. Die erste Klasse in der Hauptschule sei „die Hölle“ gewesen. Andere Kinder waren auch Ausländer, aber sie sprachen wenigstens Dialekt.

Nico begann Fußball zu spielen und ging zur Feuerwehr. Von seinen Kameraden angenommen fühlte er sich jedoch erst, als er zum Stützpunkt in der Nachbargemeinde wechselte. Er war 15 und durfte bei Einsätzen mitfahren. Und dann passierte es: Seine Arbeitskollegen hatten ihn den ganzen Tag spüren lassen, dass er nicht zu ihnen passte. Sie waren bei einer anderen Feuerwehr und alle weitschichtig miteinander verwandt. Er fühlte sich unter ihnen so falsch wie als „Piefke“ an seinem ersten Schultag in Österreich.

Am Abend trank er einige Biere. Was danach geschah, könne man „im Endeffekt mit einem Blackout vergleichen“, sagt Nico. Er sei an einem Müllcontainer vorbeigekommen und habe ihn angezündet. Er brannte sogleich, und es war ein „Glück, dass dabei keine Menschen zu Schaden gekommen sind“. Nico war es, der die Feuerwehr rief und beim Löschen dabei war, mit 30 Kilo Atemschutz am Rücken, was normalerweise erst mit 17 oder 18 erlaubt ist, weil man damit schwer Luft kriegt.

Wie damals, als der Weidezaun brannte, geschah ihm nichts. Mehr noch: „Ich habe zwar einen Scheiß gemacht, aber dadurch bin ich bei der Feuerwehr weiter gekommen.“ Nico zündet sich eine Zigarette an. Inzwischen lebt er fast schon so lange in diesem österreichischen Dorf, wie er in Deutschland war. Keiner hört mehr, dass er nicht von hier stammt. Aber er kann jederzeit den Schalter umlegen. Als er im vorigen Sommer nach Norden fuhr, um „seine“ Leute zu besuchen, war er innerhalb weniger Minuten mitten drin im Göttinger Deutsch seiner Kindheit, dem für ihn schönsten Deutsch überhaupt.

Dort konnte er „voll mit anreißen“, mit 250 PS starken Landmaschinen fahren: „Das hat mir immer am meisten getaugt.“ Auch in Österreich. Er fühlte sich mächtig und gebraucht, als sein Arbeitskollege Fred*, der heute sein bester Freund ist, ihn schon mit 17 mit dem großen Bagger losschickte, um den Keller für ein Haus auszuheben. Doch es gab eben auch die Nächte „ohne Action“. Altpapier-Container und Zeitungsständer brannten da noch öfter.

„Es ist mir nicht um die Flammen gegangen“, sagt Nico. Immer war er es, der sie bemerkte und an vorderster Front half, sie zu löschen. Bis ihn eines Tages die Polizei holte. Er hatte die Uniform noch nicht ausgezogen, im Blut noch das Adrenalin vom Einsatz. Zunächst stritt er alles ab: „Aber irgendwann hat das keinen Sinn mehr gehabt, sie haben mein Handy ausgelesen.“ Der Kommandant fragte: „Warum?“ Er habe die Taten „unbewusst“ begangen, erzählte Nico der Gerichtspsychiaterin später. Sie attestierte ihm „mangelnde Introspektions- und Reflexionsbereitschaft“.

Am nächsten Tag, als seine Mutter ihn um fünf Uhr früh auf dem Polizeiwachzimmer abholte, log er, man habe ihn nur als Zeugen befragt. Die Wahrheit dämmerte ihr erst, als die Leute im Dorf zu tratschen anfingen. Nico war mit einem blauen Auge davongekommen. Er wurde auf freiem Fuß angezeigt und fand eine Stelle als Landarbeiter. Sie war besser als die Metalllehre, für die er so verdammt genau sein musste. Doch auch die neue Arbeit half nicht gegen die finsteren Zeiten, in denen er mit dem Moped durch die Gegend streunte, weil er mit seiner Freundin gestritten hatte, und sich nirgends anhalten konnte.

In einer dieser verlorenen Stunden zündete er einen Stoß Paletten auf dem Firmengelände seines früheren Arbeitgebers an. Er habe es „so hindrehen wollen“, dass die Leute merken, dass es auch „ohne sein Zutun brennen kann“, heißt es im psychiatrischen Gutachten. Von einem „Adrenalinstoߓ ist da auch die Rede. Immer noch kroch ein Grant in ihm hoch, wenn er an die Schikanen seiner ersten Lehrzeit dachte. Der Brandsachverständige führte vor Gericht aus, M. habe das Holz entflammt, aber nicht die Maschinenhalle angezündet. Sie sei durch die enorme Hitzeentwicklung zu Schaden gekommen.

Die Polizei hatte ihn sofort im Verdacht. Er solle es zugeben, schrien die Beamten. Doch sie mussten ihn ziehen lassen. Erst zwei Wochen später hatten sie es schwarz auf weiß, dass Nico zur fraglichen Zeit beim Handymasten eingeloggt war, der am nächsten zum Tatort stand. Dieses Mal kam er in Untersuchungshaft. Er fühlte Verzweiflung sich breitmachen, während er auf die Psychiaterin wartete. Eigentlich seien seine Eltern erst damals „munter“ geworden, ihr Sohn könnte ein ernsthaftes Problem haben.

Als das forensische Gutachten fertig war, redete der Haftrichter, „ein relativ lieber Richter“, dem jungen Brandstifter lange ins Gewissen, bevor er ihn mit seinen Eltern nach Hause gehen ließ. Zur Feier seiner Enthaftung gab es Berge von Garnelen zu essen. Danach verkroch er sich für Wochen und Monate bei seiner Freundin, die eine eigene Wohnung hatte, und wartete auf den Gerichtsprozess. Die Beziehung zerbrach unter den psychischen Strapazen.

Nico holte die Couch ab, die er gekauft hatte. Er hatte als Lehrling mit vielen Überstunden 1200 Euro im Monat verdient und einiges für die Wohnung seiner Freundin angeschafft. Auch das Geld für ihren Ofen wollte er zurück, daraufhin habe sie ihm mit einer Anzeige wegen Vergewaltigung gedroht: „Ich habe klein beigegeben, ich hatte ja auch noch meine Sachen offen.“ Vor eineinhalb Jahren wurde Nico zu elf Monaten bedingt verurteilt, drei Jahre auf Bewährung. Und er musste in psychotherapeutische Behandlung.

Er zog nicht einmal seinen Therapeuten ins Vertrauen, als er rückfällig wurde und über sich selbst erschrak, „weil ich noch genauso deppert war wie beim ersten Mal und beim Altpapiercontainer vorbeigefahren bin, als er schon brannte“. Nicht die lodernden Flammen hätten ihn angezogen. Er habe „etwas zerstören“ wollen, nachdem er seine Ex-Freundin, mit der wieder etwas ins Laufen gekommen war, stundenlang nicht gefunden hatte. Da war sie wieder, diese Leere. Als er das Feuer sah, war ihm leichter gewesen.

Er hob jeden Tag Gruben aus, planierte den Boden, schnitt Bäume um und kellnerte nebenbei, oft sogar am Sonntag, denn er brauchte Beschäftigung. Am schlimmsten seien die Abende gewesen, an denen sich noch nicht abzeichnete, ob und was er am nächsten Tag zu tun haben würde. Wenn er nicht arbeite oder „mit Leuten unterwegs“ sei, könne ihn eine traurige und frustrierte Stimmung erfassen: „Dann kommt mir vor, dass mich keiner braucht. Oder so.“

Ein Jahr nach seiner Verurteilung kam wieder so ein Sonntag. Seine Freunde wollten nach Hause. Ihm graute davor, allein zu sein. Er fuhr mit dem Auto herum, bog in die Au ein und verirrte sich im Nebel. Als er panisch wurde, Angst bekam, nicht mehr heimzufinden, und ausstieg, um eine Zigarette zu rauchen, sah er den Holzstadl. Er kann sich nicht erinnern, was er fühlte, als er den Benzinkanister aus dem Auto holte, den er so wie die Motorsäge immer mit sich führte, nur für den Fall, dass der Wind einen Baum umreißt oder jemand im Garten seine Hilfe braucht. Er habe Benzin auf das feuchte Holz gegossen, Flammen seien hochgezüngelt und wieder ausgegangen.

Am nächsten Morgen erwachte er mit Kopfweh. Sein Gewand stank nach Benzin. Bei seinem Auto fehlte ein Rücklicht. Er sah er die Polizei vorfahren. „Scheiße, was ist jetzt wieder gewesen“, schoss es ihm durch den Kopf. Der Nebel. Der Holzstadl. Der Kanister.

Im vergangenen Frühling verurteilte das Gericht Nico M. zu neun Monaten Gefängnis, drei davon muss er nun absitzen. „Jetzt ist es wirklich eng geworden“, sagt er. Seine Gedanken schweifen zum brennenden Weidezaun seiner Kindheit zurück: „Vielleicht will ich einfach nur Aufmerksamkeit bekommen, erleben, dass die Leute Angst um mich haben.“ Als der Psychotherapeut Nico fragte, ob er den Stadl angezündet habe, log er. Zu groß war die Angst, alles aufs Spiel gesetzt zu haben.

In der Arbeit haben sie zu ihm gehalten. Ein allerletztes Mal, hat der Chef gesagt. Vor einigen Monaten rief er den alten Bauern in Deutschland an: „Hast du Arbeit für mich?“ – „Du kannst jederzeit kommen“, habe dieser geantwortet. Hätte der 19-Jährige danach im Nebel nicht ein Glutnest zurückgelassen, das sich Stunden später entfachte, nichts hätte ihn hindern können, das wahrzumachen, was er seinen Eltern ins Gesicht geschleudert hatte, als sie ihn, den damals Zehnjährigen, aus seiner vertrauten Umgebung rissen: „Eines Tages komme ich wieder hierher zurück!“

In Deutschland würde er sich so fühlen wie als Bub, zugehörig, am richtigen Platz. Er hat es erlebt. Als mit seiner Freundin Schluss war, hatte Nico sich in den Zug gesetzt und war elf Stunden später in dem dünn besiedelten Landstrich mit dem „voll guten Gefühl“ ausgestiegen, „daheim zu sein“. So sieht er seinen Weg zurück: Er könnte in einer der Wohnungen leben, die sich normalerweise vier Landarbeiter teilen, wäre jeden Tag zwölf, 13 Stunden auf den 130 Hektar großen Feldern im Einsatz, einer von elf Fahrern, allein mit seinem Funkgerät, und doch ständig unter den anderen riesigen Mähdreschern, Häckslern und Feldwechslern.

Auf dem Laptop hat Nico die Bilder vom vergangenen Sommer gespeichert, als er auf Arbeitseinsatz im Norden war: Kolonnen von 240-PS-Traktoren sind darauf zu sehen, dazwischen Autos, klein wie Spielzeug, auf einer pfeilgeraden Straße durch die Einöde. Die Vögel, die sie aufscheuchen, sind Krähen. Auf einer der Landmaschinen steht sein Name. Im Führerstand hängt die neongelbe Jacke, die er immer bei sich hat. 40 Tonnen Mais habe er im Anhänger nachgezogen. In der örtlichen Biogasanlage wird daraus Strom erzeugt. Marco lacht glücklich: „Es taugt mir, wenn die Leute sich wundern: Was? Der ist erst 18 und fährt mit so viel Gewicht durch die Gegend?“

Es könnte so weitergehen bis ans Ende seiner Tage. Der Dämon der Einsamkeit fände keine Lücke mehr, denn Nico wäre vom frühen Morgen bis zum Schlafengehen unter den Erntehelfern, „alles voll liebe Leute“. Manchmal wäre vielleicht eine junge Traktorfahrerin darunter, die sich am Feld das Geld für ihr Studium verdient. Und wenn er eines Tages müde zum Haus stapfte, die neongelbe Jacke über seine Schulter gehängt und plötzlich wäre diese Langeweile doch wieder da? Die Saison zu Ende? „Dann fängt sofort die nächste an. Das geht ohne Pause durch“, sagt Nico schnell.

In Deutschland fühle er sich „gebunden, spüre den Boden unter den Füßen, hier „kennen mich die Leute“, ganz anders als in Österreich, „wo ich von Anfang an nie hundertprozentig integriert war“. Auch sein Vater, der nun für die Schulden geradestehen muss, die er mit seinen Brandstiftungen angehäuft hat, sei ihm stets ein wenig fremd geblieben. Der erfahrene Werkzeugmacher, bei dem alles auf Hundertstel- und Tausendstelmillimeter exakt sein muss, und der junge Zupacker in der freien Natur, wo nichts wirklich ganz gerade ist, kamen bei der Arbeit nie miteinander aus.

Vor wenigen Monaten wurde Nico 19. Für den brennenden Stadl im Nebel kam er noch vor einen Jugendrichter. Immer wieder bohrte der Mann im Talar nach, warum M. nach der Brandlegung auch noch drei Erlen neben der Autobahn mit der Motorsäge umgeschnitten habe. Er habe sie absichtlich auf die Fahrbahn fallen lassen, sagt die Polizei. Wieder konnte Nico keine Antwort geben: „Das hat es noch nie gegeben. Dieses Mal waren Personen ernsthaft gefährdet.“

Deutschland, das ist für ihn ein Versprechen, das sich schon deshalb einlösen muss, weil er nicht wüsste, was er täte, „wenn noch einmal etwas passiert“.