Rockband Kreisky: „Es kam zu unschönen Schmuseszenen”

Rockband Kreisky: „Es kam zu unschönen Schmuseszenen”

Die österreichische Rockband Kreisky spricht über ihr neues Album, alltägliche Inspirationsquellen und die Frage, warum es ihr Publikum eigentlich gar nicht geben dürfte.

Wer von der Band Kreisky aus in Richtung Alpen blickt, sieht ein nüchternes Zweckgebäude in Wien-St. Marx, eine Niederlassung des Sicherheitsdienstleisters Securitas. Die Band hat für die bizarre Aussicht aber keinen Blick: Klaus Mitter (Schlagzeug), Martin Max Offenhuber (Gitarre), Gregor Tischberger (Bass) und Franz Adrian Wenzl (Gesang; im Bild oben von links nach rechts), sind nicht zum Glotzen da, sie sitzen in einem Backstage-Raum der Arena Wien, um über ihr neues Album zu sprechen. Es trägt den schönen, im Moment halt leider nicht sehr passenden Titel "Blick auf die Alpen" und erweitert zumindest den musikalischen Horizont: Kreisky, die mit ihren Platten "Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld“ (2009) und "Trouble“ (2011) eine kompromisslose, gern auch sperrige Form von Rock kultivierten, öffnen sich anno 2014 wieder dem Melodischen - und sind auch sonst neuen Formen nicht abgeneigt. Drummer Mitter schlägt im Vorgeplänkel zum Interview das folgende Prozedere vor: "Machen wir es wie die Sprungrichter beim Skispringen: Die beste und die schlechteste Antwort wird gestrichen, nur der Mittelwert genommen.“ Das wird nicht nötig sein. Die Haltungsnote gewinnen die notorischen Anzugträger Kreisky souverän.

profil: Kreisky-Songs kreisen häufig um verpfuschte Lebensentwürfe, Konsumentenblödsinn und verpatzte Alltagskommunikation, also um soziale Fragen. Darf man Kreisky als politische Band bezeichnen?
Franz Adrian Wenzl: Man darf, aber es trifft die Sache nicht im Kern. Wenn wir Interesse an Politik hätten, wären wir in jenes Fach gegangen - oder zumindest in den Journalismus. Unser Interesse besteht darin, Musik zu machen. Aber natürlich wird eine deutschsprachige Band sehr stark über ihre Texte rezipiert, und wenn ich schon deutsche Texte schreibe, dann sollten sie auch interessant sein und in unserer Welt spielen. Da landest du automatisch bei gesellschaftlichen Themen, aber das ist eher Zufall als Absicht.

profil: Wie ergiebig ist die Inspirationsquelle U-Bahn-Fahren?
Wenzl: Die wichtigsten Quellen sind Kaffeehaus, U-Bahn und Zug. Ein Grundthema unserer Lieder ist so etwas wie Selbstdarstellung: Was gebe ich von mir preis, wie stelle ich mich der Welt dar, wie brodelt darunter das eigentliche Selbst? Im öffentlichen Raum kriegt man Selbstdarstellungen dieser Art in großer Fülle und Qualität geliefert.

profil: Glück und Zufriedenheit sind dabei weniger interessant, oder?
Wenzl: In Songs eher selten. Wenn ich glücklich und zufrieden bin, liegt das meist daran, dass ich irgendwo liege und nichts denke. Wenn ich denken und ein Lied schreiben muss, bin ich halt von Haus aus grantig.
Gregor Tischberger: Wobei die Charaktere in den Stücken schon auch zueinander finden können, wenn man ihre Geschichte weiterspinnt.
Klaus Mitter: Um gleich einmal eine schöne Überschrift zu liefern: Der Mensch hat ein Recht auf Unglück.
Wenzl: Wir sind, auch wenn uns das immer nachgesagt wird, keine besonders pessimistische Band. Natürlich gibt es verhunzte Lebensentwürfe, aber in der Regel hauen sie ja doch irgendwie hin. Ein Grundthema für uns ist auch: Whatever works. Es ist schon auch okay, wie sich die Menschen so durchwurschteln.

profil: Kreisky urteilt nicht?
Mitter: Die moralische Instanz gibt es bei uns schon deshalb nicht, weil die Perspektive nie die gleiche ist. Unterschiedliche Situationen werden durch unterschiedliche Figuren betrachtet.
Wenzl: Außerdem wäre es nicht glaubwürdig. Es gibt wahrscheinlich niemanden, der weniger zur moralischen Instanz taugt als ich.
Mitter: Im Idealfall denkt der Hörer selbst das Thema zu Ende und drückt die fehlenden Puzzlestücke hinein. Aber wenn er das nicht schafft, ist es auch gut.
Wenzl: Wir sind laufend mit Interpretationsangeboten konfrontiert, die sehr stark divergieren, auch von unseren ursprünglichen Intentionen. Trotzdem muss ich eigentlich immer sagen: Ja, stimmt.

profil: Zur jüngsten Single "Pipelines“ fällt mir das Reizwort "Schlager" ein - eine berechtigte Interpretation?
Wenzl: Schlager an sich ist kein Thema für uns, aber ein starker Storytelling-Ansatz schon, auch musikalisch. Da läuft nicht nur ein Beat über vier Minuten, es gibt auch eine musikalische Narration. Das ist sicher ein Unterschied zu den letzten Alben. Das ist vielleicht sogar eines unserer neuen Alleinstellungsmerkmale.
Martin Max Offenhuber: Die drei Platten davor sind immer knochiger, komprimierter geworden. Es war schon ein bewusster Akt, zu versuchen, im Rahmen unserer Möglichkeiten Melodien reinzubringen.

profil: Sperrigsein an sich ist keine Qualität mehr?
Offenhuber: Wir haben diese Sperrigkeit genossen und zelebriert. Aber anscheinend ist Kreisky auch mit der einen oder anderen Melodie kompatibel.
Wenzl: So ganz unsperrig sind wir auch diesmal nicht. Ich bin ja immer wieder überrascht, dass wir ein so großes Publikum haben. Eigentlich dürften wir das mit dieser Art von Musik nicht haben.
Tischberger: "Trouble“ ist, rückblickend betrachtet, tatsächlich eine unausstehliche Platte geworden. Weiter in diese Richtung wäre es eh nicht mehr gegangen.

profil: Die Band ist selbst überrascht über ihre Resonanz beim Publikum?
Wenzl: Ich glaube tatsächlich, dass wir bekannter sind, als wir objektiv sein dürften. Es gibt ja bei uns kein Zugeständnis.
Offenhuber: Wir haben aus einem gewissen Grundbedürfnis heraus angefangen. Es gibt einfach viel zu viel Konsensmusik. Vielleicht haben sich auch viele Hörer nach einem Kontrastprogramm gesehnt.

profil: Stimmt der Eindruck, dass Kreisky erst auf der Bühne so wirklich zu sich kommen?
Wenzl: Das Livespielen ist schon zentraler Teil unserer DNA. Aber Aufnehmen ist uns ebenso wichtig. In der Zeit, in der wir aufgewachsen sind, war Musik auch als physisches Produkt relevant - das Album als Kunstwerk. Aber man setzt als Band ja keine Theorie in die Praxis um, sondern man handelt nach seinen Talenten, und wir sind nun einmal eine sehr talentierte Live-Band. Da tut sich was auf der Bühne. Wir sind schon eine unterhaltsame Gruppe.
Tischberger: Ich kann mich an kein schlechtes Konzert erinnern bis dato.
Wenzl: Na ja.
Offenhuber: Ich denke doch, dass sich unsere Musik extrem gut dazu eignet, live gespielt zu werden. Für mich ist ein Konzert immer eine Art Blutwäsche. Wahrscheinlich merkt man auch im Publikum, dass sich da bei der Band einiges tut.
Tischberger: Schön sind vor allem die verblüfften Gesichter, die man von der Bühne aus im Publikum zu sehen bekommt, wenn es jemandem zu steil wird. Meist sind das junge Frauen, die ihren Freund zu dessen Lieblingsband begleiten mussten.

profil: Gibt es im Kreisky-Publikum denn auch das klassische Konzertpärchen: Er umarmt sie von hinten, beide blicken verträumt in Richtung Band?
Tischberger: Ja, die gibt es, und die werden von mir nach Möglichkeit vertrieben.
Mitter: Es kam auch schon zu unschönen Schmuseszenen.
Tischberger: Wenn man auf ein Kreisky-Konzert geht, stellt man sich nicht vor die Bühne und schmust.
Mitter: Zumindest nicht direkt vor dich.
Tischberger: Man darf sich dann jedenfalls nicht wundern, wenn man gefragt wird, ob man kein Zuhause hat.
Wenzl: Man muss auch sagen, dass es kein schönes Bild von einer Beziehung zeichnet, wenn die Beteiligten zum Schmusen auf ein Kreisky-Konzert gehen.
Tischberger: Andererseits: Whatever works.

Kreisky: Blick auf die Alpen (Wohnzimmer Records/Buback)