Rücktritt von FIFA-Präsident Sepp Blatter: Das Geld und die Macht

Rücktritt von FIFA-Präsident Sepp Blatter: Das Geld und die Macht

Wie das Geld zum Sport kam – und Sepp Blatter an die Macht. Ein Stationendrama von Sebastian Hofer.

Mann muss sich den Menschen Joseph Blatter als semipermeable Membran vorstellen, durch die gewisse Dinge sehr gut eindringen können (zum Beispiel Geld), andere effektiv abperlen (Skandalgeschichten, Korruptionsvorwürfe) und wieder anderes niemals nach außen dringt. Zu Letzterem gehört etwa die Frage, wie genau der Sohn eines Walliser Chemiewerksarbeiters zum mächtigsten Sportfunktionär der Welt werden konnte.

Schon die erste Antwort darauf hat ein deutliches Geschmäckle: Blatters Einstieg 1975 beim Fußball-Weltverband FIFA – zu jenem Zeitpunkt noch ein blasser Schweizer Verein, der seine Non-Profit-Satzung eher wörtlich nahm – basierte auf einer Intervention des Sportartikelunternehmers Horst Dassler, Sohn des Adidas-Gründers Adi Dassler. Dass Blatter, zunächst als Direktor für Entwicklungsprogramme, ein Büro direkt in einer Adidas-Niederlassung unterhielt, galt damals noch nicht als besonders ehrenrührig, der von Dassler jr. maßgeblich mitentwickelte sport-vermarkterische Komplex steckte in den (dreifach bestreiften) Kinderschuhen. Die Legende besagt, dass Dassler bis 1968 diverse olympische Umkleidekabinen mit kleinen Geldgeschenken beschickt habe, damit die werten Leichtathleten auch ja auf das richtige Schuhwerk achteten. In weiterer Folge verlagerte sich Dassler aber der Einfachheit halber auf die Förderung ganzer Vereine und Verbände. Im Fußball- Weltverband verhalf er 1974 dem brasilianischen Fußballbundchef João Havelange zur Präsidentschaft, Blatter avancierte 1981 zum Generalsekretär. Kurz danach gründete Dassler die Agentur International Sport and Leisure (ISL), die sich um die Vermarktung von TV- und Sponsoringrechten bemühte und Blatter und seinen Verband noch ganz schön beschäftigen sollte.

Ausweitung der Geschäftsfelder

Vorerst war der Walliser aber mit der Ausweitung seiner Geschäftsfelder ausgelastet, was dank steigender Einnahmen aus Vermarktungsrechten auch einigermaßen gut gelang. Die TV-Lizenzen für die Weltmeisterschaften in Italien (1990), den USA (1994) und Frankreich (1998) etwa wurden 1987 für insgesamt 220 Millionen Euro verkauft – aus heutiger Sicht natürlich Peanuts (TV-Einnahmen aus der WM 2014 in Brasilien: 2,5 Milliarden Dollar), aber zu jenem Zeitpunkt doch einem angenehmen Geldregen entsprachen. Blatter ließ das Geld arbeiten: Vor allem kleinere bis winzige Landesverbände weit abseits der europäischen Fußballnationen profitierten von den Zürcher Zahlungen; Entwicklungsprogramme wurden installiert, regelmäßige Förderungen und anderweitige Gefälligkeiten knüpften enge Bande zwischen Blatter und den nationalen Verbänden etwa der Cayman-Inseln, von Montserrat oder Amerikanisch-Samoa (insgesamt hat die FIFA heute 209 Mitgliedsstaaten, also 16 mehr als die Vereinten Nationen). Zur Dimension dieser Beziehung: Zwischen 1995 und 1998 wurden von der FIFA an ihre Mitgliedsverbände insgesamt 14 Millionen US-Dollar verteilt. Von 2011 bis 2014 waren es 800 Millionen. Dazwischen liegt die Wahl Blatters zum FIFA-Präsidenten.


Wir haben über Nacht 30 Stimmen verloren, da muss etwas passiert sein (UEFA-Chef Lennart Johansson)

Denn weil Macht nur dann so richtig prickelt, wenn sie auch anderen offensichtlich ist, nahm der Mann vom Zürichberg anno 1994 einen ersten Anlauf, seinen langjährigen Vorsitzenden Havelange an der FIFA-Spitze abzulösen. Das Manöver verlief seltsamerweise nicht nach Wunsch, Blatter konnte nach einem Deal Havelanges mit dem damaligen UEFA-Präsidenten Lennart Johansson keine sichere Mehrheit hinter sich sammeln und verzichtete schließlich auf eine Kandidatur beim FIFA-Kongress in Chicago. Vier Jahre danach, vor der WM 1998 in Frankreich, erklärte Blatter dann, dass diese seine letzte als FIFA-Generalsekretär sein werde, denn: „23 Jahre bei der FIFA sind genug.“ Und nein, er denke nicht daran, die Nachfolge des nach sechs Amtsperioden scheidenden Havelange anzutreten.

Er trat sie dann natürlich doch an, weil die FIFA, weil die Welt ihn brauchte. Er tat es mit großer Verve und viel Entwicklungshilfe und in einer legendenumwobenen Wahl, deren Vorbereitung die „Weltwoche“ so beschrieb: „Dunkle Gestalten huschten mit Geldumschlägen durch die Hotelkorridore; diskrete Herren klopften an die Suiten der Delegierten und offerierten schöne Frauen. Am nächsten Morgen war Blatter FIFA-Präsident.“ Der zunächst favorisierte UEFA-Chef Lennart Johansson unterlag in der Wahl mit 80 zu 111 Stimmen und mochte seine Zweifel am Zustandekommen dieser Entscheidung nicht verbergen: „Wir haben über Nacht 30 Stimmen verloren, da muss etwas passiert sein.“

Marketingagentur verteilt Schmiergelder

Im Mai 2001 passierte der FIFA schließlich das größte anzunehmende Malheur, nämlich der Konkurs ihrer Marketingpartnerin ISL samt anschließender Gerichtsverfahren gegen ISL-Manager und FIFA-Funktionäre. In den Prozessen, die sich zum Teil über Jahre hinzogen, wurde unter anderem dokumentiert, dass die ISL zwischen 1989 und 2001 Schmiergelder im Umfang von 115 Millionen Euro an Funktionäre verschiedener Sportverbände verteilt hatte, darunter auch die FIFA-Größen Ricardo Teixeira und João ­Havelange.

Präsident Blatter wurde der Mitwisserschaft verdächtigt und gab später auch öffentlich zu, von Zahlungen gewusst zu haben, was seiner Rechtsauffassung zufolge aber nicht so schlimm war, weil laut Schweizer Vereinsrecht die Annahme von „Kommissionen“ zu dem Zeitpunkt tatsächlich nicht verboten war, wie er der „Neuen Zürcher Zeitung“ in einem Interview vom Mai 2011 erklärte: „Der Fall ISL ist gerichtlich beurteilt und abgeschlossen. Niemand von der FIFA wurde schuldig gesprochen für eine Tat, die das Schweizer Recht nicht goutiert. Heute ist das Recht geändert, heute würde das anders beurteilt. Man würde im Fall ISL von Schmiergeld und nicht mehr von Kommissionen reden. Aber man kann ein Gesetz nicht retroaktiv aufnehmen.“ Außerdem sei die Welt nun mal ganz grundsätzlich nicht ausschließlich gut. Tricksereien kämen in den besten Familien vor: „Wir finden im Fußball alles, was wir auch in der Gesellschaft finden: Gewalt, Korruption, Rassismus, illegale Wetten, Doping. Dagegen müssen wir etwas tun. Das ist nicht einfach, weil wir in einem Spiel sind. Im Wallis wird viel gejasst (Karten gespielt, Anm.). Ich erinnere mich an meine Mutter, die sich beim Schieber aufs Herz langte, wenn sie vom Gegenüber Herz haben wollte.“

Vizepräsident Jack Warner wird suspendiert

Im Mai 2002 musste Blatter eine andere unangenehme Familienangelegenheit klären: Sein eigener Generalsekretär Michel Zen-Ruffinen probte den Aufstand. Elf Mitglieder des Exekutivkomitees zeigten Blatter bei der Zürcher Staatsanwaltschaft wegen Amtsmissbrauchs und Korruption an und forcierten den afrikanischen Verbandspräsidenten Issa Hayatou als Gegenkandidat bei der Präsidentschaftswahl 2002. Aber Blatter bewies wieder einmal die „Zähigkeit einer Schweizer Bergziege“ (Selbsteinschätzung) und setzte sich mit 139 zu 56 Stimmen durch. Zen-Ruffinen und seine Mitverschwörer wurden aus der FIFA entfernt, das Verfahren gegen Blatter im Dezember 2002 eingestellt. Die Wahl 2007 lief für Blatter dann vergleichsweise unzäh: Er wurde kurzerhand durch Akklamation im Amt bestätigt.

Eine unerfreuliche Geschichte musste der FIFA-Boss dann im Oktober 2010 der „Sunday Times“ entnehmen. Reporter des Londoner Blatts hatten in verdeckten Recherchen mehreren FIFA-Delegierten das Angebot unterbreitet, ihre Stimmen für die WM-Vergaben 2018 und 2022 zu erstehen. Sechs zeigten sich nicht abgeneigt, zwei Mitglieder des Exekutivkomitees mussten darauf zurücktreten, die verbliebenen 22 entscheiden sich im Dezember 2010 für die Vergabe der Weltmeisterschafts-Endrunden an Russland und Katar.


Die Anklage lautet auf Korruption, die zügellos, systematisch und tief verwurzelt ist (US-Justizministerin Loretta Lynch)

Kein halbes Jahr später die nächsten Querelen: Die nach den Korruptionsvorwürfen der vergangenen Jahre eingerichtete Ethikkommission der FIFA beschuldigte den katarischen Unternehmer Mohammed bin Hammam, gemeinsam mit dem FIFA-Vizepräsidenten Jack Warner karibischen Verbandsvertretern Geldgeschenke für ihre Stimmen bei der Präsidentenwahl 2011 angeboten zu haben. Hammam und Warner wurden suspendiert, was Blatter insofern in den Kram passte, als ihm dadurch sein einziger realistischer Konkurrent um den FIFA-Chefposten abhanden kam. Auch die Vorgänge um die WM-Vergaben 2018 und 2022 wurden in der Folge zu einem Fall für die Ethikkommission. Tatsächlich konnte deren Chefermittler Michael J. Garcia ungeklärte Überweisungen von Katar nach Afrika und Asien dokumentieren (die russischen Daten waren ihm aufgrund einer bedauerlichen Computerpanne nicht zugänglich). Die FIFA und der letztlich zuständige deutsche Ethikrichter Hans-Joachim Eckert wollten darin aber keine Korruption erkennen, was Garcia öffentlich einigermaßen empörte. Er trat im Dezember 2014 unter Protest zurück, sein Dossier ist bis heute unter Verschluss. Kritiker des FIFA-Präsidenten vermuten, dass Blatter sich die Enthüllung vorbehält, um potenzielle Kritiker aus dem FIFA-Exekutivkomitee ruhigzustellen, zum Beispiel den – in mehreren Fällen unter Korruptionsverdacht stehenden – Vorsitzenden der afrikanischen Konföderation CAF, Issa Hayatou, der noch 2002 gegen Blatter kandidiert hatte, aber im April beim CAF-Kongress dem Präsidenten die Treue – und jene aller afrikanischen Verbände – schwor.

„Er tanzt nicht gerade in seinem Büro herum“

Am Mittwoch der Vorwoche kamen Blatter dann aber doch noch ein paar wichtige Getreue abhanden. Im Zürcher Fünf-Sterne-Hotel Baur au Lac wurden frühmorgens sieben Spitzenfunktionäre des Fußball-Weltverbands, darunter seine Vizepräsidenten Jeffrey Webb und Eugenio Figueredo, von Beamten der Schweizer Kantonspolizei abgeführt. Das FBI hatte einen Haftantrag gestellt, die Vorwürfe reichen von Korruption und Geldwäsche bis zu organisiertem Verbrechen. Die US-Behörden rechnen in ihrer Anklageschrift vor, dass die Verschwörer Schmiergelder von bis zu 150 Millionen US-Dollar kassiert hätten. Die US-Justizministerin Loretta Lynch hob die Affäre auf höchste Regierungsebene und erklärte persönlich, worum es ging: „Die Anklage lautet auf Korruption, die zügellos, systematisch und tief verwurzelt ist“, und zwar über „mindestens zwei Generationen“ von FIFA-Funktionären hinweg.

Blatter, mit dessen Amtszeit sich das weitgehend deckt, ließ noch am selben Tag schriftlich ausrichten, dass er sich über die Ermittlungen freue, weil sie der Reinigung seines Sports von üblen Subjekten diene. Zur persönlichen Gemütslage des Präsidenten äußerte sich der FIFA-Medienbeauftragte Walter De Gregorio nur insofern, als dieser „entspannt“ sei, wobei: „Er tanzt nicht gerade in seinem Büro herum.“ Das mag auch daran gelegen haben, dass zum selben Zeitpunkt Beamte der eidgenössischen Bundesanwaltschaft im FIFA-Hauptquartier am Zürichberg Akten sicherstellten, umweitere Ermittlungen zu den WM-Vergabeverfahren an Russland 2018 und Katar 2022 voranzutreiben.

Anmerkung: Am Abend des 2. Juni trat Blatter völlig überraschend als FIFA-Präsident zurück.