Sepp Forcher tritt ab: Besuch bei einem TV-Dinosaurier

BERGFEX FORCHER: "Stundenlanges Wandern" (Vergangene Woche in Salzburg-Liefering)

BERGFEX FORCHER: "Stundenlanges Wandern" (Vergangene Woche in Salzburg-Liefering)

Er war Hilfsarbeiter, Lastenträger, Hüttenwirt und moderierte mehr als 30 Jahre die ORF-Volksmusiksendung "Klingendes Österreich". Mit Sepp Forcher verabschiedet sich bald der letzte Dinosaurier der TV-Unterhaltung vom Bildschirm.

Zwischen Räucherfischpraline und Trüffelrisotto holt Sepp Forcher sein altes Leben als Fidel Castro ein. Forcher sitzt am runden Holztisch eines Salzburger Wirtshauses. Er grüßt nach allen Seiten, wirkt dabei wie eine Kreuzung aus Teddybär, kanadischem Holzfäller und vergnügtem Buddha. Vis-à-vis von Forcher sitzt Helli. Ohne Helene, die alle Welt "Helli" nennt, ist Forcher nicht denkbar. Seit 63 Jahren sind die beiden miteinander verheiratet, es gibt so gut wie nichts, was sie nicht gemeinsam unternähmen. "Das Essen gehört weggeputzt", freut sich Forcher. "Der Alkohol auch", ergänzt Helli. In Teamarbeit sind sie geübt wie das Trachtenpärchen aus dem Wetterhäuschen. Hinter Hellis Rücken ist ein Messingschild in die Holzbank geschraubt, in das "Helli Forcher" eingeprägt ist. Forcher thront im Sepp-Sessel.

"Ein Hoch auf unseren Bergfex Fidel Castro"

"Alkohol" war das Stichwort. Nach dem letzten Biss Fischpraline unternimmt Sepp Forcher eine Reise in die prähistorische Vergangenheit. Bergwanderer waren schrullige Alpen-Öhis, die sich gegen Steinschlag mit Sockenpaaren unter dem Tirolerhut behalfen; Fernsehen war körniges Schwarz-Weiß-Flimmern, und Forcher ließ sich 1962 einen Vollbart wachsen. "Seit 56 Jahren hat keine Rasierklinge meine Wangen berührt", beginnt Forcher die Geschichte mit Fidel Castro. Forcher war Hüttenwirt am Zeppezauer-Haus, 1663 Höhenmeter, Salzburger Untersberg, wenige Meter von der deutschen Landesgrenze entfernt. Sowjetische Honoratioren absolvierten ein alpines Besuchsprogramm. Forcher begleitete die Delegation, die im Kalten Krieg nicht nach Deutschland einreisen durfte, an die Grenze. "Wie Kinder tobten die Männer zwischen den Grenzsteinen hin und her, erhoben später in der Hütte ihre Gläser auf die Sowjetunion und prosteten mir endlos zu", erinnert sich Forcher: ",Ein Hoch auf unseren Bergfex Fidel Castro!' Wodka floss in Strömen."

Forchers eigene Geschichte ist eine von Armut und Exil, und an ihrem Anfang stehen Grenzen. Geboren wurde er in Rom; der Vater war Bergführer und Hüttenwirt. Die Eltern kehrten nach dem Südtirol-Abkommen zwischen Mussolini und Hitler Italien den Rücken, verließen ihren Heimatort Sexten Richtung Salzburg. "In der neuen Heimat, der sogenannten Ostmark, hing im Herrgottswinkel das Hitlerbild", erzählt Forcher. "Am 8. Mai 1945, dem Tag des Kriegsendes, war das Hitlerbild von einer Stunde auf die andere verschwunden. Menschen ändern sich schnell - das ist bis heute so." Forcher besuchte nur die Volkschule. Sein Lese-und Wissenshunger ist bis heute unersättlich. Er liebt Proust, Tolstoi, Bulgakov, Doderer, Churchills "Der Zweite Weltkrieg", Dumas' "Der Graf von Monte Christo". Helli erzählt, sie habe als Kind nur auf dem Klo ungestört lesen dürfen. Heute schimpfe niemand mehr, dass sie schon wieder lese und nichts arbeite. Hat Helli ein Buch ausgelesen, übernimmt der Sepp.

MODERATOR FORCHER "Choleriker und Sanguiniker"

MODERATOR FORCHER "Choleriker und Sanguiniker"

Forcher selbst hat auch Bücher geschrieben, soeben ist wieder eines erschienen, die Anekdoten-und Rezeptsammlung "Das Salz in der Suppe". Er erinnert sich darin an seine karge Kindheit. Er sagt: "Die Eltern ließen mich nach guter Südtiroler Art spüren, dass ich ein nutzloser Fresser sei, obwohl ich Bäume umschnitt, Holz aufarbeitete und weiß der Teufel alles den Berg raufschleppte. Dennoch war ich ihnen oft zu minder."

Zeit voller Mühen

Mit 19 wurde er Lastenträger und Hilfsarbeiter beim Kraftwerksbau in Kaprun. 500 Schilling im Monat und ein Paar Schuhe als Lohn, ganze Sommer lang 50 Kilo auf dem Buckel, 800 Höhenmeter hinauf bis zum Heinrich-Schwaiger-Haus auf 2802 Meter Seehöhe. 1951 kaufte sich Forcher in Zell am See sein erstes Hemd aus grobem Leinen für 30 Schilling und trug es, bis es in Fransen hing. Forcher hat ein gutes Gedächtnis, besonders für die ersten Male in seinem Leben. "Wenn man als Kind ein ereignisarmes Leben führt, brennen sich kleine Ereignisse ein. Bürgerliche Sprösslinge mussten Tanzen, Radfahren, Schwimmen lernen. Ich kann das alles bis heute nicht."

In seinem selbstgekauften Hemd lernte er Helli kennen. Die Geschichte ihrer Begegnung: Helene, Tochter eines Wiener Karosserieschlossers, verbrachte ihre Ferien in der Oberwalderhütte im Schatten des Großglockners. "Die blöden Hüttenspiele, das Flaschendrehen und Küssen konnte ich nicht leiden, deshalb ging ich den Wirtsleuten zur Hand." Sepp, damals bereits im Ruf eines guten Bergsteigers, bekam von Helli Erbsensuppe serviert. Mit ihr am Seil stieg er durch eine blauweiß schimmernde Gletscherspaltenlandschaft ins Tal. "Nach stundenlangem Wandern duzten wir uns, dann ein keusches Busserl", sagt Sepp Forcher. "Mitternachts kamen wir in Kaprun an. In der Baracke mit der Nummer neun legten wir uns in mein Bett, hundemüde. Da war aber nix, was man sich heute so vorstellt." Helli sei, sagt Sepp, seine Bergkameradin der ersten Stunde.

Ab 1955 bewirtschafteten die Forchers Berghütten und Stadtheurige, 1976 wurde Sepp Mitarbeiter beim Rundfunk, 1986 Moderator von "Klingendes Österreich". Zwei Bedingungen stellte der damalige ORF-General Gerd Bacher bei Sendestart: Der Name "Klingendes Österreich" war ebenso wenig verhandelbar wie die Volksmusikeinlagen. Forcher akzeptierte und hievte die Sendung über Jahrzehnte, Moden, Trends. Für 2019 sind die letzten vier Folgen geplant, nach 200 Ausgaben soll Schluss sein; über 600.000 Zuseher erreichte jede Folge im Durchschnitt.

Liebenswürdiger Griesgram

"Klingendes Österreich" streift nicht selten den Kitsch, aber nie den Lebe-und-sei-ohne-Sorge-Kitsch. Forcher betreibt keine Produkttäuschung, er polstert seine TV-Streifzüge durch Berg und Tal nie mit eitlem Tamtam. In einem von melodiösem Lispeln umspielten Grundbrummen spricht er von Gipfeln und Hochplateaus, Rundblicken und Kaiserwetter. Das verheißt Bodenständigkeit, und bodenständig ist Forcher tatsächlich, ein liebenswürdiger Griesgram, den die Regie immer wieder zum Lächeln animieren musste. Seine Moderationen spricht er seit über 30 Jahren frei in das Kameraauge, mit überschaubarem mimischen Einsatz, eckigen Bewegungen und onkelhaften Scherzen. Er war nie der öffentliche Conférencier verschrobener Heimattümelei. Von Bierzelt und Humptata hält er sich fern, die reine Freude an den Regionen zwischen Bregenz und Eisenstadt ist seine Domäne. Auf dem Bildschirm pflegt er seine ganz eigene Biederkeit ohne Großmannsgehabe.

Sepp Forcher - 30 Jahre Klingendes Österreich (2016)

Forcher war auch nie ein Bergsteiger-Poseur. 32 Mal bestieg er den Großglockner, über 100 Touren führten ihn auf Viertausender. Es gibt viele Fotos, auf denen er auf einem Gipfel zu sehen ist, umgeben von kantigem Geröll bis an den Horizont. Ein Zinnsoldat vor Naturkulisse, der mit Sepp-Forcher-Bart schon als junger Mann seltsam alt wirkte. Er sieht auf manchen Fotos aus, als wäre er in einem Werbespot für Naturburschen-Deos gelandet.

Authentisch, urwüchsig, ehrlich, uneitel, bodenständig. Die Begriffe wiederholen sich, wenn Menschen über Sepp Forcher sprechen, die ihn seit vielen Jahren kennen. Viermal wurde ihm der Professorentitel angetragen, ebenso oft schlug er die Auszeichnung mit freundlichen Worten aus. "Ich bin doch kein Professor. Nur einer, der den Leuten was erzählt." Kurrentschrift ist eine der wenigen Extravaganzen, die er sich leistet. So geht ein klassischer Forcher-Satz: "War früher ein harter, grober, leicht aufbrausender Lackel. Jetzt bin ich toleranter als früher; einer, der lieber lacht, eine Mutation von Choleriker und Sanguiniker, auch ehrgeizig." Politisch ließ sich Forcher nie einspannen. "Es geht um das Miteinander. Das Gegeneinander war mir im Herzen stets zuwider. Mir sind Hautfarbe, Religion, Ideologie wurscht."

"Keine Angst vor dem Sterben"

Vielleicht umgibt die Forchers auch deshalb eine Aura anhaltender Verblüfftheit über viele Dinge. Das Trüffelrisotto? Ein Traum. Das Wetter an diesem sonnigen Oktobernachmittag? Eine Wucht. Hellis angeschlagene Gesundheit nach Schlaganfall und Oberschenkelhalsbruch? "Auf jeden Tag freuen wir uns. Das halten wir seit Jahrzehnten so." Forchers nahender 88. Geburtstag im Dezember? "Ab einem gewissen Alter ist das Feiern von Geburtstagen schleichender Selbstmord. Man trinkt zu viel und schläft zu wenig. Meinen Jubeltag werde ich auf keinen Fall feiern." Der Tod, das unausweichliche Ende? "Es braucht keinen Wahrsager, um zu wissen, dass es mit uns bald aus sein wird. Helli und ich haben keine Angst vor dem Sterben, wir haben aber auch nicht den Ehrgeiz, viel älter zu werden. Ein solches Leben ist nur in einer guten Epoche möglich. Wenn der Krieg nicht 1945 geendet hätte, wäre ich bei der Waffen-SS gelandet, keine Frage. Ein Nebochant wie ich hätte in einer anderen Zeit keine Chance gehabt."

Zeit für die Nachspeise. Aus einer Holzkiste, ähnlich einem Humidor, pickt der Kellner mit großer Metallpinzette hausgemachte Pralinen. Helli wählt Birne, Forcher Marzipan. "Man wird im Alter nicht ruhiger, milder, g'scheiter", sagt Forcher. "Das Verzeihen fällt mir noch immer schwer. In jungen Jahren dachte ich oft: Wenn ich den allein im Wald erwisch, dann verdresch ich ihn! Zehn Jahre später war derjenige ein altes Mandl, das mich erbarmte." Helli sagt: "Jetzt bist auch du ein alter Wurstel." Forcher überlegt, ein Schluck Wein, er lacht. "Immer habe ich mich aufs Altwerden gefreut, und jetzt erbarmt sich mir niemand."