Sophie Freud: "Ein hartes Herz wie dein Großvater"

Sophie Freud, Tochter des ältesten Freud-Sohnes Martin vor 20 Jahren.

Sophie Freud, Tochter des ältesten Freud-Sohnes Martin vor 20 Jahren.

Sophie Freud, 91, Enkelin des Begründers der Psychoanalyse, vor ihrem Wien-Besuch über eine ganz normal schwierige Familie, ihre Hemmung, den berühmten Maler Lucian Freud anzurufen und ihre späte Liebe zu Tante Anna.

profil: Frau Professor Freud, Sie reisen viel und kommen nun auch wieder einmal aus Boston nach Wien.
Sophie Freud: Es ist aufregend, meine Wiener Freunde wieder zu sehen.

profil: Die britische Zeitung "The Guardian“ nennt die Freuds eine der großen Dynastien der Welt. Verstehen auch Sie die Freuds als eine große Dynastie?
Freud: Nein, an eine Freud-Dynastie habe ich nie gedacht, das würde nach Stolz klingen. Aber ich bin erstaunt, dass in einer Familie mehrere berühmte Leute sind, so wie mein Cousin, der Maler (Lucian Freud, Anm.).


Dass mein Burder im Zweiten Weltkrieg mit dem Fallschirm abgesprungen ist, kam mir sehr heroisch vor.

profil: Ihre Mutter sagte einmal: "Dank Herrn Hitler sind die Freuds über die Erde zerstreut.“ Sie und Ihre Kinder leben in den USA, viele leben in Großbritannien, dem Exilland von Sigmund Freud. Versammeln Sie sich alle hin und wieder zu fröhlichen oder auch streitbaren Familientreffen?
Freud: Ich habe beinahe ein Jahr in London verbracht und mich nie getraut, Lucian, meinen Cousin, anzurufen. Aber damals habe ich meine berühmte Tante Anna Freud (Freuds jüngste Tochter, Anm.) gut kennen gelernt, das war mir sehr wichtig.

profil: Auch Ihrem Bruder Walter Freud waren Sie oft entfremdet. Er führte ein hochinteressantes Leben, ist als britischer Fallschirmagent 1945 über Österreich abgesprungen und hat später eine wichtige Rolle bei der Klärung von NS-Verbrechen gespielt, unter anderen vernahm er den Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höss.
Freud: Mit meinem Bruder war ich schon verbunden, einmal fuhren wir gemeinsam auf Ferien nach Spanien. Manchmal war er böse auf mich, er war leider sehr leicht beleidigt. Dass er im Zweiten Weltkrieg mit dem Fallschirm abgesprungen ist, kam mir aber sehr heroisch vor. Es ist schade, dass er schon gestorben ist und sich nicht mehr darüber freuen konnte, dass sein Sohn David in das House of Lords aufgenommen worden ist.


Manche Leute lehnt man ab, andere nicht.

profil: Haben Sie zu ihm Kontakt?
Freud: Er schreibt mir Weihnachtskarten. Zu seiner großen Geburtstagsfeier war meine Tochter eingeladen, und mein Sohn ist mit der Familie befreundet. Die Cousins kennen einander also sehr gut.

profil: Der Maler Lucian Freud meinte einmal, Familie interessiere ihn überhaupt nicht.
Freud: Manche Leute lehnt man ab, andere nicht. Ich glaube, bei uns ist es nicht so anders als bei anderen.

profil: Die Freuds, eine ganz normale Familie?
Freud: Eine normale Familie? Ich glaube schon. Mit Konflikten und Freundschaften, die es so gibt.


Es ist leichter, Menschen zu lieben, wenn sie schon tot sind.

profil: Ihre aus der sehr wohlhabenden Wiener Anwaltsfamilie Drucker stammende Mutter Esti ist von den Freuds als Schwiegertochter vehement abgelehnt und bei der Flucht aus Österreich 1938 von ihrem Mann Martin (er war Freuds ältester Sohn, Anm.) mit Ihnen in Paris zurückgelassen worden. Sigmund Freud hat die vielen Liebschaften Ihres Vaters toleriert, über Ihre Mutter aber urteilte er: "Sie ist nicht nur bösartig meschugge, sondern auch im ärztlichen Sinn verrückt.“
Freud: Das war sehr ungerecht von meinem Großvater.

profil: Dennoch hat Ihre Mutter Ihnen, laut Ihren Aufzeichnungen, manchmal wütend, dann wieder bewundernd, immer gesagt, Sie würden wie eine typische Freud aussehen und auch so handeln. Was macht eine typische Freud aus?
Freud: Sie hat ein hartes Herz (lacht). Das hat mir meine Mutter einmal gesagt: "Du hast ein hartes Herz, so wie dein Großvater.“ Ich weiß nicht, was genau sie in mir gesehen hat. Wir waren einander sehr verbunden, sie war ein schwieriger Mensch, aber auch bewundernswert.

profil: Nach dem Tod Ihrer Mutter haben Sie sich mit ihr versöhnt.
Freud: Es ist leichter, Menschen zu lieben, wenn sie schon tot sind.

profil: Das ist eine sehr illusionslose Sicht.
Freud: Aber es ist wahr. Wenn jemand tot ist, vergibt man ihm seine Sünden und so weiter.


Tante Anna habe ich sehr geliebt, sie war eine meiner großen Leidenschaften.

profil: Sie sahen Ihren Großvater Sigmund Freud nach der Flucht nie wieder, er schickte Ihnen aus London berührende Briefe nach Paris, "Mein liebes Sopherl, Ja, Du fehlst mir auch sehr.“ Sie weinten bei diesen Briefen, schrieben Sie später und: "Liebster Großvater, dass ich Dein Enkelkind bin, hat mein Leben gestempelt.“
Freud: Das ist so gewesen. Im Guten und im Schlechten, aber vor allem im Guten. Er hat mir Türen geöffnet. Die längste Zeit habe ich aber nicht als Freud, sondern unter meinem verheirateten Namen Loewenstein gelebt, dahinter stand ein F., für Freud.

profil: Damals wussten nur wenige, wer Sie sind. Erst die späte Beziehung zu Freuds Lieblingstochter Anna, der Gralshüterin, hat das geändert. In ihrem Buch "Meine drei Mütter und andere Leidenschaften“ stellten Sie das so dar: "Ich wollte Tante Annas Segen, bevor ich einen berechtigten Anspruch auf das Familienvermächtnis erheben konnte, das ich im Stich gelassen hatte, dem ich im Grunde doch treu geblieben war.“ Und doch sind Sie es, die den Familienmythos demontiert hat. Sie haben eine Vergötterung Freuds kritisiert, die Psychoanalyse "narzisstischen Unfug“ genannt und gemeint, "Freud hat von der weiblichen Sexualität nichts verstanden. Das konnte ja wirklich nur einem Mann einfallen“ (profil 15/06). Wie geht das mit dem Anspruch auf das Familienvermächtnis zusammen?
Freud: Das mit dem Vermächtnis habe ich so geschrieben, aber ich weiß eigentlich nicht, was es bedeutet. Tante Anna habe ich sehr geliebt, sie war eine meiner großen Leidenschaften. Ich habe mich sehr bemüht, ihre Liebe zu gewinnen.

profil: Und meinen Sie, dass Anna Freud Ihnen das Familienvermächtnis weitergab, indem sie Ihre Zuneigung angenommen hat?
Freud: Ich glaube, sie hat mich gern gehabt, wir sind sehr eng miteinander geworden.


Ich habe ein schwarzes adoptiertes Enkelkind und ein in China adoptiertes Enkelkind.

profil: Wenn es etwas wie ein Freud’sches Familienvermächtnis gibt: Wer wird es nach Ihnen übernehmen?
Freud: Ich habe drei Kinder, und mein Sohn George ist sehr anerkannt. Er hat die Disziplin der Verhaltensökonomie mitbegründet. Ich meine, jeder tut, was er kann. Aber wir wissen ja nicht, was in der Welt passiert, ob das Leben weitergeht.

profil: Die Lage der Welt sehen Sie schon lange sehr kritisch. Vor zehn Jahren meinten Sie in einem Vortrag in Wien: "Wir leben in einer immer mehr verwundbaren Zeit, gefährlicheren Zeit, ungewisseren Zeit. Meine Kinder tun mir leid.“
Freud: Das gilt heute noch viel mehr.

profil: Dennoch haben Sie beinahe prophetisch "Neue Identitäten für das Neue Jahrhundert“ gefordert, damit Menschen nicht aufgrund ihrer Ethnie oder Religion aufeinandergehetzt werden können. Wäre das angesichts des mörderischen sogenannten "Islamischen Staates“ nicht nötiger denn je?
Freud: Da gebe ich Ihnen ganz recht. Ich habe ein schwarzes adoptiertes Enkelkind und ein in China adoptiertes Enkelkind. Also wir sind eine sehr vermischte Familie, und das gefällt mir.


Hoffnung ist immer gut.

profil: Ein Modell?
Freud: Ja, das ist eine gute Idee. Das könnten wir der Welt offerieren, unsere vermischte Familie. Eine meiner Töchter ist eine lesbische Frau, sie hat in Amerika das schwarze Enkelkind adoptiert.

profil: In einem E-Mail vor unserem Interview haben Sie geschrieben, was jetzt in der Welt passiert, zeige, dass der homo sapiens eine aggressive grausame Spezies ist. Übertrifft Ihr Pessimismus Freuds Kulturpessimismus?
Freud: Ich glaube, jetzt ist wirklich Grund, pessimistisch zu sein. Die Feindschaften, Völkerwanderungen, die vieles durcheinanderbringen, Atombomben, die jeder nachmachen kann. Dabei habe ich die Klimaänderung noch gar nicht angesprochen. Finden Sie nicht, dass die Welt schlimm aussieht?

profil: Nirgends Hoffnung zum Weitergeben?
Freud: Hoffnung ist immer gut, aber wenn sie eine leere Hoffnung ist?


Ich bin sehr alt geworden und habe in meinem Alter ein gutes Leben.

profil: Sie haben in Ihrer langen sozialpolitischen Arbeit und Forschung versucht, die Umstände zu ändern, unter denen Menschen leben. Möchten Sie diesen Anspruch nun wirklich aufgeben?
Freud: Dass Leben von den Umständen geformt ist, gilt weiter. Aber man ist eigentlich nur ein kleines Stückchen in dieser Welt und kann nicht viel tun, um Dinge zu ändern. Schauen Sie, was jetzt in Amerika mit dem scheußlichen Herrn Trump (Donald Trump, republikanischer Präsidentschaftskandidat, Anm.) möglich ist, und so viele jubeln ihm zu. Mein Hauptgedanke ist, ich möchte sterben, bevor unsere Welt zugrunde geht.

profil: Es macht traurig, Ihnen bei diesen Gedanken zuzuhören. Zu Ihrem Tod haben Sie in Ihrem Buch "Im Schatten der Familie Freud“ festgehalten, sie hoffen, im eigenen Bett sterben zu können, das sei ein Privileg für eine europäische Jüdin des 20. Jahrhunderts (vier Schwestern Sigmund Freuds und Sophie Freuds Großmutter mütterlicherseits sind in Konzentrationslager deportiert und ermordet worden, Anm.). Und dann, schrieben Sie, wollen Sie sich in Trauer an die Wand drehen und an den Kummer Ihrer Kinder und Enkel und deren Kinder in der gefährdeten Welt denken.
Freud: Dazu muss ich sagen, dass ich nicht depressiv bin. Ich bin sehr alt geworden und habe in meinem Alter ein gutes Leben.

Sophie Freud eröffnet am 17. Jänner im Gespräch mit Peter Huemer eine Veranstaltungsreihe im Wiener Stadtsaal, deren Reinerlös dem psychosozialen Zentrum ESRA zugute kommt.