© Sven Serkis

Gesellschaft
04/09/2022

Stefanie Reinsperger: „Ich will kein Mitleid. Ich will, dass das aufhört.“

Stefanie Reinsperger gilt als schauspielerisches Elementarereignis. Jetzt lässt sie ihrer angestauten Wut in ihrem Buch freien Lauf.

von Angelika Hager

Du musst einfach nur runterschlucken. Dann geht das schon. Immer schlucken. Schlucken. Schlucken. Dann gewöhnst du dich an alles. An alles, was sie dir sagen, was sie in dich reinwerfen …“ *) So fühlte sich das Salzburg-Gefühl für Stefanie Reinsperger an, nachdem sie 2017 mit nur 29 Jahren den Job der Buhlschaft im „Jedermann“ übernommen hatte. Zu diesem Zeitpunkt war ihre Karriere bereits an einem Punkt angekommen, den die meisten Schauspielerinnen nie auch nur annähernd erreichen: Zwei Jahre zuvor war die damalige Burgtheater-Durchstarterin von dem Magazin „Theater heute“ sowohl zur besten Schauspielerin als auch zum herausragenden Nachwuchstalent des Jahres gewählt worden. Doch all das Schöne, all das, was eigentlich Anlass zum Stolz geben hätte können, wurde oft übertüncht durch das Gefühl: „Ich war außer der Norm, ich passe im Leben oft nicht dazu“. „So schön das ist, wenn es um mein Spiel oder die Art geht, wie ich versuche, Kunst zu machen, habe ich mir immer gewünscht, dass mein Körper und ich als Frau als normal angesehen werden. Und da haben wir noch einen sehr langen Weg vor uns, denn nach wie vor stößt es unglaublich vielen Menschen und Medienvertreter*innen auf, wenn Frauen aussehen wie ich. Und das ist ein Problem. Es ist nicht unser Problem, aber die Außenwelt macht es zu unserem.“

Die Wut über die Häme, die Übergriffe, die Abwertungen, die Dreistigkeit, mit der sich Menschen über ihren Körper, ihr Aussehen ermächtigten, unterdrückte Stefanie Reinsperger lange. Zuerst kamen die Verletzung, die Kränkung und die beklemmende Vermutung, dass diese Leute  vielleicht doch  recht haben könnten. Noch im Februar 2021, als sie erstmals als Dortmunder  „Tatort“-Kommissarin Rosa Herzog vor einem Millionenpublikum auftreten sollte, bekam sie, anstatt der angemessenen Vorfreude, präventiv Panikattacken beim Gedanken daran, wie sich „die Hater“ über sie äußern würden. Wie viele Kommentare und diffamierende Worte  es zu ihrer Figur geben würde. Denn sie fürchtete, dass der Hass der vielen Trolle, „die ziemlich sicher so einsam  wie feig im Unterleiberl vor ihren Laptops saßen“, sie wieder „in diesen Ausnahmezustand“ katapultieren könnten, inklusive „der Ladehemmung“: „Das ist ein Nicht-mehr-vor-oder-zurück-Können, eine Schockstarre. Das war jedes Mal so derartig verletzend, dass es mich in kilometerweite Abgründe meiner selbst katapultiert hat.“ Doch inzwischen hatte in ihr eine Veränderung stattgefunden. Der Weg dorthin war lang, oft sehr einsam und schmerzhaft: „Ich wusste einfach, dass ich all das nicht mehr zulassen will. Dass ich mir den Raum nehmen werde, all diesen Menschen den Raum dafür nicht mehr zu geben.“

Während der Lockdowns, der „Coronski-Scheiße“, wie sie es im Buch nennt, kanalisierte sie ihre Wut in einen Text, dessen eruptive, emotionale Kraft sich damit erklären lässt, dass er lange in ihr unterdrückt worden war: Diese Woche erscheint dieses Text-Spiel zwischen extrem Persönlichem, literarischem Experiment und feministischem Aufschrei in Form eines Buches, das ihr Grundgefühl gegenüber der Art, wie mit ihr umgegangen wurde und wird, zum Titel hat: „Ganz schön wütend“. Ihre Wut richtet sich nicht nur gegen frauenverachtende Körperfeindlichkeit, sondern auch die toxische Männlichkeit in ihrer Branche und den Krieg der Lebenskonzepte, der auch unter Frauen geführt wird: „Natürlich hätte auch ich gerne eine Beziehung. Ich will aber bitte nicht daran kaputtgehen, wenn es nicht klappen sollte.“ Das Schreiben während der Lockdowns kam einem „geilen“ Befreiungsschlag gleich, einer Art „Selbstermächtigung“, gekrönt von der Gewissheit, „dass ich niemandem mehr diese Macht über mich geben werde und dieser Text mir und anderen dabei helfen wird“.                                                                   

Sie sieht „Ganz schön wütend“ nicht nur als ein Versprechen an sich selbst, sondern auch an eine nachfolgende Generation junger Frauen. Reinsperger unterrichtet an der renommierten Berliner Ernst-Busch-Schauspielschule Rollenstudium; sie will nie wieder Studentinnen, deren Körper nicht der gesellschaftlichen Schlankheitsverordnung entsprechen, in Tränen ausbrechen sehen, „weil ihnen keines der Kostüme aus dem Fundus passt“. Sie beschreibt das Gefühl, aus dem sie auch mithilfe des Schreibens heraus gewachsen ist: „Es war so klar. Ich bin wütend, aber gleichzeitig auch extrem traurig und verletzt. Ich hasse mich und meinen eigenen Körper und die Tatsache, dass ich in diese verdammte Hose in der angeblich größten Größe nicht reinpasse. Das gibt mir das Gefühl, so was von nicht dazuzugehören, nicht schön genug zu sein, und niemals in meinem Leben irgendwas schaffen zu können.“

In paradoxem Gegensatz zu diesem Außenseiterinnengefühl hätte eine Schauspielerinnenkarriere kaum glatter laufen können als die der Tochter eines Außenministeriumsbeamten, die in London, Belgrad und Wien aufgewachsen ist: das Wiener Max Reinhardt Seminar mit einem Schwung genommen, sofort danach ein Engagement in Düsseldorf, gleich „groß“ gespielt, viel mit „einem der wichtigsten Menschen ihres Lebens“, dem tschechischen Regisseur Dušan David Pařízek, gearbeitet. Mit 26 Jahren abgeworben ans Burgtheater, dort mit „den geheimnisumwitterten Theatergrößen“ wie Elisabeth Orth und Kirsten Dene gespielt. Und „wahnsinnig berührt“ davon gewesen, „wie ehrlich diese Geheimnisträgerinnen mit ihrer eigenen Verletzlichkeit und ihren Ängsten umgegangen sind“. Der schönste Theatermoment ihres Lebens war, als sie Elisabeth Orth in „die unverheiratete“ über die Bühne tragen durfte.

Trotz Nestroy-Preisen für ihre Burgtheater-Auftritte (nach einem kurzen Intermezzo am Wiener Volkstheater) wechselte sie 2017 ans Berliner Ensemble, wo sie in der Intendanz von Peymanns Nachfolger Oliver Reese rasant in den Starstatus gehoben wurde: Als „Baal“ unter der Regie von Ersan Mondtag, im Part der Grusche im „Kaukasischen Kreidekreis“ in der Inszenierung von Michael Thalheimer, die Kritiken in Blättern wie der „Süddeutschen“ und der „FAZ“ strotzten vor Worten wie „triumphiert“, „herausragend“, „ein schauspielerisches Ereignis“ …

Reinsperger spielt Maria Theresia

Flashback zum traumatisierenden Auslöser für den Befreiungsschlag, auch um das Ausmaß der Verwundung zu sehen: Die Besetzung der Buhlschaft bei den Salzburger Festspielen ist bekanntlich weniger ein kulturelles Ereignis als vielmehr ein gesellschaftliches Event. Die Rolle selbst geht in den Bierfass-Anzapf-Ritualen, Kleider-Debatten, Dekolleté-Rezensionen und Society-Berichten  unter. Was für eine Signalwirkung, als mit der Wahl von Stefanie Reinsperger im Sommer 2017 stattdessen einmal in Richtung Kunst und Innovation gedacht wurde. Doch die anfängliche Freude, beim „Jedermann“-Spektakel eine selbstbestimmte, emanzipierte Buhlschaft neben Tobias Moretti (dessen Wunschkandidatin sie war) zeigen zu können, war der damals 29-jährigen Schauspielerin bald verflogen. Sie verwandelte sich rasch zu einem Schockerlebnis; die zwei Saisonen auf dem Domplatz als Sterbebegleiterin des reichen Mannes sollten sich als Trauma in ihre Seele fressen. Denn in der Kritik und medialen Berichterstattung ging es nicht um die Intensität ihres Spieles oder das Sprengen eines überholten Rollenklischees, sondern vor allem und immer wieder um ihren Körper, der nicht dem gesellschaftlich verordneten „Barbie-Evangelium“, wie das die Feministin Germaine Greer einmal genannt hat, entsprach.

Das wollte sich das engstirnige Salzburg nicht gefallen lassen. Als Draufgabe zu den medialen Tritten gab es verbale Übergriffe, mit denen wildfremde Menschen auf der Straße oder in Lokalen sich ermächtigten, „die große blonde Frau mit dem Dutt“, so ihre Selbstreferenz, auf ihre angeblichen erotischen Defizite, den Mangel an Verführungskunst und, und, und aufmerksam zu machen. In einem Lokal wurde ihr nachgeschrien, dass sie sich schämen sollte, die Rolle überhaupt angenommen zu haben. In einem anonymen Brief wurde ihr angedroht, dass sie mit Konsequenzen rechnen müsse, wenn man den Anblick „ihres dicken Körpers“ weiter ertragen müsse. Und noch lange nach Salzburg kamen Menschen auf sie zu, deren Ansagen sich (in marginalen Variationen) etwa so anhörten: „Oba wissen S’, wos i Eana scho imma ’moi sogn woit: Des Kleid, wos Sie do onghobt hob’n in Soizburg bei dem ,Jedermann‘. Do hom S’ wirklich unmöglich ausgschaut. Dass Sie si do nit gschamt hob’n. Des wor wirklich net schön zum Anschaun.“

Manchmal fragten diese Menschen davor noch nach einem Autogramm. Damals saß sie noch in einer Geisteshaltung fest, die sie in unserem Gespräch so beschreibt: „Ich dachte mir lange: Vielleicht haben diese Menschen ja recht. Vielleicht bin ich ja es auch gar nicht wert. Ich habe mich nicht geschützt, denn ich hielt mich damals wohl selbst nicht für schützenswert.“ Warum hat sie sich später auch nicht in Interviews über die Dreistigkeit von Medien und Menschen geäußert? „Ich dachte damals wirklich, dass ich diese Dinge mit mir allein ausmachen muss. Ich hatte noch nicht das Selbstvertrauen wie Verena Altenberger, die dafür gefeiert gehört, dass sie einen Hassbrief gegen sich öffentlich gemacht hat. Das ist so wichtig. Heute weiß ich, dass ich so etwas nie wieder zulassen würde.“

Die „Reinspergerin“, wie sie sich auf ihrem Instagram-Account nennt, schreibt so, wie sie spielt: ungefiltert, schonungslos, voller Wucht, klar, ohne Umwege und mit nahezu brutaler Ehrlichkeit. So wie sie auch über das Theater fegt: „Wenn ich spiele, bin ich voll mit Leidenschaft. Dann möchte ich über die Bühne toben und all meine Grenzen ausloten und neu setzen.“ Die Grenzen neu gesetzt hat sie in ihrem Leben längst. In unserem Interview erzählt sie von einem Zoom-Meeting, einer Drehbuchbesprechung für einen Film, in dem sie eine Figur spielen sollte, die sich dafür „entschuldigt, dass sie zu dick ist“: „Erst meinte meine Agentin, ob sie das für mich erledigen soll. Ich zitterte zwar im Vorfeld, aber war der Überzeugung: Nein, das mache ich schon selbst. Ich sammelte meinen Zorn und fragte die Anwesenden bei dem Meeting, was in ihren Köpfen vorgehe, ehe sie einer Schauspielerin so etwas überhaupt anbieten. Ich möchte dafür kämpfen, dass die Figuren in den Filmen so ein Potpourri an Typen sind wie im Leben.“

Doch Body Positivity finde noch viel zu sehr „in einer Bubble“ statt, weil die Entscheidungsträger in der Film- und Theaterbranche eben meistens alt, weiß und männlich sind; um etwas zu verändern, müssten bereits die Weichensteller*innen divers sein. Quote muss sein, alles andere ist leider völlig sinnlos. Wenn Männer sie jetzt anjammern, dass sie einen Job nur deswegen nicht kriegen, weil eine Frau bevorzugt wurde, erwidert sie lakonisch: „Ist wirklich tragisch. Aber 2000 Jahre lang war es genau umgekehrt.“

Eines möchte Stefanie Reinsperger zu ihrem Buch noch  hinzufügen: „Ich will kein Mitleid. Ich will einfach nur, dass es aufhört. Nicht nur für mich, für alle Frauen, denen es ähnlich geht. Ein für alle Mal.“

*) Die kursiv gesetzten Textpassagen sind Zitate aus „Ganz schön wütend“.