Stille Größe: Die Grazer Autorin Angelika Reitzer

Stille Größe: Die Grazer Autorin Angelika Reitzer

Die Grazerin Angelika Reitzer zählt zu den eher stillen Autorinnen des Landes. Mit ihrem jüngsten Roman „Wir Erben“ ist ihr ein Prosa-Glanzstück gelungen.

Schlag nach bei Goethe. „Das Leben ist kurz, der Tag ist lang“, notierte der Klassiker im „West-östlichen Divan“. Die Tage von Marianne scheinen ebenfalls ins Unendliche zerdehnt. Sie führt ein Leben, dessen Gang von den Jahreszeiten bestimmt und von zahllosen Handgriffen erfüllt wird. Für einige Tage ins Blaue leben? Undenkbar. Marianne ist Eigentümerin einer Baumschule in einem Kaff nahe Wien, sie lebt ein bleiernes, vom Kreislauf des Immergleichen geprägtes Dasein im Haus ihrer Kindheit. An die Flüchtigkeit ihrer Existenz verschwendet sie keine Gedanken. „Nichts änderte sich, es ging alles weiter“, sagt Marianne, eine der beiden Protagonistinnen in Angelika Reitzers jüngstem Roman „Wir Erben“, dem bislang besten dieser Autorin. „Wir Erben“ ist ein kühner literarischer Versuch in der Maske des Konventionellen, eine Erzählung, die ihrer eindeutigen und einfachen Fabel zum Trotz ein komplexes narratives Geflecht etabliert.

„Wir Erben“ ist das in zehn Jahren vierte Buch der in Graz geborenen und seit Jahren in Wien wohnhaften Schriftstellerin; nach „Taghelle Gegend“ (2007) und „unter uns“ (2010) ist es der dritte Roman. Reitzer, 42, gilt als Autorin, die sich innerhalb der heimischen Literaturszene – oft genug Podium exaltierter Solisten und Egomaniker – dezent im Hintergrund hält, die keine Instantprosa für den schnellen Leseverzehr fabriziert. „Ziemlich genau zwei Jahre nachdem ,unter uns’ erschienen war, wurde ich ständig gefragt, wann der nächste Roman endlich fertig sei“, erinnert sich Reitzer im Gespräch. „Offenbar existiert eine Art Roman-Zweijahresfrist. Ohne jemandem nähertreten zu wollen: Mir fiele das enorm schwer.“

„Wir Erben“, das durch seine distanzierte, zuweilen fast kalte Erzählhaltung nur auf den ersten Blick im Gestern verfangen scheint, versteht sich nicht als große Bühne, auf der viele Stücke von großer Bedeutung gegeben werden. „Wir Erben“ ist ein Buch der kurzen, ungekünstelten Sätze, das viel von Diskontinuität und Umbruch, von der Destabilisierung des kleinen Lebens erzählt.

Lesbarkeit der Welt
Siri nennt Reitzer die zweite Hauptfigur des Romans, deren Lebenslauf sich mit jenem von Marianne, die im fiktiven Dorf Gumpenthal wohnt und arbeitet, so kurz wie einschneidend kreuzt. Siri ist, im Gegensatz zu Marianne, eine Frau auf Wanderschaft: Mit ihrer Familie floh sie aus der DDR; nach dem Mauerfall kehrt sie in das ehemals sozialistische Land zurück. Sie bereist Japan, arbeitet in verschiedenen Berufen, beginnt in der US-Provinz ein Kunststudium. Aber auch der erzählerischen Komplementärfigur will sich die Existenz nicht zum Ganzen runden: „Ihr Leben hinschreiben, in ganzen Sätzen, die Bestand haben sollten, das gelang ihr meistens nicht, obwohl sich nicht ständig alles veränderte, im Gegenteil“, schreibt Reitzer: „Es geht mir gut. Ich zeichne viel. Ich fühle mich wohl hier. Solche Sätze hinzuschreiben, in Briefen an die Eltern, wäre ihr vollkommen falsch vorgekommen.“

Die Geschichten von Marianne und Siri sind auf keinen bestimmten Punkt hin erzählt, an dem sie kippen könnten. Reitzer lotet das Potenzial ihrer Figuren aus, indem der literarische Text viel Realität aufnimmt und sich dem allwissenden Erzählen strikt verweigert: Es bedarf einigen literarischen Könnens, die beiden Protagonistinnen auf eine über 300 Seiten lange Odyssee durch ländliche Räume mit all ihrer Trostlosigkeit und Leere zu schicken, ohne über deren Gedanken und Motive Rechenschaft abzulegen; die Dialoge über die Lesbarkeit der Welt – die Anschläge auf einer norwegischen Ferieninsel, die wirtschaftliche Lage Griechenlands – brechen stets schon nach wenigen Sätzen ab: „Das Fremde, Unmögliche fasziniert einen, aber man beschäftigt sich mit Naheliegendem.“

„Die Herausforderung war, das Geschehen konstant voranzutreiben – und den Figuren so gut wie kein Innenleben zuzuschreiben, das sie denken, handeln und schließlich etwas sagen lässt, wobei das Gesagte sich vom Gedachten unterscheiden müsste“, rekapituliert die Schriftstellerin die Arbeit am Roman. „Das wäre langweilig. Figuren müssen nicht zwangsläufig völlig wirklich, absolut klar sein. Die Idee war, aus Marianne und Siri nicht mehr zu machen, als sie sind. Marianne ist Gärtnerin – und dabei soll sie völlig philosophisch und sensitiv sein? Sie kümmert sich um Bäume – und hat zu vielen Dingen einen extravaganten Zugang? Genau das wollte ich nicht.“ Es passiert nicht häufig, dass sich Leben und Literatur einander so weit annähern. „Zitternder Gedanke, vielleicht vorschnell in die Tat umgesetzt“, schreibt Reitzer in „Wir Erben“.

Das in Literatur und Poesie zu Tode strapazierte Sinnbild vom Bruder Baum als Lebenssymbol versteht die Autorin souverän zu handhaben – und dem Metaphernfriedhof neues Leben einzuhauchen. „Wurzelnde Bäume sind im Grunde ein großartiges Bild“, sagt sie: „Baumwurzeln werden klein gehalten, um sie am Ende in die Erde zu verpflanzen. Die Geschichte des Romans hat viel mit Verwurzelt- und Entwurzeltsein zu tun – wobei mir beim Schreiben bald klar wurde, dass es sich dabei um vollkommen unbrauchbare Begriffe für unser aller Leben handelt. Muss man sich unbedingt nach einem Zuhause sehnen? Muss es nicht vielmehr erlaubt sein, heimatlos zu bleiben?“

An ästhetischer Scheintotalität zeigt die Autorin wenig Interesse. Die Brüche und Verwerfungen sind deutlich in die Figuren dieses Romans eingeschrieben. Von einem Schulfreund wird Marianne früh schwanger. Jutta, ihre Großmutter, von der Marianne das Haus erbt, stirbt – eine Frau, die sich ihr Leben in Formeln zusammengeredet hat: Krankheit war Jutta eine Last, die man zu tragen habe, das Leben etwas, das einmal zu Ende sein werde. Mariannes beste Freundin erkrankt an Krebs, ein Freund stirbt den Sekundentod; Mariannes Affären enden im Unglück. Vergebens versucht sie, ihr Ich in einer Welt zu behaupten, die ihr dieses vermeintliche Ziel des geglückten Lebens immer wieder verwehrt. „Ich kann mit der Vorstellung, alles über mich selbst, alles über eine literarische Figur zu wissen, immer weniger anfangen“, so Reitzer. „Natürlich hat auch Marianne gesichertes Alltags- und Gewohnheitswissen: Sie weiß, wie Obstbäume kultiviert werden, wann Setzlinge auszuliefern sind. Ich bin aber keine Anhängerin der sehr zeitgemäßen Ansicht, dass man stets bestens über sich selbst, über alle anderen und alles andere informiert sein muss.“

An einer Stelle scheint in „Wir Erben“ das Wort „Seelenheil“ auf. Es wirkt, wie Marianne und Siri, sehr verloren.

Angelika Reitzer: Wir Erben
Jung und Jung. 342 Seiten, EUR 22,90

Foto: Peter Köllerer für profil