Sylvia Ferino über das Kunsthistorische Museum: „Ich hatte große Visionen“

Sylvia Ferino über das Kunsthistorische Museum: „Ich hatte große Visionen“

Velázquez-Kuratorin Sylvia Ferino über die Sparzwänge im KHM, die Opferhaltung des frühen Feminismus und ihre Kritik an den gegenwärtigen Museums-Führungsstrukturen.

profil: Wie unterscheidet sich das Museum, in dem Sie einst begannen, von jenem, das Sie demnächst verlassen?
Sylvia Ferino: Als ich kam, leitete Professor Hermann Fillitz das Haus. Er war der Erste, der einen Schritt in Richtung Erneuerung setzte – damals stellte er sich angeblich mit einem Kübel vor die Fernsehkameras und sagte: „Ins Kunsthistorische Museum regnet es rein, wenn es nicht bald große Unterstützung gibt.“ Der Beginn der Renovierung der Gemäldegalerie fiel noch in seine Zeit. Nachfolger Wilfried Seipel hatte daher den Auftrag, das Museum zu beleben. Das ging rasant. In meinem Über-Enthusiasmus durfte ich viele Ausstellungen gestalten – auch wenn man nicht sah, dass ich Nächte und Wochenenden dafür durcharbeitete. Aber ich hatte große Visionen, wusste genau, wie Dinge aussehen sollten, und setzte sie dementsprechend um.

profil: Und was ist heute anders als damals?
Ferino: Das muss man im Kontext der gesamten Museumslandschaft und ihrer Entwicklung sehen: Der EU-Beitritt und die internationale Museumsszene wirkten sich
enorm auf die Wiener Museen aus, die in Konkurrenz zueinander traten und daher bemüht waren, stets Besseres und Schöneres zu machen – das war ein echter Boom. Leider kam dann die Wirtschaftskrise mit ihren Einsparungen.

profil: Viele Kuratoren klagen, dass sie deshalb immer weniger Zeit für die Forschung haben. Geht es Ihnen auch so?
Ferino: Wir Kunsthistoriker müssen heute Dinge erledigen, die früher in andere Abteilungen ausgelagert waren. Leitende Positionen in Kulturbetrieben werden zunehmend von Bankern und Managern übernommen – das führt mehr und mehr dazu, dass man wissenschaftliche, kreative Arbeit quantifizierbaren Kriterien unterwirft. Das bedrückt mich.

profil: Aber wer vertritt diese Haltung?
Ferino: Sie resultiert aus einem gewissen Druck: Die Kulturpolitik will immer weniger Geld zur Verfügung stellen. Man meint, über immer neue Strukturen noch mehr einsparen zu können. Zu oft kommen aus völlig anderen Bereichen sogenannte „Strukturreformer“ und meinen, wissenschaftliche und kreative Leistungen ausschließlich nach ökonomischen Gesichtspunkten bewerten zu können. Ich finde es falsch, wenn die kaufmännische Direktion die künstlerische und wissenschaftliche zunehmend ablösen soll.

profil: Sie gestalteten in den 1990er-Jahren eine viel beachtete Ausstellungsreihe zu Frauen der Renaissance und präsentierten dabei unter anderem die Malerin Sofonisba Anguissola. Welcher Gedanke steckte hinter diesen Projekten?
Ferino: Mir schien es problematisch, dass in der feministischen Diskussion damals die Opferrolle so betont wurde. Ich wollte zeigen, was Frauen bewirkt haben, wollte jungen Frauen sagen: Schaut her, ihr könnt etwas tun, wenn ihr die Dinge in die Hand nehmt! Natürlich waren diese Frauen – Anguissola, die Dichterin Vittoria Colonna und die Mäzenin Isabella d’Este – privilegiert. Aber niemand hatte sie aufgefordert, ihre Rolle einzunehmen, sie mussten sich durchsetzen.

profil: Gibt es in Ihrem Forschungsbereich Künstlerinnen, die heute noch unterbewertet werden?
Ferino: Es gibt immer etwas zu tun. Nach meinen drei Ausstellungen wurde ich sofort aufgefordert, eine Schau über Angelika Kauffmann zu gestalten. Aber da sagte ich: Das überlasse ich jetzt meinen männlichen Kollegen.

profil: Um nicht abgestempelt zu werden?
Ferino: So ungefähr. Der damalige Kulturchef der „Presse“, Hans Haider, bezeichnete mich ja schon nach meiner zweiten Frauenausstellung als „Frauenbeauftragte des Kunsthistorischen Museum“. Aber mein Motto war sowieso immer: „Whatever women do, they must do twice as well as men. Fortunately that’s not difficult for them.“

profil: Die Betrachtung alter Kunst ändert sich ständig. Welche Künstler hätten eine neue Wertschätzung verdient?
Ferino: Ich muss gestehen: In den vergangenen Jahren habe ich mich nur mit Eins-a-Kalibern beschäftigt. Ich fürchte, dass wir durch die zunehmende Aufmerksamkeit auf zeitgenössische und moderne Kunst überhaupt eine Wertverschiebung bei den Alten Meistern sehen werden. Die Schere zwischen den großen Namen und den weniger bekannten wird, so meine Befürchtung, weiter aufgehen.

profil: Wäre das nicht eine Aufgabe der Kunsthistorischen Museen, diese stärker zu präsentieren?
Ferino: Oder sie gut einzubetten. Wir tun das immer wieder, etwa bei der Ausstellung „Sammellust“, wo neben Tizian auch viele Werke flämischer oder holländischer Künstler des 17. Jahrhunderts gezeigt wurden, die weniger prominent sind. Es wäre wahnsinnig wichtig, die Sekundärgalerie wieder zu öffnen – mittlerweile nennen wir sie Geheimgalerie. Da haben wir Schätze!

Zur Person
Sylvia Ferino, 68, Kuratorin der aktuellen Velázquez-Schau, leitet seit 2010 die Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums. Demnächst geht die Spezialistin für Malerei südlich der Alpen, seit 25 Jahren am KHM, in Pension. Von Ruhestand kann jedoch keine Rede sein: Die vielfach preisgekrönte Kunsthistorikerin tritt 2015 eine Gastprofessur an der renommierten Bibliotheca Hertziana in Rom an.

Foto: Philipp Horak