© Rudi Huisman

Gesellschaft
12/07/2020

Rembrandt der armen Leute: Tattoo-Legende Henk Schiffmacher im Interview

Er ist unter der Haut von Keith Haring, Lady Gaga und den Musikern von Pearl Jam und den Red Hot Chili Peppers. Der niederländische Tätowierer Henk Schiffmacher gilt als Legende – und ist gleichzeitig der umtriebigste Archivar der Tattoo-Geschichte.

Interview: Lena Leibetseder

profil: Herr Schiffmacher, wie geht es Ihnen als Tätowierer mit der Corona-Pandemie?
Schiffmacher: Seit März habe ich kaum noch tätowiert. Wir mussten das Studio für ein paar Wochen schließen, jetzt können wir unter strengen Sicherheitsvorkehrungen wieder arbeiten. Die Jüngeren bei uns im Studio arbeiten auch jetzt, müssen dabei aber sehr vorsichtig sein. Ich habe ein paar Tattoos am unteren Bein gemacht, da bin ich weit genug weg vom Mund.

profil: Geht Ihnen die Arbeit ab?
Schiffmacher: Am meisten vermisse ich die pilgrims, diese Pilger, die aus der ganzen Welt kommen. Unser Studio ist weltweit bekannt, und Leute kommen von überall herbei. Ich kenne einige Tattoo-Künstler, die dieses Virus nicht überlebt haben oder sehr, sehr krank waren. Es ist schrecklich.

profil: Wie kam der Bildband zustande, der sich aus Ihrer umfangreichen Sammlung speist?
Schiffmacher: Ich habe als junger Fotograf in einem Kaufhaus gearbeitet. Dort habe ich mich mit Tattoo Pete angefreundet, einem sehr bekannten Tätowierer in Amsterdam, und bin in den Pausen immer in sein Tattoo-Studio gegangen, um die Leute zu fotografieren. Einmal im Monat hat Pete alle Fotografien seiner Arbeit an verschiedene Künstler in der Tattoo-Welt ausgesandt. Ich habe dann auch begonnen, meine Fotografien auszuschicken. Das war alles vor dem Internet. Auf einmal hatten wir ein internationales Post-Netzwerk mit all diesen verschiedenen Künstlern, eine kleine Sammlung begann immer größer zu werden. Ich habe dann einige Tattoo-Conventions organisiert. Das waren die ersten in Europa.

 

Aus Schiffmachers aktuellem Buch: Ein Album originaler Tattoo Desings unbekannter britischer Künstler, ca. 1918–20.

Aus Schiffmachers aktuellem Buch: Originales Tattoo-Design des berühmten Britischen Tattoo-Künstler Joseph Hartley, ca. 1910–20.

Aus Schiffmachers aktuellem Buch: Tommy Stephens mit Tattoos des legendären US-Amerikanischen Tattoo-Künstler Bert Grimm, ca. 1940.

profil: Sie wurden zu einer Art Archivar dieser Kunstform?
Schiffmacher: Ich habe mir gedacht, dass das Geld, das ich verdient habe, nicht mein Geld sein sollte. Also habe ich mit meinen Verdiensten Tattoo-Antiquitäten gekauft, um die Geschichte dieser Kunstform zu bewahren. Die Sammlung ist mittlerweile sehr groß. So genau weiß ich das gar nicht. Vor ein paar Jahren haben wir über 40.000 Stücke digitalisiert, und ich habe immer noch 30.000, die nicht digitalisiert sind.

profil: Ein besonderes Augenmerk haben Sie immer auf den sogenannten Tribal-Stil gelegt, vor allem auf die Tattoo-Techniken aus Samoa. Woher rührt dieses besondere Interesse?
Schiffmacher: Ich habe mich von Anfang an für die Ursprünge interessiert und mich gefragt, wo diese Kunst herkommt. Das Tattoo auf meiner linken Hand, das wurde in Samoa gestochen. Ich brauchte eine Weile, um mich daran zu gewöhnen, weil es sehr präsent ist. Mittlerweile liebe ich das Tattoo. Es wurde mit Hammer und einem Kamm angefertigt, das ist die samoanische Technik. Diese Art von Tattoo ist eine alte Medizin gegen Arthritis.

profil: Das Buch behandelt die Geschichte der Tattoo-Kunst zwischen den 1730ern und den 1970er Jahren. Wie hat sich die Demografie tätowierter Menschen in diesem Zeitraum verändert?
Schiffmacher: Das Buch beginnt zu der Zeit der Forscher und Entdecker, das sind Namen wie Captain Cook oder Louis Antoine de Bougainville. Diese Leute sind zu den Pazifischen Inseln gereist und haben von dort nicht nur Tattoos mitgebracht, sondern auch tätowierte Menschen, die dann im Zirkus gearbeitet haben. So wurden Tattoos erstmals populär – davor waren nur Soldaten und Segler tätowiert.

profil: Heute ist das eher umgekehrt, oder?
Schiffmacher: Heute gibt es viele tätowierte Menschen, die nicht tätowiert sein sollten – und viele Tätowierer, die nicht tätowieren sollten. Manche von ihnen verschandeln ihre Kunden richtiggehend. Als Tattoo-Künstler hast du auch eine Verantwortung. Heute glauben manche, sie können machen, was sie wollen und klopfen einen Batzen Schwarz in die Leute hinein. Das ist doch idiotisch!

profil: Das Tätowieren hat sich aus der Subkultur in den Mainstream geschwungen. Stört Sie das? 
Schiffmacher: Das ist eine sehr zweischneidige Sache. Manchmal finde ich es ein komisch, dass wir auf einmal so viel Aufmerksamkeit aus der Oberschicht bekommen. Sehr viele Künstler fischen in unserem Teich, viele Modemarken benutzen unsere Designs – trotzdem gibt es immer noch viele, die sich über uns Tätowierer lustig machen. Aber wir sind eine professionelle und große Branche, in die viel Geld fließt. In den 1970er und 1980er Jahren gab es vielleicht 400 Tattoo-Studios auf der Welt, heute sind es alleine 400 in Amsterdam.

Aus Schiffmachers aktuellem Buch: Portrait einer Māori-Frau, ca. 1900. Māori-Frauen tragen traditionell Tattoos auf Kinn und Lippen.

Aus Schiffmachers aktuellem Buch: Seltens Tattoo-Album des frühen japanischen Künstlers K. Akamatsu, ca. 1910.

Aus Schiffmachers aktuellem Buch: Die berühmte US-Amerikanische tätowierte Famous Artoria Gibbons, ca. 1920. Gibbons war eine der am längsten auftretenden tätowierten Frauen. Sie arbeitete im Zirkus, in Museen und auf Karnevalen.

profil: Ihr erstes eigenes Studio haben sie 1979 eröffnet. Woher nehmen Sie die Inspiration, immer Neues zu schaffen?
Schiffmacher: Jedes Mal wenn ich mir denke, jetzt reicht es, werde ich wieder überrascht und es passiert ein kleines Abenteuer im Studio. Ich lerne immer noch noch dazu, steche komische Tattoos und treffe seltsame Leute. Deswegen nenne ich mich auch Rembrandt für arme Leute, da spielt viel Soziales mit.

profil: Tattoos sollen erschwinglich bleiben?
Schiffmacher: Ich finde, dass man nicht zu viel für ein Tattoo verlangen darf. Manche verrechnen ja 2000 Dollar für eine Stunde. Das finde ich lächerlich. Es ist die Kunst der Menschen da draußen, es ist unsere Kunst. Deswegen will ich meine Sammlung auch teilen. Ich bin sozusagen der Hausmeister, aber es gehört uns allen. Plötzlich interessieren sich die großen Museen für uns, es gibt große Firmen, die Tattoo-Shops betreiben – aber vorher haben sie uns alle noch Drecksäcke genannt!

profil: Vollständig vorurteilsbefreit ist ihr Metier wohl immer noch nicht. Wie gehen Sie mit voreingenommenen Anfeindungen um?
Schiffmacher: Zuallererst: Niemand muss ein Tattoo tragen. Es ist Ihre Entscheidung, wenn Sie keine haben wollen, dann ist das ok für mich. Viele Leute denken immer noch, dass Tattoos eine schlechte Geschichte haben, oder dass wir alle Nazis oder Hooligans sind. Das ist nicht richtig. Wir sind eine sehr diverse Gruppe Menschen. Sogar Kaiserin Sisi hatte ein Tattoo. Deine ganze Kleidung, deine Frisur, der Schmuck, den du trägst – alles kommuniziert. Es teilt deinem Gegenüber mit, wer du bist. Und ich finde, Tattoos sind dabei das Ehrlichste. 

Aus Schiffmachers aktuellem Buch: Der berühmte US-Amerikanische Tattoo-Künstler Charlie Wagler mit einer tätowierten Frau und einem Seemann, ca. 1930.

Aus Schiffmachers aktuellem Buch: Handcoloriere Fotografie eines tätowierent Boten des italienisch-britischen Fotografen Felice Beato, ca. 1864−1867.

Aus Schiffmachers aktuellem Buch: Tattoo designs des legendären britischen Tattoo-Künstlers Rich Mingins, ca. 1950–60.

profil: Welche Tattoos haben Sie besonders geprägt?
Schiffmacher: Das erste Tattoo, das ich gesehen habe, hatte mein Großvater. In den 1920ern, nach der großen Wirtschaftskrise, half er mit, einen Kanal in Amsterdam zu graben. Sie haben damals in hölzernen Fässern geschlafen, und in einem dieser Fässer hat sich mein Großvater die Hand tätowieren lassen. Für meinen Großvater musste es natürlich eine nackte Frau sein. Sie sah ein bisschen aus wie die Venus von Willendorf. Ihr Brüste waren unterschiedlich groß, die eine war sehr viel größer als die andere. Sie sahen aus wie Hufeisen.

profil: Kein gelungenes Tattoo?
Schiffmacher: Es war ein wirklich schlechtes Beispiel einer nackten Frau, aber niemand hasste es so sehr wie meine Großmutter. Mein Großvater musste das Tattoo immer mit einem Pflaster überkleben. Wir haben ständig gequengelt: „Opa, können wir die nackte Frau noch einmal sehen?“ Dann hat er das Pflaster heruntergenommen, und meine Oma hat geschrien: „Kleb das sofort wieder drauf!“

profil: Sie tätowieren jetzt seit über 40 Jahren. Wie haben Sie begonnen? 
Schiffmacher: Angefangen hat das in der Volksschule. Ein Mädchen hat mich an den Haaren gezogen, dann habe ich ihr einen Stift reingehauen. Zurück blieb ein kleiner Punkt unter der Haut. Später habe ich ein paar Hand-Poke-Sachen gemacht, früher war die Stick-and-Poke-Technik alles was wir hatten. Das kam aus den Gefängnissen, da wurde die Farbe von den Wänden gekratzten um sich zu tätowieren. Das ist eine sehr einfache, aber ehrliche Technik. Heute muss man nicht mehr ins Gefängnis, um sich ein Tattoo zu holen.

profil: Jetzt kann man zu Ihnen ins Studio gehen, das haben bereits Größen wie Keith Haring oder Kurt Cobain gemacht.
Schiffmacher: Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich Kurt Cobain tätowiert habe. Es war total viel los im Studio, da waren all diese Leute, Nirvana war auch da. Später haben sie mir erzählt, dass ich Cobain tätowiert habe, aber ich weiß es nicht mehr. Pamela Anderson sagt auch, dass ich sie tätowiert habe. Daran kann ich mich aber nicht mehr erinnern.

profil: Aber an Pearl Jam oder die Red Hot Chili Peppers erinnern Sie sich?
Schiffmacher: Ja, die Red Hot Chili Peppers kamen vorbei, und wir haben viel zusammen tätowiert, Sänger Anthony Kiedis sagte zu mir, dass er ein Tattoo will, das man von weit weg sehen kann. Wenn er auf der Bühne steht, sieht man also im Publikum den großen Vogel auf seinem Rücken. Die Liste der berühmten Rockmusiker, die ich tätowiert habe, ist sehr lang.

profil: Warum legen sich Musiker so gerne unter Ihre Nadel?
Schiffmacher: Mein persönlicher Stil ist sehr stark und sehr wild. Ich denke mich selbst auch als Söldner – ich mache das, was die Leute wollen. Sehr direkt, sehr kräftig und auffällig.

profil: Ihrem eindrucksvollen Gästebuch ist es wohl mit zu verdanken, dass Sie mittlerweile Legendenstatus erreicht haben.
Schiffmacher: Ich glaube, um eine echte Legende zu sein, muss man tot sein.

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