Trauerspielbericht: Teamchefsuche legt ÖFB-Misere offen

Der ehem. ÖFB-Sportdirektor Willi Ruttensteiner (l.) und ÖFB-Präsident Leo Windtner.

Der ehem. ÖFB-Sportdirektor Willi Ruttensteiner (l.) und ÖFB-Präsident Leo Windtner.

Ehrenamtliche Funktionäre und unterbeschäftigte Altstars bauen gerade den österreichischen Fußball um. Dabei verfolgen sie ungeniert eigene Interessen. Die laufende Teamchefsuche legt die ÖFB-Misere exemplarisch offen.

Der Bürgermeister der Weinviertler Gemeinde Ziersdorf (Bezirk Hollabrunn, 3500 Einwohner) weiß, wie es mit dem österreichischen Fußball weitergehen wird: "Wir wollen weg von der Wissenschaft und zurück zum Fußball." Johann Gartner, Lokalpolitiker alter Prägung, ist einer von neun ehrenamtlichen Landespräsidenten des Österreichischen Fußballbundes (ÖFB), die den heimischen Kick gerade neu programmieren. Dabei erlebte dieser in den vergangenen Jahren einen viel beachteten Aufschwung samt EM-Teilnahme und Top-Ten-Weltranglistenplatzierung. Das kleine Österreich war spät, aber gerade noch rechtzeitig darauf gekommen, dass der moderne Fußball durchaus eine Wissenschaft ist. Doch die mühsam aufgebaute Professionalisierung weicht gerade wieder jener Operettenhaftigkeit, die den Verband lange zur Lachnummer machte. Der Hintergrund: Ehrenamtliche Landespräsidenten, darunter Rechtsanwälte, Richter und Bürgermeister, dürfen laut Verbandsstatut gemeinsam mit drei Vertretern der Bundesliga über die Zukunft des österreichischen Fußballs entscheiden. Per Handzeichen wählen sie hinter verschlossenen Türen Teamchefs, Sportdirektoren, beschließen Strukturänderungen und Entlassungen. Derzeit haben die Männer in Anzug und Krawatte Hochsaison. Nach Teamchef Marcel Koller wurde auch Sportdirektor Willi Ruttensteiner hinausgeschmissen – ausgerechnet jener Mann, der den Fußballverband strategisch auf Vordermann gebracht hatte. Sogar Teamspieler Marc Janko fragte verwundert: "Was hat denn bitte der Willi verbrochen?"

Während die Landespräsidenten gerade alle wichtigen Posten nach undurchschaubaren Kriterien neu besetzen, wenden sich die Legenden des Sports in bunten Boulevardblättern an Millionen von Lesern, um ungeniert persönliche Kämpfe auszufechten und alte Freunde in wichtige Ämter zu reklamieren. Der österreichische Fußball, gerade noch für seine Modernisierung bewundert, steuert zurück in längst überwunden geglaubte Zeiten der Intrigen, Machtkämpfe und Freunderlwirtschaft.

Die Hauptdarsteller der aktuellen Provinzposse: Herbert Hübel, Salzburger Rechtsanwalt, der gerne bestimmend im Hintergrund agiert und sich von der "Kronen Zeitung" mit den Worten zitieren ließ: "Wenn ich den Windtner (ÖFB-Präsident Leo Windtner, Anm.) nur anseh, wird er blass." Johann Gartner, niederösterreichischer Bürgermeister, der gegenüber Journalisten gern Interna ausplaudert und bisweilen ansatzlos drauflos poltert. Josef Geisler, Tiroler Richter, der Praktikern den Vorzug gegenüber Theoretikern gibt. Auf der anderen Seite stehen im gespaltenen Männerbund ÖFB dessen Präsident Windtner, der momentan aber nicht wie ein Oberhaupt wirkt. Dabei sah sich der pensionierte Chef der oberösterreichischen Energie AG lange als Macher – mit Ruttensteiner als seinem wissenschaftlichen Adlatus und sich selbst als entschlossenem Durchsetzer. Doch die Machtverhältnisse haben sich verschoben. In kleinem Kreis sagte Windtner unlängst, dass es bei der Ruttensteiner-Ablöse um alte Rechnungen gehe, die nun beglichen würden. Ihm seien dabei die Hände gebunden. Auf Windtners Linie ist der Oberösterreicher Gerhard Götschhofer, Rechtsanwalt, der sich derzeit gar ein wenig schämt: "Sogar die Spieler sagen schon: Was machen die Volltrotteln?"

Eigentlich sind die Landeschefs für ihre Länder zuständig – auf Dorfplätzen und in Provinzkantinen. Das ist natürlich weniger glamourös als die große Fußballbühne. Einige genießen das ungewohnte Scheinwerferlicht. Täglich erscheinen teils groteske Interviews. Dabei widersprechen die Herren einander öffentlich, plaudern Interna aus und lassen den österreichischen Fußballbund wie einen Amateurverein aussehen. Der ÖFB versucht zu glätten – intern laufe alles hochprofessionell. Dumm nur, dass der Präsident selbst zugab, die Entscheidungen seiner Kollegen seien "keine Frage der Kompetenz, sondern des gesetzten Rechts".


Alles ein bisserl einfacher, da ist nichts Falsches dabei. Wir sind nicht Barcelona. Wir sind auch nicht der DFB.

Die Männer, an denen das Wohl des österreichischen Fußballs hängt, sind keine Fachleute. Nur der Kärntner Vertreter, Klaus Mitterdorfer, hat eine Trainerlizenz. Einige fallen regelmäßig mit seltsamen Ansätzen auf: Der Salzburger Herbert Hübel etwa forderte einst, statt gut ausgebildeter Trainer auch ungelernte Familienväter im regionalen Nachwuchs zuzulassen. "Es werden Sachen vorgegeben, die in der Praxis zu viel sind. In manchen Dingen sollten wir zu den Wurzeln zurückkommen. Alles ein bisserl einfacher, da ist nichts Falsches dabei. Wir sind nicht Barcelona. Wir sind auch nicht der DFB." Der Tiroler Josef Geisler sprach: "Grau ist alle Theorie, sie bringt den Fußball nicht weiter."

Das jüngste Werk der ehrenamtlichen Entscheidungsträger: Die Fußball-Legende Peter Schöttel ersetzt Willi Ruttensteiner als Sportdirektor – und damit das Hirn des Verbandes. Der Neue arbeitete zuletzt vor zwölf Jahren in einer vergleichbaren Position und verkündete bei seiner Präsentation zur Überraschung des Publikums: "Ich kann Ihnen kein detailliertes Konzept geben. Ich sage es ganz ehrlich." Die Posse, kurz erklärt: Eigentlich war vereinbart, dass Ruttensteiner seine Position mit einer umfassenden Analyse retten könne. "Wenn er etwas präsentiert, das passt, wird er seine Chance bekommen", betonte der niederösterreichische Landespräsident Gartner. Gleichzeitig wurde ein Gegenkandidat aufgetrieben und ein Duell inszeniert. Schon Tage davor war durchgesickert, dass Schöttel den Job in der Tasche habe. Da erklärte der Wiener Verbandspräsident Robert Sedlacek noch: "Es wird sicher keiner genommen, der schlechter als Ruttensteiner ist." In der entscheidenden Sitzung stand es am Ende 8:5 für Schöttel – obwohl Ruttensteiners Analyse von allen gelobt wurde und Schöttel nur ein paar Stehsätze präsentierte.

"Ich kann Ihnen nicht sagen, was für ihn gesprochen hat. Man wollte einfach neue Wege gehen", erklärte der Niederösterreicher Gartner, der für Schöttel gestimmt hatte. Schließlich stellte der Wiener Sedlacek klar, Ruttensteiner habe sich einfach "zu viele Feinde geschaffen". Sein neumodernes Geschwätz und sein stetiger Aufstieg hatten einigen Landeschefs schon lange widerstrebt. Ruttensteiner war Chef der Trainerausbildung, Chef der Akademien, Chef der Frauen, Chef im Nachwuchs, Chef des Teamchefs – zu viel Chef für die Landeschefs. Der Tiroler Josef Geisler forderte bereits nach der Koller-Bestellung trotzig: "Wenn der Teamchef scheitert, muss auch Ruttensteiner gehen."

Internationale Experten loben Ruttensteiners Arbeit in den höchsten Tönen. Viele heimische Legenden dagegen beklatschen seine Demontage in ihren Zeitungskolumnen. Altstar Michael Konsel schrieb in der "Kronen Zeitung" von einer "nötigen Kurskorrektur". Seine Begründung: Ruttensteiner habe ihm einmal eine Anstellung im ÖFB zunichte gemacht. In Deutschland dagegen vertraue man "auf erfahrene und erfolgreiche Ex-Spieler". Auch Herbert Prohaska und Toni Polster warfen dem Sportchef schon vor, die Helden von einst nicht ausreichend mit Posten zu versorgen.

Toni Polster: Der "Österreich"-Kolumnist urgiert regelmäßig hohe ÖFB-Posten für die Helden von damals.

Lange trainierten in Österreich ehemalige Fußballhelden die Nationalmannschaft. Nachdem Willi Ruttensteiner jahrelang unsichtbar im Nachwuchsbereich gewerkt hatte, durfte er vor der Koller-Bestellung im Herbst 2011 den Teamchef aussuchen. Einige Landespräsidenten waren nachhaltig verärgert, als sie den Vorschlag des Sportdirektors abnicken mussten, anstatt selbst mitzumischen. Früher war die Teamchefsuche immer ein großes Fest gewesen. Jeder Landeschef versuchte, seinen Kandidaten durchzubringen, der Tiroler einen Tiroler, der Wiener einen Wiener usw. Es wurden Allianzen geschmiedet und Mehrheiten gebildet. Das ÖFB-Entscheidungsgremium hatte dabei meistens kein glückliches Händchen. Mit Hans Krankl, Josef Hickersberger, Karel Brückner und Didi Constantini gab es keine zählbaren Erfolge. Willi Ruttensteiners Erfindung Marcel Koller brachte Österreich dagegen bis in die Top Ten der Welt.


Werdet’s sehen, der nächste bin ich.

ÖFB-Präsident Windtner dachte in den Zeiten des Erfolges gar über eine stille Entmachtung der Gremiumsmitglieder nach. Gerne hätte er den eitlen Herren eine Expertenrunde zur Seite gestellt, damit ihre Beschlüsse, so sagte er einst, "von Expertise beeinflusst" würden. Jetzt bekommt Windtner die Rechnung für seine frechen Ideen präsentiert. Ein Korruptionsvorwurf wegen einer Fördermittel-Überweisung des einstigen FIFA-Chefs Sepp Blatter hat die Stellung des Präsidenten zusätzlich geschwächt. Der Salzburger Verbandspräsident Herbert Hübel stimmte zuletzt gar für Windtners Ablöse. Bei seiner Wiederwahl vor wenigen Monaten machte dieser seinen Kollegen Zugeständnisse. Es wurden neue Vizepräsidenten bestellt, der Mediendirektor wurde entlassen. Willi Ruttensteiner soll danach in kleinem Kreis gesagt haben: "Werdet’s sehen, der nächste bin ich."

Wer mit den Entscheidungsträgern spricht, spürt ihre Eifersucht. Ruttensteiner wollte sich in der Öffentlichkeit sonnen, sagen sie. Er sei egozentrisch, eitel, neunmalklug, dazu forderte er in Erfolgszeiten mehr Gehalt. Der stichhaltigste Vorwurf: Er habe die Probleme der Nationalmannschaft zu lange negiert oder zumindest die Landesfürsten nicht rechtzeitig eingeweiht. Ein Funktionär gab Ruttensteiner einst den freundschaftlichen Rat, doch einmal auf ein Glas Wein mit den Verbandspräsidenten zu gehen. Dort könne er ihnen umgangssprachlich seine Vorhaben erklären, anstatt neben Powerpoint-Folien zu dozieren. "Aber das wollte der Willi nicht." Ruttensteiner gefällt sich als Vortragender auf internationalen Kongressen, nicht beim Spritzertrinken am Heurigentisch.

Dabei hätten sich einige Landespräsidenten durchaus für einen Verbleib von Koller und Ruttensteiner erwärmen können. Doch die drei Bundesligavertreter drehten das Blatt – mit ihren Stimmen für einen Kandidaten, von dem keiner erklären kann, warum er besser sein soll als sein Vorgänger. Im Hintergrund kursieren viele Geschichten und Gerüchte. Alle erzählen von Interessen, Gegengeschäften und offenen Rechnungen. Im ÖFB will man von alledem nichts wissen: Man habe ein hochseriöses Auswahlverfahren abgehalten, mit über einem Dutzend österreichischer Sportdirektor-Kandidaten. Das kritische Onlineportal 90minuten.at fragte bei allen nach. Niemand war kontaktiert worden.

Viele fürchten jetzt die Rückkehr des Provinzialismus und der Freunderlwirtschaft, die den österreichischen Fußball so lange geißelten. Bei der letzten Teamchefwahl verhinderte Ruttensteiner eine nicht ausreichend qualifizierte Legende, indem er "internationale Erfahrung" und "gewonnene Titel" ins Anforderungsprofil schrieb. Peter Schöttel vollzog sofort eine Kurskorrektur: Er möchte einen Österreicher als Teamchef. Sein früherer Mannschaftskollege Andreas Herzog dürfte ein aussichtsreicher Kandidat sein.

ÖFB-Präsident Leo Windtner und der neue Sportdirektor Peter Schöttel

Peter Schöttel (r.): Der neue Sportdirektor des ÖFB überraschte zum Amtsantritt mit einem Geständnis: "Ich kann Ihnen kein detailliertes Konzept geben. Ich sage es ganz ehrlich."

Schöttel sagt, was seine ehemaligen Mitspieler hören wollen. Vielen Legenden bleibt aktuell nur ein Platz in der Loge des Fußballzirkus – als Fernsehexperte oder Zeitungskolumnist. Schöttel könne nur "ein erster Schritt hin zu einer Kurskorrektur sein", forderte Konsel. "Herzog als Teamchef wäre überfallig", dozierte Polster. Die bunten Boulevardblätter sind zum Lautsprecher der verzagten Legenden geworden. Konsel gab gar den doppelten Lobbyisten: Er empfahl Herzog als Teamchef und sich selbst als Tormanntrainer. Dabei hat Herzog noch keine Profimannschaft trainiert, und Konsel besitzt nicht einmal den Trainerschein.


Was sich gerade abspielt, erinnert an alte Zeiten, als der ÖFB eine sehr kleine Rolle in Europas Fußball spielte. Jetzt könnte alles zusammenfallen.

Es gibt Nationalspieler, die die Nachrichtenlage zunehmend verzweifelt verfolgen. Viele aus der heutigen Generation wechselten früh ins Ausland und arbeiten unter renommierten Strategen. Mit dem oft skurrilen heimischen Fußball verbindet sie nicht mehr viel. "Was sich gerade abspielt, erinnert an alte Zeiten, als der ÖFB eine sehr kleine Rolle in Europas Fußball spielte. Jetzt könnte alles zusammenfallen. Ich habe das Gefühl, dass sehr schwere Zeiten auf uns zukommen", sorgt sich Teamspieler Martin Harnik. Noch sucht der ÖFB einen neuen Teamchef. Gehandelt werden die üblichen Verdächtigen. Am Ende entscheiden die ehrenamtlichen Funktionäre. "Ich denke, dass die Spieler einen fachlich schlechten Trainer nicht mehr akzeptieren würden, weil uns allen bewusst ist, dass das international nicht reicht", betont ein Teamspieler.

Auf nationaler Ebene macht man sich da weniger Sorgen. "Nehmt es leicht, das Ganze", meinte der Salzburger Landespräsident Herbert Hübel jüngst im ORF. Soll heißen: Fußball ist kein Denksport.

Lesen Sie auch:

Franco Foda ist neuer österreichischer Teamchef