Thilo Sarrazin: Mensch des Jahres 2010

Thilo Sarrazin: Mensch des Jahres 2010

Niemand hat 2010 die politische Debatte im deutschen Sprachraum so stark geprägt wie der frühere SPD-Politiker und mittlerweile geschasste Bundesbanker Thilo Sarrazin mit seinem Buch "Deutschland schafft sich ab". Ein Besuch beim Star der Neuen Deutschen Ungemütlichkeit.

D-14052 Berlin, Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf, Ortsteil Westend: Hier ist Thilo Sarrazins Deutschland noch so, wie es sein sollte. Wenn der ehemalige Bundesbanker aus dem Blumenfenster seines Einfamilienhauses blickt, darf er sich zu Hause fühlen. In den Parkbuchten der Wohnstraße, die ihren Wohlstand bescheiden hinter Hecken und Zäunen versteckt, stehen Mittelklasseautos, da und dort ein Volvo und ein Mercedes C-Klasse. Die Gärten lassen auch unter der dicken Schneedecke erahnen, dass der Rasen im Sommer akkurat getrimmt ist.

Zwei Kirchen befinden sich in unmittelbarer Nähe, eine katholische und eine anglikanische; zwei Kindergärten, der eine konfessionell, der andere nach Waldorf-Pädagogik; eine Volksschule, ein Gymnasium mit mathematisch-naturwissenschaftlichem und neusprachlichem Schwerpunkt und eine Stadtteilbibliothek, die 5000 Romane, 7000 Sachbücher und 8000 Bände Kinder- und Jugendliteratur bereithält.

In dieser Straße deutet nichts, aber auch gar nichts auf die apokalyptischen Umwälzungen hin, die Sarrazin prophezeit: Die gesamte mitteleuropäische Geistes- und Lebenskultur, davon sind er und Millionen seiner Anhänger überzeugt, ist von der Auslöschung bedroht
- durch eine metastasenartig wuchernde Unterschicht ungebildeter, moslemischer Zuwanderer, die sich in den Ghettos der urbanen Agglomerationen breitmacht und bereits ansetzt, auch das flache Land zu erobern.

Das ist die Vision, die Thilo Sarrazin erdacht, errechnet und in seinem Bestseller "Deutschland schafft sich ab" niedergeschrieben hat. Seit seiner Erstveröffentlichung vor vier Monaten ist der Sachbuch-Schocker 1,2 Millionen Mal über den Ladentisch gegangen. Seinen Autor hat das Buch den wohldotierten Job in der deutschen Bundesbank gekostet, es hat ihm nach 37 Jahren Mitgliedschaft in der SPD ein Ausschlussverfahren eingebrockt, aber es hat ihn auch schlagartig reich gemacht und zu einer Legende werden lassen: Sarrazin ist heute der Star der Neuen Deutschen Ungemütlichkeit, einer Art provokantem Bildungsbürger-Punk mit abendländischer No-Future-Tristesse, verbitterter Rechthaberei und aggressiv-trotziger Stinkefingergeste in Richtung moslemischer Migranten.

Die Anhänger dieser Haltung findet man auch in Österreich, und sie sehen sich gerne als schweigende Mehrheit, der eine Diktatur der "politischen Korrektheit" verbietet, die Wahrheit über die unaufhaltsame Islamisierung Europas mit all ihren scheußlichen Konsequenzen auszusprechen. Mit dem hochgebildeten, als Sozialdemokrat jeglicher rechtsextremer Gesinnung unverdächtigen Ökonomen Sarrazin fiel in diesem Jahr das Schweigegebot, und angesichts des Stroms an Leserbriefen und Online-Postings barsten alle imaginierten oder tatsächlich von den verachteten Gutmenschen errichteten Dämme.

Ganz Deutschland debattierte über die Zukunft und den Charakter seines Volks und seiner Leitkultur: Das ist keine geringe Leistung für einen Mann, der in der Öffentlichkeit bis dahin allenfalls als gelegentlicher Zwischenrufer vom konservativen Rand der SPD wahrgenommen worden war.

Die Redaktion von profil hat Sarrazin in offener Abstimmung zum "Menschen des Jahres" gewählt. Das ist keine Sympathiekundgebung. Es spiegelt wertfrei die Bedeutung Sarrazins für den gesellschaftlichen Diskurs wider. Und es widerspricht auch nicht der von profil im vergangenen Jahr getroffenen Entscheidung für Arigona Zogaj - die junge Frau, die in Österreich eine Diskussion über den Umgang mit Asylwerbern erzwungen hatte.

Neben Sarrazin standen auch andere Kandidaten für den Titel "Mensch des Jahres" zur Wahl: etwa Kardinal Christoph Schönborn - in erster Linie aufgrund seines geschickten Taktierens in der Missbrauchsaffäre. Oder Julian Assange wegen der atemberaubenden Enthüllungen von WikiLeaks.

Dass es letztlich die "Oberkrawallschachtel" ("die tageszeitung") Sarrazin geworden ist, liegt vor allem daran, dass "Deutschland schafft sich ab" auch in Österreich die politische Auseinandersetzung über weite Strecken bestimmt hat. Dass seine Thesen zu Integration und Islam so etwas wie Leitlinien im Wiener Wahlkampf wurden, konnte Sarrazin weder planen noch ahnen - es ist mehr der Tatsache geschuldet, dass sich die Öffentlichkeit hierzulande bereits seit Jahren nahezu obsessiv mit Zuwanderung, Integration und Islamisierung beschäftigt. In Österreich wurde vieles von dem, was Sarrazin mittels Tabellen, Fakten und Prognosen zu untermauern versucht, hundertfach aus dem Bauch heraus formuliert. Von den Freiheitlichen sehr deutlich, von den Hardlinern der ÖVP etwas verklausulierter. Und wenn die SPÖ schon nichts Einschlägiges sagte, dann sagte sie wenig dagegen. Irgendwo tief in sich drin fanden viele ihren Sarrazin - Rechte ebenso wie Liberale und Linke: die einen in der Frage des Verbots von Burkas und Minaretten, andere in der Empörung über die Transferleistungen an bildungsferne Migranten, wieder andere in der Verteidigung der Frauenrechte gegenüber ihrer Unterdrückung durch einen religiös argumentierten Patriarchalismus.

Für Deutschland, wo der politische Cordon sanitaire gegen rechte Rüpeleien seit dem Untergang des Dritten Reichs respektiert und aufrechterhalten wird, waren Sarrazins Aussagen ein Tabubruch. Hierzulande wurden sie eher als willkommene Bestätigung ohnehin gängiger Vorurteile gegen Zuwanderer, Asylwerber und Moslems wahrgenommen - dankenswerterweise in makellosem Deutsch abgefasst, von einem Autor ohne Nazi-Hintergrund. Die Bedeutung von "Deutschland schafft sich ab" für Österreich liegt aber auch in der Zukunft: Man braucht kein Prophet zu sein, um vorauszusagen, dass Sarrazins Thesen die politische Auseinandersetzung, die Agenda der Parteien und damit die Wahlkämpfe zumindest in absehbarer Zukunft mitbestimmen werden.

Es lässt sich nicht gut streiten mit Thilo Sarrazin: Lust an einer Diskussion ist ihm beim profil-Interview nicht anzumerken - dafür eine große daran, Recht zu behalten. Jedes denkbare Gegenargument meint er an irgendeiner Stelle seines Buchs bereits entkräftet zu haben. Den Einwand, dass soziale und gesellschaftliche Entwicklungen nicht mit logischer Folgerichtigkeit ablaufen und daher nur bedingt voraussehbar sind, wischt er unter Hinweis auf Rechenmodelle beiseite. Passt ihm eine Prognose wie etwa jene der UN, die eine deutliche Abschwächung des Bevölkerungsrückgangs in Europa bis 2050 voraussagt, nicht ins Bild, tut er sie als "wenig wahrscheinlich" ab.

Die Frage nach persönlichen Erfahrungen abseits der Zahlen lässt er nicht gelten. Thilo Sarrazins Haus liegt keine halbe Stunde U-Bahn-Fahrt von den Problemvierteln von Berlin entfernt. Dort sei er "höchstens mal auf Durchfahrt" gewesen, hat er dem "Spiegel" kürzlich erklärt. Aber er könne ja Statistiken lesen, und daraus ergebe sich ein klares Bild.

Und das pflegt er hier draußen in seinem Haus am Berliner Westend: Hier, im Wohnzimmer, ist alles zweckmäßig und preisgünstig, die Sitzgarnitur, der Esstisch, die Bücherregale. An den Wänden hängen Landschaftsaquarelle, ein paar Radierungen und Kunstdrucke, im Treppenaufgang selbst geschossene Fotos. Ein bisschen Weihnachtsdekoration: Adventsterne, zwei Schäfchen, Nikoläuse. In den Bücherregalen: viele Paperback-Ausgaben von Politthrillern auf Englisch. Agatha Christie im Schuber. Zeitgenössische deutsche Literatur, von Siegfried Lenz bis Elfriede Jelinek. Klassiker, klar doch. Ein paar Sachbücher, etwa "Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen" von Jared Diamond. Der Großteil der Fachliteratur, die er für sein Buch durchforstet hat, lagert oben im Arbeitszimmer.

Der Hausherr trägt zu Sakko und gedeckter Krawatte schwarze Hausschlapfen.

Auf seine Weise ist Sarrazin ein brillanter Verteidiger seines Buchs. Er legt Wert darauf, dass es mehr ist als eine Abrechnung mit dem Islam, und damit hat er Recht. Eigentlich hatte er beim Schreiben Titel wie "Deutschland im Abendlicht" oder "Deutschendämmerung" im Kopf. Tatsächlich sind die 460 Seiten, die dabei entstanden, über weite Strecken ein Abgesang auf die Werte, Tugenden und Traditionen des deutschen Bildungsbürgertums: Disziplin, Fleiß, Pünktlichkeit. Zudem besteht "Deutschland schafft sich ab" in einer Anklage gegen diejenigen, die Sarrazin dafür verantwortlich macht, also die "Freunde des Sozialstaates" - zu denen er sich, obwohl Sozialdemokrat, eher nicht zählt - in Tateinheit mit faulen, sich falsch ernährenden, dummen und dazu noch überdurchschnittlich fruchtbaren Zuwanderern. Hinzu kommen direkte Rückschlüsse erbbiologischer Faktoren auf die Intelligenzentwicklung ganzer Bevölkerungsgruppen. Hier bewegt sich Sarrazin auf vermintem Terrain. Er plädiert für eine eugenische Demografie, also eine nach Erbkriterien gesteuerte Bevölkerungspolitik, und argumentiert schnoddrig mit Sätzen wie: "Jeder Hunde- und Pferdezüchter lebt davon, dass es große Unterschiede im Temperament und Begabungsprofil der Tiere gibt und dass diese Unterschiede erblich sind."

Sarrazins Vorschläge, wie Deutschland zu retten sei, laufen auf eine am Reißbrett geplante Gesellschaft hinaus, in der selbst die individuelle Lebensführung streng rationalen Kriterien zu folgen hat. Nicht von ungefähr bezeichnet sich Sarrazin selbst gerne als "Sozialingenieur".

Partei will der Ingenieur keine gründen. Er vermutet, dass er zumindest noch bis zum Herbst 2011 SPD-Mitglied bleiben wird. Die Parteiführung werde es in einem Wahljahr nicht wagen, ihn auszuschließen, sondern die Entscheidung hinausschieben.

Denkt Sarrazin bereits über sein nächstes Buch nach? Ein listiges Lächeln huscht über sein Gesicht. "Deutschland schafft sich ab" sei sehr überraschend erschienen, sagt er - "ein Weckruf" und falls er ein weiteres Buch verfassen werde, solle das wieder so sein.

Erstmals erschienen am 3.1.2011 in profil 1/2011.