QUEEN ELISABETH II.

QUEEN ELISABETH II.

© Max Mumby / Indigo / getty images

Gesellschaft
04/25/2022

Tina Brown über die Windsors: Handgranaten in Hermelin

In „Palace Papers“, Tina Browns diese Woche erscheinendem Enthüllungsbuch, liefert die Journalistin so detailreiche wie intime Kenntnisse über das Backstage-Leben der öffentlichsten Familie der Welt.

von Angelika Hager

Hätten die Windsors die Job-Description von Queen Mary, der Großmutter der heutigen Königin, beherzigt, wäre dieses Buch wohl weniger prickelnd ausgefallen. Deren Berufungscredo lautete nämlich: "Wir sind Mitglieder der britischen Königsfamilie. Wir sind niemals müde, und wir alle lieben Krankenhäuser."

Die erste "Handgranate" mit Hermelinbesatz, wie die Autorin des Insider-Wälzers "Palace Papers",Tina Brown, royale Erschütterungen umschreibt, warf schon Queen Marys Sohn und Elizabeths Onkel, der "erste Rockstar" der Dynastie, Edward VIII., als er wegen Wallis Simpson 1936 abdankte, um ein Leben zu führen, in dem er im feudalen Pariser Exil Geburtstagspartys für seine Möpse schmiss und die Nazis sympathisch fand. Seine Mutter weigerte sich zeitlebens, die amerikanische Gattin zu treffen. Edwards Exodus hätte die spätere Elizabeth II. möglicherweise mit jenem Satz bedacht, mit dem sie üblicherweise die "Handgranaten"-Würfe seitens ihrer Kinder und Kindeskinder seufzend begleitet: "So weit musste es jetzt noch kommen."

Diesen Satz wird "Lilibeth", wie sie im intimen Kreis genannt wird, in den vergangenen drei Jahren öfter ausgestoßen haben, wobei 2019/20 zu einem "annus horribilis revivus" mutierte - in Referenz zu jenem Katastrophenjahr 1992, in dem Windsor brannte und die Ehen ihrer drei Kinder in Trümmern lagen. Die Horror-Reanimation hat vor allem den bisherigen Lieblingsenkel Harry zum Urheber, der in den Klauen der amerikanischen geschiedenen B-Schauspielerin Meghan Markle zappelt, die ihn wiederum aus den Fängen der verknöcherten Verwandtschaft zu retten versucht und aus ihm eine gewöhnliche Super-Celebrity zu zimmern gedenkt. So weit der Plot.

In dem aus dem "Megxit" (so der Pressejargon für Harrys und Meghans Ausstieg aus dem Zirkus Krone) resultierenden Interview mit Oprah Winfrey vor 49 Millionen Menschen im März 2021, zu einem Zeitpunkt also, als Harrys Großvater Prinz Philip im Sterben lag, verdammt die Herzogin von Sussex, so Meghans offizieller Titel, mit dramatischem Make-up den über ein Jahrtausend alten Laden als rassistisch, xenophob und selbstmordgefährdend. Für Brown ein klares Indiz dafür, dass Meghan von "ungeheurem Hochmut" angetrieben war und "es kaum abwarten konnte, jedes Stück Kuchen, das ihr auf dem Promibuffet angeboten wurde" in sich hineinzustopfen.

Brown attestiert Meghan nicht nur den knallharten Willen, sich in den Fußstapfen von Diana zu inszenieren, sondern auch zu lügen: "Die Behauptung, sie hätte sich an die Personalabteilung des Palastes wegen schwerer Depressionen wenden wollen, ist so absurd wie unaufrichtig." Schließlich habe Harry sieben Jahre Therapie hinter sich gebracht, ist Schirmherr einiger Organisationen für seelische Gesundheit und sollte wissen, dass man zur Behandlung von postpartalen Depressionen Profis braucht.

Dann, quasi als Sahnehäubchen des Horrors, kam noch der Super-GAU mit Andrew, tatsächlich der Lieblingssohn der Queen, der sie beim Memorialservice für Prinz Philip am Arm in die Kirche geleitete, als wollte sie der Welt demonstrieren: "Er ist noch immer mein Sohn!" Neuerdings, so Brown, reite Andrew wieder verstärkt: "Schließlich ist das einzige Wesen, das noch mit ihm spricht, sein Pferd." Sein One-on-One-Interview mit einer der hartnäckigsten TV-Interviewerinnen der BBC, nämlich Emily Maitlis, kam einer "Übung in Selbstzerfleischung" gleich: Andrew stotterte und schwitzte, auf YouTube nachzusehen, und hatte keine klaren Ansagen, wieso er weiter Kontakt zu Jeffrey Epstein - einem im Juli 2019 wegen sexuellen Missbrauchs und Menschenhandels verurteilten Straftäter - unterhalten hatte, gleichzeitig leugnete er, Sex mit der zum fragwürdigen Zeitpunkt Minderjährigen Virginia Roberts Giuffre gehabt zu haben. Die Queen tätigte später eine außergerichtliche Vergleichszahlung in der Höhe von 14 Millionen Euro aus ihrer Privatkasse. Der Königin sei der Champagner-Schlaftrunk auf Windsor beim Fernsehen nahezu aus der Hand gefallen, hatte sie doch ein harmloses Interview über Andrews offizielle Pflichten erwartet. "Es ist tatsächlich so: Kaum setzt sich ein Royal mit einem Journalisten allein zu einem Interview an den Tisch, wird daraus immer eine Katastrophe", so Brown, das konnte man an Diana, Charles, Meghan und Harry und am heftigsten an Andrew sehen.

Die Kampfparole der Königin nach Dianas Tod 1997 lautete: "Nie wieder Diana!", wie Brown mehrfach erzählt wurde. Nie wieder sollte eine solche Charisma-Power, wie sie die Prinzessin von Wales hatte, alle anderen Royals, egal wie vielen Obdachlosen, Minenopfern und Kriegsversehrten sie auch die Scheitel streichelte, ins Schattenreich der Nichtwahrnehmung stellen. Wobei Brown auch Diana, der sie ein magisches Talent für die Instrumentalisierung der Medien, als deren Opfer sie sich gern darstellte, attestiert, ambivalent beschreibt. Wenn Diana mit ihren Söhnen volksnah bei McDonald's einkehrte, wurden die Fotografen von ihrer Crew dorthin beordert. Ebenso, wenn sie einen Liebhaber dazu benutzte, einen anderen eifersüchtig zu machen. Brutal verfuhr die Prinzessin auch mit jenen Kindermädchen, die möglicherweise eine ähnliche Zuwendung von den Prinzen erfuhren wie sie selbst: "Die verschwanden dann sehr schnell und ohne Erklärung aus deren Leben."

Dass Tina Browns Insider-Bericht über die öffentlichste Familie der Welt nicht zur bevorzugten Bettlektüre der Windsors gehören wird, war klar. Zeigt sie doch deren Protagonisten als äußerst "sterbliche" Wesen, voller Schwächen, die in ihrer verzweifelten Bemühung, so normal wie möglich zu wirken, noch exzentrischer und weltfremder erscheinen, als sie ohnehin schon waren. Da wird der Thronfolger Charles als ein weltfremder Exzentriker beschrieben, der wie besessen von seinem Image in der Öffentlichkeit ist, dann manchmal wie "ein verfrorenes kleines Kind in Camillas Küche saß" und eher drei Mal nach einem Diener klingelt, als sich selbst einen Drink zu mixen. Im Gegensatz zu den Repräsentanten der "Fleet Street" - so das Synonym für die oft mit skrupellosen Hacker - und Abhörmethoden arbeitende britische Boulevardpresse - gilt Tina Brown, 68, als hochetablierte Ikone des Qualitätsjournalismus. Die ehemals erfolgreiche Chefredakteurin von "Vanity Fair", dem "New Yorker" und (ein weniger rühmlicher Schritt in ihrer Karriere) "Newsweek" hatte schon 2007 weltweit mit ihren "Diana Chronicles", der bis heute smartesten Biografie der Prinzessin von Wales, Aufsehen erregt. Brown führte für die "Palace Papers" an die 120 Interviews mit Gesprächspartnern aus dem nächsten Umfeld der Royals, darunter auch häufig mit Ex-Personal in Form von Beratern, aber auch "Freunden" der drei "Haushalte", wie die PR-Büros der jeweiligen Protagonisten heißen. Die führenden Haushalte waren der Buckingham Palace (die Queen), Clarence House (Charles und Camilla) und Kensington Palace (William und Kate): PR-Super-GAUS innerhalb der Firma kamen auch deswegen immer wieder zustande, weil die drei Lager in einer Art Konkurrenzverhältnis zueinander stehen. So verzieh Charles Harry nicht, dass sein Zweitgeborener während seiner Neuseeland-Tour mit Camilla auf dessen Website in Spencer'schem-Furor verkündet hatte, dass er nicht zulassen werde, dass "seine Frau ebenso zur Ware werde" wie seine Mutter, und somit ein ehernes Gesetz brach: Wenn ein Familienmitglied mitsamt seinem Tross für Sympathiewerte tourt, haben sich die Daheimgebliebenen ruhig zu verhalten, um keine Aufmerksamkeit abzusaugen.

Noch aus ihren Recherchen zur Diana-Biografie weiß Brown, dass die Aura pensionierter oder entlassener Höflinge alles andere als glamourös ist: In ihren Einzimmerwohnungen "mit entlegenen Londoner Postleitzahlen und Zeitschaltern auf den Fluren" herrsche die "gedrückte Stimmung sozialen Abstiegs und sinnlos vornehmer Opferbereitschaft". Knausrigkeit zieht sich quer durch die Familie, nicht nur, was das Personal betrifft. Auch die jeweils zukünftigen Bräute und Ehefrauen der Windsor-Männer bekamen ihren Geiz zu spüren. Bei Weekend-Trips mussten sie manchmal ihre Tickets selbst bezahlen, und Charles' ultimative Demütigung von Diana war, als er ihr, bereits in unaufrichtiger Ehe, Strass-Schmuck schenkte. Die Prinzessin darauf im O-Ton: "So ein Scheißkerl!"

Emotionale Entgleisungen fanden im Haushalt Buckingham Palace so gut wie nie statt, dort herrschte "Etikette, bis das Blut gefriert". In einem privaten Gespräch zur Frage, ob Philip es nicht exzentrisch fand, dass seine Mutter Alice von Battenberg in den letzten Jahren ihres Lebens immer wieder in Nonnentracht auftrat, antwortete der kühl: "Das war überhaupt nicht exzentrisch. Statt Geld für Kleidung zu verschwenden und sich die Haare machen zu lassen, kleidete sie sich eben als Nonne."

Allein Camilla, die finanziell zwischen ihrer Scheidung und der Ehe mit dem Prinzen von Wales finanziell in der Luft hing und statt eines Studiums von ihrer Mutter Unterricht bekommen hatte, wie man fluffig Dinnerkonversation führt und schneidig auf ein Pferd steigt, wurde von Charles großzügig versorgt. Natürlich auch aus schlechtem Gewissen: Denn die Trauung im April 2005 machte der Thronfolger im Vorfeld durchaus auch abhängig von den Umfragewerten, die die Ankündigung einer solchen Eheschließung beim Volk hervorrief. Als das Barometer bei 92 Prozent Zuspruch stand, bestellte er das Aufgebot. Camilla, die Dauergeliebte von Charles seit den 1970er-Jahren, musste sich auf der Höhe der Diana-Hysterie im Supermarkt anspucken lassen und traute sich ein ganzes Jahr, nachdem ruchbar geworden war, dass Charles als Tampon in ihr wiedergeboren werden möchte, nicht mehr aus dem Haus. ("Ich habe endlich alles gelesen, was ich wollte.") Der Frau also, die ab 1973 von der Königin höchstpersönlich von allen Einladungslisten royaler Events gesetzt worden war, ist eines der wenigen Happy Ends in dem "maroden Vergnügungsparkunternehmen Monarchie" vergönnt.

Tatsächlich liest sich das 700 Seiten starke Kompendium wie eine süffige Mischung aus Psychoanalyse, Skandalroman, politischer Analyse, hochklassigem Gossip und Thriller. Objektivität kann man Tina Brown bei allen Bemühungen zur Ausgewogenheit dennoch nicht unterstellen: Das Buch ist zutiefst subjektiv und vor allem eine Liebeserklärung an jene Frau, die vergangenen Donnerstag ihren 96. Geburtstag und am 6. Februar den 70. Jahrestag ihrer Kronbesteigung feierte, in all diesen Jahren nie ein Interview gegeben hat und "um sich und ihre persönlichen Gedanken und Gefühle ein Leben lang einen starren Schutzwall errichtet hatte". Tatsächlich gibt es über die Queen wenig Frivolitäten zu berichten, außer dass sie abends gern einen Dubonnet schlürft, mit ihren Corgis den Windsor-Park durchkämmt und eine besessene Leidenschaft für Pferde hegt. Nur noch langweiliger, aber desto verlässlicher und umso passender für Krisenzeiten, mutet da das Leben von Kate und dem mit einer Lernschwäche und Geheimratsecken geschlagenen William mitsamt ihren drei fotogenen Kindern an.

Kate und Camilla haben verstanden, was Diana und vor allem Meghan nicht begriffen haben, nämlich dass die Monarchie ein goldener Käfig ist, an dessen Stäben nicht gerüttelt werden darf. Ein Promi arbeitet für sich selbst, ein Royal für seine Königin. Die "Sussex" haben "den entscheidenden und vernichtenden Schwenk auf die unsichere Seite der Gleichung vollzogen", so Brown, und sind ins Promilager abgewandert, wo man bekanntlich mit Ablaufdatum lebt.

Dass die Queen durchaus auch Humor und Bodenständigkeit besitzt, beschreibt Brown immer wieder. Als sie hörte, dass Ozzy Osbourne beim inzwischen legendären Konzert "Party At The Palace" anlässlich des goldenen Thronjubiläums auftreten wolle, ließ sie ihren Staff wissen: "Das geht schon in Ordnung, solang er keiner Fledermaus den Kopf abbeißt." Der Anblick von Michael Fawcett, Charles' Ex-Kammerdiener, entlockte ihr ein kaum hörbares "Um Himmels willen, ist der fett geworden!" in Richtung Philip. Dass sie mit Gefühlen schlecht umgehen kann, erzählte Brown ein iranischer Chirurg, der der Queen vom Leid seiner Patienten berichtete, bis ihm die Tränen kamen. Die Königin quittierte den Gefühlsausbruch, indem sie im Aufstehen sagte: "Ich denke, jetzt ist ein guter Zeitpunkt, dass die Hunde gefüttert werden." Dass ihr ihre Pferde und Hunde näher gewesen sein sollen als ihre Kinder, besitzt - so vernimmt man auch in Untertönen bei Brown - durchaus Wahrheitsgehalt. Auch dafür zeigt die selbst zweifache Mutter Verständnis: "Wenn Kinder eine Mutter durch ihr Benehmen umbringen könnten, wären das definitiv die der Queen. Wir sehen hier diese unglaublich bemerkenswerte Frau, die all ihre Kräfte sammelt, um irgendwie durch das "Platinum Jubilee" zu segeln, während dieser Kübel von Schmutz über ihre Familie geschüttet wird." Wobei man hinzufügen muss: Die Familie kübelte auch mit. Für die Königin hegt Brown nahezu zärtliche Gefühle. Was den Tod von Prinz Philip betrifft, schlägt Brown in den "Palace Papers" ungewohnt sentimentale Töne an: "Am Morgen des 9. April 2021 wurde der gebrechliche Lehnsmann der Königin von seinem Dienstleben erlöst. Sanft und voller Liebe ließ sie ihn gehen." Tatsächlich hatte die Pandemie der damals 94-jährigen Queen im Lockdown-Jahr 2020 "einen unerwarteten Segen zuteil werden lassen": Im letzten Jahr seines Lebens konnte das Paar auf Balmoral und Windsor mehr Zeit miteinander verbringen als während irgendeines ihrer 72 anderen Ehejahre. Streitpunkt in dieser Zeit war nur, wenn die Königin die Gespräche auf die Feierlichkeiten zu seinem 100. Geburtstag bringen wollte. Da zeterte er oft: "Ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen. Ich falle ja jetzt schon in Stücke."