Krieg in der Ukraine

Warum Wladimir Putin wie ein Psychopath agiert

Manische Lust an Manipulation und Provokation, dazu eine Unfähigkeit, mit Niederlagen umzugehen: Warum Wladimir Putin und andere mächtige Männer sich oft wie trotzige Kinder benehmen.

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Was als harmlose Geste zum Weltfrauentag getarnt war, kam in Wahrheit einem perfiden Faustschlag ins Gesicht des Feindes, also der gesamten westlichen Welt, gleich: Wladimir Putin besuchte zwei Tage vor dem 8. März, mitten in den erbittertsten Angriffen auf die Ukraine und deren Zivilbevölkerung, in Moskau die Frauendivision der russischen Fluglinie Aeroflot. Bei Tee und Kuchen erzählte er den stark geschminkten und in Ergebenheit schweigenden Stewardessen und Pilotinnen, dass sie sich trotz der weltweiten Sanktionen keine Sorgen machen müssten: „Ihr werdet fliegen!“

Das Video ging viral, an seiner Authentizität wurden aber insofern Zweifel angemeldet, als Wladimir Putin sich Gerüchten zufolge zu seiner Sicherheit in einem hochgerüsteten Bunker verbarrikadiert und mit der Tee-Show womöglich bloß signalisieren wollte: Mein Leben läuft trotz dieser kleinen Militäroperation im Nachbarland und der Sanktionen wie geschmiert weiter.

Manipulativer Zynismus ist eines von Putins Spezialgebieten; schließlich ist diese Disziplin auch ein Hauptgegenstand in der KGB-Ausbildung. Seinen Opponenten Alexej Nawalny, der einen Giftanschlag nur knapp überlebt hatte, bezeichnete er als „Clown“. Neben der spöttischen Verachtung für alles, was sich gegen den „Genossen Oberbefehlshaber“ stellt, macht sich in Putins Verhalten seit Beginn der Pandemie verstärkt eine andere Komponente bemerkbar: In Qualitätsmedien wie der „New York Times“ oder der französischen „Libération“ häufen sich Meldungen von Putins wachsender Paranoia, seinem Drang zur völligen Isolation, in der nur mehr eine handverlesene, immer kleiner werdende Schar von devoten Jasagern Zutritt fände.

Die Treffen mit Olaf Scholz und Emmanuel Macron im Vorfeld zur Katastrophe an einem inzwischen legendären sechs Meter langen Besprechungstisch unterstreichen diese These. Auch der Psychoanalytiker und Autor von „Narzissmus und Macht“, Hans-Jürgen Wirth (siehe Interview), beobachtet bei Putin einen Rückzug „in eine Blase, in der er sein Fantasma von der Wiederherstellung einer russischen Großmacht“ nährt. 

Alles, was diese Blase von Omnipotenz, Alleinherrschaft und Größenwahn entzünden könnte, wird ausgeblendet und eliminiert. 

Könnten Sie jetzt bitte einmal einen geraden Satz sagen!

 

Wladimir Putin liebt es, Untergebene vor allen anderen bloßzustellen.       

Während Putins 22-jähriger Herrschaft (davon fünf Jahre als Ministerpräsident)  kamen mehr als ein Dutzend Journalisten, die die Abgründe des totalitären Systems offenlegten, unter mysteriösen Umständen ums Leben. Putins Schreibtisch, so der „Financial Times“-Chefredakteur Lionel Barber, schmücke eine Bronze-Statue von Peter dem Großen, jenem Zaren (1682 bis 1721), der Putins historisches Idol ist.

Der Zar, der sich Kaiser nennen ließ, war ein Reformer, der Russland zur modernen Großmacht machte, den Würdenträgern die Bärte abschneiden ließ und von besonderer Grausamkeit gegen seine Widersacher war. Seinen einzigen Sohn ließ dieser zwei Meter große Machthaber und Begründer von Putins Heimatstadt Petersburg wegen Hochverrat zum Tode verurteilen; vor der Hinrichtung verordnete er 40 Peitschenhiebe, an denen der schwächliche Alexei noch vor der Urteilsvollstreckung zugrunde gehen sollte. 

Trotz des Schocks des Krieges ist die Welt gerade im Begriff, umzusatteln: Aus den Hobbyvirologen werden gegenwärtig entweder geopolitische Amateuranalytiker oder Freizeitpsychologen. Unter den Schlagworten „Putin“ und „Narzissmus“ finden sich bei Google schon 1,7 Millionen Einträge; eine mittlerweile fast ebenso inflationär gebrauchte Paarung stellen „Putin“ und „toxische Männlichkeit“ dar. Tatsächlich weist Wladimir Putin eine Verhaltenssymptomatik auf, die mit bloßem Narzissmus, der sich ja in einer verträglichen Dosierung als durchaus produktiv erweisen kann, nur bedingt zu erklären ist.

Seine nahezu parodistischen Inszenierungen, etwa hoch zu Ross mit blanker Brust in der Tundra, sind möglicherweise seinem Vorgänger Boris Jelzin geschuldet, dessen tattriges, vom Alkohol zerfurchtes Verhalten ihn in seinen Anfängen extrem beschämte. Beim Studium von Putins Interviews, etwa mit dem erstaunlich devoten Hollywood-Regisseur Oliver Stone oder dem angriffigen „ZIB“-Moderator Armin Wolf, erkennt man seine Lust am Versuch, den Gegner aus der Fassung zu bringen.

Manchmal spricht er extrem leise mit erstaunlich dünner Stimme, kritische Fragen werden mit vorgefertigten Lügenschablonen gekontert, echter Diskurs wird mit Spott im Keim erstickt. Seine jüngsten Fernsehansprachen oder diverse Videoclips, in denen man ihn Oligarchen („Habt ihr jetzt unterschrieben oder nicht?!“) oder seinen Geheimdienstchef Sergej Naryschkin („Könnten Sie bitte einmal einen geraden Satz sagen …“) wie unartige Kindergartenkinder abkanzeln sieht, zeigen, dass der Mann ohne einen Wimpernschlag Lügen referieren kann und wohl eine besondere Freude am sadistischen Vorführen von Untergebenen hat.

De facto passt Putins Verhalten wie maßgemacht auf das klassische Symptomraster eines Psychopathen: Es ist geprägt durch eine unbändige Lust an Manipulation und Provokation (wie wir sie auch an Donald Trump in bislang für das politische Weltparkett unvorstellbarem Ausmaß erlebt haben), schambefreites Lügen, fehlende Reue, mangelndes Mitgefühl, völlige Beratungsresistenz sowie unverantwortliches und impulsives Handeln. Dem Pokerface zum Trotz ist Putin, wie in einigen Biografien nachzulesen ist, bei aller Disziplin durchaus aggressionsbereit.

Als 14-Jähriger brach er einmal einem Mitschüler das Bein und begründete vor seiner Lehrerin die Tat mit den Worten: „Manchmal hilft einfach nur Gewalt.“ Auch Donald Trump schlug schon als Teenager einem Musiklehrer ein blaues Auge, weil er der Meinung war, dass der Mann nicht genügend Kompetenz besäße. Dass sich Machthaber von derlei psychologischer Ausstattung oft wie trotzige Kleinkinder benehmen, hängt auch mit der Tatsache zusammen, dass ihr Ich sich erfolgreich jedem Reifungsprozess verwehrte und sie häufig in ihrer Frustrationstoleranz im Kindesalter stecken geblieben sind. Dass sie dennoch nach oben segeln, ist ihrem Charisma, ihrem Durchsetzungsvermögen, ihrer Manipulationsfähigkeit und ihrem kalkuliert eingesetzten Charme zu verdanken. 

Der in Oxford lehrende Psychologe Kevin Dutton, dessen Spezialgebiet Psychopathologien sind, legte über Trump und viele andere Staatschefs, Wirtschaftsbosse und Politiker das Raster einer „psychopathischen Persönlichkeit“. Mit dem Ergebnis, dass Heinrich VIII. die Riege der Herrscher mit den höchsten psychopathischen Anteilen mit 178 Punkten anführt, knapp gefolgt von Donald Trump mit 172 Punkten, der damit genau zwei Punkte Vorsprung vor Adolf Hitler hatte. Hillary Clinton dümpelt bei dieser Analyse mit 152 Punkten im Mittelfeld zwischen Napoleon und Nero. Wladimir Putin fand erstaunlicherweise keine Erwähnung, allerdings liegt die Studie auch schon über ein Jahrzehnt zurück.

Man kann davon ausgehen, dass auch der britische Premier Boris Johnson oder der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro in ihrer erratischen Selbstherrlichkeit Mitglieder im Club gewesen wären. Beide zeichnet auch aus, was der Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth als „destruktiven Narzissmus“ bezeichnet. Johnson hat Putin indirekt sein politisches Überleben zu verdanken: Nach dem „Partygate“ in der Downing Street waren seine Umfragewerte in den Keller gerasselt; sein rigoroses, emotionales Auftreten gegen den russischen Machthaber ließen sie wieder in die Höhe schnellen.

Johnson im nordenglischen Brexit-Territorium weiter auf Siegeskurs

Wie menschenverachtend Johnson sein kann, erzählen diverse gefeuerte Berater. Im Zuge des zweiten Lockdowns soll Johnson, damals noch ein Verfechter der Herdenimmunität, symptomatisch für seine pathologische Selbstherrlichkeit gerufen haben: „Dann sollen sich die Leichen zu Tausenden stapeln.“ Ähnlich reagierte Jair Bolsonaro, der die Pandemie anfangs als Hirngespinst abgetan hatte.

Doch Brasilien und Großbritannien sind Demokratien, und  beide Politiker sind von der Gunst der Wähler abhängig. Sie werden nicht wie Putin bis zum Jahr 2036 ungeachtet aller Fehltritte herrschen können. 

In einer 2006 erschienenen BBC-Dokumentation über Putin („The New Tsar“) erklärte dieser: „Ich bin der reichste Mann, nicht nur in Europa, sondern auf der ganzen Welt: Ich sammle nämlich Emotionen.“ Und fügt hinzu: „Manchmal ist es notwendig, ganz allein zu sein, um zu beweisen, dass man recht hat.“ An das Gefühl der Einsamkeit wird er sich gewöhnen müssen. 

Angelika   Hager

Angelika Hager

leitet das Gesellschafts-Ressort