Twitter wird zehn: Eine Würdigung in sieben Hashtags

Twitter wird zehn: Eine Würdigung in sieben Hashtags

Der Kurznachrichtendienst Twitter feiert seinen zehnten Geburtstag. Das Unternehmen steckt zwar in einer Krise, doch eine Welt ohne Twitter wäre ärmer - vor allem ärmer an Aufregungen.

Nicht nur mehrere hochrangige Manager haben Twitter unlängst verlassen - auch Gott hat der Site den Rücken gekehrt. Der Account "God“ (zu finden unter @TheTweetofGod) hat seine Aktivitäten eingestellt. Das Tweeten habe zu viel Zeit, zu viel Energie, zu viel geistige Gewandtheit gefordert, erklärte der dafür verantwortliche US-Komödiant David Javerbaum, der 2,3 Millionen virtuelle Anhänger um sich geschart hatte. Auf dem Kurznachrichtendienst hieß es dazu lakonisch: #GodisDead. Und Twitter wirkt auch schon ziemlich angeschlagen.

Am 21. März 2006 hatte Jack Dorsey, einer der Gründer und inzwischen wieder Geschäftsführer, seinen ersten Tweet verfasst: "just setting up my twttr.“ Zehn Jahre später ist die Euphorie verflogen. Das börsennotierte Unternehmen sitzt zwar auf sehr viel Geld, schreibt aber Verluste: Im Vorjahr waren es 521 Millionen Dollar. Nutzer verliert die Site neuerdings auch. Im vierten Quartal 2015 hatte Twitter monatlich 305 Millionen aktive User, ein Quartal zuvor waren es noch 307 Millionen gewesen (exklusive jener Konsumenten, die Twitter nur per SMS nutzen).

Im kalifornischen Silicon Valley und an der Börse, die streng wachstumsfixiert sind, gilt dies als Schreckensbotschaft. Trotzdem ist Twitter weiterhin ein ungeheuer einflussreiches Tool. Der Kurznachrichtendienst mit der 140-Zeichen-Beschränkung hat die Art und Weise verändert, wie Politik kommuniziert wird, wie Aktivisten sich organisieren und worüber User sich ärgern. Selbst wer noch nie einen Blick auf twitter.com geworfen hat, kennt wohl Hashtags wie #aufschrei oder #unibrennt. Wie sehr Twitter das Internet und unsere Gesellschaft bereichert und wie ungewiss seine Zukunft dennoch ist, zeigen sieben Hashtags exemplarisch.

#ParisAttack

Manchmal wird Twitter als Medium belächelt, in dem Menschen Belanglosigkeiten verbreiten. Solche Häme zeugt aber von Unkenntnis: In erster Linie ist der Dienst ein Echtzeitmedium - es ist jener Kanal, den man aufruft, wenn man topaktuell informiert sein will. Am Abend des 13. November 2015 sprengten sich drei Selbstmordattentäter vor dem Pariser Fußballstadion Stade de France in die Luft; kurz darauf stürmten Terroristen die Konzerthalle Bataclan. Viele der frühen Informationen kamen über Twitter in Umlauf; selbst die großen Nachrichtensender stützten sich auf Tweets. Auf Twitter kann man Ereignisse besser als auf Facebook live verfolgen, was am technischen Aufbau der Seite liegt: Auf der Plattform werden bei den meisten Nutzern die Neuigkeiten bisher chronologisch gereiht. Man sieht im eigenen Twitter-Stream also, was jetzt gerade los ist. Diese Echtzeitkommunikation ist Twitters Stärke - zumindest ist dies bisher der Fall (siehe #RIPTwitter).

#UnJuifMort

Twitter hat eine besonders dunkle Seite: Die Hashtags auf Twitter werden von manchen auch dazu genutzt, gemeinsam andere fertigzumachen. Es gibt sozusagen Hass-Hashtags. In Frankreich war im Jahr 2013 #SiMonFilsEstGay (Wenn mein Sohn schwul ist) ein großes Thema. Unter diesem Schlagwort beschrieben Nutzer, welche Form von Gewalt sie einem homosexuellen Familienmitglied antun würden. Unter #UnJuifMort (Ein toter Jude) wurde Antisemitismus der wüstesten Art verbreitet. Schließlich musste Twitter die Nutzerdaten der jeweiligen Accounts der Staatsanwaltschaft übermitteln. Allzu oft jedoch bleiben Aggressionen auf Twitter folgenlos. In der #GamerGate-Affäre wurden gezielt Frauen aus der Videospielbranche niedergemacht, die es gewagt hatten, den dort geläufigen Sexismus anzusprechen. Bis heute bietet Twitter nicht ausreichend Schutz an, um Hass und Rüpeleien einzuschränken. Die Aggression ist auch einer der Gründe, warum Menschen die Site meiden.

#bpwahl2016

Auf Twitter lässt sich anschaulich beobachten, wie die PR-Leute der Parteien Nachrichten einen Drall geben wollen. Trat der Kanzler früher in einer ORF-Sendung auf, wurden Journalisten von seinen politischen Beratern angerufen und es wurde darüber diskutiert, wie der Auftritt zu bewerten sei. Heute passiert das oft auf Twitter. Folgt man etwa dem roten Kommunikationsprofi Josef Kalina (@josefkalina) oder der schwarzen Strategin Heidi Glück (@GlueckHeidi), bekommt man auch als normaler Nutzer ein Gespür dafür, wie Experten versuchen, Themen zu setzen oder aus der Debatte wegzudrängen - aktuell beispielsweise rund um die Präsidentschaftswahl (#bpwahl2016). Das soziale Medium eignet sich perfekt für PR-Profis: Sie erreichen dort zwar nicht viele, aber die richtigen Nutzer.

#thanksvassilakou

Twitter ist der beste Ort, um sich über Politik lustig zu machen. Am 17. August 2015 schrieb der ÖVP-Politiker Alfred Hoch: "Seit Wochen die ersten Regentropfen und gleich bricht der Verkehr in Wien zusammen. Danke #rotgrün . #fail #spö #grüne#vassilakou“. Viele Nutzer fanden diese Wortmeldung absurd. In einer ironischen Intervention begannen sie, die Wiener Vizebürgermeisterin für Dinge verantwortlich zu machen, die diese kaum oder gar nicht beeinflussen kann. Einer tweetete etwa das Bild eines leeren Klopapierhalters und schrieb: "Kein Klopapier. #Thanksvassilakou“. Bis heute dient der Hashtag #thanksvassilakou dazu, sich über fehlgeleitete Kritik zu mokieren. Die Idee stammt aus den USA. Mit dem Hashtag #thanksobama witzeln dort Demokraten über Republikaner, die den Präsidenten oft als Wurzel allen Übels sehen.

#RIPTwitter

Das größte Problem von Twitter besteht darin, neue Nutzer anzusprechen, ohne treue Fans zu vergraulen. Doch diese Gruppen haben andere Bedürfnisse. Bisher ist Twitter bei den meisten Nutzern nach dem chronologischen Prinzip strukturiert: Man sieht immer die aktuellsten Tweets von jenen Accounts, denen man folgt. Anders als bei Facebook wird einem alles und nicht nur eine Auswahl der Wortmeldungen angezeigt - das macht Twitter zu einem großartigen Live-Tool. Gleichzeitig verwirrt das aber Nutzer, die nur selten vorbeischauen: Auch sie bekamen bisher nur die neuesten, nicht die wichtigsten Wortmeldungen eingeblendet. Dies änderte sich nun schrittweise. Twitter will standardmäßig einen Algorithmus einführen, der den Nutzern die besten Tweets anzeigt. In den Eigenschaften kann man dies schon aktivieren. Viele langjährige User sind empört. Ihnen behagt nicht, dass ein Algorithmus ihre Neuigkeiten filtert. Sie fürchten, dass der Algorithmus irgendwann verpflichtend und Twitter ein schlechteres Facebook wird. Sie schreiben sogar schon: #RIPTwitter. (Ruhe in Frieden, Twitter.)

#FailedIntellectual

Vielleicht ist es eine Illusion, dass Twitter noch massiv wachsen wird. Womöglich ist der Kurznachrichtendienst einfach ein Nischenmedium und sollte sich ganz darauf konzentrieren. Die Stärken der Plattform liegen darin, dass hier gut informierte Gruppen angesprochen werden können. Auf Twitter haben sich einige skurrile, aber liebenswürdige Nischen aufgetan. So findet man dort etwa eloquente Wissenschafter, die den akademischen Betrieb aufs Korn nehmen. Der Berliner Professor Stephan Porombka twittert als @stporombka über den Uni-Alltag - etwa über Studierende, denen er gerne Kommas spendiert ("Die jungen Leute können sich ja noch nicht so viele Satzzeichen leisten“). Noch bekannter ist @NeinQuarterly: Der Amerikaner Eric Jarosinski witzelt unter diesem Pseudonym über sein Leben als #FailedIntellectual, als gescheiteter Intellektueller. Mit seinen defätistischen Tweets hat er 130.000 Follower gesammelt. Zumindest für solche Phänomene kann man - völlig ironiefrei - sagen: #ThanksTwitter!

#Ferguson

Twitter - und darin liegt wohl die größte Stärke des Kurznachrichtendienstes - hilft Aktivisten, Themen zu setzen und ihnen eine gewisse Publikumswirksamkeit zu geben. Am 13. August 2014 wurde in der US-Kleinstadt Ferguson ein Schwarzer von der Polizei erschossen. Er war unbewaffnet gewesen. Darauf kam es zu heftigen Protesten. Die Exekutive marschierte mit schwerem Geschütz auf. Auf Twitter kursierten bald Bilder von den Polizeibeamten, deren Panzerung den Eindruck erweckte, sie würden in einen Krieg ziehen. Auch etwas anderes irritierte viele User: Während Twitter voll war mit #Ferguson, sahen sie auf Facebook nichts oder nahezu nichts davon. Der Facebook-Algorithmus hatte ihnen die Neuigkeit anfangs kaum eingeblendet. Nur dank Twitter wurde #Ferguson prompt sichtbar. In diesem Fall war die Aufregung durchaus produktiv. Twitter ist eine Drama Queen, und oft ist das gut so.

Was machen all die Rautensymbole auf dieser Seite? Auf Twitter werden Schlagworte mit Raute gekennzeichnet - das heißt dann "Hashtag“. Sucht man nach einem Hashtag (wie #aufschrei), findet man alle Tweets mit dem Schlagwort.