Reportage

Unter Zauberern: Ein Besuch bei der weltgrößten Magier-Messe

Jedes Jahr im Februar versammelt sich die internationale Zaubergilde in der englischen Küstenstadt Blackpool, um an der weltgrößten Magic Convention teilzunehmen. In der verarmten Unterhaltungsmetropole prallen weiße und schwarze Magie, zauberhafte Illusion und entzaubernde Realität aufeinander.

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Blackpool erinnert mich jedes Mal an Bertolt Brechts ‚Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny‘“, sagt Robert Kaldy-Karo, seit über 50 Jahren Zauberkünstler und langjähriger Direktor des Wiener Circus- und Clownmuseums. Kaldy-Karo steht gerade – zusammen mit 4000 Zauberinnen und Zauberern aus aller Welt – in den „Winter Gardens“ von Blackpool, einem 1878 eröffneten Art-déco-Palast, in dem alljährlich an einem langen Februarwochenende die internationale „Magic Convention“ über mehrere Bühnen geht. In den Glanzphasen gastierten in den „Winter Gardens“ Giganten wie Enrico Caruso, Charlie Chaplin, Marlene Dietrich und Judy Garland. Doch der Fall der Stadt Blackpool war dramatisch, die einst schimmernde Unterhaltungsperle an der englischen Westküste, mit 140.000 Einwohnern, drei Piers und einem riesigen Vergnügungspark, ist schon lange mit ihrem eigenen Niedergang konfrontiert. Ein Seebad, das vom noblen Tourismuspionier zum übel beleumundeten Sündenpfuhl wurde. Seit den 1960er-Jahren fliegen die Engländer lieber ins warme Spanien, als ihre eigenen Küsten heimzusuchen: für weniger Geld mehr Sonne.

Knirpse mit gezinkten Karten

Heute trotzen der rauen Meeresbrise zerbröselnde Hotelprunkbauten, geschlossene Rollläden und trashige Scherzartikelshops für Juckpulver und Furzkissen; an der Uferpromenade begegnen sich Rollstuhlfahrer mit Sauerstoffmasken, verkaterte Dragqueens, die ihre High Heels verloren haben, und Teenagermütter, die mit den Hooligan-Papas schon am Vormittag rangeln. Dazwischen Boxernasen, Gesichtstätowierungen und rauchende Kinder, die Abbruchhäuser zu Spielplätzen machen. Regelmäßig durchpflügt wird die Stadt noch von chaotischen Polterabenden.

Blackpool ist nicht mehr das Paris des Nordwestens, und der Status vom Las Vegas des kleinen Glücks wurde auch schon lang verspielt. Die Stadt zeichnet sich heute mit der niedrigsten Lebenserwartung im Vereinigten Königreich aus, die Menschen hier haben im Schnitt zehn Jahre weniger als die in den betuchten Londoner Vierteln. Dafür werden sie schnell erwachsen: Auf dem Weg durch den Nieselregen in die „Winter Gardens“ wird man von minderjährigen Knirpsen abgepasst, die routiniert zum Glücksspiel mit gezinkten Karten einladen.